Ich stehe am Herd und rühre die Kartoffelsuppe um. Bald ist das Mittagessen fertig, ich erwarte meinen Sohn von der Arbeit, mit seiner geliebten Suppe. Der feine Duft bringt beim Umrühren Erinnerungen aus der Kindheit in mir herauf.
Auf dem Kirchenplatz war schon ein großer Rummel. Das riesengroße Ringelspiel flog in den Kreis, in mehreren Zelten konnte man auf Spielzeuge schießen. Die Betreiber dieser Maschinen waren Zigeuner, die aus dem ganzen Lande kamen. Am Mittwoch, vor dem zwölften September, dem Maria-Tag, kamen sie an.
Die Kirche meines Heimatdorfes ist eine Maria-Kirche, die Gemeinde steht unter Mutter Gottes Schutz. So feierten und feiern auch heute die Dorfleute an diesem Tag die Kirchweih. Dieses Fest dauerte früher zwei Tage lang. Der Sonntag und der Montag waren diese Tage!
Die Kinder des Dorfes liefen am Mittwoch gegen Abend alle auf den Kirchenplatz und bewunderten die großen Teile des Ringelspiels auf den Wagen. Fröhlich winkten die Zigeuner den Kindern zu. Die liefen dann schnell nach Hause, um die fröhliche Nachricht der Familie mitzuteilen! „Großmottr, Mottr, die Ringlspielr sen schon okumme!”
Aber es dauerte nur einige Minuten, dann rannten sie wieder ins Dorfzentrum.
Da stellten die Zigeuner schon die Zelte und das riesengroße Ringelspiel auf. Bald wurde der vordere Teil des großen Kirchenplatzes voll. Die Zigeunerkinder befreundeten sich mit den Schwabenkindern. Es kamen auch Männer aus dem Dorfe zu helfen. Die Erwachsenen schwitzen bei der Arbeit.
In einigen Stunden stand das Riesenringelspielrad stolz in der Mitte des Dorfes am Rande des Kirchenplatzes. Die großen Wohnwagen standen ringsum.
„Kinder, bringt ihr uns was zum Abendessen? Dann könnt ihr schon eine Runde mit dem Ringelspiel fahren!“ – schrie der Älteste von den Zigeunern.
Er musste nicht zweimal rufen, die Kinder rannten heim, verlangten von der Oma und der Mutter Lebensmittel und gingen schnell zurück. Die Eltern, Großeltern wussten das schon aus den früheren Jahren und legten Fleisch, Wurst, Speck, Brot und Gemüse nebenhin.
Damit die Kinder ihre Freude haben, schon vor der Kirchweih auf dem Ringelspiel fahren zu dürfen!
Und die Kleinen waren glücklich! Der eine Zigeuner setzte sie auf das Rad und schaltete es ein. Die kleinen Schaukeln flogen hoch!
Der Kirchenplatz widerhallte fröhlichen Kinderschrei!
Die Zigeunerfrauen bereiteten solange das Essen vor. Die Kinder und die Erwachsenen setzten sich auf den rasigen Boden und aßen mit größter Natürlichkeit aus ihrem Schoß. Sie hatten viel zu essen, denn es kamen Kinder aus aller Richtung des Dorfes mit vollgesteckten Hosentaschen oder Taschen.
Mittwoch – Donnerstag – Freitag – Samstag – Sonntag – Montag! Sechs Tage, voller Freude warteten auf die Frätzchen. Den ganzen Sommer warteten sie schon auf diese Tage!
Aber nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen waren aufgeregt. Die Häuser wurden eine Woche vor dem großen Ereignis geweißelt, in den Fenstern Blumen gestellt, die Blumengärten gejätet, das ganze Haus von innen und außen geputzt! Noch die Straße gekehrt!
Oma und Mutter hatten am Mittwoch schon Kekse gebacken. Eine große Torte sollte der feierlichste Kuchen am Sonntag sein! Daneben backte man noch mehrere Kleingebäcke.
