SB-Interview mit Altbischof Michael Mayer anlässlich seines 85. Geburtstags
SB: Herr Altbischof Mayer, Sie sind vor 85 Jahren in Kleindorog/Kisdorog im Komitat Tolnau geboren und aufgewachsen. Konnten Sie Ihre ungarndeutsche Identität in der Jugendzeit ausleben?
Mayer: Ich bin 1947 in die Volksschule gekommen, aber die deutsche Schule in Kleindorog war bereits 1945 vollständig verschwunden. In das Dorf waren damals Sekler-Familien gezogen. Als ich eingeschult wurde, gab es zwar noch einige Deutsche, doch der Unterricht fand komplett auf Ungarisch statt. Die Gemeinden waren gemischt – Sekler, Ungarn (Madjaren, Red.) aus der heutigen Slowakei, und die verbliebenen Deutschen – und auch in der Kirche sprach man nur ungarisch. Im Komitat Tolnau galt die deutsche Sprache damals als reaktionär; offiziell durfte sie nicht verwendet werden.
SB: Haben Sie später in der Schule Deutsch lernen können?
Mayer: Erst 1956, in der zweiten Klasse des Gymnasiums in Bonnhard, begann ich regelmäßig Deutsch zu lernen – zusammen mit Schülern, die zuvor kein Wort Deutsch konnten. Das war damals anstelle von Russisch möglich geworden. Meine Generation hatte die Sprache zunächst von den Großeltern gehört und auch die Eltern sprachen noch Deutsch. Weil der gesamte Schulbetrieb aber auf Ungarisch lief, begannen viele von uns zunächst in einer Mischsprache zu sprechen und später fast ausschließlich auf Ungarisch. Wer diesen Hintergrund kennt, versteht auch, warum heute nicht häufiger auf Deutsch Messe gefeiert wird. Die meisten Priester könnten zwar auf Deutsch zelebrieren, doch eine Predigt auf Deutsch zu halten, ist etwas völlig anderes – das sieht man auch in den kroatischen Gemeinden in Südungarn.
SB: Sie haben sich schon früh für das Ungarndeutschtum im kirchlichen Rahmen eingesetzt. Wie begann dieses Engagement?
Mayer: Als ich 1964 in Kleindorog zum Priester geweiht wurde, erklangen bei meiner Primiz zum ersten Mal wieder deutsche Kirchenlieder. Meine ersten Einsatzorte waren danach aber vor allem ungarische Gemeinden: Simonsturm/Simontornya, Binsenhelm/Pincehely, Tamási und Donaufeldburg/Dunaföldvár. Dort sah man besonders deutlich, was Assimilation bedeutete: Menschen mit deutschen Namen, die aber kein Deutsch mehr sprachen. Erst in Seksard begegnete mir das Deutsche wieder stärker. Mitte der 1980er Jahre wurde die erste deutsche Messe organisiert – initiiert von Lorenz Kerner, dem damaligen Leiter des Lenau Hauses. Von dort aus begann auch die Suche nach deutschen Partnerschaften – zum Beispiel Seksard mit Bietigheim-Bissingen. So entstanden langfristige Verbindungen. Da sind wir dann schon bei den Jahren 1988–1990.
SB: Genau! Am 11. Februar 1989 wurden Sie zum Bischof von Fünfkirchen geweiht. Wie entwickelte sich Ihr Engagement für die Ungarndeutschen in diesem Amt?
Mayer: Als Bischof konnte ich nach der politischen Wende freier handeln. Es gab inzwischen Denkmäler für die Opfer des Zweiten Weltkriegs, für die Vertreibung und für die Malenkij Robot. Jedes Jahr am zweiten Weihnachtstag feierten wir in der Innenstadtpfarrkirche von Fünfkirchen eine Messe für die Opfer der Malenkij Robot. Wir organisierten auch Wallfahrten. Eine der wichtigsten führte nach Altötting, wo jedes Jahr am zweiten Samstag im Juli ein großes Gelöbnisfest stattfindet – ein zentraler Treffpunkt der donauschwäbischen Gemeinschaft aus der Batschka und dem Banat.
