Großinterview mit NZ-Chefredakteur Johann Schuth, der dieses Jahr die Ehrengabe des Donauschwäbischen Kulturpreises erhielt
SB: Johann, du hast vor kurzem die Ehrengabe des Donauschwäbischen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg erhalten. Was genau wurde prämiert?
JS: Puh, es gab eine lange Laudatio… Eigentlich meine 55-jährige Tätigkeit im Dienste der Ungarndeutschen bei der Neuen Zeitung, beim Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUdAK), bei der Gründung der Jugendorganisation GJU und auch meine minderheitenpolitische Tätigkeit im Verband, bei der Landesselbstverwaltung, bei der Budapester Selbstverwaltung, bei der lokalen Selbstverwaltung … Also ich hatte ein ziemlich vielfältiges Feld beackert in diesen 55 Jahren.
SB: Wie du ja auch erwähnt hast, bist du seit Jahrzehnten eine – wenn man es so formulieren kann – bestimmende Persönlichkeit der ungarndeutschen Kultur- und Medienszene. Gab es und wenn ja, welche waren die Schlüsselmomente, an die du dich gerne zurückerinnerst?
JS: Es war immer eine aufregende Zeit. Ein Schlüsselmoment war, als ich für meine studentische Diplomarbeit 800 Fragen zum Mundartatlas in Willand/Villány bei einem Landsmann abgefragt und dabei Mundartausdrücke gesammelt habe – ich war sehr gut befreundet mit diesem Gewährsmann. Ich bin im September ’70 in die Zeitung eingetreten und zu Weihnachten kam der besagte Mann zu meiner Mutter und brachte eine Seite Speck mit den Worten, „das ist für János, der schreibt jetzt für uns”. Das war ein Schlüsselmoment, das mich bis heute begleitet: nämlich, dass ich für die Ungarndeutschen schreibe, redigiere, Bücher herausgebe und überhaupt mich für die Belange der Ungarndeutschen einsetze.
SB: Der VUdAK gehört zu einem deiner Betätigungsfelder – wie aktiv ist dieser Verein heute? Hat sich die ungarndeutsche Kulturszene in den letzten Jahren verändert?
JS: Die Literatursektion gibt es schon seit ’72 – damals beim Demokratischen Verband der Deutschen in Ungarn. Ich war deren erster Vorsitzender. Dann wurde auch eine Sektion für Bildende Künstler gegründet – zehn Jahre später – und die beiden haben sich dann vereinigt zu VudAK. Ich glaube, dass es eine Bereicherung des ungarndeutschen Kulturlebens ist, dass Literatur und Bildende Kunst Hand in Hand gehen und gemeinsame Veranstaltungen machen: Zum Beispiel fand das diesjährige dreitägige Treffen von VUdAK im Lenau Haus statt. Dabei gibt es immer eine Ausstellung, diesmal die Quadriga mit vier Damen, also vier Künstlerinnen. Auch die anwesenden Autoren haben aus ihren Werken gelesen. Vor der Veranstaltung waren die Autorinnen und Autoren im Valeria-Koch-Bildungszentrum zu Gast und haben auch dort gelesen – also zusätzliche Aktivitäten rund um das Event. Das versuchen wir immer wieder bei unseren gemeinsamen Veranstaltungen. Jetzt seit über 30 Jahren! Es finden immer wieder Ausstellungen statt – sei es hier oder im Ausland, bei den Minderheiten in Rumänien oder im deutschsprachigen Raum oder in Belgien. Dann machen wir mal eine Finissage mit Autorenlesungen und das kommt sehr gut an. Ich glaube schon, dass die Literatur bekannt geworden ist – Josef Michaelis, Robert Becker und Christina Arnold sind Maturathesen (Themen in der Abiturprüfung, Red.) geworden und haben auf diese Weise Eingang gefunden in den Schulunterricht. Jetzt haben wir eine Wanderausstellung mit acht Rollups, auf denen 25 ungarndeutsche Künstler dargestellt sind. Die werden dann in Schulen gebracht, und bei Projektagen können sich Schüler und Lehrer damit beschäftigen. Das ist umso wichtiger, denn leider wurde der Kunstunterricht praktisch abgeschafft (wozu auch?) und deswegen ist es sehr wichtig, dass nicht nur Literatur, sondern auch Kunst den Kindern nahegebracht wird. Also ich glaube schon, dass das Kulturleben so reicher geworden ist. Man versucht auch, das sehe ich zum Beispiel beim Landesrat, dass sie großen Wert auf Qualifikation legen sowie auf die Vorbereitung der Tanzlehrer und Chorleiter – auf ihre Arbeit, aber vor allem darauf, was Authentisches zu vermitteln und auf die Bühne zu bringen.
