Michael Frühwirth erhält hohe Auszeichnung für jahrzehntelange Arbeit
„Es war eine schöne Überraschung, regelrecht ergreifend, ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so einen Preis erhalte. Mir war auch nicht bewusst, wer vorschlagen kann. Dafür war ich erleichtert, dass ich nicht alleine da war, weil ein Wemender Bekannter, Michael Mausz, der früher beim Wemender Quartett gespielt hat, den Preis auch erhalten hat”, erinnert sich Michael Frühwirth aus Wetschesch/Vecsés, der 2024 für sein Lebenswerk den Pro-Cultura-Minoritatum Hungariae-Preis erhalten hat. Der Preis wird seit 2005 (seit 2017 vom Ministerium für Humane Ressourcen bzw. der Staatskanzlei) an solche Persönlichkeiten aus den Reihen der 13 nationalen und ethnischen Minderheiten verliehen, die Großes für die eigene Volksgruppe geleistet haben. Michael Frühwirth, der im Februar seinen 85. Geburtstag gefeiert hat, gehört ohne Zweifel dazu.
Michael Frühwirth oder Onkel Mischi (Misi bácsi), wie man ihn in der nahe des internationalen Flughafens gelegenen Stadt liebevoll nennt (der Name soll eigentlich ein Erbstück honoris causa sein, das er nach dem Ableben eines anderen Wetschescher Onkel Mischi erhalten habe, ergänzt er schmunzelnd), ist ein Urgestein in der Wetschescher und ungarndeutschen Öffentlichkeit. Der Träger der Ehrennadel (2017), des Pro Urbe-Preises und der Ehrenbürgerschaft der Stadt entstammt einer deutsch-madjarischen Familie. Die Frühwirths waren nach eigenen Angaben unter den ersten deutschen Siedlern und gehören bis heute zu den berühmten Sippen, die mit Wetschescher Kraut handeln. Auch an diesem Tag drängen die Düfte von frisch gekochtem Kraut und von Wurst ins Arbeitszimmer des langjährigen Hobbyfamilienforschers und Ortshistorikers (mit einer besonderen Vorliebe für das Sammeln von alten Fotos). Seine Ehefrau ist für das köstliche Mittagsmahl verantwortlich, das ich gleich probieren darf.
Die Mutter von Michael Frühwirth wuchs nach seinen Angaben bereits in Wetschesch auf und sprach mit Akzent Ungarisch. Dennoch hätten die Eltern ihm Deutsch oder die Mundart nie beigebracht, das habe er sich peu á peu selber beigebracht – unter anderem durch deutsche Sendungen und das regelmäßige und sorgfältige Studium des Teletextes des Bayerischen Rundfunks. Bereits vor dem Krieg war die damalige Großgemeinde ethnisch gemischt. Der Anteil der Personen deutscher Muttersprache betrug im Jahr 1941 20-25 %. 300 von ihnen wurden vor 80 Jahren in die Sowjetunion verschleppt (Malenkij Robot), von der Vertreibung waren 1500 Bürgerinnen und Bürger betroffen. Es sei kein Wunder, dass es im multiethnischen Ort bereits vor dem Krieg zu zahlreichen Mischehen gekommen sei, so auch im Falle der Frühwirths. Obwohl nach dem Krieg in der Schule kaum noch Mundart gesprochen worden sei, hätten sich die Freundeskreise nach ethnisch-sprachlichem Prinzip gebildet, erinnert sich der Zeitzeuge. Wie vielerorts habe der junge Michael neben seinem Dienst in der Pionierorganisation Religionsunterricht besucht und sei zeitlebens dem katholischen Glauben treu geblieben.
Und so begann es eigentlich und „nicht erst 1990”, wie Frühwirth gerne betont: Denn die Kirchenmusiktraditionen und die Art der schwäbischen Begräbnisse hätten die Zeiten überdauert, auch wenn das deutschsprachige Singen in der Kirche erst im Mai 1990 wiederaufgenommen worden sei: „Ich habe zuerst mit älteren Frauen gesprochen, nachdem ich ein altes Gebetbuch erhalten hatte. Wir sind zusammengekommen und ich habe dabei Tonaufnahmen angefertigt. Die örtlichen Pfarrer waren erst einmal reserviert, haben aber zugestimmt”, sagt der 85-Jährige, der auch die Tradition von Verschlepptenmessen in Wetschesch begründete. Die einstimmige Singgruppe, die zwischenzeitlich auf 20 Personen angewachsen war, besteht auch heute noch, auch wenn nur noch sechs Sängerinnen und Sänger aktiv sind. Es seien Kontakte nach Hartian/Újhartyán und Maan/Mány entstanden. Ein besonders schönes Ereignis sei das Adventssingen. „Auch Josef Baling fand das gut und so entstand die Sektion für Kirchenmusik innerhalb des Landesrates”, berichtet Frühwirth, der 1990 auf der „Schwäbischen Liste” in die Kommunalpolitik kam und lange Abgeordneter und Vorsitzender der Donauschwäbischen Selbstverwaltung war.
1991 habe man erreicht, dass die beiden Grundschulen und die Kindergärten trotz Widerstände die zusätzliche Nationalitätenzuwendung von 75 % erhalten. Lange stellte sich zudem die Frage nach der Gründung einer Dorfschule, fand der Unterricht lange doch in fünf Gebäuden ohne moderne WCs statt. Das neue Gebäude sollte die Baukultur in Wetschesch widerspiegeln und wurde auf drei Grundstücken errichtet. Seit den 2010ern als zweisprachige Einrichtung sollte diese von der Landesselbstverwaltung übernommen werden. Erst eine Gesetzesänderung machte die Übernahme von Grundschulen durch die örtliche DNSVW möglich. Dies nutzte man auch in Wetschesch und so wurde die Donauschwäbische Selbstverwaltung Trägerin der Dorfschule.
„Im Vergleich zu 1989 hat vieles eine Renaissance erlebt, was mich darin bestärkt, dass aus dem vielen Kampf doch was rausgekommen ist. Ich bin mir sicher: Kein Mensch würde mehr über uns sprechen. Ich bin dennoch kein Optimist, mir ist bewusst, dass wir den Prozess nur verlangsamen können. Auch wenn sich die Jugend im Großen nicht mehr wirklich um dieses Erbe kümmert, konstatiere ich mit Genugtuung, dass nicht jeder vom Zeitgeist besiegt wurde”, gibt der pensionierte Pädagogische Assistent zu bedenken. Er lobt dabei auch die partnerschaftlichen Beziehungen zu Rheinstetten, die auch in der Wendezeit (offiziell 1993) entstand: Diese habe viel bewegt und habe über die privaten Kontakte eine große Bedeutung für den Sprachgebrauch gehabt.
Auch die Identität des 85-Jährigen sei durch den Blick über den Tellerrand hinaus gestärkt worden: „Über Fahrten nach Siebenbürgen bin ich eigentlich zu meinem Schwabentum gekommen. Ein Schlüsselerlebnis ereignete sich in einem madjarischen Dorf. Dort erzählte mir eine Frau, dass das Enkelkind bereits im „Block” in Neumarkt am Mieresch/Târgu Mureş aufwachse. Die Oma hat nach eigenem Bekunden nicht mehr jedes Wort verstanden. Diesen Prozess konnte ich auch in meiner Familie beobachten”, gewährt Frühwirth einen Einblick in seinen ungarndeutschen Entwicklungs- und Erkenntnisprozess.