Wer kennt in Ungarn Verne Gyula nicht? Man ist doch an Némó Kapitány groß geworden. Oder wurde man in älteren Ausgaben vom Pallas Lexikon nicht wenigstens einmal auf Goethe János Farkas aufmerksam? Ein klassisches Beispiel! Sonst findet man auch in nicht so sehr alten Jahrgängen von Zeitungen zum Beispiel bei Namen wie „Lang“ gleich automatisch ein Apostroph als „Láng“ beigegeben. Auf die von Zeit zu Zeit gar dringend ans Herz gelegte Magyarisierung der als fremd erscheinenden Nachnamen in unserem Land, soll hier gar nicht eingegangen werden.
Aber auch unsere eigenen Vornamen sind hier nicht sicher. Damit unter dem Strich alles stimmt, wird daraus Sprachpolitik gemacht. Bereits haben es eifrige Pfarrer des 19. Jahrhunderts nicht versäumt, uns „ordentlich“ in die Matrikel einzutragen. So findet man Elisabeth als Örzse vermerkt, Theresia als Trézsi aufgeschrieben und so weiter. Auch dann sah man dies als demonstrativ richtig, wenn die Namen in ihren nationalen Varianten europaweit verbreitet gewesen sind, also auf diese Weise keine „fremden Inhalte“ verbreitet haben. Die „Anna“ haben allerdings „Glück“ gehabt.
Berühmte Vertreter von Kultur, Wissenschaft und Kunst des Auslands in der ungarischen Entsprechung ihres Vornamens in die allgemeine Bekanntschaft einzuführen, sollte allerdings eine nachvollziehbare Auswirkung im werten Publikum erzeugen: Dieses fremde Gut sollte nahtlos in ein Gemeineigentum übertragen werden, um dadurch den eigenen Stolz mutig steigern zu können.
Was richtig ist und was falsch, das unterliegt so dem Zeitgeist, wie auch der aus ihm resultierenden Mode. Ob man als Josef sein Leben durchläuft, obwohl man als József in seinen Personalien erfasst ist, das kann ja eigentlich weitgehend Schnuppe sein. Oder auch doch nicht! Die Identität hängt davon in Bruchteilen, jedenfalls aber nicht entscheidend ab.
Alleine stellt es eine für mich kaum nachvollziehbare Abwegigkeit des Gedankenganges dar, wenn in einem Land, in dem es doch bereits seit dem Anbeginn seiner europäischen Staatlichkeit – seit der Landnahme im 10. Jahrhundert – und durch Berührungen und Stammesverbände während des nomadischen Wanderlebens wohl schon sehr viel früher – Volksgruppen und Minderheiten gibt, besonders unter Beweis stellen muss, weshalb man sein Kind, sagen wir, Dušan – und zwar nach dieser Schreibweise – in die Matrikel eingetragen bekommen will? Es spricht doch für sich.
Dass man gesonderte Namenslisten der in Ungarn registrierten Minderheiten handhabt, verstehe ich auch nicht so richtig. Man ist Bürger eines Landes, wo es einem grundrechtlich zusteht, sich zu einer der zugelassenen 13 nationalen Minderheiten in Ungarn zu bekennen. „Abzuweichen“ – sei es in seinem Vornamen – sollte schon alleine bei diesem juristischen Sachverhalt ohne Komplikation einhergehen dürfen.
Stattdessen wird gerade neulich statistisch vermerkt, dass man während des vergangenen Jahres die Vergabe mehrerer Vornamen hätte abzulehnen gehabt, weil sie keine ungarische Entsprechung oder aber keine auf die ersuchte Art eingeführte Schreibweise haben. Einer dieser Vornamen ist „Wolf“ gewesen, wohl wegen dem „W“ am Wortanfang statt „V“ im Ungarischen.
Der andere als Beispiel angeführte Name ist „Freya“ gewesen. Angeblich gäbe es ihn in Ungarn nicht (und dementsprechend sollte es ihn wohl auch nicht geben). Nun aber, -ohne eventuell unsere Ausbürgerung nachträglich noch zu forcieren – sei hier in Klammern gesetzt, dass unsere Tochter bereits 2004 in der Taufe diesen Namen, im Matrikel eingetragen bekam. „Freya“ steht sehr wohl in der zugelassenen Namensliste der in Ungarn beheimateten deutschen Volksgruppe.
Es ist in meinen Augen schade, dass man als Angehöriger einer Minderheit in Ungarn keine als natürlich zu betrachtenden Rechte genießt. Es wird fortwährend an ihnen herumgeschnippelt und herumgefuchtelt. Man stutzt alles zurück, was man jemals auch im Recht zugesprochen bekommen hat. Warum gesteht man uns nicht zu, dass wir trotz eines eventuell „fremd klingenden“ Namens keine „schlechten“ Bürger unserer gemeinsamen Heimat Ungarn sind?