Volkskunde ist in

SB-Sommerinterview mit Ibolya Englender Hock

Volkskunde scheint trotz langläufiger Meinung angesagt zu sein. Was das alles für die deutsche Minderheitenkultur und Schulen bringen kann, darüber sprach ich mit Frau Ibolya Hock-Englender, der Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Ein emotionales Gespräch über eigenen Lebensweg, die Rolle der Jugend und die Aufgaben des Nationalitätenschulwesens.

SB: Was hat ihre Berufswahl beeinflusst? Welche Gefühle, Ambitionen oder gleich Ziele haben Sie zu dieser Berufung gebracht, sich als Vorsitzende der deutschen Minderheit in Ungarn einzusetzen?

IEH: Es war einfach und doch kompliziert, weil es ein langer Lebensweg ist, aber die Antwort ist ganz einfach: Ich bin da reingeboren. Meine Eltern waren Pädagogen, mein Vater war Schuldirektor in Bawaz/Babarc, wo ich geboren bin. Das ist ein ungarndeutsches Dorf, als Kind habe ich nur Deutsch gesprochen. Auf Antrieb meines Vaters habe ich im Leőwey Gimnázium, am deutschen Klassenzug gelernt, danach Deutsch als Nationalitätensprache-Ungarisch studiert. Nach dem Studium habe ich meine Laufbahn als Lehrerin am Klara Leőwey begonnen. Dann kam die Einladung und ich habe an der Universität Fünfkirchen Methodik unterrichtet. Damit parallel haben wir begonnen, das heutige Valeria-Koch-Bildungszentrum aufzubauen. Und so ist 1990 die Grundschule gestartet worden, und 1994 das Gymnasium. Da habe ich Deutschunterricht erteilt. Heutzutage sind es 1200 Kinder, die da lernen, ich habe 2010 die Leitung übernommen. Diese Schule ist seit 2004 in Trägerschaft der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, wo ich auch als Vollversammlungsmitglied tätig war, und dann kam es 2019, dass ich zur Vorsitzenden gewählt wurde. Das eine hat das andere ergeben.

SB: Inwieweit sind Sie noch zuständig fürs Schulwesen bei der Selbstverwaltung?

IEH: Als Vorsitzende bin ich jetzt für alle Belange verantwortlich, den Bildungsausschuss hat Frau Szauter übernommen, aber ein sehr großer Anteil unserer Tätigkeit besteht aus den Aufgaben, die mit der Bildung zusammenhängen. Aber was ich noch in diesem Bereich mache, ist meine Tätigkeit im Landesnationalitätenrat. Da beschäftigen wir uns mit dem Thema Bildung Bildung, mit Fragen der Lehrpläne, Lehrbücher, usw.

SB: In letzter Zeit hört man öfters, dass immer weniger Kinder Deutsch lernen möchten. Was ist Ihr Eindruck?

IEH: Wenn man ganz Ungarn nimmt, dann stimmt es. Wir müssen hier einen Unterschied machen zwischen Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Nationalitätensprache, denn Deutsch als Fremdsprache geht landesweit zurück. Aber in den ungarndeutschen Gebieten, wo es Nationalitätenschulen gibt, ist Deutsch noch immer stark. Was mir größere Bedenken macht, ist, wie sich die Eltern dazu stehen! Für mich wäre es selbstverständlich, dass die Eltern ungarndeutscher Abstammung ihre Kinder in ungarndeutsche Schulen schicken. Das ist aber leider nicht so. Ich würde viel mehr ungarndeutsche Kinder in diesen Schulen erwarten. Hier kann man auch Englisch lernen und da gibt es auch den emotionellen Hintergrund.

SB: Worin unterscheidet sich eine Nationalitätenschule von einer normalen Schule?