SB: Seit 33 Jahren bist du Chefredakteur der Neuen Zeitung, aber – wie du gesagt hast – seit 55 Jahren mit dem Wochenblatt verbunden – damit hast du die reife und untergehende Kádár-Ära, aber auch die Wende- und Nachwendezeit als Journalist erlebt. Welche Erfahrungen hast du in den 55 Jahren gesammelt?
JS: Sehr gute, es hat mir immer viel Spaß gemacht. Ich bin relativ schnell – gleich ’72 Kulturredakteur geworden. Mária Ember war vor mir die Kulturredakteurin. Als sie weggegangen ist, habe ich das übernehmen dürfen, obzwar ich damals die Journalistenschule noch gar nicht zu Ende studiert habe. Dann war ich drei Jahre lang, von ’76 bis ’79, in Fünfkirchen selbsternannter Korrespondent der Neuen Zeitung. Da habe ich mit den Kollegen vom Rundfunk zusammenarbeiten können und erlebt, wie Unser Bildschirm gegründet wurde. Auch mit Johann Wolfart habe ich ausgezeichnet zusammengearbeitet – übrigens auch mit den kroatischen und ungarischen Kollegen dort beim Fünfkirchner Rundfunk. Das hat mich sehr geprägt, denn bei der Neuen Zeitung habe ich – was man ehrlich eingestehen muss – nur mit Géza Hambuch Deutsch geredet, die anderen haben alle Ungarisch geredet. Und auch mit unseren Interviewpartnern haben wir damals eigentlich meistens Ungarisch geredet. In Fünfkirchen war das anders. Also da war dieser tagtägliche Kontakt. Da musste man die Gespräche auf Tonband aufnehmen und dann mussten wir halt Deutsch reden, was mir auch Spaß gemacht hat. So lernte ich tatsächlich die gesprochene Sprache kennen – auch die Mundart, die ich zwar nicht spreche, aber verstehe.
SB: Welche Mundart genau meinst du?
JS: Das Willanderische ist zwar eine fränkische Mundart, aber es gibt dort eine Mischmundart – es gab Geflüchtete aus Serbien und Kroatien, die vor Titos Partisanen geflohen sind. Die eigentlichen Willander sind ’44 geflüchtet, die meisten wurden dann vertrieben, so dass kaum echte Willander geblieben sind. In meiner Familie wurde Hochdeutsch geredet, das war eine Bürgerfamilie. Mein Urgroßvater kam aus Deutschland – aus Rauenthal ganz genau -, er war Weingroßhändler. Da waren etwa 30-35 Weingroßhändler-Familien, die ständig zusammenkamen. Sie kamen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland und die Verkehrssprache war Deutsch. Mein Vater hat mir die deutsche Sprache beigebracht, so dass ich sagen kann, dass meine Muttersprache Ungarisch, meine Vatersprache Deutsch ist.
SB: Wenn man sich jetzt auf die vergangenen 33 Jahre fokussiert, welche Veränderungen gab es, die die redaktionelle Arbeit maßgeblich beeinflusst haben?
JS: Das Erste, dass die Redaktion geschrumpft ist – wir waren 13-14 Mitarbeiter, jetzt sind wir sechs Mitarbeiter, das ist schon ein Einschnitt. Zu den Finanzen: Bis 2010 waren wir bei einem Regierungsverlag und da mussten wir uns keine Sorgen machen, bis der Verlag gesagt hat – dem eine slowakische und eine deutsche Zeitung gehörten -, dass wir eigene Wege gehen müssten. 1992 haben wir die Neue-Zeitung-Stiftung gegründet – wohlahnend, dass wir früher oder später selbstständig sein müssten und das ist auch eingetreten. Wir haben da Kapital gesammelt: Das Wichtigste war der Kulturpreis des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA). Die Neue Zeitung hat weltweit als Erste zusammen mit der Brasilpost diesen Kulturpreis irgendwann in den neunziger Jahren erhalten – das waren immerhin 20.000 DM (heutiger kaufkraftäquivalenter Wert etwa 17.000 Euro, 6,5 Millionen Forint, Red.), also ziemlich viel Geld. Die Hälfte haben wir dann in die Neue-Zeitung-Stiftung gesteckt und das kam dann sehr gut, als wir in die Unabhängigkeit entlassen wurden.