In Budapest entstand das St. Gerhardswerk, das versuchte, die deutschen Katholiken landesweit zu vernetzen. Auch über diese Organisation gab es Treffen und geistliche Impulse. In der Diözese Fünfkirchen führten wir jedes Jahr eine Adventsveranstaltung durch: Branau und Tolnau trafen sich an wechselnden Orten. Es gab eine deutsche Messe, ein kulturelles Programm und ein gemeinsames Abendessen. Auch das stärkte den Zusammenhalt.
SB: An welche Ereignisse aus jener Zeit erinnern Sie sich besonders gerne zurück?
Mayer: Wenn ich deutsche Messen veranstaltete, war das für alle deutschsprachigen Gläubigen eine große Freude – sei es in Seksard oder bei anderen Einladungen. Ein Beispiel: In Mariakemend fand jedes Jahr am 1. Mai eine deutsche Messe statt, zu der auch junge Deutschsprachige eingeladen wurden. Es gab gemeinsame Spiele und einfache Snacks und obwohl die älteren Gemeindemitglieder inzwischen verstorben sind, erinnern sich viele noch daran und schwärmen von diesen Veranstaltungen.
Auch die Ausflüge blieben in Erinnerung. Letztens erst fragte mich jemand, ob wir nicht wieder nach Altötting fahren: Im Bus wurde durchgehend auf Deutsch gesungen. Anfangs nutzten wir ein Gebetbuch namens „Rosengarten“, später kam ein Gesangbuch, das in meiner Zeit unter dem Titel „Volk für Gott“ erschien.
Hier zeigt sich, dass Assimilation nicht verhindert werden kann, aber die Wurzeln und die Identität zu bewahren wichtig ist. Viele sprechen heute kein Deutsch mehr, aber sie achten darauf, sich der deutschen Gemeinschaft gegenüber weiterhin verbunden zu fühlen.
SB: Welche Bedeutung haben die Kontakte nach Deutschland für Sie persönlich gehabt?
Mayer: Während meines Studiums bin ich zum ersten Mal in die DDR gereist. Nach meiner Priesterweihe konnte ich schließlich auch nach Westdeutschland und nach Österreich reisen. Erst da lernte ich die deutschen Verwandten im Ausland kennen. Viele meiner Verwandten waren durch die Vertreibung verstreut; jedes Mal, wenn ich ins Ausland fuhr, war das offizielle Reiseziel Familienbesuch: Verwandte wiederfinden und Kontakte knüpfen.
In meiner Jugend zeigten die verschiedenen Kontakte deutlich, dass ich mit der deutschen Sprache gut zurechtkam. In Polen zum Beispiel konnte fast jeder Bischof Deutsch, und ein polnischer Bischof sagte einmal: Die Minderheitensprache ist die Sprache des Herzens, die Staatssprache die Sprache des Brotes. Wenn man darüber nachdenkt, wirkt das tief.
Dank meiner Deutschkenntnisse konnte ich auch nach Wien reisen und fast alle österreichischen Bischöfe kennen lernen. Viele deutsche Bischöfe kannte ich ebenfalls persönlich. Über die deutsche Sprache öffnete sich mir die römisch-katholische Kirche. Meine Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die persönlichen Begegnungen mit Bischöfen und Priestern sowie Einladungen zu Wallfahrten nach Deutschland waren durchweg positiv. Sie halfen mir, eine offene Kirche zu sehen und nicht nur eine verschlossene Institution, wie sie es während der kommunistischen Zeit war.
SB: Seit ihrem Rückzug vom Bischofsamt sind Sie Priester in Kokrsch/Kakasd. Wie steht es dort um die ungarndeutsche Gemeinschaft?
Mayer: In Kokrsch gab es einmal eine deutsche Messe, aber die Gemeindemitglieder sind älter geworden, viele gestorben oder krank. Unsere Versuche, die Tradition aufrechtzuerhalten, hatten daher keinen Erfolg. Heute gibt es in den Gemeinden deutsche Selbstverwaltungen, auch in Kokrsch. Bei Kulturveranstaltungen treten meist dieselben Personen auf – einmal in Sekler-Tracht, einmal in deutscher Tracht. Das zeigt, dass man bemüht ist – viele freuen sich über das kulturelle Angebot. In Seksard war es ähnlich: Als ich hierherkam, gab es jeden Monat eine deutsche Messe in der Neustadtpfarrkirche, die Predigt war jedoch auf Ungarisch.