IEH: Es gibt objektive Unterschiede, nämlich dass die Kinder in einer deutschen Nationalitätenschule von Anfang an fünf Stunden Deutsch pro Woche haben und zusätzlich noch Volkskunde, während Deutsch als Fremdsprache erst in der vierten Klasse anfängt. Die subjektiven Unterschiede sind, dass eine Nationalitätenschule daneben, dass es mehr Deutschunterricht gibt, zusätzlich Geschichte, Traditionen, Mundart anbietet. Und hierzu kommen auch noch die vielen Programme, Volkstanzgruppe, Schulchor, Blaskapelle, die Projektarbeiten, die in diesem Bereich stattfinden.

SB: Wie kann man Volkskunde attraktiv machen? Wie kann man diese Traditionen lebendig machen, damit die Schülerinnen und Schüler sie interessant finden?

IEH: Man kann sie attraktiv machen, indem man moderne Technik mit den herkömmlicheren Inhalten verbindet. Mit digitalen Materialien oder Projekttagen, Ausflügen, wo die Schüler sich selbst ausprobieren können. Einige Dörfer und Lager sind schon darauf eingerichtet, dass sie solche Programme anbieten. Es gibt auch solche Heimatmuseen oder Heimatstuben, die sehr viel digital arbeiten. Oder mit 3D-Formaten, wo man zum Beispiel an einem Erzählabend teilnimmt und man das Gefühl hat, mit Hilfe einer Brille, dass man mittendrin sitzt. Und das spornt die Schüler an. Wieso würden Kinder es für langweilig halten, wenn sie einen Ausflug machen oder wenn sie für fünf Tage in ein Lager gehen, wo sie waschen können, Brot backen können, oder Strudel ziehen können, oder Kühe füttern können? Das macht ihnen doch Spaß!

SB: Sie haben auch Fortbildungen für Lehrer mit Deutsch als Nationalitätensprache durchgeführt. Hatten Sie den Eindruck, dass es genügend und leidenschaftlichen Nachwuchs gibt?

IEH: Ja, ich war immer sehr positiv beeindruckt, da waren immer natürlich diejenigen dabei, die sehr interessiert waren, aber grundsätzlich würde ich sagen, dass unsere Lehrer hochmotiviert sind.

SB: Was sind dann die Zielsetzungen der deutschen Selbstverwaltungen in dem schulischen Bereich?

IEH: Wir haben im Moment etwa 70 Schulen in Trägerschaft von deutschen Selbstverwaltungen. Dass dieses System bestehen bleibt, das erhoffe ich. Was die Lehrwerke betrifft, da bräuchten wir neue, in erster Linie digitale Lehrwerke. Sogenannte „kluge Lehrbücher“. Der Staat hat jedem Schüler ein Tablet zur Verfügung gestellt, sie können also solche Lehrwerke benutzen. Unsere Lehrwerke sind zum Teil veraltet, sie sind nicht dem neuesten Nationalen Lehrplan angepasst. Da müssen wir viel machen. Aber es gibt 13 Minderheiten, also man muss davon ausgehen, dass wir Deutsche nicht die Einzigen sind. Und natürlich wollen wir, dass unsere Finanzierung nach wie vor stabil bleibt. Wir haben ein Stipendienprogramm für Lehrer, die deutsche Nationalitätensprache studieren, das möchten wir aufrechterhalten, weil wir sehen, dass es viel mehr Bewerbungen in diesem Fach gibt, seitdem ein Stipendium verteilt wird. Die Stipendiaten müssen nach dem Studium so lange an einer Nationalitätenschule unterrichten, wie viele Jahre sie dieses Stipendium bekommen hatten.

SB: Können Sie weiterverfolgen, ob Schüler, die an Nationalitätenschulen einen Abschluss erworben haben, weiter mit der deutschen Sprache in Kontakt bleiben?

IEH: Die einzelnen Schulen können das, wenn ich aber an meine ehemaligen Schüler denke, dann kann ich sagen, dass ein überwiegender Teil sein ganzes Leben davon profitiert. Wir haben ein Alumninetzwerk mit den Valeria-Koch-Preisträgern, aber das ist noch etwas Neues.

