Im Gespräch mit dem Ödenburger Lokalhistoriker, Kunst- und Medienschaffenden und Honvéd-Traditionspfleger Martin Haris
Der 41-jährige Ödenburger, Martin Haris, ist seit 2024 der Leiter der traditionspflegenden „Sankt Ladislaus 4. Honvéd[Landwehr]-Kapelle von Ödenburg“. Als geschichtsbegeisterter Kunst- und Medienschaffender produzierte er 2025 mit seinen Freunden auch den Spielfilm „Instrumentmundstück [Fúvóka]“ über das tragische Schicksal der letzten Militärkapelle Ödenburgs am Ende des Zweiten Weltkrieges. Auf seine Initiative und mit Unterstützung des Feld-Oberrabbiners der Ungarischen Landwehr, Péter Joel Totha, und der Vizepräsidentin der Israelitischen Gemeinde zu Ödenburg, Andrea Szép, sowie der Kommunalverwaltungen von Harkau und Ödenburg wurde des Weiteren am 29. März 2026 auf dem Appellplatz in Harkau ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer der Shoah, insbesondere an die jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aufgestellt. Diese Gedenkveranstaltung, die in der Geschichtsbetrachtung Ungarns ein großes Desiderat schließen sollte, nahm ich zum Anlass, Martin Haris über die persönliche und nationale Geschichtskultur zu befragen.
___________________________________
SB: Martin, wie kamen Geschichtsinteresse und Traditionspflege in Ihr Leben?
MH: Die Bewahrung der Traditionen der Honvéd [Ungarischen Landwehr] ist seit meinem 15. Lebensjahr Teil meines Lebens. Im Grunde ist mein Großvater, bei dem ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr aufwuchs, das Vorbild, das mich so nachhaltig prägte und bis zum heutigen Tag prägt. Die Großeltern waren grundsätzlich Vorbilder für mich, denn sie mir zeigten, wie man sein Leben unter Umständen mehrmals von Null an neu beginnen kann.
SB: Wie schafften Sie es in Ihrem Berufs- und Privatleben, Geschichtsbegeisterung mit Musizieren zu verbinden?
MH: Da ich deutscher Herkunft bin, hatten meine Eltern die fixe Idee, dass ich mich unbedingt mit einem Blasinstrument beschäftigen müsse. Ich habe mich zwar hartnäckig dafür eingesetzt, unbedingt Schlagzeuger zu werden, aber meine Eltern waren der Meinung, dass Schlaginstrumente schlichtweg keine richtigen Instrumente sind. So habe ich in meiner Jugend praktisch jedes Blasinstrument ausprobiert, von der Trompete bis zur Tuba. Daher kenne ich nun die meisten Musiker aus Ödenburg und habe überhaupt eine starke Bindung zu ihnen. Ödenburg und Umgebung verfügt im Übrigen über eine sehr starke Blasmusiktradition. Auch das 4. Sankt Ladislaus Infanterieregiment aus Ödenburg hatte eine sehr bedeutende und hochkarätige, 60-köpfige Kapelle vor dem Krieg. Als ich daher den gemeinnützigen Sport- und Kulturverein „Hangképzés [Stimmbildung]“ begründete, war es meine Idee, dass ich mich hier auch mit der Bewahrung der Traditionen der Militärmusik befassen sollte. Zudem machte ich damals die Beobachtung, dass relativ viele Uniformen an den Kleiderhaken hingen, nachdem die Mitgliederzahl der Traditionspfleger in Ödenburg geschrumpft war. Und ich wollte mich auf keinen Fall so mit der Epoche des 20. Jahrhunderts beschäftigen, dass ich damit meiner Muttervereinigung in irgendeiner Weise Konkurrenz machen würde.
SB: Wie würde der Steckbrief der „Sankt Ladislaus 4. Landwehr-Kapelle von Ödenburg“ lauten?
MH: Unsere Kapelle besteht in der Regel aus neun Mitgliedern. Wir haben ein Bläserquintett; mit diesen fünf Stimmen lassen sich fast alle unsere Marschstücke auf hohem Niveau aufführen. Hinzu kommt noch die dreiköpfige Schlagzeuggruppe. Wir sprechen hier von den besten Bläsern und Schlagzeugern der Stadt. Angefangen bei Gregor (Gergely) Friedrich, der übrigens nicht nur ein tragendes Mitglied des Orchesters ist, sondern mir als Dirigent auch dabei hilft, diese Sache musikalisch richtig anzugehen. Und dann gibt es noch den Tambourmajor, der in der Regel ich bin. Er leitet die Kapelle, wenn es um Auftritte im Freien geht, sei es Marschmusik oder Platzmusik.
