Wenn die Häuser erzählen könnten

Ich bin auf dem Weg nach Pari (Komitat Tolnau), um Abschied von meiner Oma zu nehmen, die Gott zu sich gerufen hat. Ich bin unendlich traurig, dass sie gehen musste, doch die Fahrt nach Pari ist zugleich immer eine Entdeckungsreise durch die ungarndeutschen Dörfer. Wir befinden uns in Nagykónyi, das eigentlich nie ein rein ungarndeutsches Dorf war. Dennoch spiegeln manche Häuser genau das Gegenteil wider. Seit der Ansiedlung der Deutschen zogen auch in dieses Nachbardorf schwäbische Familien, die dort letztendlich eine neue Heimat fanden. Ihre Wohnhäuser beweisen dies bis heute. Während wir durch das Dorf fahren, stelle ich fest, dass viele der entlang der Straße stehenden Häuser einst von Schwaben errichtet wurden. Doch woran erkenne ich das?

An den schmalen, langgestreckten Häusern mit der Eingangstür zur Straßenseite. An den verzierten Fenstern, die zu einem Gang mit gedrechselten Holzstützen führen. Dieser Gang erstreckte sich entlang des Hauses bis zu den Nebengebäuden. Von dort aus gelangte man in die Zimmer und die Küche. Der Innenhof war von Ställen und Scheunen umgeben. Ein unverzichtbarer Bestandteil des Hauses war das sogenannte „Gore“, in dem Mais für die Nutztiere gelagert wurde. Die Nebengebäude besaßen typische Fenster, die mit roten Ziegeln umrahmt waren. Die Wohnhäuser selbst waren weiß gekalkt, während Türen und Fensterläden grün gestrichen wurden.

Unsere Fahrt führt weiter nach Pari. Als wir die Straße passieren, die ins Dorf hineinführt, bin ich nicht mehr das kleine Kind, das vor Aufregung kaum die letzten Kilometer abwarten konnte, um seine Liebsten wiederzusehen. Diese Fahrt ist nun von Traurigkeit begleitet, und doch nehme ich in Gedanken Abschied vom Dorf. Die ungarndeutschen Häuser reihen sich aneinander, und in meinen Erinnerungen bin ich noch immer das Kleinkind, das an die schöne alte Zeit denkt – an jene Zeit, als die Häuser noch in besserem Zustand waren und ihre Bewohner noch die Sprache ihrer Vorfahren sprachen.

Wir fahren an der Kirche vorbei, die bereits 1763 erbaut wurde, und dann am Elternhaus meiner Urgroßeltern, aus dem sie einst vertrieben wurden. Vor allem die Hauptstraße erzählt mit ihren Bauwerken von der einstigen Existenz der Ungarndeutschen. Leider befinden sich die zwei größten ungarndeutschen Wohnhäuser heute nicht mehr in gutem Zustand. Sie erfüllen ihre ursprüngliche Funktion längst nicht mehr. Die Häuser stehen leer, und auf den Höfen rosten alte landwirtschaftliche Fahrzeuge vor sich hin. Doch wenn diese Häuser erzählen könnten – was würden sie uns berichten? Von der Qual ihrer Bewohner, die vor achtzig Jahren aus ihren Häusern vertrieben wurden? Oder von den glücklichen Momenten der Familien, die dort jahrzehntelang nach ihren Traditionen und dem christlichen Kalender lebten?

Auf der linken Seite neben diesen beiden Häusern befindet sich eine kleine Firma, die dort schon seit meiner Geburt ansässig ist und, wie meine Oma erzählte, Kartons herstellt. Auch die Geschichte dieses Hauses ist traurig. Einst lebte dort eine wohlhabende Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Sohn des Familienoberhauptes nicht mehr zurück. Sein eigener Sohn musste als Waise in Deutschland aufwachsen. Der Großvater wiederum wurde von den Gendarmen brutal geschlagen, weil er sich weigerte, Haus und Hof zu verlassen, nachdem die Familie den Befehl zur Vertreibung erhalten hatte.

