Der/die Leser/in erhält in diesem Folgebeitrag die Geschichte von Sagatel (Sagetal)/ Szakadát in den Jahren nach dem Urbarium (1767) bis zum Ersten Weltkrieg.
Die finanzielle Lage der Sagatel und deren Berufe
In meinem vorherigen Beitrag schrieb ich über die Erbschaft in den ungarndeutschen Familien. In der Regel erbte immer der älteste Sohn das Vermögen und die weiteren Geschwister waren aus dem Erbe ausgeschlossen, die sich die Tatsache meistens nicht gefallen lassen konnten. Es kam oft zu erbitterten Prozessen zwischen den Familienmitgliedern. Da die ländlichen Gegebenheiten das sichere Einkommen der Familien nicht sicherten, ergänzten die Dorfbewohner die aus der engen Dorfflur stammenden Einkünfte mit Tabakbau. Man begann damit bereits zehn Jahre nach der Ansiedlung. 1788 betrug die Tabakproduktion 34 Zentner, vier Jahrzehnte später waren es schon 400 Zentner. Für einen Zentner bekamen sie 9 Ft. Das Tabakeinkommen war dreimal höher als das aus dem Ackerbau und zehnmal höher als das aus dem Weinbau. Die landwirtschaftliche Tätigkeit konnte trotzdem nur einem Teil der Bevölkerung den Lebensunterhalt sichern. Aus den vom Erben Ausgeschlossenen wurden Kleinhäusler (ung. zsellér). Sie waren gezwungen, sich einen anderen Erwerbszweig zu suchen. Die Pfarrer trugen den Beruf der Einzelnen in das Kirchenbuch ein, so lässt sich feststellen, wie viele Leute sich von der Landwirtschaft getrennt haben. Zwischen 1833-1867 gab es 259 Menschen, die nicht als Bauern tätig waren. Unter ihnen waren 29 Hirten, 21 Tagelöhner, 16 Weber, 13 Zimmerleute, 13 Müller, 8 Schmiede, 8 Schneider, 8 Musikanten usw.
Die zahlenmäßig größte Gruppe bildeten die Maurer mit 107 Personen. Warum war dieses Handwerk so volkstümlich? Das liegt daran, dass der Maurer keine Werkstatt einrichten musste. Es war also ein billiger, für die armen Kleinhäusler erreichbarer Beruf. Der andere Grund war, dass sie nicht an einen Ort gebunden waren. 100 Maurer hätten nämlich im Dorf und in der Gegend gleichzeitig keine Arbeit gefunden. So machten sie sich im Frühling auf den Weg, um Arbeit zu suchen. Sie arbeiteten in größeren ungarischen Städten, in Wien, in Deutschland, um die Jahrhundertwende kamen sie auch nach Amerika. Sie waren wochen-, manchmal monatelang fern von ihren Familien. Von ihrem ersparten Geld kauften sie Feld und bauten Einfamilienhäuser. Sie konnten sich von ihrem Heimatort und von der Landwirtschaft nicht endgültig loslösen.
Kirchliche Veränderungen im 18.-19. Jahrhundert
Die Periode führte auch im Leben der Kirche große Änderungen herbei. Die Tätigkeit der Pfarrer Joseph Gruber (1772-1802) und László Füleki (1802-1841) umfasste fast sieben Jahrzehnte. In der Zeit von Gruber gehörten zum Sagateler Pfarrbezirk mehrere umliegende Dörfer, überwiegend mit protestantischer Mehrheit: Berin/Diósberény, Gallaß/Kalaznó, Udvari und Sarasch/Szárazd. Der Pfarrer führte nicht nur über die Katholiken, sondern auch über die Protestanten die Aufsicht. Ein Patent von Joseph II. gewährte den Protestanten die religiöse Gleichberechtigung, somit fiel die Obrigkeit der katholischen Kirche weg. Um die Jahrhundertwende bekam Berin einen eigenen Pfarrer, wodurch nicht nur die Kompetenz, sondern auch das Einkommen des Sageteler Pfarrers zusammenschrumpfte. Trotzdem ließ der neue Pfarrer Füleki 1803 ein neues Pfarrhaus bauen. 1815 wurde die Kirche renoviert, der Turm wurde mit Blech bedeckt.
