Das Finale in Österreich
Ein kurzer Rückblick
Rumänien war bis zum 23. August 1944 in einem Militärbündnis Kriegspartner des Deutschen Reiches. Die deutsche Luftwaffe verteidigte dadurch z. B. die Ölfelder von Ploiesti – ein ständiges Angriffsziel der Alliierten. König Michael kündigte am 23. August 1944 das Militärbündnis auf und wechselte zu den Alliierten. Die Unterzeichnung des Waffenstillstandes zwischen Rumänien und den Alliierten erfolgte am 10. September 1944 in Moskau. Dies hatte zur Folge, dass die in Rumänien lebende deutschsprachige Volksgruppe automatisch angefeindet wurde.
Die Rote Armee war bereits am 31. August in Bukarest einmarschiert und marschierte immer weiter nach Westen um die deutsche Armee zurückzudrängen – eine alarmierende Entwicklung für die deutschsprachige Bevölkerung.
Am 14. September 1944 erschien ein Deutscher Wehrmachtsoffizier, begleitet von drei Soldaten, in Semlak und forderte die deutsche Bevölkerung zur sofortigen Flucht auf. Zu dieser Zeit hörte man aus der Gegend von Arad bereits die Kanonen der russischen Armee. Der Roten Armee waren Gerüchte über Gräueltaten, Vergewaltigungen und Verschleppung der deutschen Bevölkerung vorausgeeilt.
Am 15. September 1944 machte sich ein Flüchtlingskonvoi von ca. 80 Pferdewägen mit deutschen Familien aus Semlak (hauptsächlich „Beriner“) auf den Weg nach Westen. Anfängliches Ziel war Deutschland. Mit dabei waren auch meine Großeltern Josef und Maria Schäffer und meine Mutter Eva Szarvas geb. Schäffer.
Die Erlebnisse auf diesem abenteuerlichen Fluchtweg wurden von Georg Schmidt, dem Mann meiner ersten Lehrerin in der Volksschule in Semlak, Katharina König (sie ist leider im Jahr 2025 verstorben), mit Zeitzeugen niedergeschrieben.
Nach den Schilderungen in dieser Semlaker Fluchtgeschichte bin ich im Juli 2024 – ausgehend von Semlak – mit meinem Freund Bernhard Wascher „Opas Fluchtroute 1944“ quer durch Ungarn bis Wiener Neustadt mit dem „Bizigli“ nachgefahren. Genauso wie der Konvoi sind wir nur auf Nebenstraßen gefahren (weil damals auf den Hauptstraßen zu viele Militärfahrzeuge unterwegs waren). Darüber durfte ich in der Banater Post vom 15.3.2025 und Sommer 2025 im Sonntagsblatt (https://sonntagsblatt.hu/2025/08/18/sb-08-11-unterwegs-auf-opas-fluchtroute-1944/) berichten.
Den österreichischen Teil des Fluchtweges – von Wr. Neustadt bis Neuhofen/Ybbs – wollten wir im Oktober 2024 nachfahren. Leider mussten wir diesen Plan verschieben – im Oktober 2024 waren große Teile Niederösterreichs von einem Jahrhunderthochwasser überschwemmt.
Das Finale beginnt am 8. Oktober 2025
Am 8. Oktober 2025 sitzen Bernhard und ich in Wr. Neustadt wieder auf unseren Fahrrädern und starten endlich zum Finale von „Opas Fluchtroute 1944“.
Wir gelangen nach wenigen km ins Triestingtal und radeln über Leobersdorf und Berndorf weiter ins Gölsental bis St. Veit an der Gölsen. Die Unterkunftssuche gestaltet sich kompliziert – wir landen aber nach 84 km in einem gemütlichen Dorfgasthof in Schwarzenbach – abseits unserer Route. Es entpuppt sich aber als Glücksfall: Wir bleiben nämlich auch am 9. Oktober da, weil es den ganzen Tag regnet … und die Wirtin versorgt uns mit Essen, obwohl der Gasthof geschlossen hat.
Am 10. Oktober starten wir voller Tatendrang bei heiterem Himmel Richtung Norden. Unser Ziel ist Krems an der Donau. Über den Triesting-Gölsental-Radweg kommen wir bald auf den herrlichen Traisental-Radweg, der uns entlang der Traisen bis nach St. Pölten führt. Auf dem Fladnitztal-Radweg radeln wir dann weiter Richtung Donau, vorbei am malerischen Benediktinerstift Göttweig und erreichen schließlich die St. Pöltner Brücke, über die wir über die Donau nach Krems wechseln.