Damals (2010, Red.) war gerade der Regierungswechsel: FIDESZ hat die Regierungsmacht übernommen und das alte Finanzierungsmodell wurde abgeschafft. Sie haben nach zehn Monaten, als unsere Quellen ziemlich versiegt waren, gewissermaßen in letzter Minute, die jetzt geltende Regelung eingeführt: eine feste Summe über die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Das ist eine gute Regelung, weil man weiß, damit kannst du rechnen, und man muss nicht wie früher jedes Jahr einen Antrag einreichen und dann darauf warten, ob er genehmigt und wie viel genehmigt wird. Die Neue-Zeitung-Stiftung hatte sowieso das Eigentumsrecht über die Neue Zeitung und wir haben es ziemlich problemlos geschafft, die Neue Zeitung weiter herauszugeben.
Das war ein wesentlicher Einschnitt! Noch wesentlicher war die redaktionelle Freiheit, dass man nicht darauf warten musste, so von oben immer wieder ermahnt zu werden. Also wie: „Warum ist dieses Bild mit Kreuz erschienen?” und solche blödsinnige Anmerkungen – also die redaktionelle Freiheit war schon sehr wichtig. Es gab damals eine sehr turbulente Zeit bei den Ungarndeutschen – in den neunziger Jahren, bis die Landesselbstverwaltung gewählt wurde. Eine interessante Zeit und das haben wir auch versucht, in der Neuen Zeitung wiederzugeben.
SB: Das Flaggschiff der Neuen Zeitung ist weiterhin das Printprodukt, das von vielen gelesen und geschätzt wird – so die Rückmeldungen. Gibt es Pläne, die Onlinepräsenz auszubauen?
JS: Es ist schwierig, weil: Das schmälert dann den Verkauf der Auflage. Es gab mal ein Informationsministerium und das hat uns Computer beschert – mit der Auflage, dass wir die Zeitung dann ein Jahr lang online stellen müssen. Das hat dazu geführt, dass der Verkauf ziemlich eingebrochen ist. Und auch sonst sehen wir, wenn zum Beispiel die Neue Zeitung per E-Mail als PDF-Datei verschickt wird – vor allem nach Deutschland -, dass trotz Bitten, die PDF-Datei nicht weiterzugeben, es gemacht wird. Das kann man nicht unterbinden, aber die Frage ist, was der Gewinn und was der Verlust ist!? Im Moment versuchen wir nur so präsent zu sein, dass gewisse Inhalte hochgeladen werden beziehungsweise haben wir bis 2000 praktisch alles digitalisiert. Diese Digitalisierung umfasst „Das Freie Leben”- also die Vorgängerin von ’54 bis ’56 – dann die Neue Zeitung von ’57 bis 2000 und den Deutschen Kalender von ’57 bis 2000 sowie auch manche Publikationen, die in den siebziger, achtziger Jahren erschienen sind. Diese Publikationen sind auf www.arcanum.hu nachzulesen. Das ist zwar eine Bezahlseite, aber die Rückmeldungen sind stets positiv. Ich kann nicht recherchieren, wer was ’79 oder ’83 geschrieben hat, deshalb verweise ich immer auf Arcanum, denn dort kann man nach Namen, nach Gemeinden und nach Fotos suchen.
SB: Du hast ja erwähnt, dass du in Willand aufgegewachsen bist – in einer Familie, die man als bürgerlich bezeichnen kann -, was doch einen Unterschied darstellt zu der Mehrzahl der Ungarndeutschen, die einen bäuerlichen Hintergrund haben. Ich beziehe mich jetzt nicht nur auf Willand, sondern auch auf das Umland: Wie hast du diese kleine (deutsche) Welt der Fünfziger- und Sechzigerjahre erlebt?