Magyarisierung und die Reformzeit
Im Reformzeitalter entfaltete sich das nationale Bewusstsein der Magyaren. Ihr Ziel, die Herausbildung einer einheitlichen ungarischen Nation, wollten sie durch gewaltsame Magyarisierung der Nationalitäten erreichen. Das Tolnaer Komitat wollte den Schwaben die ungarische Sprache als Unterrichts- und Amtssprache und die ungarische Tracht aufzwingen. Ihre Bestrebungen hatten keinen nennenswerten Erfolg gehabt, andererseits riefen sie keine feindlichen Gefühle der Deutschen gegenüber den Magyaren hervor. Diese Tatsache bestimmte das Verhältnis der Schwaben zur ungarischen Revolution und zum Freiheitskampf im Jahre 1848-1849. 1848 bedeutete auch in der Geschichte der Gemeinde einen Wendepunkt. Aus den Fronbauern wurden freie Bauern. Die letzten Herrschaften waren die Apponyis, die um 1770 das ganze Hidjesser/Hedjesser Herrschaftsgut von der Familie Mercy gekauft hatten. In vielen Dörfern des Komitats kam es während der Revolution zu Aufständen. Doch die frommen Leute von Sagatel empörten sich nicht, sie nahmen die Geschehnisse gelassen zur Kenntnis. Während des Freiheitskampfes im Jahre 1848-1849 rückten 13 Sagateler in die ungarische Armee ein. Ein Teil von ihnen waren Freiwillige, die anderen bekamen 200-500 Ft Entgelt. Die Eingerückten stammten ausnahmslos aus armen Kleinhäusler- bzw. Handwerkerfamilien. Nach der Niederlage des Freiheitskampfes gerieten 10 von ihnen in österreichische Gefangenschaft.
Landwirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Zur endgültigen Regelung der aufgehobenen feudalen Verhältnisse kam es erst im Jahre 1853. Sagatel musste seine Freiheit teuer bezahlen. Die Bewohner verloren die Hälfte der Hutweide, verzichteten auf den ganzen Wald. Auch einen Teil des Ackers mussten sie mit Geld auslösen. Doch die Befreiung der Bauern förderte die Entwicklung der Landwirtschaft. Im Ackerbau folgten sie dem Dreijahrsystem (eine abgeänderte Form der Dreifelderwirtschaft ohne Brachliegen im dritten Jahr, Red.). Im ersten Jahr bauten sie Weizen oder Roggen, im zweiten Jahr Mais, Kartoffeln und Hafer, im Dritten Gerste, Wicken und Tabak an. Der Futterpflanzenanbau ermöglichte die Erweiterung der Tierzucht. 1854 gab es 309 Rinder, 132 Pferde, 498 Schafe und 153 Schweine im Dorfe. Das machte wiederum die öftere Düngung der Felder in jedem dritten Jahr möglich. So haben sich der Ackerbau und die Tierzucht einander gegenseitig fordernd entwickelt. Das Ergebnis von 150 Jahren fleißiger Arbeit war ansehnlich: Die Neubauern fassten in Ungarn Fuß, machten das öde Land urbar, entfalteten eine entwickelte Landwirtschaft und bildeten eine breite Schicht fleißiger Handwerker heraus. Sie fanden eine neue Heimat, der sie jahrhundertelang zugetan waren.
Die während der Revolution 1848 begonnene bürgerliche Umwälzung wurde mit dem Ausgleich von 1867 abgeschlossen. Es bildete sich eine neue konstitutionelle Staatseinrichtung heraus und aus dem Reich der Habsburger wurde ein dualistischer Staat. Die Aufhebung der feudalen Überreste hatte für die Gemeinde Sagatel keine besondere Bedeutung. Ihren während der Besitzregelung verlorenen Boden konnten die Bauern 1878 zurückkaufen. Für 170 Joch Acker und 223 Joch Hutweide zahlten sie 45 000 Ft. Die Summe streckte die Kreditanstalt der Kleingrundbesitzer vor. Den gekauften Boden teilten sie in 108 Teile, damit jeder Eigentümer in jeder Flur ein Stück Feld bekomme. Die Kleinhäusler erhielten ihren Anteil abgesondert. Die Bauern durften zweimal so großes Terrain kaufen. Sie rissen die frühere Hutweide auf und wandelten sie in Acker und Weingärten um. Der Ankauf des Herrengutes änderte die Besitzstruktur in der Gemeinde nicht, da die mittellosen Leute nichts erwarben. Nach der Erwerbung des Gutes gab es keine Möglichkeit mehr, die territoriale Expansion fortzusetzen. So vermochten die Bauern den Ertrag der Landwirtschaft nur durch die Steigerung der Produktivität zu erhöhen. Zwischen 1874-1884 minderte man um 1/3 die Hutweide, zugunsten des Ackers und der Weingärten. Wegen der Brache der Hutweide tat die Steigerung der Futterpflanzenproduktion not. Im Pflanzenbau wuchs die Bedeutung der arbeitsintensiven Hackfrüchte und des Weinbaus, der Tabakbau wurde aber völlig eingestellt. Die ausgebliebenen Einkünfte ersetzte der Weinbau, der im Jahre 1888 mit 115 Joch seinen Höhepunkt erreichte.