Hier in Krems war für den Konvoi Ende Oktober 1944 vorerst Endstation – in einem Barackenlager für Flüchtlinge. Martin Wagner, ein Mann aus Semlak, arbeitete damals in Amstetten bei der Eisenbahn. Er brachte es zustande, dass der gesamte Flüchtlingskonvoi von Krems nach Amstetten weiterfahren konnte. Gegen eine Fortsetzung der Flucht nach Deutschland wehrten sich die Leute, weil das Wetter schlecht und die Pferde übermüdet waren. In Amstetten kampierten die Semlaker am Hauptplatz. Die Bauernhöfe aus der Umgebung konnten sich von hier Flüchtlingsfamilien auf den Hof holen, die ihnen z.B. bei der Ernte behilflich waren. Die wehrfähigen Männer dieser Bauernhöfe waren ja alle an der Front.
Bernhard und ich hielten uns in Krems auch nicht auf, sondern radelten sofort auf dem schönen, nördlichen Donauradweg Richtung Spitz/Donau – vorbei an Dürnstein, mit der sagenumwobenen Ruine Dürnstein – der Burg der Kuenringer Ritter. Hier war ja auch der englische König Richard Löwenherz (am Rückweg von den Kreuzzügen) 1192/93 für 4 Monate inhaftiert. Nach 75 km war Schluss für diesen Tag – in Spitz/Donau im gemütlichen Gasthof Prankl.
Am 11. Oktober starten wir in Spitz nach einem leckeren Frühstück bei bewölktem Himmel – aber 16° – und wir wollen heute auf jeden Fall den Zielort Neuhofen/Ybbs erreichen. Wieder radeln wir entlang der `schönen blauen Donau´ – eingebettet in eine Landschaft in wunderschönen Herbstfarben – vorbei an Willendorf (bekannt durch die Venus von Willendorf -der älteste archäologische Fund in Österreich) und vorbei an der Burgruine Aggstein am Südufer der Donau. Am südlichen Donauufer erhebt sich nach einigen weiteren km auch das ebenso mächtige wie schöne Stift Melk. Hier leben und wirken die Benediktinermönche seit 1089 in ununterbrochener Tradition.
Bei Pöchlarn wechseln wir wieder auf die Südseite der Donau und nähern uns rasch Amstetten, wo wir auf dem schönen Hauptplatz eine Pause einlegen.
Auf diesem Hauptplatz campierten Ende Oktober 1944 die geflüchteten Menschen aus Semlak. Und von hier konnten sich die Bauernhöfe Familien aus diesem Konvoi aussuchen und auf ihre Höfe mitnehmen. Die geflüchteten Semlaker waren ja praktisch alle Bauersleute und konnten den einheimischen Bauern zum Teil noch bei der Ernte helfen – die wehrfähigen Männer waren ja an der Front.
Von Amstetten radelten wir dann ohne weitere Unterbrechung an unser Tagesziel und erreichten nach 74 km Neuhofen/Ybbs.
Unser endgültiges Ziel auf „Opas Fluchtroute 1944“ war ein Bauernhof in Pfosendorf bei Neuhofen/Ybbs. Hier waren meine Großeltern und meine Mutter im Oktober 1944 gelandet. Meine Großmutter und meine Mutter lebten bis Ende des 2. Weltkrieges auf diesem Bauernhof. Mein Großvater wurde im Jänner 1945 von der deutschen Armee in den Kriegsdienst eingezogen – obwohl er eigentlich rumänischer Staatsbürger war und Rumänien am 23. August 1944 das Militärbündnis mit Hitler-Deutschland beendet hatte. Ich wusste lange nicht, wie ich mit diesem Bauernhof Kontakt aufnehmen könnte.
Aber während der gesamten Tour von Rumänien weg, quer durch Ungarn, passierten oft Dinge – rein zufällig! Und diese Zufälle beeinflussten die Weiterführung und auch das Finale der Fluchtroute immer wieder total positiv und sorgten damit auch letztendlich für einen positiven Schluss am „Wagnerhof“.
