Persönliche Schicksale im historischen Kontext

Historikertagung in Wudersch am 19. September zum 80. Jahrestag der Vertreibung der Deutschen aus Ungarn

Die Region Banat ist in der deutschsprachigen Presse und der historischen Fachliteratur Ungarns häufig vertreten. In jüngster Zeit ist der Bestand an derartigen Publikationen sowie die anscließenden Veranstaltungen weiter angewachsen. Der Deutsche Kulturverein von Wudersch/Budaörs veranstaltete auch in diesem Jahr wieder sein traditionelles Historikertreffen. Dieses Symposium, das auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückblickt, fand am 19. September im Garten des Heimatmuseums statt – einer bedeutenden Einrichtung der deutschen Gemeinschaft in Ungarn. Ein zahlreiches Publikum versammelte sich in einem von Bäumen beschatteten Zelt, um den Ausführungen dreier Referenten zu lauschen: Dr. Kathi Gajdos-Frank, ehemalige Leiterin des Heimatmuseums Wudersch, Prof. Dr. Zoltán Tefner von der Corvinus-Universität Budapest sowie Mag. Hans Dama, Dozent an der Universität Wien.

Die Organisatoren des „Deutschen Kulturvereins” von Wudersch und des Heimatmuseums hätten keinen passenderen Veranstaltungsort für die Konferenz wählen können, denn in diesem am westlichen Stadtrand von Budapest gelegenen Ort begann die Vertreibung der deutschen Minderheit in Ungarn. Von hier – dem Bahnhof von Wudersch – aus fuhr am 19. Januar 1946 der Zug ab, der die erste Gruppe vertriebener Ungarn deutscher Abstammung nach Deutschland brachte. Dieses Datum gilt seither als Gedenktag für die Deportation der deutschen Bevölkerung Ungarns.

Der Vortrag von Zoltán Tefner, der den Rahmen der Veranstaltung bildete, konzentrierte sich auf die Klärung zentraler Begriffe und die zeitliche Einordnung, während die beiden anderen Vorträge Ergebnisse eingehender Forschungen vorstellten. Kathi Gajdos-Frank schilderte die Lebensgeschichte einer herausragenden Persönlichkeit der ungarndeutschen Gemeinschaft; im Anschluss daran sprach Hans Dama aus Wien. Er berichtete dem Publikum von dem erschütternden Schicksal seiner Landsleute aus dem Banat, die – ebenso wie er selbst – gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. (Hans Dama konnte krankheitsbedingt nicht am Symposium teilnehmen; sein Vortragstext wurde von dem Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. Nelu Bradean-Ebinger, vorgetragen.)

Anlässlich des 100. Geburtstages des ungarndeutschen Zeitzeugen Georg Richter widmete sich der Vortrag von Dr. Katalin Gajdos-Frank einem außergewöhnlichen Lebensweg, der die Geschichte der Ungarndeutschen im 20. Jahrhundert in besonderer Weise widerspiegelt. Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse ihrer langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Verfolgung und Entrechtung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die persönlichen Erinnerungen Georg Richters, die sie im Rahmen ihrer Forschungen und zahlreicher Gespräche dokumentieren konnte.

Richter, 1926 in der ungarndeutschen Gemeinde Nadwar/Nemesnádudvar geboren, erlebte als junger Mann Krieg, Zwangsrekrutierung, sowjetische Gefangenschaft und anschließend die Internierung und Zwangsarbeit in Ungarn. Seine Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft bedeutete keineswegs das Ende der Verfolgung: Im Lager Tiszalök musste er unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Erst 1953 konnte er seine Familie in Deutschland wiedersehen.

