Mit Herzblut

Ungarndeutscher Regisseur startet und dokumentiert sein eigenes Dorferneuerungsprojekt in der Tolnau

 ’Élet.Érzés.Kalaznó” (Leben(s).Gefühl.Gallaß) ist ein Videoblogformat des Regisseurs Norbert Pálinkás, das den Wiederaufbau zweier schwäbischer Bauernhäuser in der Tolnauer Gemeinde Gallaß/Kalaznó zeigt. Das Sonntagsblatt sprach Ende letzten Jahres mit dem Projektmanager über dieses ungewöhnliche, medial inszenierte Projekt.

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SB: Norbert, im Sommer 2019 hast du in Gallaß ein baufälliges schwäbisches Langhaus erworben, das du mit Familie und Helfern erneuerst – wie steht es um das Projekt?

NP: Zum Zeitpunkt des Kaufs zeigte sich der einst so schöne schwäbische Bauernhof nicht von seiner schönsten Seite. Ein Jahr zuvor war ein 16 Meter langer Abschnitt der Rückwand des Wohnhauses eingestürzt, wodurch die Decke an mehreren Stellen riss. Die westliche Ecke des Kreuzgebäudes, an der sich einst ein mit der Scheune verbundener Heuboden befand, wurde vor etwa 20 Jahren abgerissen. Die Scheune, zu der auch Fachwerkelemente gehören und die einstöckige Maisscheune hielt nur noch der Heilige Geist zusammen oder irgendein physisches Wunder. Seitdem wurde alles wieder aufgebaut dabei die gesamte Fassade des Wohngebäudes. Dazu kamen die Erneuerung des Putzes, der Verzierungen sowie die Tünche des „Totentors“ und der Fenster.

 

SB: Du erwähnst in einer der Folgen, dass du einen Teil deiner Kindheit in Gallaß verbracht hast, ganz genau bei deinem Onkel – inwiefern hat sich das Dorf seitdem verändert?

NP: Ich würde lieber sagen, dass wir als Kind oft hierher kamen, um meine Familie zu besuchen, da mein Onkel väterlicherseits, „Bruder Emmerich (Imre)“ und seine Familie hier in Gallaß lebten. Leider sind seitdem viele Häuser verschwunden und die Bevölkerung ist zurückgegangen. Heute sind wir kaum noch 100. Doch die alte Dorfstruktur, deren Grundsteine ​​die 1722 angesiedelten Schwaben legten, lässt sich auch heute noch wunderbar ablesen, ebenso wie viele der erhaltenen schönen alten Gebäude, die zwei Jahrhunderte heimischer deutscher Baukultur wunderbar darstellen – vom Fachwerk bis hin zu den bürgerlichen „Amerika“-Häusern (Häuser, die aus den USA heimgekehrte Auswanderer bauten, Red.).

SB: In dem einen Facebook-Post sprichst du von deinen (mütterlicherseits) schwäbischen Wurzeln – würdest du uns das näher erläutern?

NP: Ich bin in Tschatali/Csátalja aufgewachsen, einem Dorf in der Batschka, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine rein deutsche Siedlung war. Mütterlicherseits heißen meine Vorfahren Spaltenberger und Kribman, mein Großvater sprach also Schwäbisch auf muttersprachlichem Niveau und meine Mutter unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung Deutsch an der örtlichen Nationalitätengrundschule.

SB: Du hast dich vor fünf Jahren in das Bauernhaus in Gallaß verliebt und seitdem kann die breite Öffentlichkeit deine Arbeit in Gallaß verfolgen. Warum hast du dich dafür entschieden, diesen Prozess im virtuellen Raum darzustellen? Welche Rolle spielte dein Hintergrund als Filmregisseur dabei?

NP:  Natürlich begann diese ganze Video-Blog-Geschichte aufgrund meines Film- und Fernsehhintergrunds. Bevor ich mein Studium begann, erlernte ich den Maurerberuf und arbeitete einige Jahre in dieser Branche. Seitdem erledige ich ständig Bau- und Renovierungsarbeiten für mich und meine Freunde – es ist sozusagen mein Hobby geblieben. Als das „Gallaß-Projekt“ begann, bei dem ich auch mit meinen eigenen Händen an der Renovierung arbeite bzw. das Ganze technisch leite, kam mir die Idee, den Prozess in bewegten Bildern zu präsentieren. Im Videoblog „Élet.Érzés.Kalaznó“ gibt es bereits die neunzigste Folge auf YouTube. Man kann die Rettung eines ehemaligen schwäbischen Hauses – oder genauer gesagt, zwei – von Beginn an verfolgen wie auch unsere anderen Abenteuer in Gallaß.

