Die ungarisch-bayerischen Beziehungen begannen keineswegs besonders einfach – man denke nur an die Schlachten auf dem Lechfeld oder bei Pressburg. In den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten entfaltete sich jedoch eine über tausend Jahre währende gemeinsame Verbundenheit, die Pannonien und Bayern durch das blaue Band der Donau historisch und kulturell miteinander verbindet. Trotz dieses reichen gemeinsamen Erbes lag der ungarisch-bayerische Dialog in der vergangenen Zeit infolge parteipolitischer Streitigkeiten brach, und die Beziehungen entwickelten sich erheblich zurück, beinahe bis zu einem Tiefpunkt. Dank des neuen politischen Klimas in Ungarn und einer offeneren gegenseitigen Aufmerksamkeit können wir den Faden der alten Freundschaft wieder aufnehmen und ihn sogar durch vielversprechende neue Ideen, Pläne, und Taten weiterbauen, wobei die ungarndeutsche Nationalität in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselrolle wahrnehmen könnte.
Wie Ernst Jüngers einsamer Waldgänger versuchten Vereine, Stiftungen und Privatpersonen, sich in den letzten Jahrem ihren Weg zwischen Budapest und München zu bahnen, um jenseits der diplomatischen und wirtschaftlichen Domänen neue Partnerschaften und Beziehungen zwischen Ungarn, Ungarndeutschen und Bayern zu knüpfen. Die in der jüngeren Vergangenheit zwischen Ungarn und Deutschen ausgetragenen politischen Auseinandersetzungen sorgten auch in Bayern für böses Blut, sodass sich die Handlungsspielräume ebenfalls verengten. Zudem sprechen wir hier von einem Bundesland, das für uns nicht nur aus ungarischer, sondern mit Sicherheit auch aus ungarndeutscher Sicht das relevanteste von allen ist – historisch, kulturell wie auch wirtschaftlich. Die historische Verflechtung Ungarns und Bayerns muss nicht eigens vorgestellt werden; ihr eindrucksvollstes Symbol ist die Seelige Königin Gisela, die Gemahlin unseres heiligen Königs Stephan I, ebenso wie die alte Heimat zahlreicher Ungarndeutscher. Nicht zu vergessen ist auch die herausragende christliche zivilisatorische Rolle des Herzogtums Bayern und seiner Bistümer, Ritter, Geistlichen und Kolonisten in Südostmitteleuropa und damit auch in Ungarn, in Form der mittelalterlichen Ostsiedlung. Etwas weltlicher und auf die heutige Zeit bezogen: Bayern ist der wichtigste Wirtschaftsmotor Deutschlands und für Ungarn ein Eintrittstor sowie ein Brückenkopf zum deutschen, aber auch zum gesamten europäisch-westlichen Wirtschaftsraum, siehe nur die primäre Bedeutung der Automobilindustrie. Nicht zuletzt ist hier auch eine große ungarische Diaspora vertreten, mit rund 70-80 Tausend ungarischen Arbeitnehmern sowie Auslandsungarn mit älteren Einwanderungsgeschichte und Ungarndeutschen (in ganz Deutschland wird die Gesamtzahl der Ungarn auf ca. 200 Tausend Ungarn geschätzt).
Als möglicher Eisbrecher erscheint die Angelegenheit der deutschen Minderheiten, die eine neue Brücke zwischen unseren Ländern schlagen könnte. Dabei muss man das Rad nicht neu erfunden, denn diese Zusammenarbeit bestand bereits früher, ja sogar innerhalb der bayerischen politischen Strukturen- in München ist für dieses Ressort eine Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene zuständig, aktuell Dr. Petra Loibl. Auf diesem Pfad machte sich die Jakob-Bleyer-Gemeinschaft bereits dieses Jahr als ungarndeutsche Zivilgesellschaft an die Pionierarbeit, und zu unserer Überraschung konnten wir feststellen, wie viele neue Perspektiven sich innerhalb dieses Rahmens auch für das Ungarndeutschtum eröffnen könnten. Wir nahmen Kontakt mit der sich in der ostmitteleuropäischen Region engagierenden Hanns-Seidel-Stiftung auf, der CSU-nahen Stiftung, die sich als bayerisch-christdemokratische Organisation den Minderheitenfragen verpflichtet fühlt, insbesondere dem Anliegen des ostmitteleuropäischen Deutschtums. Als Auftakt unserer Zusammenarbeit konnten wir als einzige ungarische Organisation am diesjährigen Politischen Aschermittwoch in Passau teilnehmen, der Großveranstaltung der bayerischen Regierungspartei CSU, und dabei auch persönlich bedeutende bayerische politische Persönlichkeiten treffen, wie den Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, sowie Regierungsmitglieder wie Ulrike Scharf, 2. Stellvertreterin des bayerischen Ministerpräsidenten und Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales. Unsere Mission wurde mit großem Interesse und Offenheit aufgenommen: damit sind alle Voraussetzungen für eine zukunftsweisende Bauarbeit in der weiteren Zusammenarbeit gegeben.