Anhand von Richters persönlichen Erinnerungen, seinen Veröffentlichungen – darunter sein Buch „Neun Jahre lebendig tot”– sowie weiterer von Dr. Gajdos-Frank ausgewerteter Quellen ging der Vortrag der Frage nach, wie sich die großen historischen Prozesse von Verschleppung, Internierung, Entrechtung und Vertreibung im Leben eines einzelnen Menschen widerspiegeln. Dabei ging es nicht nur um die Rekonstruktion historischer Ereignisse, sondern auch um die Bedeutung des persönlichen Erinnerns: Was bedeutet es, Heimat zu verlieren? Wie verändert sich die Erinnerung an erlebtes Unrecht im Laufe eines langen Lebens? Und welche Verantwortung kommt einem Zeitzeugen zu, wenn die unmittelbare Generation der Betroffenen zunehmend verstummt?

Georg Richter steht dabei zugleich für die Tragik und für die erstaunliche Widerstandskraft der Ungarndeutschen. Sein Lebensweg führt von der verlorenen Heimat über Gefangenschaft und Zwangsarbeit hin zu einem späteren Engagement für die Bewahrung der ungarndeutschen Geschichte und für die deutsch-ungarische Verständigung. Noch im hohen Alter trat er als Zeitzeuge auf. Der 35-minütige Vortrag verbindete somit wissenschaftliche Analyse mit der eindringlichen Stimme eines Menschen, der die Folgen von Krieg, Verschleppung und Vertreibung selbst erfahren hat. Im Mittelpunkt stand nicht allein die Frage, was vor 80 Jahren geschah, sondern auch, was davon im Gedächtnis eines Menschen und einer Gemeinschaft bis heute weiterlebt.

Während Kathi Gajdos-Frank in ihrem Vortrag den historischen Konflikt der Gemeinschaft anhand eines Einzelschicksals detailliert beleuchtete, verlief der Prozess bei Hans Dama in umgekehrter Richtung: Das Exil des Einzelnen war untrennbar mit dem Schicksal der Gemeinschaft verknüpft. Hans Damas Vortrag veranschaulichte diese unauflösliche Verbindung auf eindrucksvolle Weise. Wie die große ungarische Diva und Schauspielerin Katalin Karády einst, eben in den 40-er Jahren sang – wobei sie sich natürlich auf die untrennbare Einheit eines Liebespaares bezog:

 

Hiába menekülsz, hiába futsz,
A sorsod elől futni úgyse tudsz,
Sorsunk nekünk, vagy a végzetünk,
Hogy mi egymásért szenvedünk.

Mindhiába mondanád, hogy vége már,
Mindhiába lennél fölényes és vidám,
Én tudom, hogy az a könny az arcodon
ott csorog. Látom, ha rólad álmodom.

Der sehr populäre ungarische Schlagertext lautet in der Muttersprache aller Ungarndeutschen so:

Umsonst die Angst, umsonst die Flucht,
Wenn deinem Schicksal zu entgehen suchst,
Das Schicksal, das uns für alle bändig sei,
Qual füreinander, Link, endlose Quälerei.

Umsonst, wenn du sagst: nun Ende ist,
Umsonst bist überschwenglich, Optimist,
Immer hab’ ich deine Tränen am Gesicht
In meinen Träumen abgerieselt erblickt.

(Umdichtung von Zoltán Tefner)

Die Präsentation folgte einem chronologischen Ablauf und schilderte persönliche Geschichten – darunter auch Erlebnisse von Familienangehörigen. Sie begann mit den Ereignissen der schicksalhaften Jahre 1944 und 1945, als Rumänien während des Krieges plötzlich die Seiten wechselte und sich den Sowjets anschloss, was das Land in ein unbeschreibliches Chaos stürzte. Ein Zitat aus dem Referat: „Es wird hervorgehoben, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht gelangten Kommunisten alle Bauern, die durch Fleiß und Beharrlichkeit sich 10, 15 oder 20 Hektar Feld erarbeitet hatten, nun als Ausbeuter und Feinde des neuen Regimes eingestuft worden waren.” Der Referent erinnerte an seinen Vater, der berichtete, „[…] dass nach dem 23. August 1944 die an die Macht gelangten einfach die Häuser der Menschen betraten und – wie zur Zeit der Türkenüberfälle – sich nahmen, was ihnen passte. Sie erfanden Gründe zwecks Schuldzuweisungen an friedliche Bürger, die man anhand dieser Vorgangsweise belangen und ihr Hab und Gut konfiszieren konnte.”

