Interview mit dem Autor Christian Sohn
Graphic Novels sind Comics im Buchformat, die sich aufgrund ihrer komplexen Erzählweise oft an ein erwachsenes Publikum richten und gewöhnlich ernste literarische, soziale oder politische Themen behandeln. Sie erfreuen sich in letzter Zeit immer größerer Beliebtheit unter der jüngeren Leserschaft. Für uns Ungarndeutsche ist es erfreulich, dass von Christian Sohn aus Deutschland in diesem modernen Format gerade eine ungardeutsche Familiengeschichte aufgearbeitet wurde, nämlich die Vertreibung und Heimatfindung nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive seiner eigenen Großmutter, Luise Pratscher. Am 22. April 2026 war Christian Sohn am Fachtag Germanistik der Universität Fünfkirchen zu Gast, wo er ein spannendes Gespräch mit Dozentin Dr. habil. Erika Hammer über seine erstmals 2019 veröffentlichte Graphic Novel „Kirschblüten aus Harkau“ führte. Der Anlass dafür war, dass Teile daraus in diesem Semester von Germanistikstudenten der Universität Fünfkirchen erstmals ins Ungarische übersetzt worden waren. Wir nutzten die Gelegenheit und unterhielten uns im Anschluss mit dem Autor über seine Verbindung zum Ungarndeutschtum, über seine Großmutter und ihrem Heimatdorf Harkau und noch vieles mehr.
SB: Sie verbrachten jetzt eine längere Zeit in Ungarn, sind aber schon zurück in Deutschland. Wo waren Sie überall unterwegs?
CS: Ich hatte eine sehr schöne Zeit in Ungarn, wir waren jetzt mit meiner Partnerin drei Tage in Fünfkirchen, dann waren wir in der Weinregion Willand und dann waren wir noch in Szegedin. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn man hier in Deutschland an Ungarn denkt, denkt man als allererstes an Budapest, dort war ich auch schon, deswegen hatten wir das so gar nicht auf dem Schirm, es ist aber eine richtig tolle und schöne Gegend. Das erste Mal war ich 2023 in Ungarn, da haben wir einen Urlaub in Wien gemacht und dann sind wir nach Ödenburg mit dem Fahrrad und dann nach Budapest, und als wir in Ödenburg waren, sind wir auch rüber nach Harkau, wo die Geschichte meiner Großmutter spielt.
SB: Kannten Sie das Dorf auch schon davor?
CS: Bis ich mich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt habe, wusste ich nur, das hatte man mir als Kind so erzählt, dass die Oma aus Ungarn kommt und sie hatte diese ganzen Freunde, die bei uns im Dorf in Deutschland wohnten, das war so eine kleine Community, sowas wusste ich, aber die genauen Hintergründe gar nicht. Harkau habe ich kennen gelernt, als ich angefangen habe, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Eine meiner Tanten hatte von Omas Nachlass eine Dorfchronik und über die bin ich dann mit anderen ehemaligen Einwohnern in Kontakt gekommen, die in der Nähe von meinem Dorf noch lebten. Ich bin dann zu einem älteren Herren gegangen, er hatte eine Internetseite gemacht, ‚Harkau – Erinnerungen und Geschichten‘ und ich bin dann auch in seiner Wohnung gewesen, das war so faszinierend, da waren überall Fotos aus Harkau. Irgendwann in den 1970ern war er einmal mit einem Reisebus dort und hat alles fotografiert. Ich habe ihn gefragt, ob er mir noch mehr über das Dorf erzählen könnte und dann meinte er, ‚ich kann dir nicht erzählen, was ich vorgestern zu Mittagessen hatte, aber ich kann dir noch genau sagen, was für ein Wetter war, an dem Tag, als wir aus dem Dorf vertrieben wurden‘, ich fand das mega beeindruckend.
SB: Wo sind die Harkauer nach der Vertreibung in Deutschland hingekommen?
CS: In dieser Zugkolonne, da waren nicht nur Harkauer, sondern auch Agendorfer und Wandorfer (benachbarte Dörfer in der Nähe von Ödenburg, Red.) und sie wurden dann irgendwie auf die Züge verteilt, also vermute ich, dass sich das alles ganz schön vermischt hat, die Familien blieben aber zusammen. Die Familie meiner Großmutter ist dann nach Marburg, in die Mitte von Hessen, gekommen und von dort wurden sie dann auf kleinere Dörfer verteilt. Sie kam dann nach Mardorf und andere nach Bürgeln, wo ich großgeworden bin, der ehemalige Bürgermeister hatte auch da gewohnt. Einige kamen auch nach Kassel, ein bisschen weiter nördlich. Mich hat irgendwann auch mal eine Frau kontaktiert aus Frankenberg, das ist auch in Hessen, sie hatte mir erzählt, dass ihre Großmutter auch aus Harkau kam.