JS: Es war ein sehr schöner Ort, ein Weinort. Mein Vater war Arzt, jeder kannte ihn. Und er war nicht nur Hausarzt, sondern auch Zahnarzt, so dass aus der ganzen Umgebung Leute zu ihm gekommen sind. Er war Schulzahnarzt noch dazu: Er hat an 16 Schulen die Zähne der Schüler gepflegt, zusammen mit meiner Mutter. Zum Beispiel Otto Heineks Zähne hat er in Ordnung gebracht. Mein Neffe, Dr. Gábor Schuth, war bei einem internationalen Kongress irgendwo und jemand aus Amerika kam auf ihn zu und hat gefragt, ob Heinrich Schuth mit ihm verwandt sei. Mein Vater hat ihm nämlich einen Zahn repariert. Also seine „Produkte“ sind heute noch weltweit zu sehen. Er war ein ausgezeichneter Arzt, der mit seinen deutschen Patienten deutsch, mit den Ungarn ungarisch sprach. Ich hatte in der Schule Deutschunterricht, in der Kirche wurden deutsche Messen gehalten und deutsch gepredigt, das gehörte dazu. Sebastian Elm war der Pfarrer, die große Messe um 10 Uhr war die deutsche Messe, die wir allerdings nicht besucht haben, denn wir waren immer bei der Frühmesse um 8:00 Uhr, das war dann ungarisch. An Festtagen war alles zweisprachig, zweisprachige Predigt, Evangelium, Lesung, und der Chor hat natürlich deutsch gesungen. Man hörte die Leute nach der Messe sich in der Mundart unterhalten, das war einfach selbstverständlich.
Wir hatten eine Parlamentsabgeordnete, irgendein LPG-Mitglied, eine Frau, deren Namen weiß ich nicht mehr – früher war ja Jakob Bleyer der Parlamentsabgeordnete von Willand. Und hier war auch der Volksbund ziemlich stark. Aus diesem Grunde war auch die Retorsion entsprechend, viele flüchteten eben und viele wurden vertrieben. Im Ort stand auch eine serbische Kirche, die serbische Schule funktionierte aber da nicht mehr. Die Kirche auch selten, da es in Willand nur fünf Familien gab. Fast alle haben nach dem Ersten Weltkrieg optiert und sich nach Jugoslawien übersiedelt. Und da waren die Ruinen der jüdischen Schule und eine Synagoge, die war noch intakt, aber sie wurde dann verkauft an einen Ungarndeutschen, der das Haus dann wieder errichtet hat. Und wir haben dort noch in den Ruinen geraucht und gespielt. Also das war ein ziemlich interessantes Miteinander und Zusammenleben, das mich geprägt hat.
SB: Du hast ja vorhin erwähnt, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung geflohen beziehungsweise vertrieben worden sei und an ihre Stelle Jugoslawiendeutsche gekommen seien…
JS: Ja, trotzdem blieb der Ort zur Hälfte deutsch, weil viele Deutsche aus Kroatien geflohen sind, aus der Unteren Branau. Die waren auch selbstbewusster als die Ungarndeutschen, das muss man wohl sagen. Dann zogen auch aus den kleinen, umliegenden Dörfern wie Jakfall/Kisjakabfa oder Gowisch/Villánykövesd Ungarndeutsche nach Willand, die sowieso ihre Kinder in die Schule schicken mussten – die wurde so eine zentrale Schule, die kleinen Dörfer hatten dann keine Schule mehr. Also deswegen ist in Willand doch ein ziemlich starkes Ungarndeutschtum entstanden, mit Kulturverein und zweisprachigem Unterricht: Josef Michaelis aus Schomberg/Somberek unterrichtete dort Deutsch und Geschichte und war stellvertretender Schuldirektor. Elisabeth Troszt war auch Deutschlehrerin dort, die heute noch Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung ist und sehr viel tut. Zum Beispiel hat sie nun die ehemaligen deutschen Gassennamen offiziell anbringen lassen. Unsere Straße hieß im Volksmund früher Schuth-Gasse, weil mein Urgroßvater zwei Häuser dort gehabt hat.
SB: Du hast dann studienbedingt Willand verlassen und warst mit großstädtischen Milieus konfrontiert. Das war für viele Schwabenkinder vom Lande durchaus eine Zäsur. War das auch für dich eine Zeitenwende?