SB: Seit September läuft „Élet.Érzés.Kalaznó“ auf Spektrum Home weiter. Du hast in den Kommentaren erwähnt, dass du in vier Jahren keinen Heller/Cent mit YouTube-Videos verdient hast. Ich möchte nicht in deiner Tasche herumwühlen, aber ich frage mich trotzdem: Sind die Gebäudesanierung und die Produktion digitaler Inhalte heutzutage so teuer oder verfolgst du mit dieser professionellen Zusammenarbeit ein anderes Ziel?

NP: Gebäudesanierung ist heutzutage ein sehr teures Geschäft. Sowohl für die Baustoffe als auch für die Arbeitskosten muss man Mondpreise bezahlen. Glücklicherweise kann ich vieles selbst machen und dieses Genre – die Renovierung alter Häuser mit traditionellen Materialien und traditionellen Technologien – ist viel günstiger als das Bauen mit modernen Baumaterialien. Ich habe zwei Ziele mit der Content-Produktion. Das eine ist eine Art Mission: zu zeigen, dass es mit diesen traditionellen Technologien – mit 100 Jahre alten Ziegeln, Fliesen und Balken aus lokalen oder nahegelegenen schwäbischen Häusern, die oft eingestürzt sind und abgerissen wurden – möglich ist, moderne, komfortable Häuser für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts zu bauen und zu renovieren – um Größenordnungen günstiger als das, was uns die heutige Bauindustrie aufzwingen will.

Das andere Ziel besteht darin, ein wenig Werbung für das Dorf und die Region Tolnauer Talboden-Bergrücken zu machen, die ein wunderschöner zu Unrecht unbekannter Winkel des Landes ist. Wir werden unser größeres Bauernhaus in ein Gästehaus umbauen und dort zeigen, wie ein traditionelles schwäbisches Bauernhaus unter den heutigen Bedingungen funktionieren kann. Die Produktion digitaler Inhalte ist nicht finanziell belastend, eher zeitaufwändig. Ich habe zwar alle technischen Hilfsmittel dafür, schaffe es aber alleine nicht und mir fehlt im Moment die Hilfe eines Kameramanns, weshalb man in letzter Zeit viel weniger Videos auf unserem Kanal sehen kann. Ich arbeite an einer Lösung der Situation, habe aber bisher keinen Kollegen gefunden, der sich langfristig an der Fortführung des Videoprojekts beteiligen könnte.

SB: Zusätzlich zur Renovierung des Bauernhauses und dem Wiederaufbau des Maisschuppens hast du vor anderthalb Jahren mit der Renovierung (oder vielmehr dem Wiederaufbau) von „Emma Bas‘ Haus“ begonnen, das vielleicht dein Freund Márk kaufen wird: Wer ist (war) Emma Bas und wird das 10-Millionen-Forint-Budget reichen?

NP: Emma Bas (Emma néni) war eine einheimische Frau, die nicht mehr lebte, als ich nach Gallaß kam. Ihr Haus nebenan stand verlassen und verfallen, ich kaufte es von ihren Töchtern und begann dann mit dem Wiederaufbau, indem ich es fast bis auf die Gundmauern auseinandernahm. Natürlich nutzen wir auch hier traditionelle Technologien und Baumaterialien, daher ist dies auch für mich ein Modellprojekt. Schließlich geht es fast darum, ein neues Haus zu bauen. So entstand die Idee zur „10-Millionen-Forint-Herausforderung“: Ist es heute möglich, mit diesem Geld und dieser Philosophie ein Einfamilienhaus zu bauen? Leider nein, diese Traumgrenze haben wir bereits überschritten, um wie viel, das verrate ich nicht. Ich habe auf YouTube einen Ratewettbewerb gestartet, wie viel die Renovierung bis zum Einzug kosten wird. Aber ich kann so viel sagen, dass es immer noch um Größenordnungen günstiger sein wird als das Bauen mit modernen Materialien. Ganz zu schweigen vom ökologischen Fußabdruck, aber das ist eine andere Geschichte!