SB: War Ihre Großmutter nach der Vertreibung noch nach Ungarn zurückgekehrt?
CS: Ja, ich habe Fotos gefunden, von der Kleidung her so aus den 90ern, da ist so eine Reisegruppe mit ehemaligen Harkauern nach Harkau gefahren, da sind noch Bilder von dieser sehr markanten Kirche und da ist auch eine Kapelle im Hintergrund zu sehen, die Harkauer haben ein großes Fest gemacht. Es sind auch Häuser abgebildet, die sie fotografiert hat, leider konnte ich sie dann nicht mehr fragen, was der Grund war, weil sie dann schon gestorben war, also weshalb das genau diese Häuser waren. Wahrscheinlich hat sie früher dort gewohnt.
SB: Woher kam die Idee die Vertreibung als Graphic Novel zu gestalten?
CS: Ich studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar Medienkunst und Mediengestaltung, plante meine Masterthesis und die Idee kam mir, als ich tatsächlich eine andere Graphic Novel gelesen hatte. Die nennt sich ‚Persepolis‘, da geht es auch um Flucht und Vertreibung und das fand ich total spannend, und dann dachte ich, ich weiß eigentlich gar nichts über die Flucht und Vertreibung meiner Großmutter und das ist total schade. Ich habe das dann so an Weihnachten mal angesprochen in der Familie, nur so für mich, weil ich wissen wollte, was dort wirklich passiert ist. Wenn ich so an meine Schulzeit denke, wie wir das Thema ‚Zweiter Weltkrieg‘ behandelt haben, da wurde nicht über Ungarn gesprochen und deshalb war das ein bisschen Neuland für mich. Ich habe auch auf dem Dachboden Schulzeugnisse und Fotos gefunden und dort waren Menschen drauf, und bin dann durch die Familie gegangen und habe versucht herauszufinden, wer sie waren. Mit der Zeit hat sich dann so ein Gesamtbild, mit den anderen Harkauern und dem Dorf ergeben. Meinen Großvater hat sie übrigens kennen gelernt, als sie da in einem dieser Dörfer gewohnt hat, er kommt aus Deutschland.
SB: Das zentrale Motiv der Handlung ist die Kirschblüte. Was verbinden Sie damit?
CS: Das war eine Anekdote, die ich der Harkauer Dorfchronik gelesen hatte, dass damals die Jugendlichen die Kirschen gepflückt haben und damit in die Stadt gefahren sind, um sie dort zu verkaufen. Ich fand, das wäre ein schönes Motiv, das man mit hineinbringen könnte. Ich erinnerte mich, dass meine Großmutter in ihrem Haus auch sehr viele Blumen hatte und einen Garten und dann hatte ich diese Verbindung. Und die Kirschblüte hat ja auch so einen symbolischen Charakter, dass sie aufblüht, diese Vergänglichkeit auch und den Lebenskreislauf darstellt. Am Ende des Buches wird die Kirsche vom Wind davongetragen, landet dann und dort wächst dann ein neuer Kirschbaum. Die Geschichte geht also weiter.
SB: Die visuelle Gestaltung Ihres Buches ist individuell, mit unterschiedlichen Blautönen. Wieso ist es nicht bunt, wie andere Comics?
CS: Das hat einmal den Hintergrund, dass es eine historische Erzählung ist, die in der Vergangenheit spielt. Die Fotos waren ja früher schwarz-weiß, die ich gefunden habe von meiner Großmutter, die waren auch so. Ich dachte erst, ich nehme Sepia, so wie diese Fotos immer sind, aber dann dachte ich, das macht ja jeder und irgendwie wollte ich etwas Eigenständiges haben und wollte auch diese düstere Stimmung überliefern. Ich habe während der Arbeit versucht, mich in die Geschichte hineinzuversetzen und dieses Gefühl in Farben auszudrücken, so kam dieses Grau-Blaue, wie der Himmel im Herbst. Es ist Tag, aber da ist so ein grauer Himmel, die ganze Welt ist grau und kalt. Die Geschichte fängt 1944 an und endet 1946. Das Thema ist schwer, als ich das geschrieben habe, war ich voll in diesem Thema drin, und war dann den ganzen Tag in dieser Zeit drin und in Harkau, ich habe auch viele Bücher dazu gelesen und Filme geguckt.
