Zu Besuch beim diesjährigen Landestreffen der Familienmusikanten
Am 22. November fällt der erste Schnee auf Waschludt/Városlőd, ein stilles Dorf, verborgen in den Tälern des Bakonyer Waldes. Bekannt ist es vor allem für sein außerordentlich gut erhaltenes ungarndeutsches Heimatmuseum, das regelmäßig von Schulgruppen aus Budapest und Touristen aus Deutschland angesteuert wird. Dort empfängt Onkel Toni, Tóni bácsi, ein alteingesessener Waschludter, die Besucher. Seine Familie wurde 1948 – anders als viele andere ungarndeutsche Familien – nicht vertrieben, weil sie zu wenig Land besaßen, wie er berichtet. Das Heimatmuseum zeugt von dieser wechselhaften Geschichte des Dorfes, das überdies für seine Musikalität berühmt ist. Onkel Toni zeigt Bilder aus dem Jahre 1937, als Waschludt über eine Musikgruppe mit mehr als zwanzig Mitgliedern verfügte, die im ganzen Land bekannt war. Zwischen den Exponaten sticht sodann auch ein prächtiges Instrument besonders hervor: das Zimbal (ung. Cimbalom) des letzten Dorfzimbalspielers, Josef Staub.
Musik ist hier aber kein bloßes Museumsexponat, und das Dorf gar nicht so still, wie es dem ersten Anschein nach wirkt. Das wird an diesem Abend besonders spürbar, als allmählich vereinzeltes Hundegebell von den vollmundigen Klängen der Tubas abgelöst wird: Waschludt ist nämlich dieses Jahr Gastgeber des 16. Treffens der Familienmusikanten, das vom Landesrat der Ungarndeutschen jährlich an wechselnden Orten organisiert wird. Ladislaus (László) Kreisz, Vorsitzender des Landesrates, beschreibt das Treffen poetisch: „Das ist wie ein kleiner Tempel, in den wir hineinschauen dürfen“ – ein intimes und familiäres Ereignis. Vier bis fünf Familien seien ideal, sagt Kreisz, sonst wäre das Programm zu lang, da jede Familie spielt drei bis vier Lieder. Man sitzt am Tisch, ohne Bühne, wie zu Hause. Die zwei Gründungsväter des Treffens – Josef Baling József und Johann Fódi – hatten einst genau diese Idee: die lebendige Volksmusik der Ungarndeutschen sichtbar zu machen, insbesondere dort, wo sie zu Hause war, in den Familien, in denen sie von Generation an Generation weitergegeben wird. Denn die ungarndeutsche Musiktradition sei keine Angelegenheit einzelner Virtuosen oder professioneller Orchester. Vielmehr sei Musik auch Familiensache. Wenn Großeltern mit ihren Kindern und Kindeskindern gemeinsam musizieren, sei das der Ausdruck der musikalischen Identität, der musikalischen Muttersprache der Ungarndeutschen, so Kreisz. Und die Musik sei sowieso „die Grundlage“ unserer Identität, fügt er hinzu. An diesem Abend treten zwar „nur“ vier Familien auf, doch die Spannbreite ist groß: Ältere und jüngere Musiker, Profis und Liebhaber, Akkordeonspieler und Bläser. Vereint sind sie durch die Liebe zur traditionellen schwäbischen Musik.
Den Anfang macht das Wehring-Duo aus Deutschbohl/Bóly, Vater Gabriel (Gábor) und Sohn Matthias (Mátyás). Sie spielen „Heimat o Heimat“, und sofort murmeln und schunkeln einige im Publikum mit. „Frohe Jugend“ folgt, die Stimmung steigt, der Applaus ist groß, wie nach jeder Darbietung an diesem Abend. Der junge Germanistikstudent Matthias erzählt, dass ihn das Akkordeon schon als Kind fasziniert habe. In Bohl konnte er die Musikschule besuchen, wo er nach eigenem Bekunden auch schwäbische Lieder kennen lernen konnte. Die Familie seines Vaters ist ungarndeutsch, schwäbisch habe er als Kind noch mit Urgroßvater und Großmutter gesprochen, heute nicht mehr; dafür lernt(e) er Hochdeutsch in Schule und Universität. „Unsere schwäbische Identität wird eher durch Musik und Kultur ausgefüllt, statt durch Sprache.“ Das gehe auch relativ leicht, wie er beteuert, denn eine Eigenheit der ungarndeutschen Musik sei, dass sie nicht schwer zu erlernen sei. Inzwischen musiziere er seit zwölf Jahren, seinen Vater Gabriel habe er vor sechs Jahren mit an Bord ziehen können. „Vater hat angefangen, weil ein ungenutztes Akkordeon zu Hause rumstand“, sagt Matthias schmunzelnd. „So wurde das Musizieren unser gemeinsames Programm.“ Drei- bis viermal pro Woche üben Vater und Sohn zusammen, mittlerweile treten sie auch in der Gegend um Bohl etwa im Rahmen von Familienfesten auf, so die beiden.