All diese Vorstellungen führen uns zur Kernfrage, die bereits im Raum steht: Was könnte das Urheimat Bayern der Heimat Ungarn geben? Im minderheitenpolitischen Domäne muss die ungarndeutsche Nationalitätengemeinschaft in Bayern mehr ins Rampenlicht gerückt werden, wo bislang vor allem die Vertriebenengemeinschaften als Fahnenträger galten. Nun ist die Zeit gekommen, dieses Politikfeld auch für die in der Heimat verbliebenen Gruppen zu vertiefen, und zwar auf verschiedene Art und Weise. Ein stärkerer Einsatz Bayerns für den Erhalt und Pflege der deutschen Nationalitäten, Minderheiten und Volksgruppen in Ungarn und Ostmitteleuropa ist erwünscht, und hierfür besteht auch auf beiden Seiten ein entsprechender Bedarf. Dieses Rollenverständnis könnte in Form diplomatischer, sprachlich-kultureller und finanzieller Unterstützung sowie Kooperation Gestalt annehmen, wobei die außenpolitischen Reichweiten unserer Länder in respektvoller Weise gewahrt bleiben. In der ungarisch-deutschen bzw. ungarisch-bayerischen Diplomatie würde das Ungarndeutschtum deutlich stärker in Erscheinung treten- diese thematische Sensibilität würde dann auf verschiedenen Ebenen vielfältige neue Möglichkeiten eröffnen. Nehmen wir nur die Bildungspolitik: Es lässt sich leicht erkennen, dass die Lage der Sprache der deutschen Nationalität sowie der deutschen Sprache insgesamt in Ungarn ein eher düsteres Bild zeichnet. Auch hier blicken wir erwartungsvoll in Richtung der bayerischen Alpen, da der Freistaat mit seinen bildungspolitischen Instrumenten unterstützend wirken könnte, etwa durch Lehrkräfteentsendungen (eigentlich angesichts des Lehrkräftemangels in Deutschland ein eher problematischer Ansatz), gezielte Praktikums- und Weiterbildungsprogramme für bayerische und ungarndeutsche Lehrkräfte sowie Studenten, vica versa, aber auch der Einbau der Vertreibung der ostmitteleuropäischen Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie des Themas der in unserer Region weiterhin lebenden auslandsdeutschen Gemeinschaften in die bayerischen Lehrpläne tauchten bei unseren gemeinsamen Nachdenken auf, orientiert an ungarischen nationalpolitischen Vorbildern im Umgang mit den Auslandsungarn.
Nichtsdestotrotz kann man die ungarisch-bayerische Fantasie auch jenseits der minderheitenpolitisch relevanten Politikfelder frei entfalten. „Revere the local!”/ „Verehre das Lokale, das Heimische”– Eine solche Marschrichtung ist etwa das Bestreben zur Erhaltung der Bevölkerung im ländlichen Raum Ungarns, das auch im Wahlprogramm der neuen ungarischen Regierungspartei als wichtige Zielsetzung verankert ist. ie allgemein bekannt ist, gelang es Bayern in diesem Bereich im Zuge seines wirtschaftlichen und modernisierungsbedingten Booms, sichtbare Erfolge aufzeigen zu können: Durch das Zusammenspiel verschiedener Sektoren (Landwirtschaft, Industrie, neue IT- und Hochtechnologiebranchen sowie Bildung) haben mittelgroße und kleine Städte sowie Dörfer in Bayern Zukunftsperspektiven, anstatt – wie in Ostungarn – schrittweise Entvölkerungtendenz erleiden zu müssen. Mithilfe der Bevorzugung heimischer bayerischer Produkte und die damit verbundenen kurzen Lieferketten haben Mittelständler und Arbeitnehmer die Chance, im lokalen bzw. bayerischen Markt zu bleiben und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Hier lässt sich ein erfolgreiches bayerisches Rezept erkennen, in dem Heimatliebe und Lokalismus auf Modernität und Innovation treffen und das sowohl für Ungarn als auch für ungarndeutsche Landwirte, lokale Produzenten und Unternehmen ein nachahmenswertes Beispiel liefern kann (wo innerhalb des Bundeslandes diesbezüglich ebenfalls regionale Unterschiede zu merken sind, etwa in der ungleichen wirtschaftlichen Dichotomie zwischen Oberbayern und (Nord)ostbayern). Bei der Weitergabe von den besten Praktiken und deren Übertragung auf ungarische Verhältnisse könnte ein erweitertes Städtepartnerschaftsnetzwerk als Vermittler auftreten, wo auch eine fachpolitische Wissensvermittlung zwischen den Ministerien durchaus förderlich sein könnte.