Wir wissen nicht, was der eigene Marsch des Ödenburger Infanterieregiments war. Es ist allerdings klar, dass der „Sankt-Ladislaus-Marsch“ als solcher galt. Wir spielen dementsprechend den „Sankt-Ladislaus-Marsch“, auch spezifische Ödenburger Märsche, den Marsch des 76. Infanterieregiments und den „Lőver“-Marsch.
2025 haben wir mit der Stadtverwaltung vereinbart, bei welchen von der Stadt organisierten Gedenkfeiern man sich über unsere Anwesenheit freuen würde. Seitdem ist es so, dass wir an der Gedenkfeier zur Tragödie am Don teilnehmen, die übrigens von der MATASZ, also dem Verband der ungarischen Reservisten, organisiert wird. Zudem ist unsere Anwesenheit bei den Feierlichkeiten zum 15. März erwünscht, und ganz sicher sind wir auch bei der Gedenkfeier zum Tag der Helden mit dabei.
SB: Wie kam Ihre traditionspflegende Militärkapelle zu ihrem Namen?
MH: 2025 verstarb im Alter von 107 Jahren Ferenc Bakó aus Sankt Niklaus am Neusiedlersee/Fertőszentmiklós, der letzte Militärmusiker von Ödenburg. Ich habe ihn ein halbes Jahr davor als Bewahrer der Landwehr-Traditionen, als Ödenburger und Musiker aufgesucht. Somit konnte ich mit Onkel Feri ein lebensgeschichtliches Interview aufnehmen und ihm sogar an seinem Geburtstag gratulieren. Es war sehr bewegend zu sehen, wie sehr er sich darüber freute, von einer Militärblaskapelle empfangen zu werden. Daraus entstand eine Freundschaft, in der er uns praktisch wie seine Enkel behandelte. Da er das letzte noch lebende Mitglied der Ödenburger Militärkapelle war, bat ich ihn formell um Erlaubnis, mit unserer traditionsbewahrenden Musikformation in die Fußstapfen seiner ehemaligen Kapelle treten zu dürfen. Das Orchester hieß früher „4. Landwehrmusikkapelle“, also das „Orchester des 4. Königlich-Ungarischen Landwehr-Infanterieregiments zu Ödenburg“. Der Name, den wir für uns gewählt haben, ist ein traditioneller Name: „Sankt Ladislaus 4. Landwehrkapelle von Ödenburg“. Damit verweisen wir auf den Namen des Ödenburger Infanterieregiments. Dafür haben wir die Erlaubnis von Onkel Feri auch erhalten. Ich bin sehr froh, dass ich ihn in den letzten sechs Monaten seines Lebens kennenlernen und eine so gute Freundschaft zu ihm aufbauen konnte.
SB: Was war Ihr Ansatz, für Ihren Youtube-Kanal einen Spielfilm zur Geschichte der letzten Militärkapelle von Ödenburg zu drehen?
MH: Ich wollte innerhalb unseres Vereins ein historisch anknüpfender, aber fiktiver Kurzfilm produzieren. Anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs bzw. des Endes der Kämpfe in Ungarn sollte damit auch dem ehemaligen Militärorchester von Ödenburg ein Denkmal gesetzt werden. Der Rest der Kapelle, sagen wir mal eine Kammerbesetzung, blieb bis zum Kriegsende hier in der Stadt. Wir haben keine verlässlichen Informationen über ihr weiteres Schicksal. Wir wissen nicht, ob sie sich zerstreuten, als die Front sich Ödenburg näherte, oder ob sie gegebenenfalls an die Front beordert wurden. Ab diesem Punkt gibt es daher eine fiktive Wendung im Storytelling, die zeigt, dass sie schließlich an die Front beordert wurden. „Pro Kultúra“ war der Lokal- und Militärgeschichte gegenüber so offen, dass unser Spielfilm 2025 in die Reihe der „Festwochen“ aufgenommen wurde. Am 27. Juni, glücklicherweise genau am Ladislaus-Tag, war er im Petőfi-Saal zu sehen. Da der Film lediglich 25 Minuten lang ist, konnte ein anderthalbstündiges Programm so gestaltet werden, dass unsere Band ein Minikonzert gab und es gab des Weiteren einen Vortrag über die Kapelle, eine kurze Videoeinblendung aus dem Interview mit Onkel Feri sowie ein Werk-Gespräch mit den Darstellern und den Machern.
SB: Warum halten Sie als Kunst- und Medienschaffender Lajos Kassais Geschichtsbetrachtung für aktuell?
