„Wir kennen uns” – mit diesen Worten empfing mich Anfang Januar die Hobbykäseherstellerin Rita Szelig aus Wemend. Und tatsächlich: Im Jahr 2019 habe ich die Branauer Gemeinde Wemend besucht, um für die Reihe „Kunterbunt – Kindergärten in der Trägerschaft deutscher Nationalitätenselbstverwaltung” Eindrücke zu sammeln (Kunterbunt Wemend, SB 03/2019). Der Wemender Kindergarten ist seit über zehn Jahren in der Trägerschaft der örtlichen deutschen Selbstverwaltung – Zeit für einen Erfahrungsaustausch über die Entwicklungen der letzten Jahre.
Rita Szelig, die seit fast 40 Jahren Kindergärtnerin „mit Leib und Seele“ ist, zeigt sich von der Übernahme der Einrichtung immer noch überzeugt: „Der Kindergarten verfügt über eine gute finanzielle Ausstattung und legt Wert auf die Pflege der Traditionen und die aktive Verwendung der deutschen Sprache im Alltag. Darin ist aber Wemend schon immer stark gewesen.” Sie nennt auch gleich eine ganze Reihe von Aktivitäten: Patschker-Projekt, Weinlese, Maisbrechen oder das Projekt „Unser Dorf”: Bei Letzterem suchten die Kinder Statuen, Denkmäler und Zeugnisse des gebauten Erbes im Heimatdorf auf. Auch das Tracht- und Hochzeitprojekt sei ein Lichtblick im Kindergartenjahr: Am Nationalitätentag ist das ganze Dorf anwesend, um der Aufführung der Kindergartenkinder zuzuschauen. Ebenso gehören das Erleben der schwäbischen Handwerkstradition durch den Besuch bei einem Lebkuchenhersteller beispielsweise zur Traditionspflege – etwas, was den meisten Kindern fremd sei. Rita Szelig und ihre Kollegen legen bei all den Aktivitäten Wert auf das Authentische: So tragen die Kinder kein Dirndl, sondern die volle Tracht mit drei, vier Röcken und man lädt Kapellen ein, um Live-Musik zu erleben.
Bei aller Liebe für Beruf und Engagement stellt Rita Szelig fest, dass es kaum Kinder gebe, die Deutsch von zu Haus mitbrächten: „Wir haben von den knapp 50 Kindern in zwei Gruppen einen einzigen Jungen, der Deutsch aus dem Elternhaus mitbringt: Sein Vater ist Deutscher.” Der Sprachverlust habe bereits in der Generation der Eltern der 57-Jährigen eingesetzt: Während die Großeltern Mundart sprachen, sei die Verkehrssprache zu Hause Ungarisch gewesen. Rita Szelig selbst habe diese Welt mit Mundart samt Traditionen noch erlebt, deren Vertreter heute über 90 Jahre alt oder bereits verstorben seien.
Wemend wurde wie die meisten Nachbargemeinden stark von der Vertreibung getroffen: Heute stellten die Deutschen knapp 40 % der Bevölkerung. Auch Westeuropäer, Deutsche, Belgier und Niederländer hätten sich im Dorf niedergelassen und stellten 5 % der Bewohnerschaft – hier sei die Umgangssprache Deutsch. Die Madjaren, Sekler und Madjaren aus dem ehemaligen Oberungarn kämen auf 40 %, die Roma auf etwa 15-20 %. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hätten viele den Ort Richtung Großstädte und deutschsprachiges Ausland verlassen. Besonders freut es die dreifache Mutter Rita Szelig, dass viele nach Wemend zurückkehren: So stellen die Rückkehrer die Hälfte der Gemeinderäte. Die Nähe zur Autobahn M6 biete Vorteile bei der Arbeitssuche: So pendelten viele nach Sexard, Mohatsch, Badersek/Bátaszék oder Fünfkirchen.
Die gesellschaftlichen Veränderungen seien am Kindergarten auch nicht spurlos vorübergegangen: So beobachtet die erfahrene Pädagogin, dass die Kinder oft Konzentrationsprobleme hätten, da sie in einer bildlichen Realität aufwachsen würden: „Aber gerade in dem Alter ist das Tun entscheidend”, so Szelig. Auch Verhaltensauffälligkeiten stelle sie immer wieder fest. Die neue Generation Kindergärtnerinnen bringe dabei eine andere Motivation mit – und trotz besserem Zugang zum Erlernen der deutschen Sprache seien die Sprachkenntnisse nicht immer überzeugend, was sich gerade in Alltagssituationen zeige.
Ebenso wünscht sich Rita Szelig, dass die Grundschule die begonnene Deutsch-Spracherziehung fortsetze: Hier hat die erfahrene Pädagogin den Eindruck, dass die Elementarschule nicht an das im Kindergarten Erarbeitete anknüpfe.