Am Freitag wurden Hühner, Enten oder Gänse geschlachtet, geputzt, in Teile genommen.
Samstagvormittag kamen bettelnde Zigeuner aus dem Wald, mit Säcken auf dem Rücken. Sie brachten Pilze mit. Hier und dort kam auch eine Geige aus dem „Rucksack” und es erklang die traurige Zigeunermusik auf dem Hof der Schwabenfamilien. In die Säcke kamen dann Fleisch, Wurst, Gemüse, Kuchen, auch Wein.
Am Nachmittag stellte Oma die hochfeine Fleischsuppe auf – aus mehreren Geflügeltieren. Der Topf nahm die Hälfte von der Ofenplatte weg. Die Suppe kochte langsam, perlend.
Dann nahm Oma das Krautfass vor. Feines Sauerkraut kam in eine große Schüssel. Ein wenig wurde uns Kindern aufbewahrt. Im Sauerkraut gibt es viel Vitamin C, das wusste Oma!
Krautblätter wurden abgebrüht. Die Füllung mit Hackfleisch, Reis, Eiern, Salz, Paprikapulver, Zwiebeln und Knoblauch wurde in die weichen Krautblätter gewickelt und schichtweise mit dem Sauerkraut in einen großen Topf gelegt. Auch frisches Rippenfleisch kam dazwischen. Zwei Zwiebeln schnitt Oma klein oben drauf, goss Tomatensaft hinein und legte noch zwei-drei Löffel Schmalz darüber. Das ganze wurde mit wenig Wasser übergossen und auf den Herd gestellt. Noch ein Deckel kam darüber und dann konnte das Kraut in aller Ruhe kochen.
Die Füllung der Torte kam an die Reihe. Die Creme soll nicht kaputtgehen, die Tage sind im September noch mild. Mutter war eine gute Küchenhilfe, sie gab der Oma alles in die Hände.
Dann musste man nur aufs Feuer achten. Die Suppe und das gefüllte Kraut durften nicht zu sehr kochen, nur ganz langsam!
Bald duftete es wunderbar in der Küche, auch sogar im Hof! Das Haus glänzte innen und außen. Ich hatte sogar die Straße gefegt!
Erst jetzt konnten sich die Frauen ausschnaufen.
Das Festessen war aufgestellt, die Kuchen lagen fertiggefüllt in der kühlen vorderen Stube, auf dem Tisch. Die große Torte auf dem gläsernen Tortenhalter in der Mitte! So viel Kuchen, dass man eine Verlobung hätte halten können! Aber die Mädchen waren noch zu jung dazu.
Oma schaute sich zufrieden um.
In der Zeit standen die Kinder auf dem Kirchenplatz um den Kessel, in dem eine große Portion duftende Kartoffelsuppe kochte! Die Schwabenkinder hatten von zu Hause, aus den Gärten und aus den Speisekammern alles zusammengetragen: Kartoffeln, Zwiebel, Grünzeug, Sellerie, Petersilie, Paprikapulver, grünen Paprika, Tomaten, auch geräucherten Speck und Wurst.
Der Kessel wurde voll. Darunter glühte das Feuer. Die hungrige Kinderschar roch ständig in die Luft.
Auf dem Kirchenplatz duftete die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen hatte. Besonders gut roch der Sellerie in der Suppe!
Ich beneidete das freie Leben der Zigeuner!
Bald musste ich nach Hause gehen, es wurde schon langsam dunkel. Ich nahm meine Schwester an der Hand. Wir schauten noch zurück, wo wir das Feuer sahen und da herum die kleinen Kinder rennen sahen, woher wir die Musik hörten.
Aber unser Magen murrte schon. Zu Hause war das gefüllte Kraut fertig. Oma gab uns eine Kostprobe davon, als Abendessen.