JS: Eigentlich nicht, denn eine Zäsur gab es schon vorher: Mein Vater wollte eigentlich, dass ich am Leőwey-Gymnasium in Fünfkirchen weiterlerne, aber meine Mutter ging ins Lajos-Nagy-Gymnasium und ließ mich in die Lateinklasse einschreiben. Also, ich habe Latein gelernt, bei der Frau von Béla Szende. Das habe ich auch nicht bereut, aber als ich meinem Vater erzählt habe, dass ich Geschichte studieren möchte – wir hatten einen ausgezeichneten Geschichtslehrer –, da hat er gesagt, dass ich auch etwas Vernünftiges studieren soll: Deutsch. Bloß, ich habe am Gymnasium nicht Deutsch gelernt, also musste ich alle Klassenprüfungen nachholen und auch die Matura dann in Deutsch ablegen. So schaffte ich die Aufnahmeprüfung an der ELTE und studierte Germanistik und Geschichte. Ich habe mich in Budapest ganz wohl gefühlt, ehrlich gesagt, ich war im Eötvös-Collegium. Damals begann man den alten Ruhm wieder aufzubauen als Fachkollegium. Da durften wir uns im zweiten Studienjahr bewerben, wenn man gute Noten hatte, dann konnte man dort Mitglied werden. Das ging damit einher, dass man eine zusätzliche Fremdsprache lernen und ein Fachseminar zusätzlich besuchen musste. Man durfte in diese herrliche Bibliothek in der Ménesi út einfach hineingehen – also zu den Büchern direkt und dort arbeiten. Das war eine wunderbare Atmosphäre – sehr inspirierend. Wir waren zu dritt in einem Zimmer. Der eine Zimmergenosse war János Szabó, der Germanist, der leider verstorben und ein sehr guter Freund geworden ist, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe – auch bei VUdAK. Ich hab mich in der Stadt ziemlich schnell zurechtgefunden. Ich hatte zwei Freundinnen gehabt, mit denen wir die Nächte durchgezecht haben. In den sechziger Jahren war so eine Art Aufbruchzeit – in der Zeit des Prager Frühlings ’68. In Budapest gab es die so genannten „Stripkilenc-Lokale“. Die waren keine richtigen Striptease-Lokale, es blieb immer ein Stück an den Damen hängen. Deshalb nannten wir sie StripKilenc und nicht Striptíz (ein Wortspiel: „kilenc” steht für die Zahl 9, „tíz” für 10 – aufgrund der klanglichen Nähe zum englischen „tease”, Red.). Das waren oft ziemlich furchtbare Vorstellungen: Wir mussten manchmal sehr laut lachen, so dass wir fast rausgeworfen wurden.
Am Fachcollegium war es eine sehr gute Gesellschaft. Es waren fast 100 Germanisten und Geschichtsstudenten und es war sehr interessant mit den unterschiedlichen Professoren: Am Germanistischen Institut waren Prof. Anton Madl, Prof. Claus-Jürgen Hutterer, Prof. Georg Kramer, Prof. Karl Mollay, János Juhász – also lauter großartige Namen, mit denen wir natürlich deutsch reden mussten, nicht nur während der Vorlesungen und Seminare, sondern auch in den Pausen und sonst. Das war selbstverständlich – heute leider nicht mehr. Also das war eine sehr gute Zeit und ich fand mich in der Hauptstadt gut zurecht, auch wenn ich heute noch sage, dass ich ein Willander bin. Ich bin zwar seit ’65 praktisch ein Budapester, aber die Hauptstadt ist mir immer noch ein bisschen fremd.