Doch nun sind wir angekommen – dort, wo einst meine liebe ungarndeutsche Familie lebte. Gegenüber der Firma steht das Elternhaus meiner verstorbenen Oma. Eigentlich sind es zwei Einfamilienhäuser, deren Geschichte auf den Schmied Josef Steiner zurückgeht. Er war ein wohlhabender Handwerker des Dorfes und beschloss, ein Haus für seine Tochter und ihren Ehemann(Peter Zei) zu bauen, der einst sein Schmiedegeselle gewesen war. So entstanden die beiden Häuser, die fast hundert Jahre lang von derselben Familie bewohnt wurden – von Schmied Steiner und den Nachkommen von Rosalia Steiner.

Das Elternhaus meiner Mutter könnte vieles erzählen. Leid, Freude und Fröhlichkeit lebten dort gemeinsam unter einem Dach. Kurz nach der Fertigstellung des Hauses verstarb das Familienoberhaupt und konnte selbst nie darin wohnen. Danach zog zunächst Freude in das Haus ein – bis zum Jahr 1944. Die folgenden Jahre brachten viel Leid, aber auch Glück im Unglück mit sich.

Meine Oma wurde noch in diesem Haus geboren. Doch sie war kaum eine Woche alt, als der Befehl zur Vertreibung eintraf. Eine neue Familie aus dem Oberland zog in das Haus ein. Mehr als ein Jahrzehnt lang wurde das Elternhaus von Fremden bewohnt, bis meine Oma schließlich mit ihrer Familie wieder dort leben durfte. Das Haus wurde erneut mit Leben erfüllt, und schon bald hallte Kindergeschrei durch den Hof.

Besonders das „Gore“ war für uns Kinder ein wunderbarer Ort. Dort spielten wir oft gemeinsam mit den Nachbarskindern. Das Haus wurde im Laufe der Jahre mehrmals erweitert, denn die Familie bestand aus sieben Personen. Als Kind verbrachte ich meine Sommerferien gerne in Pari. Der Hof, der Hühnerstall und der Schweinestall erschienen mir wie eine Märchenwelt. Es gab Enten und eine wunderbare Drechslerwerkstatt. Der Hinterhof war für mich ein kleines Paradies. Unten floss ein kleiner Bach entlang, der zu einer Straße hinter den Häusern führte. Alles wirkte einfach zauberhaft.

Ich liebte die Zeiten, in denen die Tiere gefüttert wurden. Oft war ich mit meiner Uroma bei den Hühnern, durfte die Eier einsammeln oder gemeinsam mit ihr Stroh für die Tiere holen. Außerdem spielten wir mit den Nachbarskindern voller Fantasie im „Gore“.

Nun betreten wir mit meinen Kindern den leeren Hof. Das Haus wirkt inzwischen völlig anders. Die Wanduhr tickt noch immer, doch außer den Möbeln und den Gegenständen ist nichts mehr geblieben. Nicht nur das Leben fehlt, sondern auch jene kleinen Orte auf dem Hof, die meine Kindheit geprägt haben. Das „Gore“ existiert nicht mehr – es wurde abgebaut und einem Bekannten geschenkt, der es dringend brauchte. Auch der Hühnerstall und der Schweinestall wurden entfernt. Es gab keine Tiere mehr, also verwendete man die Ziegel anderweitig. Die Werkstatt lebt ebenfalls nur noch in meiner Erinnerung weiter.

Doch der Bach ist noch immer da. Ich höre das leise Rauschen des Wassers. Ich schließe meine Augen und bin in Gedanken wieder bei meinen Liebsten. Ihnen widme ich diesen Beitrag. Ich bin unendlich dankbar, dass mir Pari geschenkt wurde, denn diesem Ort verdanke ich einen großen Teil meiner Identität.

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