SB: Wer ist die Zielgruppe Ihres Buches, wen möchten Sie erreichen?
CS: Das Format habe ich gewählt, weil ich ein Kunststudium gemacht habe und da das nahelag und dann dachte ich, Comics oder gerade auch Graphic Novels haben ja in den jüngeren Generationen ein bisschen anderes Bild, als das vielleicht früher der Fall war, so wie Mickey Mouse oder Donald Duck, und ich wollte halt dieses ernste Thema ansprechen, aber auch in der Art, wie man ein möglichst breites Publikum erreichen kann. Mit einem Filmteam in Harkau mit Schauspielern dargestellt wäre das zum Beispiel extrem lokal verortet gewesen, aber so ist es auf eine gewisse Art abstrakt, dass man sagen kann, das ist die Geschichte und man kann sich vielleicht eher damit identifizieren. Ich lese selber gerne Comics und ich dachte, man erreicht damit auch ein jüngeres Publikum.
SB: Planen Sie eine Fortsetzung der Geschichte?
CS: Diese eine Geschichte der Vertreibung ist beendet. Was die Zeit danach anbelangt, ist die Quellenlage etwas mehr eingeschränkt, ab dem Zeitpunkt als sie ankamen, denn da haben sie sich in alle möglichen Winkeln verteilt. Aber spannend wäre es schon, denn wie ich mitbekommen habe, war es überhaupt keine einfache Zeit, hier in Deutschland anzukommen und die Ungarndeutschen waren auch nicht irgendwie beliebt, als sie in den Dörfern ankamen. Ich erinnere mich an Geschichten, die mir meine Tante über meine Großmutter erzählt hat, dass sie zuerst auf einem Hof waren, wo der Bauer sehr streng mit ihnen war und sie sich in einen Jungen verliebte, in den sie sich nicht verlieben durfte und es gibt noch so viele solcher Geschichten, die erzählt werden könnten.
SB: Wie ist die Resonanz? Wie können Interessenten Kontakt mit Ihnen aufnehmen?
CS: Ich habe die Erfahrung gemacht, wie ich mit dem Buch unterwegs war, dass viele Menschen ähnliche Geschichten hatten, jetzt nicht auf Ungarn bezogen, aber sie hatten so die Verbindung gezogen, dass ihre Oma aus Schlesien kam oder ähnliches. Das ist ja in verschiedenen Ländern, in Tschechien, Polen und Ungarn und anderswo passiert und jeder hat seine eigenen Geschichten miteingebracht. Ich glaube, es ist ein Bewusstsein da, dass die Vertreibung passiert ist. Die meisten finden mich über die Webseite aber auch über Facebook, da schreiben auch viele. Als ich in Fünfkirchen war, hat mich ein Mann aus Ödenburg angeschreiben, ob ich, wenn ich mal in der Nähe bin, auch bei ihnen etwas erzählen möchte. Meine Webseite www.kirschblueten-aus-harkau.de ist übrigens nur für dieses Produkt, also für das Buch. Ich finde es auch sehr spannend, jetzt wo dieses Gedenkjahr ist, 80 Jahre Vertreibung, dass mich Menschen aus Fünfkirchen und Ödenburg kontaktiert haben, da merke ich schon, dass Interesse da ist. Jetzt in Fünfkirchen, das war mein erster Vortrag an einer Uni, letztes Jahr war ich aber auch bei der Vereinigung ungarndeutscher Akademiker Suevia Pannonica in Stuttgart und mit ihnen war ich auch beim Treffen der Donauschwaben, wo es auch Trachten gab und getanzt wurde, das fand ich faszinierend und dieses Jahr bin ich auch im Juni in Freiburg am Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa. Als ich dieses Buch schrieb und zeichnete, dachte ich nicht, dass ich irgendwann einmal Vorträge halten werde, aber ich denke, es ist schön, wenn man sich darüber austauschen kann.
Das Gespräch führte Gabriella Sós.
Christian Sohn: Kirschblüten aus Harkau (2019)
BoD – Books on Demand, 4. Auflage, 208 Seiten.
Erhältlich unter: https://www.kirschblueten-aus-harkau.de/
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