SB: Es war also die Zeit nicht nur des Beginns der Arbeit für die Neue Zeitung, sondern auch der Beginn des Engagements für den Deutschen Verband…
- Ich habe Wendelin Hambuch zu verdanken, dass ich hier bin. Wir waren nämlich als Studenten eingeladen zur Synchronisierung von Filmen: Das war irgendein SS-Propagandafilm und der Wendelin war dort vom Rundfunk, er hat ja auch ein bisschen zusätzliches Geld verdient und hat mich gefragt – das war schon im letzten Studienjahr -, ob ich ’was vorhabe. Ich habe gesagt, dass ich noch keinen Plan habe. Damals gab es diesen Pflichtunterricht: Ein halbes Jahr musste man Geschichte, ein halbes Jahr Deutsch unterrichten – das hat mir eigentlich Spaß gemacht. Dann hat er sich meine Adresse notiert und einige Wochen später wurde mein Name per Lautsprecher ausgerufen mit der Bitte, dass ich ins Direktorenbüro kommen soll. Géza Hambuch war am Apparat, der gefragt hat, ob ich Lust hätte, bei der Neuen Zeitung zu arbeiten. Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Neue Zeitung gibt, aber wir haben einen Termin vereinbart und ich bin dann hingegangen. Genosse Graber war der Chefredakteur, ein ehemaliger Offizier, der entlassen wurde, weil er ’56 als Kommandant von Stuhlweißenburg nicht auf die Aufständischen schießen wollte. Also das ist ihm zugute zu halten. Ja, aber sonst konnte er nicht Deutsch, aber wurde ernannt, weil er diesen schönen deutschen Namen hatte. György Kertész, der Leiter der Deutschen Rundfunkredaktion in Budapest, der auch für die Neue Zeitung schrieb, konnte Deutsch, aber hatte eben einen ungarischen Namen und war somit ungeeignet. Dann wurde gesagt, ich soll etwas schreiben und ein paar Fotos machen und einreichen. Das wurde akzeptiert und gesagt, ich könne gleich beginnen. Das war noch vor dem Abschluss des Semesters und ich habe gesagt, dass ich noch die letzten Ferien auskosten möchte. So bin ich zum 1. September 1970 in die Redaktion eingetreten.
Tatsächlich hat mich gleich Wild Frici bácsi (Friedrich Wild, Red.), der Generalsekretär des Verbandes, mit einem Auftrag versehen: Ich soll in Paumasch/Pomáz einen Schwabenball eröffnen und das habe ich auch getan. Da war der Humorist Brachfeld Siegfried zu Gast. Siegfried Brachfeld war beim deutschen Rundfunk Budapest, dabei wurde er herausgeworfen, war verfeindet mit György Kertész und mit einem anderen Stasimann. Damals war die Jagdweltausstellung in Seksard und er hat den Witz erzählt, wonach dieser Genosse diesen Bock, ein anderer jenen Bock geschossen habe. Er hat diesen Witz auch beim Schwabenball vorgetragen, setzte aber die Namen von Kertész und des Stasi-Mannes vom Rundfunk ein. Niemand wusste außer mir, wer da gemeint ist, alle haben natürlich gelacht und das war die Rache von Brachfeld Siegfried. Also ich begann dann auch für den Verband zu arbeiten. Ich war im Kulturausschuss und im Presseausschuss tätig, war beim „Reicht brüderlich die Hand”-Wettbewerb Jury-Mitglied – ich habe eine ziemlich vielfältige Arbeit geleistet. In diesem Jänner war ich beim Mundarttag in Tscholnok, und eine Dame sagte mir: „Ach, ich muss mit Ihnen reden!” „Ja, gerne, bitte, ich bin da!”, entgegnete ich. „Sie haben vor 40 Jahren”, sagte sie, „hier in Tscholnok meinem Sohn eine Urkunde übergeben, der war nämlich Musiker und jetzt ist er mit dem Gewandhausorchester in Japan gerade auf Tournee.” Also, er ist da ein großer Musiker geworden. Das sind ja solche Episoden, die einem Freude machen.
SB: Die Wende hat einschneidende Veränderungen gebracht, auch im Leben der Ungarndeutschen. Wir feiern dieses Jahr 30 Jahre Gründung der Landesselbstverwaltung. Welche Bilanz würdest du ziehen?
JS: Es ist schwierig, Bilanz zu ziehen. Es ist schon eine interessante Aufgabe, eine interessante Arbeit in diesen Gremien bei der Landesselbstverwaltung und bei der Budapester Selbstverwaltung. Ich war eine Zeit lang Vorsitzender der lokalen Selbstverwaltung im elften Bezirk, wo ich wohne. Ich glaube, die Gestaltungsmöglichkeiten sind wichtig geworden. Die Landesselbstverwaltung hat schon unter Otto Heinek begonnen, Institutionen zu übernehmen und das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Mittlerweile ist ein kleines Reich an Bildungszentren und Institutionen entstanden. Und die Tatsache, dass die lokalen Selbstverwaltungen Schulen oder Kindergärten übernehmen können, ist auch sehr wichtig. Die Selbstverwaltung hat einen gewissen Einfluss auf den lokalen Lehrplan. Natürlich muss man den Nationalen Lehrplan einhalten. Die Deutsche Selbstverwaltung bestimmt, wer der Direktor oder der Leiter ist und kann auch Einfluss nehmen, dass zum Beispiel etwas mehr Deutsch geredet wird in den Schulen, in den Bildungseinrichtungen, was das Wichtigste wäre, denn sonst geht die Sprache verloren und das wäre eigentlich das Ende unserer Volksgruppe.