Warum? Bei unserem letzten Frühstück im ungarischen Hegykő – im Juli 2024 – saßen wir mit Bernhard – schon im Radtrikot – beim Frühstück, als ein Mann an unseren Tisch kam und sich neugierig nach unserer Route erkundigte. Ich erzählte ihm von unserem Projekt und auch von unserem Ziel, dem Bauernhof in Pfosendorf.
Er war überrascht und erklärte uns, dass er dort in der Nähe zu Hause wäre. Den Bauernhof kenne er nicht, aber ganz in der Nähe gäbe es eine Firma „Gewölbebau Wagner“. Ich notierte mir diesen Namen und telefonierte einige Monate später mit dem jungen Chef dieser Firma. Und tatsächlich – er kannte den Bauernhof und auch die Familie – ebenfalls Wagner –, die den Bauernhof bewirtschaftete. Er rief mich noch am gleichen Tag zurück und gab mir die Telefonnummer von Toni Wagner jun., dem derzeitigen Besitzer des Hofes bekannt.
Somit hatte ich endlich die Möglichkeit, mit dem Bauernhof in Pfosendorf Nr. 6 Kontakt aufzunehmen. Am 12. Oktober 2025 radelten wir dann von Neuhofen/Ybbs Richtung Pfosendorf – mit einem besonderen, spannenden Gefühl. Nach nur 2 km war ich endlich dort, wo meine Angehörigen auf der Flucht vor der russischen Armee Ende Oktober 1944 gelandet waren – dem „Wagnerhof“ in Pfosendorf!
Bernhard und ich wurden von Toni Wagner jun. (51) (mit dem ich ja schon telefoniert hatte) und seinem Vater Toni Wagner sen. (74) empfangen. Nach einem sehr informativen Gespräch stellte sich aber heraus, dass Vater und Sohn Wagner keine Ahnung hatten, was sich im Krieg und danach am Hof so abgespielt hatte. Und sie hatten auch eine plausible Erklärung dafür: Über den Krieg wurde in der Familie nicht gesprochen!
Das war übrigens auch in meiner Familie so gewesen. Und mein Bruder Konrad und ich hatten auch nie einmal nachgehakt und z.B. unseren Großvater gefragt, warum er nach dem Krieg nicht nach Semlak zurückgekehrt ist. Schließlich hatte er doch bei der Flucht seine Landwirtschaft zurückgelassen. Die Fragen stellten sich bei mir erst ein, als sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern verstorben waren.
Toni Wagner jun. hatte aber noch eine Idee: Am Hof gab es jede Menge Schwarzweißfotos. Diese schauten wir gemeinsam durch – in der Hoffnung, vielleicht ein Foto mit meiner Familie zu finden. Leider war auch dieser Versuch negativ.
Der einzige tatsächliche Beweis – den ich noch immer habe -, ist ein Lebenslauf, den ich mit ca. 16 Jahren für meinen Großvater auf der Schreibmaschine getippt hatte. In diesem Lebenslauf erzählt mein Großvater u.a., dass er mit unserer Oma und unserer Mutter am Ende der langen Flucht ab 1. November 1944 auf dem Bauernhof „Pfosendorf Nr. 6“ gewohnt hat.
Ich hatte also mein Ziel erreicht: Ich war die gesamte Fluchtroute meiner Großeltern und meiner Mutter mit dem Rad nachgefahren. Ich hatte in Ungarn und zwar in Kier/Németkér und in Pußtawam/Pusztavám Spuren von deutscher Bevölkerung angetroffen.
In Pußtawam habe ich sogar die Erfahrung gemacht, dass die Vertretung der deutschen Bevölkerung – federführend – für das Kindergarten- und Schulwesen im Ort verantwortlich ist – und das im damaligen Orbán-Ungarn!
Wir sind in Österreich durch herrliche Täler gefahren, wie z.B. Triesting-, Gölsen-, Traisen-, Fladnitz- und Ybbstal und auch auf dem herrlichen Donauradweg. Und schließlich und endlich sind wir am „Wagnerhof“ in Pfosendorf, wo meine Familie einige Monate lebte, von Wagner Toni sen. u. jun. empfangen worden.
Nach dem Besuch am „Wagnerhof“ radelten Bernhard und ich über das Nachbardorf Hausmening nach Amstetten. In Hausmening lebte mein Zeitzeuge Gottschick András bácsi – als Dreizehnjähriger – mit seiner Familie ebenfalls auf einem Bauernhof. Von Amstetten traten wir mit dem Zug wieder zufrieden die Heimreise an.