MH: Lajos Kassai nimmt die „Pflugschar-Erkrankung“ als Symbolbild für unsere gegenwärtige ideengeschichtliche Situation: Wenn ein Boden zu häufig gepflügt wird, entsteht durch den Druck, den die Pflugsohle auf den Unterboden ausübt, eine Barriere, die die oberste Bodenschicht und den Unterboden voneinander trennt. Das hat schließlich zur Folge, dass der Boden unfruchtbar wird. Laut Kassai sollte man verstehen, dass es in Ungarn zwei kulturelle Schichten gibt, den Unterboden der Traditionen und die Bodenoberfläche des Liberalismus. Sie haben sich ausdauernd und so intensiv gegenseitig gepflügt, dass zwischen den beiden Schichten kein Durchgang mehr besteht. Ich teile Kassais Überzeugung, dass es einen kulturellen Konsens im Land geben müsste, bei dem die Akteure beginnen, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten und zusammenzuwirken; wenn wir das nicht schaffen, ist das Land am Ende.
SB: Woher kam Ihre Motivation, einen Gedenkstein für die Opfer der Shoah in Harkau aufzustellen?
MH: Mütterlicherseits bin ich sozusagen ein waschechter Harkauer. In der gegenwärtigen Ortsgemeinschaft ist unsere Familie die Einzige, die in Harkau, vor Ort, über Vorfahren aus der Zeit vor 1945 verfügt. Aus diesem Grund war mir die Geschichte der Gemeinde schon immer wichtig, insbesondere was die Zeit vor der Vertreibung betrifft. Als Lokalhistoriker muss ich sagen, dass der Winter 1944/45 die tragischste Periode in der Geschichte von Harkau war. Geschichten, die davon zeugen, wie human ein Teil der Einwohner gegenüber den jüdischen Zwangsarbeitern hier war, kann ich nicht erzählen, da dies wie eine Beschwichtigung der Tragödie wirken könnte, zumal der andere Teil der Dorfbewohner kein humanes Verhalten an den Tag legte. Für mich ist es seit langem ein festes Anliegen, dass wir über diese vor Ort geschehenen Schrecken im Sinne der Geschichts-Aufarbeitung und -Bewältigung sachlich sprechen und ihrer gedenken. Aber nicht einseitig, sondern gemeinsam mit Nachkommen unterschiedlicher Betroffenheit.
SB: Wie blicken Sie persönlich auf den Festtag der Gedenkstein-Aufstellung in Harkau zurück?
MH: Der Platz, auf dem das Denkmal am 29. März aufgestellt wurde, ist der sogenannte Appellplatz. So hieß er schon vor der Zeit des Nationalsozialismus. Er war nicht nur ein Aufstellungsplatz, sondern auch ein Ort für den Fahnenappell, also ein Platz für das Hissen der Fahnen. In den Kriegsjahren standen auf diesem Platz zwei Fahnenmaste. An dem einen wehte die Flagge des damaligen Königreichs Ungarn, an dem anderen die von Nazi-Deutschland. Letzterer ist von hier verschwunden und wird nie wieder zurückkehren. Man kann also sagen, dass wir an ihrer Stelle das Denkmal errichtet haben. Das Denkmal, mit dem wir den Opfern der größten Schande unserer Geschichte unsere Ehrerbietung erweisen. Und diese Ehrerbietung kommt nicht einseitig, nur von uns, den Menschen deutscher Herkunft, sondern von uns allen zusammen. Ich bin dem Feld-Oberrabbiner der Ungarischen Landwehr, Péter Joel Totha, und der Vizepräsidentin der Israelitischen Gemeinde in Ödenburg, Andrea Szép, tief und aufrichtig verbunden, für die liebevolle Offenheit, mit der sie mich und diese Initiative aufgenommen haben. Es gibt Wörter, die abgenutzt sind. Oft habe ich das Gefühl, dass das Wort „Traditionsbewahrung“ dazugehört. Meine Freunde und ich versuchen jedenfalls, die Traditionspflege auch in unserem Alltag zu leben. Mit einer kleinen Übertreibung: Wir selbst sind die Tradition. Das ist auch meine Meinung zum Begriff „wir gedenken“. Denn die Atmosphäre, die wir beim Aufstellen des Gedenksteins geschaffen haben, war nicht dasselbe Gefühl, wie wenn wir für ein paar Minuten vor einem Felsen stehen geblieben wären. In dieser Atmosphäre waren wir nämlich selbst die Erinnerung. Dieses lebendige Gedächtnis war sozusagen das Ergebnis einer beispiellosen Zusammenarbeit. Sie ging über Gesten hinaus und diente als Vorbild, das unsere Gemeinschaften und unsere ungarische Nation dringend brauchen. Abgesehen davon, dass sich während der Organisation der Gedenkveranstaltung eine freundschaftliche Verbundenheit zwischen Péter, Andrea und mir entwickelt hat, bildeten am 29. März auf dem Appellplatz wir Anwesenden, über unsere unterschiedliche Herkunft hinweg, eine Gemeinschaft. Als verkörperte Erinnerung trugen wir meiner festen Überzeugung nach nicht wenig dazu bei, dass wir zukünftig in einem glücklicheren Ungarn leben können.
Das Interview führte Krisztina Kaltenecker (Wildberg).