Von der Phylloxera wurde aber bis 1895 die Hälfte der Weingärten ausgerottet. Einen Teil baute man wieder an, aber das frühere Ausmaß erreichte der Weinbau nie mehr. Die grundsätzliche Umwandlung in der Bauernwirtschaft führte die Entwicklung der Viehzucht herbei. Den Schwerpunkt bildete die Rinderzucht. Die Rinder wurden statt der Pferde als Zugtiere angewandt. Um die Jahrhundertwende vollzog sich eine Änderung der gezüchteten Rasse: An die Stelle der ungarischen traten Rinder westlicher Herkunft. In der Verbreitung der arbeitsintensiven Methoden spielte der Zuwachs der Bevölkerungszahl eine wichtige Rolle.
Bevölkerungszuwachs und dessen Folgen
Um die Jahrhundertwende lebten 1129 Menschen im Dorf. Das hatte aber auch die Zerkleinerung der bäuerlichen Grundbesitze zur Folge. Diesen Prozess konnte nicht einmal das Erbrecht der Schwaben aufhalten. Im Allgemeinen erbte nur eins von den Geschwistern das väterliche Gut, die anderen bekamen ihren Erbteil in Bargeld. Das trug zur Verschuldung der Bauern bei. Wurden die Lasten unerträglich, sah sich der Bauer gezwungen, einen Teil des geerbten Besitzes zu entäußern. Eine günstigere Form für den Erben war, wenn die anderen Geschwister als Abfertigung nur etwas Weingarten, eventuell ein Kuhkalb bekamen. Trotzdem nahm die Zahl der Kleingrundbesitzer zwischen 1884-1912 um 99 Personen zu. Auf der anderen Seite bildete sich eine Schicht von Großbauern. Die Familien Kaufmann, Müller und Gänsler hatten 50-80 Joch Feld zu eigen.
Berufe
Jene Leute, die aus der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt nicht sichern konnten, wurden schon früher Maurer. Laut der Volkszählung im Jahre 1900 waren die Hälfte der Erwerbstätigen Handwerker. Von den 202 Personen waren 174 Maurer. Im Leben der Gemeinde spielten die Landwirte die führende Rolle, so kamen die gesellschaftlichen Gegensätze in Auseinandersetzungen zwischen den Bauern und Maurern zum Ausdruck. Nach der Jahrhundertwende bot die Auswanderung nach Amerika den Weg zum Aufstieg. Laut der Volkszählung von 1910 hielten sich 72 Sagateler im Ausland auf. Sie wollten sich nicht endgültig in Amerika niederlassen, sondern nur Geld verdienen. Im Mai 1912 arbeiteten 250 Sagateler fern von ihrer Heimat. Das ersparte Geld schickten sie ihren Familien. Andreas Gänsler sandte z. B. zwischen 1907-1911 mehr als 1500 Dollar nach Hause. Von diesem Geld konnte er 8-10 Joch Feld guter Qualität kaufen. So gelang ihm der Aufstieg zum Bauer mit 17 Joch Feld, obwohl er von seinem Vater nur ein Stück Weingarten und eine herrschaftliche Parzelle bekam.
Die Verwaltung der Gemeinde
Das Organ der Selbstverwaltung in der Gemeinde war die Gemeinderepräsentanz, deren Hälfte gewählt, die andere Hälfte aus den größten Steuerzahlern zusammengestellt wurde. Der Gemeindenotar wurde von der Gemeinde unabhängig gemacht. Den Richter und die Geschworenen wählte die Gemeinderepräsentanz. 1872 bekam der Notar ein Gehalt von 404 Ft, der Richter 31 Ft, der Kleinrichter 21 Ft, der Nachtwächter 70 Ft, der Briefträger 20 Ft, die Hebamme 12 Ft und der Kirchendiener 8 Ft. Das meiste der Einkünfte der Gemeinde stammte aus dem Besitz des Dorfes. 1884 hatte Sagatel 70 Joch Feld, der Jahreszins betrug 600-800 Ft. Die andere Einnahmequelle war das Schankrecht. Der Bevölkerung wurden neben den staatlichen auch Komitats- und Kommunalsteuern auferlegt. Die Steuerlast wurde immer höher, im Jahre 1910 erreichte sie die Hälfte des Realeinkommens.