SB: Apropos Sprache: Wo drückt der Schuh, welche Herausforderungen, Probleme siehst du?
JS: Das ist die Sprache, das war schon immer. Ich kann mich erinnern, als ’78 Unser Bildschirm entstanden ist und ich bei den Aufnahmen mit Elisabeth Knipf, Martha Stangl oder Johann Wolfart deutsch geredet habe. Da hat man uns vorwurfsvoll gefragt: „Wieso redet ihr deutsch?” Wir entgegneten, dass das eine deutsche Sendung ist. Sowas muss man einfach aushalten – aber das ist auch eine Einstellungssache: Als wir in Zwickau waren bei einer Weiterbildung, meinten die Gastgeber, jetzt besichtigen wir eine Sehenswürdigkeit mit einer ungarischen Reiseleiterin. Daraufhin sagte ich: „Danke, aber wir brauchen einen deutschsprachigen Reiseleiter! Wir sind Deutschlehrerinnen und -lehrer und wir sind da, um unsere deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern.” Es gab natürlich Murren bei den lieben Deutschlehrerinnen und -lehrern, aber nur so kann man das Ziel erreichen.
Mittlerweile ist das einerseits besser geworden in einigen Schulen, andererseits ist das familiäre Umfeld schon ziemlich weit assimiliert. Es gibt das VUK-Familienwochenende – angeboten von einem Verein, wo die Eltern versuchen, ihren Kindern die deutsche Sprache beizubringen oder sie zweisprachig zu erziehen, was ich wichtig finde. Aber wenn ich höre, dass eine Politikerin in der Branau mir sagt: „Wissen Sie, diese armen Kinder in Brüssel müssen drei Sprachen lernen!”, kann ich nur sagen: „Das ist ja sehr, sehr gut!“ Sie meinte, das sei furchtbar, das Kind müsse zuerst eine Sprache lernen und dann später Fremdsprachen dazulernen! Das ist leider bei den Kindergärtnerinnen sehr stark verbreitet und das kann man schwer in bessere Bahnen lenken. Bei den Fortbildungen des Ungarndeutschen Pädagogischen Zentrums hat sich mittlerweile das Modell „Eine Person, eine Sprache” herumgesprochen. Die Zahl der Muttersprachler bei der Volkszählung ist aber drastisch zurückgegangen. Deswegen ist die Aktion „Ich spreche gerne deutsch” von Alfred Manz eine sehr wichtige Sache und die unterstütze ich voll und ganz. Ich kann mich erinnern, als ich seine Eltern kennen gelernt habe in Baje, habe ich die Mutter gefragt, wie es kommt, dass sie zu Hause deutsch reden. Daraufhin sagte sie: „Als die Kinder aus der Schule nach Hause kamen und in der Küche nach „leves” verlangten, habe ich gesagt, dass ihr jetzt schön rausgeht, anklopft und reinkommt und nach „Suppe” verlangt.” Also das sind Methoden, die drastisch klingen, aber das ist, glaube ich, der einzige Weg. Das Beispiel der Familie Manz zeigt, dass auch die jüngsten Generationen in der Mundart aufwachsen und diese auch weitergeben können. Leider gibt es sehr, sehr wenige solche Familien. Ich bin der Meinung, dass die Sprache die Grundlage ist, und wenn die Sprache wegfällt, dann ist alles Tanzen und Singen völlig umsonst, also das bringt dann nichts.
SB: Lasst uns einen kleinen Blick in die Zukunft wagen: Wo wird das Ungarndeutschtum in 30 Jahren stehen?
JS: (lacht): Das weiß ich nicht. Wo ich stehe oder liege, das weiß ich. Ich bin immer zuversichtlich, ich war immer ein Berufsoptimist und habe immer das Gute gesehen und das gute Beispiel auch versucht zu verbreiten und publik zu machen. Deshalb hoffe ich, dass wir, wenn eine kleinere, aber doch eine bewusste Minderheit noch haben werden, auch in 30 Jahren.
SB: Johann, vielen Dank für das Gespräch.
Mit Johann Schuth sprach Richard Guth.