Diese rechtswidrige und inhumane Behandlung von Deutschen – vorwiegend Siebenbürger Sachsen – blieb auf Jahre hinaus das Alfa und Omega der rumänischen kommunistischen Staatsverwaltung. In seinem Vortrag berichtete Hans Dama, folgendermaßen: „So gelangten ab Januar 1945 zirka. 30.000 bis 33.000 deutsche Männer und Frauen gemäß Stalins Befehl Nr. 7161 in die Sowjetunion, wo die meisten bis 1949 zu sogenannten Wiederaufbauarbeiten eingesetzt wurden.” Im Referat stösst man überall auf Rechtsverlust, auf Grausamkeiten und auf die Absicht der Sowjets, so viel Deutsche zu töten, wieviel es nur möglich ist. „Kranke hat man im Laufe der Zeit in ihr Heimatland über Ostdeutschland (Frankfurt/Oder) z.T. auch über Nordrumänien zurückgeschickt, die jedoch auf dem Rückweg oft verschieden sind. So auch eigene Verwandte, die auf dem Wege der Rückführung krankheitshalber verstorben sind.” – verlautete der Referent.

Die Eltern des Autors bildeten hierbei keine Ausnahme; als sogenannte „Kulaken” stigmatisiert, wurde ihr Eigentum beschlagnahmt. Nach Januar 1945 deportierten die Sowjets rund 30.000 Volksdeutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Ein Großteil von ihnen kehrte nie zurück. (Die Vertreibung der Volksdeutschen aus Ungarn setzte erst später, im Jahr 1946, ein.). Auch wenn diese Massendeportation offiziell dem „Wiederaufbau“ dienen sollte, handelte es sich in der Realität um Zwangsarbeitslager, die in das sowjetische Gulag-System eingegliedert waren. Krankheiten forderten zahlreiche Todesopfer, und die Behandlung der Menschen führte ebenfalls häufig zum Tod. „Im Laufe der Zeit wurden die Kranken über Ostdeutschland (Frankfurt/Oder) – und teilweise über Nordrumänien – in ihre Heimat zurückgeschickt; viele starben jedoch auf dem Heimweg. Dies widerfuhr auch einigen meiner eigenen Verwandten, die während ihrer Rückführung infolge von Krankheit verstarben“, berichtete der Sprecher.

Die grausamste Heimsuchung der Banater Deutschen erfolgte 1951, als im Zuge der Unstimmigkeiten zwischen Stalin und Tito, entlang der Grenzen zum jugoslawischen Banat sogenannte unzuverlässigen kommunistenfeindliche Elemente – auf einem Gebietsstreifen von 25 -30 km entlang der Grenze 40.320 Menschen in die Bărăgan-Steppe, ein dünnbesiedeltes Gebiet zwischen Bukarest und entlang der nordwärts fließenden Donau bzw. in den Kreisen Călărași, Ialomița, Brăila und Galați deportiert, umgesiedelt wurden. Die Deportierten schliefen zunächst auf dem Boden und bauten dann Hütten; viele Mütter brachten dort unter solchen Bedingungen ihre Kinder zur Welt.

Ein bezeichnender Satz findet sich im Text von Hans Damas Vortrag: Aufgrund von „Platzmangel“ konnte er nur einige der Gräueltaten aufzählen. Ähnlich verhielt es sich bei Kathi Gajdos-Frank: Auch die Lebensgeschichte von Georg Richter war von unzähligen Schrecken geprägt – von menschlicher Grausamkeit, die im Rahmen extremistischer Politik entfesselt worden war. Das zahlreich erschienene Publikum verfolgte die Ausführungen aufmerksam. Die den Vorträgen und Wortmeldungen folgende Diskussion beleuchtete eine komplexe historische Thematik und bot Ansätze für deren Aufarbeitung. Sie unterstrich die offenkundige Wahrheit, dass das Schicksal des Einzelnen untrennbar mit dem Schicksal der Gemeinschaft verknüpft ist – ob man dies nun will oder nicht.

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