Große Investitionen um die Jahrhundertwende
Die 1880-1890er Jahre waren die Epoche der großen Investitionen. 1884 baute man einen neuen Ratssaal und ein Büro für den Notar. 1886 begann man mit dem Bau einer neuen Schule mit zwei Klassenzimmern. Den Bauplan fertigte der junge Baumeister Johann Quell an. Am Ende der 30-jährigen Amtszeit des Pfarrers Karl Hunyadi befanden sich das Pfarrhaus und die Kirche in baufälligem Zustand. Der neue Pfarrer, Julius Wajdits Hess, baute im Jahre 1874 ein neues Pfarrhaus. 1882 verbesserte man das Kirchendach. Drei Jahre später kaufte die Gemeinde einen neuen Friedhof über dem alten. Das Dorf sammelte auch zur Errichtung einer neuen Kirche Geld. Die neue Kirche wurde im Jahre 1899 fertig.
Die Schule
Der Schulunterricht geschah weiterhin in konfessionellen Schulen. Die Unterrichtssprache war in Sagatel die deutsche Sprache. Die Magyarisierung nahm in den Schulen in den 1890er Jahren ihren Anlauf. Die Schule vermochte die ungarische Sprache den Schülern nicht beizubringen. Der größte Teil der Erwachsenen konnte lesen und schreiben. Die ungarische Sprache kannten aber nur jene, die als wandernde Handwerker mit den Magyaren in Berührung kamen. 1892 bildete sich der bürgerliche Leseverein, dessen Vorhaben die Volksbildung war. 1906 entstand der Arbeiter- und Bauernzirkel, der auch als Interessenvertretung tätig war. Aus der Jugendbibliothek liehen sich sonnabends 100-120 Leute Bücher aus. Die auf den gesellschaftlichen Aufstieg gerichtete Wertordnung der deutschen Bauern bestimmte auch die Gewohnheiten, Ehen und die ganze Lebensweise.
Heiraten
Es heirateten Leute gleichen Vermögensstandes untereinander. In der Wertordnung der Gemeinde nahmen die Bauern einen höheren Rang ein als die Handwerker, deshalb wollten alle eine eigene Wirtschaft erwerben. Damit das Vermögen nicht in die Hände fremder Leute geriet, kam es immer öfter zu Ehen zwischen Verwandten. Ihre Kleidung und Nahrung waren einfach, jeglicher Aufwände ledig.
Wirtschaftliche Situation um die Jahrhundertwende
1900 standen 209 Häuser im Dorf. Von ihnen war eins aus Brennziegeln, 11 hatten Fundamente aus Stein, die übrigen waren Lehmbauten. 92 Gebäude waren mit Stroh gedeckt. Die Periode vom Ausgleich bis zum Ersten Weltkrieg war eine Epoche der raschen wirtschaftlichen Entwicklung. Sie wurde vom Krieg unterbrochen. Die Versorgung der Front verlangte vom Hinterland große Anstrengungen. Trotz der Kriegskonjunktur ging die landwirtschaftliche Produktion zurück, es meldeten sich Verpflegungssorgen. Aus Sagatel rückten mehr als 100 Männer ein, von denen 34 nie zurückkehrten. Die außerordentlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Mangel an Lebensmitteln und an Bedarfsartikeln machte das Leben schwer. Die aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten und Maurer bildeten die Basis der Räterepublik in Sagatel. Die wichtigste Aufgabe der Vertreter der neuen Macht war die Sicherung der Verpflegung. Da die Bodenreform verblieb, kam es zu keinen tiefgreifenden Umwälzungen im Leben des Dorfes. Der zerrütteten Wirtschaft wurde erst Jahre später nach dem Weißen Terror auf die Beine geholfen. Der verlorene Krieg und der Zerfall der Monarchie schufen neue Voraussetzungen für die Entwicklung der Wirtschaft – in Betreff der Rohstoffquellen, Produktionskapazitäten und Absatzmärkte. Die ungünstigen Umstände hinderten die Entwicklung der Landwirtschaft sowohl im Ackerbau als auch in der Tierzucht. Zwischen den beiden Weltkriegen sank die Rentabilität der arbeitsintensiven Kulturen, deshalb ging ihre Produktion zurück. Das Ackerland, die Wiese und die Hutweide wurden kleiner. Die Ausdehnung der Weingärten verringerte sich von 71 Joch auf 31 Joch. An ihrer Stelle gewann der Wald an Boden. An den unfruchtbaren, steilen Berghängen, die man früher mit großem Aufwand urbar machte, pflanzte man nun Wälder an. Der Viehbestand verminderte sich nicht einmal während des Weltkrieges, in der Nachkriegszeit nahm seine Zahl sogar zu. Die Versorgung mit Futter machte besonders den Zwergbauern Sorgen. Während der Wirtschaftskrise sank die Zahl der Rinder, sie erreichte nicht einmal das Niveau vom Jahre 1911.
Hier endet mein Beitrag. Der Leser erhält im nächsten Artikel die Geschichte der turbulenten Jahre im 20. Jahrhundert.