SB: Du hast lange Zeit im Pilisch gelebt, daher blickst du auf dieses schwäbische Milieu in der Tolnau und Branau (oder was davon noch übrig ist) gewissermaßen als Außenstehender – was hat dich an dieser Umgebung am meisten fasziniert?

NP: Vom schwäbischen Milieu ist in Gallaß leider nur noch wenig übrig geblieben. Ich habe lebhafte Erinnerungen an diese Kultur aus meiner Kindheit, als in Tschatali die Alten noch auf der Straße schwäbisch miteinander sprachen. Von den Frauen habe ich sonntags auf den Klatschbänken vor den Häusern (ich habe auch so eine Bank  -Erbstück von meinen Großeltern) oder von meinem Großvater und seinen Freunden an Winterabenden beim Kartenspielen in der Küche auch ein deutsches Wort gehört. Es gab auch jede Woche eine deutsche Messe. Es war also damals noch etwas aus dieser Welt lebendig. Heute ist dies in Tschatali und hier in Gallaß bereits vollständig verschwunden. Aber die alten Gebäude, die erhaltenen Werkzeuge, Möbel und Textilien sind alle sehr vertraut. Meine Großmutter mütterlicherseits, die inzwischen leider verstorben ist, sagte, als ich ihr von dem Haus erzählte, das ich in Gallaß gekauft hatte: „Nun, mein Sohn, du hast, was du wolltest. Deine ganze Kindheit lang hast du davon geträumt, ein Haus wie deine Vorfahren zu bewirtschaften.“ Es gelingt womöglich. Vielleicht lassen sich bestimmte Elemente des einst hervorragend funktionierenden schwäbischen Selbstversorgungmodells der Bauerfamilien wiederzubeleben.

SB: In dem einen Facebook-Post sieht man Bilder vom Trabert Hof von Gábor Papp (das Sonntagsblatt hat Papps Kleinunternehmen im Beitrag „Wenn sich Wurst und Dienstleistung treffen” vorgestellt, SB 04/2023, Red.) – welche Rolle spielen Neusiedler beim Wachküssen dieser Region?

NP: Ich denke, sie spielen eine wichtige Rolle – wir spielen eine Rolle. Vom Hörensagen weiß ich, dass die Dorfgemeinschaft bei Gábor in Feked noch stärker ist, aber der neue Schwung und neue Ziele, die das Dorf in Bewegung halten, schaden auch dort nicht. Hier in Gallaß hörte die traditionelle Dorfgemeinschaft auf zu existieren – genauer gesagt, sie spaltete sich in drei Teile. Die ursprünglichen Bewohner von Gallaß sind seit 80 Jahren keine Schwaben mehr, sondern Szekler aus der Bukowina, von denen jedoch heute nicht mehr viele übrig sind. Die Menschen, die zuziehen, nutzen ihre Häuser hier oft nur als Feriendomizil, aber sie retten sie zumindest vor der Zerstörung; sie renovieren die Gebäude in der Regel schön. Und der ein oder andere von ihnen nimmt sogar am Dorfleben teil. Die aus dem Ausland zuziehenden Niederländer und Deutschen geben zwar ebenfalls Geld für die Häuser aus – der Respekt vor den Traditionen ist hier bereits höchst umstritten. Man nimmt kaum am Leben der Gemeinschaft teil.

SB: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass deine Aktivitäten in Gallaß nicht bei „Emma Bas‘ Haus“ enden – welche weiteren Pläne hast du für die Zukunft?

NP: Ich habe so viel an Emma Bas‘ Haus gearbeitet, dass ich nicht glaube, dass ich es verkaufen werde. Uns hat dieses Projekt sehr gut gefallen, es ist ein tolles Haus geworden, daher werden wir es lieber als unser Eigenheim nutzen. Es wäre schön, innerhalb von zwei Jahren ein Gästehaus im großen Haus zu eröffnen. Und langsam muss auch die Landwirtschaft in einen höheren Gang geschaltet werden: Es gibt bereits genügend Land für einen Gemüsegarten und Ackerland. Es gibt Weideland, Wald, Nebengebäude, ein Presshaus mit Keller, also alles, was zur Selbstversorgung eines echten schwäbischen Bauernhofes notwendig ist. Er muss nur noch betrieben werden.

SB: Norbert, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der Zukunft!

Das Gespräch führte Richard Guth.

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