Ein Gemeindemitglied brachte es einmal auf den Punkt: „Herr Bischof, wenn Sie Deutsch sprechen, verstehen wir alles. Kommt aber ein deutscher Priester, verstehen wir kaum ein Wort.“ Wer in der Tolnau aufgewachsen ist, spricht oft eine starre, fast altmodische Form des Deutschen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Ich sage dann gern: Wenn alle verstehen, was ich sage, weiß ich, dass mein Deutsch eher schwach ist.
SB: Welche Maßnahmen wären wichtig, um den Erhalt der deutschen Sprache zu fördern?
Mayer: Bei der Frage, wie man die deutsche Sprache und Kultur erhalten kann, sehe ich Parallelen zu anderen Minderheiten. Ich hörte kürzlich, dass Tschango-Madjaren bei Kulturprogrammen oft versuchen, auf Ungarisch zu sprechen, untereinander aber Rumänisch reden. Ähnliches beobachte ich in Ungarn: Es gibt deutschsprachige Kulturprogramme, etwa in Budapest oder Werischwar/Pilisvörösvár, doch die Kinder interessieren sich kaum noch für Deutsch, wollen eher Englisch lernen, da digitale Angebote und Medien überwiegend auf Englisch sind. Früher war es noch selbstverständlich, die Sprache zu lernen, um sich verständigen zu können.
SB: Welche Maßnahmen wären notwendig, um gerade die ungarndeutsche Jugend zu erreichen?
Mayer: Wichtig ist, kulturelle Hintergründe zu vermitteln. Es ist entscheidend, dass Kinder heute lernen, wie sehr die kommunistische Zeit die Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft verzerrt hat. Früher sagte man: Ohne Religion ist die Wissenschaft blind, ohne Wissenschaft ist die Religion bigott. Religion prägt die Weltanschauung, Wissenschaft das Weltbild. Diese Trennung wird heute oft noch verwechselt, und das beeinflusst die Haltung der jungen Generation.
Ich habe mich erkundigt: Im Valeria-Koch-Zentrum gibt es inzwischen Religionsunterricht und jedes Jahr wird eine deutsche Erstkommunion gefeiert. Wird dies inhaltlich ernsthaft gestaltet, kann es den Kindern Stabilität geben. Denn wenn sie die deutsche Sprache lernen, können die Kinder sich ein besonderes Werkzeug aneignen. Es darf jedoch nicht nur um das Werkzeug selbst gehen – sonst bleibt alles oberflächlich. Umso wichtiger ist es, dass in diesen Schulen moralische Orientierung vermittelt wird. Papst Leo XIV. betont: Glaube und moralische Werte sind entscheidend. Religion gibt Orientierung, Wissenschaft formt das Weltbild. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder in deutschen Gemeinden auch kirchliche Allgemeinbildung auf Deutsch erhalten.
SB: Wie sehen Sie persönlich die Zukunft der Ungarndeutschen?
Mayer: Wer die deutsche Sprache beherrscht und schon ein Hochschul- oder Universitätsstudium abgeschlossen hat, kann sich oft nur auf ungarischen Arbeitsplätzen durchsetzen. Fehlt eine angemessene Bildung, verläuft die Assimilation schnell. Gibt es aber deutschen Unterricht und entsprechende Kontakte, verläuft die Integration langsamer und die deutsche Sprache bleibt als wichtiges Mittel stärker in der Gesellschaft erhalten. Wenn ich also sage, dass die Assimilation hier langsamer verläuft, bedeutet das, dass die deutsche Sprache und die deutschen Wurzeln wenigstens im Bewusstsein der Gesellschaft erhalten bleiben. Das zeigt auch, dass das Bewusstsein der deutschen Herkunft eine positive Bedeutung hat.
SB: Herr Altbischof Mayer, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Martin Böhm.