Es folgen die Familien Hermann und Galambosi aus Seetsche/Dunaszekcső. Schon die Urgroßväter musiziert. Großvater Josef (József) Hermann erzählt, wie sein eigener Vater perfekt Deutsch gesprochen habe – und zwar nicht nur Mundart, sondern auch Hochdeutsch, das er in der Kriegsgefangenschaft erlernt habe. Die Sprache sei in der Familie nicht nachhaltig weitergegeben worden, aber die Musik schon, über Jahrzehnte hinweg. Mitte der 2000er gründeten Vater und Sohn schließlich zu zweit eine kleine Kammermusikgruppe, dann kam die Idee, dass auch die Kinder und Enkelkinder mitmachen sollten, so die Gesprächspartner. Die hätten zunächst nur zugehört – bis sie irgendwann selbst mitspielten: „Unsere Vorfahren haben es uns vorgemacht. Wir wollen diese Tradition fortführen, in vierter Generation“, sagt Josefs Enkelin stolz. Vor zwei Jahren kam schließlich noch die Familie Galambosi hinzu. Beim damaligen Familienmusikertreffen des Landesrates wollten sie zeigen, „dass wir in Seetsche nicht allein sind, dass mehrere Familien in unserem Ort diese Tradition weitergeben“. So sind sie heute zu fünft hier.
Der dritte Auftritt des Abends gehört der Familie Bauernhuber aus dem benachbarten Herend, die wiederum eine ganz andere Facette einbringen. Die Bauernhubers musizieren schon seit 25 Jahren, treten an vielen Orten auf, sind durch und durch professionelle Musiker. Und nicht nur das, denn Vater Josef (József) und seine Söhne Andreas (Andor) und Ákos sind auch noch nebenbei leidenschaftliche Hobby-Ethnographen. Sie sammeln schwäbische Lieder, bevor diese für immer vergessen und verschollen sind. Einige spielen sie auch heute vor. Angefangen habe ihre Musikerkarriere dabei eigentlich ganz unspektakulär – in der Familie: „Unser Vater hat schon seine eigene Musikgruppe gehabt, wir sind sozusagen einfach direkt hineingewachsen.“ Auf der Musikschule in Herend konnten sie dann die Vielzahl von Instrumenten kennen lernen, die sie zu Hause in der Familie dann auf Schwäbisch zum Erklingen gebracht hätten. „Unsere schwäbische Identität besteht zu einem großen Teil aus der Musik. Davon haben wir einfach am meisten mitbekommen“, meint Ákos.
Zum Schluss treten Gabriel (Gábor) Pappert und seine zwölfjährige Tochter Anna auf. Die Familie stammt aus Salka/Szálka, „Donauschwaben seit 250 Jahren“ wie Gabriel feststellt. In Gabriels Kindheit sei im Auto seines Vaters immer schwäbische Musik gelaufen, die deutsche Sprache habe er dagegen nur schwer erlernt. Mit zwölf begann er nach eigenen Angaben zu musizieren, zwar spät, wie er meint, aber dafür umso leidenschaftlicher. Er habe es auch mit madjarischer Musik versucht, aber Freunde hätten immer gemeint, dass er sich lieber auf die schwäbische Musik konzentrieren solle, die liege ihm eher im Blut. Er tanzte und sang, nun begleitet er die professionelle Chor- und Tanzgruppe in Salka, seit nunmehr 30 Jahren, so Pappert. Doch die instrumentelle Musik ließ er nach eigenem Bekunden dabei schleifen. Das habe sich erst durch seine Tochter Anna geändert. Sie wollte wohl mit sechs Jahren ein Instrument lernen – und zwar das Akkordeon. „Warum denn gerade Akkordeon? Das ist teuer!“, habe er sie gefragt. „Damit du nicht allein auf der Bühne bist, Papa.“ Seitdem spiele auch Gabriel wieder regelmäßig Akkordeon, was er damit Anna zu verdanken habe. Anna liebe klassische Musik, besonders Bach, und lerne die Stücke mit Leichtigkeit. Gleichzeitig liebe sie die schwäbische Musik. Kein Wunder, sagt ihr Vater, dass sie in der Schule Deutsch viel leichter lerne als Englisch. Schon mit acht Jahren sei sie bei der ungarndeutschen Gala in Fünfkirchen auf der Bühne vor einem riesigen Publikum gestanden. „Hab‘ keine Angst!“, soll sie ihr Vater beruhigt haben. Und sie habe großartig gespielt – „Papa, das Publikum war doch gar nicht so riesig!“, habe sie bescheiden im Nachhinein gesagt. Wie stolz Gabriel auf seine Tochter ist, kann er gar nicht genug betonen: „In ihrem Licht bade ich, und verberge mich in ihrem Schatten“.
Ein Satz, der nicht nur etwas über ihre Auftritte, sondern auch etwas über das Verhältnis zwischen den Generationen der ungarndeutschen Musiker verrät: Während die Jüngeren weitertragen, was die Älteren ihnen mitgeben, finden die Älteren neuen Glanz in der Begeisterung der Kinder. Auf ihren nächsten Auftritt freuen sich beide bereits: auf das „Landestreffen der Musiker mit traditionellen Instrumenten“ am 15. Mai 2026. „Das müssen Sie unbedingt erwähnen!“, rief Gabriel mir zum Abschied noch nach.
Als der Abend endet, der Schnee in Waschludt immer noch rieselt und der Bus nach Wesprim kaum von der Stelle kommt, fällt mir der tschechische Spruch „Co Čech, to muzikant“ ein. Auf die Unsrigen angewendet: „Jeder Ungarndeutsche ein Musikant“. Da ist mehr als eine Prise Wahrheit drin. Und dazu zählen natürlich auch die Zuhörer, die mit ihrer Begeisterung ihren kleinen Beitrag liefern, die Familienmusik lebendig zu halten.