Jugend – Pfand der deutsch(sprachig)en Zukunft?

Wer mich kennt, weiß, dass ich immer pro Jugend bin. Das erfordert – auch im Beruf – oft sehr viel Verständnis und eine Einlassung auf Ängste, Bedürnisse oder alterspezifische Verhaltensweisen junger Menschen. Aber ich werde niemals zu denjenigen gehören, die der Jugend Attribute zuschreiben wie verwöhnt, desinteressiert, faul oder Ich-bezogen, weil das schlicht zu pauschal und zu ungerecht wäre. Klagelieder über die vermeintliche Verrohung der jugendlichen Alterskohorten sind ungefähr so alt wie die Menschheitsgeschichte. Das weiß ich von meinem alten Professor für Mittelalterliche Geschichte, der uns in einem Proseminar Klageschriften von Bürgern über das (vermeintlich) unmögliche Verhalten von Studenten vorstellte.

Ja, auch die ungarndeutsche Jugend weist aktive (und weniger aktive) Mitglieder auf. Das haben wir gesehen, als es um die Wahlen zu den Nationalitätenselbstverwaltungen vor zwei Jahren ging und viele Positionen neu besetzt werden mussten. Wir sehen es auch im Online-Raum, wo es gerade die Jugend ist, die mit neuen Ideen und Formaten hervorrückt. Das ist lobenswert und gut so, denn es zeugt vom Lebenswillen der deutschen Gemeinschaft.

Die Kritiker haben insofern Recht, dass sich die Jugend im ständigen Wandel befindet: Man fühlt, denkt und kommuniziert anders als frühere Jugendgenerationen, nicht zuletzt, weil sich die Lebensumstände verändert haben. Zerstreuung, Zerfall der dörflichen Strukturen, viele Mischehen und die sprachliche, teilweise kulturelle Assimillierung haben Spuren hinterlassen. Auf der anderen Seite – wenn wir beim Kernfeld Sprache bleiben – haben sich die Möglichkeiten des schulischen Spracherwerbs im Vergleich zu früher spürbar verbessert (auch wenn der Ausbau des zwei- und einsprachigen Unterrichts stockt). Wo sind die Zeiten, als Mitglieder der heutigen Großelterngeneration in den 1950er Jahren die Sprache dank der deutschsprachigen Sendung von Radio Free Europe (Freies Europa) erlernt haben – reichten doch zwei Randstunden Deutschunterricht nicht aus?!

Trotz all dem scheint das Ungarische auch in unserer Gemeinschaft tiefe Wurzeln geschlagen zu haben – was wiederum seltsame Blüten treibt: Diesbezüglich hatte ich neulich mit jungen und engagierten Vertretern unserer Volksgruppe einen Disput in den sozialen Medien geführt. Apropos war ein Reel – also ein kurzer Videobeitrag – zu den bevorstehenden Wahlen. Zwar war der Begleittext zweisprachig, aber das Reel nur in Ungarisch verfügbar, was mich dazu verleitete nachzufragen. Die Antwort kam prompt und klang sehr von der eigenen Sache überzeugt. Man habe sich für Ungarisch entschieden – Punkt – zumal man sich ehrenamtlich engagiere. Dennoch könne ich die Truppe unterstützen, dem „gemeinsamen Ziel beitragen” und die Übersetzung in die Kommentarsektion schreiben – dies mit einem freundlichen Smiley versehen.

Das Erstaunliche war, dass ich auf meinen deutschsprachigen Kommentar eine fehlerfreie deutschsprachige Antwort erhalten habe (auch das ist keine Selbstverständlichkeit). Also an mangelnden Deutschkenntnissen liegt diese Entscheidung zugunsten der einsprachig ungarischen Kommunikation wohl nicht. Woran dann? Gewohnheit? Bequemlichkeit? Zeitmangel? Auf meine diesbezüglichen Fragen habe ich erst nach mehrmaliger Nachfrage eine Antwort  bekommen: Man habe sich für Ungarisch entschieden, um keinen auszuschließen, denn nicht jeder habe das Glück gehabt, die Sprache zu erlernen. Man wolle dabei auf weniger aktive Mitglieder der Gemeinschaft fokussieren und das könne man – so die Überzeugung der Jugendlichen – am besten auf Ungarisch. Zudem habe man keine Zeit, Beiträge doppelt, d. h. auch auf Deutsch anzufertigen. Mein Einwand, dass man dadurch kein gutes Bild abgebe, kommunizierten Jugendvertreter slowakei- oder rumänienmadjarischer Gemeinschaften vordergründig auf Ungarisch, wurde als Einzelmeinung abgetan. Harter Tobak.

Denn wie heißt es so schön? Steh’ dazu! Das identitätsstiftende Grundmerkmal (Ur-) (Groß-) Muttersprache scheint leider nicht dazuzugehören.

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