Sonntagvormittag kamen die Gäste an: der Onkel aus Komló mit seiner Familie, die Cousine aus dem Nachbarsdorf – auch mit Familie und die Cousine von meiner Mutter mit Mann.
Der lange Tisch stand schon auf dem Hof, den brachte man in den frühen Morgenstunden aus der Werktagsstube. Er war mit der schönsten, weißen Damasttischdecke gedeckt.
Meine kleine Schwester und ich bekamen unser bestes Kleid an diesem Tag. Davor standen wir in der großen „Lawour” (Wanne), wo wir von der Mutter gewaschen wurden. Meine langen Haare wurden in Zöpfe geflochten – zwei weiße Seidenmaschen zierten sie. Wir gingen hübsch und sauber in die Messe. Auch die Gäste gingen in die Kirche mit.
Man hätte nicht eine Nadel herunterwerfen können, so voll war die Kirche! Draußen hörte man Musik, drinnen, in der Kirche donnerten die Worte des Pfarrers. Doch alle hörten ungeduldig zu. Besonders die Kinder!
Nach dem letzten Danklied, nach dem letzten Kreuzschlagen strömten die Leute aus der Kirche heraus.
Auf dem breiten Kirchenplatz standen drei Musikbands, jede spielte ein Musikstück als „Kostprobe” zum Abendball in zwei Wirtshäusern und in einer Stube für Kinder. Auch der Herr Pfarrer hörte zu.
Die Kinder standen um die Musikanten herum. Auch die Männer nahmen sich Zeit, die schöne deutsche Volksmusik anzuhören. Es war warm auf dem Kirchenplatz und auch um das Herz der Menschen.
Die Frauen eilten heim. Sie mussten das Essen fertig kochen, den feierlichen Tisch decken. Noch gut, dass die Männer den Wein schon aus dem Keller gebracht hatten!
Mit rotem Gesicht, mit Schweiß an der Stirn – doch glücklich bereiteten Oma und Mutter das Festessen vor.
Die duftende Suppe war schon „eingekocht”, das gekochte Fleisch lag in einer Schüssel. Die Tomaten-, die Knoblauchsoße und das panierte Fleisch standen abgedeckt am Rande des Herdes – alles warm gestellt.
Auch das aufgewärmte gefüllte Kraut stand daneben.
Der sprudelnde Braten ruhte im Backofen mit den Bratkartoffeln zusammen. Der Gurkensalat, der Krautsalat und die sauren Gurken standen in der Speisekammer, wo schon fast kein Platz war. Die vielen Kuchen und die große Torte standen in der kühlen „sauberen Stube”.
Der Rotwein war angenehm kühl, vom Keller, die Kinder bekamen dünnen Himbeersaft.
Das Mittagessen verlief in guter Laune. Die Kinder saßen zusammen am Ende des Tisches und plauderten mit ihren fettigen Schnäbeln laut. Sie planten schon den Nachmittag.
Die Erwachsenen stießen oft mit dem feinen Rotwein an. Nach dem letzten Fleischstück wurde der Tisch abgeräumt und die Torte – Omas Meisterwerk – auf den Tisch gestellt!
Die Kinder aßen mit vollem Munde, die Erwachsenen ein bisschen zurückhaltender. Es sollte von der Torte etwas für später auch bleiben!
Die Kleinen konnten es schon fast nicht aushalten, bis die Großen mit dem Kuchen fertig waren.
Endlich gingen sie alle ins Dorfzentrum, vorne rannten die Kinder, hinterher spazierten gemütlich die Väter.
Die Frauen gesellten sich später zu ihnen, sie halfen der Großmutter beim Aufräumen. Oma blieb alleine zu Hause. Sie schnaufte sich `mal aus, dann kamen schon ihre alten Freundinnen aus der Nachbarschaft. Sie saßen auf dem Gang, auf der Bank und auf geflochtenen Stühlen.
Oma bot ihnen Kuchen und Saft an. Sie plauderten den ganzen Nachmittag. Die Kirchweih und die Vorbereitungsarbeiten waren das Gesprächsthema.