SB: Was sind dann die Herausforderungen, mit denen die jungen Lehrer umgehen müssen? Zum Beispiel technisches Verständnis der Lehrkräfte, Angst vor künstlicher Intelligenz?

IEH: Wie gesagt, wir haben Fortbildungen in diesem Bereich, nicht nur in Ungarn, aber auch online, und dann auch mit Fortbildern aus Deutschland. Aber das betrifft im Allgemeinen Lehrer auf der ganzen Welt. Wir versuchen schon der Sache entgegenzutreten. Die Lehrer sind auch sehr motiviert, an solchen Fortbildungen teilzunehmen. 

SB: Was sind die schönsten Momente eines Jahres für Sie, was das Schulwesen betrifft?

IEH: Ich war vorige Woche bei der Preisverleihung von Nationalitätenschülern, die in der Oberstufe bei verschiedenen Landeswettbewerben teilgenommen haben und da bekommen sie immer Preise, alle 13 Nationalitäten in einem festlichen Rahmen. Es wird vom Landesschulamt (OH) übergeben, da sind die Vorsitzenden der 13 Nationalitäten und die Parlamentssprecher eingeladen. Das ist ein großes Erlebnis, wenn man sieht, wie viele Kinder begabt sind. Ich nehme an vielen Veranstaltungen teil und ich sehe, wie viele Schüler in Tanzgruppen, Chören, Kappellen mitmachen, oder beim Theater und an der Landesgala im Januar. Jeder kann daran teilnehmen, der möchte.

SB: Bei der Anhörung der neuen Kultusministerin Frau Lannert hat diese die Minderheiten erwähnt und darauf hingewiesen, dass es auch ihr Ziel sei, diese Minderheiten miteinander zu verbinden, dass sie einander in den Schulen kennen lernen. Was ist Ihre Meinung dazu?

IEH: Wenn wir davon reden, dass das lexikalische Wissen ein bisschen zurückgedreht wird, dann können wir in die Lehrbücher nicht noch mehr Inhalte reintun. Alle Nationalitäten klagen darüber, dass es nur sehr wenig über die Nationalitäten in den normalen Geschichtsbüchern steht. Man kann nicht erwarten, dass die Geschichtsbücher noch dicker werden, nur deswegen. Deshalb ist das Fach Volkskunde da, dass eine jede Nationalität von sich selbst möglichst viel lernt, und dann sind die Projekte in den Schulen und da sind die ungarischen Schüler mitinbegriffen. Die führen solche Projekte durch, in denen sie die in Ungarn lebenden Nationalitäten kennen lernen. Wenn ich es mir vorstellen möchte, dann kann ich es nur so, mit Projekten vorstellen. Aber natürlich wäre es wünschenswert.

SB: Volkskunst erlebt heute ein starkes Comeback, eine Renaissance, sind Sie einverstanden?

IEH: Ja, Volkskunst ist in Mode gekommen. Wir haben in den Schulen, in den Kindergärten Volkskunst miteingebaut. Oder aber auch innerhalb des Sportunterrichts. Wir haben zum Beispiel das Projekt ‚Volkstracht weitergedacht‘ in den Schulen, als kreative Aufgabe. So was machen wir viel, und das muss auch sein, weil wir dadurch Althergebrachtes mit Modernem verbinden können.

SB: In Ihrer Rede für die Eröffnung der Ausstellung ‚Schwerer Stoff, Frauentrachten und Lebensgeschichten‘ haben Sie persönliche Geschichten erzählt, zum Beispiel darüber, warum die Frauen so viele Schichten in ihren Röcken getragen haben, und das war für mich sehr inspirierend. Geben Sie Ihre Geschichte weiter?

IEH: Schriftlich nicht, aber überall in meinen Reden gebe ich immer ein bisschen Persönliches dazu.

SB: Vielen Dank für dieses schöne Gespräch!

Mit Ibolya Englender Hock sprach Ilde Augenfeld.

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