Heimat verbindet

Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in Hessen fand zum 13. Mal statt – Festredner war Sonntagsblatt-Stammautor Patrik Schwarcz-Kiefer

Zum 13. Mal versammelte man sich in der Landeshauptstadt Wiesbaden, um Flucht, Vertreibung und Deportation zu gedenken. Die diesjährige Festivität lud im doppelten Sinne zum Innehalten ein: Vor 80 (bzw. 81) Jahren begann die Vertreibung der Deutschen und vor 80 Jahren wurde das Land Hessen, das zur neuen Heimat vieler Heimatvertriebener wurde, bgegründet „Heimat gibt Halt, Heimat ist Ankerpunkt, und das seit Jahrhunderten”, unterstrich Prof. Dr. Roman Poseck, Minister des Inneren, für Sicherheit und Heimatschutz des Landes Hessen, in seiner Ansprache. Heimat verbinde und sei wichtig für den Zusammenhalt, betonte der Jurist und ergänzte: Der Heimatbegriff sei über Jahrzehnte verpönt gewesen, obwohl Heimat ganz offen für unterschiedliche Menschen sei. Jeder habe dabei ein individuelles Verhältnis dazu, was Heimat eben lebendig mache. Poseck lobte in seiner Ansprache die „große Leistung” der Vertriebenen und deren Aussöhnungsbemühungen. Das Land Hessen wertschätze dies nicht zuletzt durch einen eigenen Landesbeauftragten und einen parlamentarischen Ausschuss. Minister Poseck stellte Parallelen zur heutigen Zeit dar und bekräftigte die Bedeutung der Unterstützung der Ukraine, um nicht zuletzt Flucht und Vertreibung zuvorzukommen. Auch die Bedeutung der Einbeziehung der Jugend in die Erinnerungsarbeit – gerade in Zeiten, wo sich die letzten Zeitzeugen aus dem Leben scheiden – unterstrich der 56-Jährige und verwies auf einen Malwettbewerb mit dem Titel „Heimat aus junger Perspektive: Erinnern. Erzählen. Malen”: Die im Veranstaltungsort Schloss Biebrich ausgestellten Bilder zeugten von einer tiefen Vertrautheit mit dem Thema und vielfältigen Perspektiven.  

Genauso beeindruckend war ein Filmbeitrag von Schülerinnen und Schülern der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule aus Wiesbaden, die heimatvertriebene Zeitzeugen aus Trutzhain interviewten. Darin gingen sie dem Heimatbegriff der Vertriebenen, aber den eigenen Vorstellungen darüber nach.

„Was ist Heimat?” – dieser Frage ging Patrik Schwarcz-Kiefer als Festredner des 13. Heimattages nach. Er unterstrich die Bedeutung der Veränderungen in den letzten Jahrzehnten und wies auf Unterschiede zwischen der Erlebnisgeneration und den nachfolgenden Generationen hin, die keinen emotionalen Bezug zur Vertreibung mehr hätten. Der Komitatstagsverordnete aus der Branau sprach in der Festrede davon, dass die Ansiedlung der Ungarndeutschen vor 300 Jahren auch einen Neuanfang bedeutet hätte, aber im Gegensatz zu den Ereignissen vor acht Jahrzehnten einen freiwilligen. Schwarcz-Kiefer wies darauf hin, dass sich im damaligen Habsburgerreich Siedler auch aus dem heutigen Hessen niederließen und dass das Stadtwappen von Bonnhard beispielsweise auch den hessischen Löwen enthält. Deswegen liege auch ihm viel an einer Wiederbelegung der Beziehungen zwischen Ungarn und Hessen. Der Festredner hat nach eigenem Bekunden zudem eine ganz persönliche Verbindungen zum Schloss Biebrich: Diese gehörte nämlich Herzog Adolf von Nassau, dessen Untertan einst ein Vorfahre von Patrik Schwarcz-Kiefer, Nikolaus Kiefer, war. Er betonte dabei, dass sich trotz Vertreibung, an die man sich in Ungarn im Rahmen eines offiziellen Gedenktages am 19. Januar jeden Jahres erinnert, immer noch an die 100.000 Menschen in Ungarn zum Deutschtum bekennen würden. Gleichzeitig lobte der Festredner die Wiederaufbauleistung der vertriebenen Ungarndeutschen, die in Hessen eine neue Heimat gefunden hätten. Dabei komme es darauf an, Verantwortung zu übernehmen und Heimatliebe durch Taten unter Beweis zu stellen. Die Eltern- und Großelterngeneration käme die besondere Aufgabe zu, die Sprache und Traditionen weiterzugeben und die „Geschichte zu erzählen”. Heimat sei verletzlich, aber stets neu zu gewinnen, um eine lebenswerte Heimat für die Verbliebenen wiederum zu schaffen – hier käme es auch auf die Jugend an.

Die Feierstunde am zentralen Tag der Heimat wurde durch ein Grußwort von Siegbert Ortmann, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Hessen e. V. im Bund der Vertriebenen, und Andreas Hofmeister, dem Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, der mütterlicherseits sudetendeutscher Herkunft ist, abgerundet. Musikalisch wurde der Festakt vom Blechquintett und Streichquartett Junge Musik Hessen umrahmt. Vor der Veranstaltung spielten die Siebenbürger Musikanten aus Rüsselsheim auf.

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