Ab und zu kamen die Kinder heim, sie schauten nach der Oma und erzählten mit großer Freude von der Kirchweih. Aber das dauerte nicht lange, sie waren auch schon weg!
Um 18 Uhr gingen Omas Freundinnen heim. Es war in jeder Familie Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Es kamen der kalte Rest vom Mittagsbraten, paniertes Fleisch, saure Gurken und Brot auf den Tisch. Die Platten waren immer noch voll mit Fleisch. Jetzt sah man, wie viel Oma gekocht hatte. Es lief viel weniger Federvieh im hinteren Hof herum!
Von den Heimkehrenden hatte Oma ein schönes Geschenk bekommen. Ihre Cousine hatte einen Stand vor der Kirche, wo die Tochter der Familie Bäuerle aus dem zweiten Nachbarsdorf hausgemachte Lezelderpuppen – Husaren und Pferde – und die feinsten Lezelderkuchen verkaufte. Sie schickte Oma etwas davon. Das mag sie sehr gerne. Sie besuchte ihre Cousine jedes Jahr an diesem Tag nach der Frühmesse, doch diesmal war die Arbeit zu viel. Sie hatte keine Zeit und Kraft, ins Dorf zu gehen. So traf sie ihre Verwandte nicht.
Sie freute sich fürs Geschenk, essen konnte sie aber nichts davon, denn sie hatte schon alle Hände voll, die Wünsche ihrer großen Familie zu erfüllen.
Wir Mädchen waren noch zu klein, in den Abendball zu gehen. Die Verwandten fuhren nach dem Abendessen weg.
Mutti half bis Spätabend der Großmutter. Die beiden Frauen haben viel geleistet. Aber Kirchweih gibt es nur einmal im Jahr!
„Es war sehr schön, wieder mal alle um den Tisch zu haben!” – dachte Oma vor dem Schlafengehen.
„Morgen gibt es Ruhetag. Ich muss nichts kochen, da ist noch genug da und alle sind weggefahren, nur wir sind daheim!” Sie bedankte sich bei Gott für den schweren, aber schönen Tag und schloss zufrieden die Augen.
Am nächsten Tag durften wir Mädchen noch einige Runden mit dem Ringelspiel fahren, aber nur nach der Messe und bis Mittag. Am Nachmittag kam die Patin und brachte uns Mädchen ihr bescheidenes Geschenklein mit. Der Tisch wurde wieder gedeckt mit Kuchenresten vom Sonntag. Alle tranken Himbeersaft.
Heute hält man den Festtag nur am Sonntag.
Es gehen viel weniger Leute in die Kirche. Der Herr Pfarrer spricht leiser, seine Worte donnern nicht. Der alte Pfarrer lebt nicht mehr.
Das Dorf hat keinen eigenen Pfarrer. Der neue ist für fünf Dörfer verantwortlich, er hat wenig Zeit für die Salacker Seelen.
Die Musikanten blasen nicht mehr auf dem Kirchenplatz. Eine fremde Musikband spielt den Abendball. Das Dorf hat keine Blaskapellen mehr.
Die Verwandten bleiben auch weg. Nur meine Schwester und ich halten zusammen.
Im Zentrum gibt es wenig Rummel. Zwei-drei Zelte stehen traurig herum und oft kommen auch die Zigeuner mit dem Ringelspiel nicht. Man hört keine laute Musik, die Laune der Leute ist auch vergangen.
Der Tag ist so wie jeder Sonntag. Es wird fein gekocht und am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen geplaudert.
Ich koche heute am Maria-Tag immer das Kirchweihmenü der Oma, mit ihren feinen Rezepten.
Und wenn ich mal eine Kartoffelsuppe koche wie heute, dann rieche ich immer noch in meiner Nase den feinen Geruch der Gewürze in der Kartoffelsuppe der alten Zigeunerin auf dem Kirchenplatz.