Wenn es um Bayern geht, ist der Katholizismus als Faktor unvermeidlich. Unbestreitbar befindet sich die katholische Kirche und der Glaube in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sowohl in Deutschland als auch in Ungarn in einem fortgeschrittenen Rückzug, ein Phänomen, das auf mehrere Ursachen zurückzuführen ist. Dennoch bleibt der bayerische katholische Charakter weiterhin identitätsstiftend und aus historischen und regionalen Gründen innerhalb Deutschlands nahezu eine Art Zitadelle mit ausgeprägten Strukturen und einer starken gesellschaftlichen Verankerung. Demgegenüber ist uns die Situation in Ungarn und insbesondere der ungarndeutschen Gemeinschaft in diesem Bereich bekannt: Zwar versuchen edle Initiativen, die deutsche Sprache in unseren Kirchen, bei den Messen, Beichten und Kreuzwegen lebendig zu halten, doch für weitere Entwicklungsschritte wäre eine deutsche (bayerische) und österreichische Unterstützung unerlässlich, wie mit gegenseitigen Priesterausentsendungen, sprachlichen Aus- und Weiterbildungen, der Verbreitung deutschsprachiger Gebetsbücher und noch ferner durch die Einbindung des multidimensionalen bayerischen Gemeindelebens in den Dienst einer ungarndeutschen gemeinschaftlich-sprachlichen und religiösen Renaissance.
Von der anderen Seite des „Geben und Nehmen” gesehen stellt sich die Frage, was wir, Ungarn und Ungarndeutsche, Bayern anbieten können. Die Antwort lautet einerseits, dass wir bereits etwas beigetragen haben: Hunderttausende unserer Landsleute leben im süddeutschen Freistaat und suchen dort ihr Glück. In Gesprächen mit bayerischen Lokalpolitikern und Bürgermeistern wird deutlich, dass diese ungarisch-ungarndeutschen Kompatrioten als äußerst wertvolle und geschätzte Arbeitskräfte gelten, und dass auch das ostmitteleuropäische deutsche Potenzial für Süddeutschland in diesem Zusammenhang wahrgenommen wird. Eine künftige Aufgabe wäre es, diese Gruppen gezielt anzusprechen, damit ihre Fleiß, Wissen und Erfahrungen beiden Ländern zugutekommen können- sowohl für in Ungarn ansässige bayerische Unternehmen als auch für zurückkehrende ungarische und ungarndeutsche Arbeitnehmer hierzulande.
Wie weiter auf den geebneten Bahnen im Interesse der Ungarndeutschen und Ungarns? Vielleicht galt bei Dr. Faustus am Anfang die Tat, bei uns jedoch das Wort und die notwendige Aneignung von Wissen vor dem Handeln. Neben den Alpenbergen müssen auch unsere Vorstellungskraft und unternehmerischer Geist in Zukunft in den Wehen liegen, damit aus den wohlklingenden Versprechen Ergebnisse entstehen und nicht nur kleine Mäuschen. Nun gilt es, die bisherige gemeinsame Ideenbörse Schritt für Schritt, geschickt und nachhaltig in greifbare Verwirklichung zu überführen. Nach dem gegenseitigen Zusammenfinden genießt die Informationssammlung Priorität, was ungarndeutsch-bayerische Präsentationen, Konferenzen und hoffentlich auch einen umfangreichen Studienband über das Ungarndeutschtum umfassen wird. Die Ärmel sind aber auf jeden Fall hochgekrempelt.
Bild: Tim Reckmann / https://www.ccnull.