Wie in jeder ungarischen Siedlung gibt es auch in Kötsching/Kötcse eine ganze Reihe von Opfern, Heldentote des Ersten Weltkriegs. „Sie gingen weg, und kehrten nicht zurück“ – diesen Satz sprachen die Zurückgebliebenen in meiner Kindheit immer wieder. In den 1950er und 60er Jahren lebten noch Ehefrauen, Väter, Mütter und überlebende Frontkameraden, die Hunderte von Geschichten an die Nachwelt weitergaben. Leider sind keine Aufzeichnungen oder Tonaufnahmen dieser Geschichten erhalten geblieben, sodass die Erinnerung an ihren heldenhaften Einsatz für immer im Nebel des Vergessens verschwunden ist.
Gewöhnlich wussten selbst die Angehörigen nicht, wie der Sohn und Vater als Frontsoldaten in Limanova, am Isonzo oder am Piave ums Leben gekommen waren. Die Familie erhielt eine knappe Benachrichtigung per Post auf einem eigens dafür vorgesehenen Formular. In Kötsching folgte dieses Benachrichtigungssystem seinen ganz eigenen Ritualen. Obwohl es einen Postboten gab im Dorfe, warteten die Mütter, die den ganzen Tag lang beteten, ihre Söhne wiederzusehen, nicht auf den Postboten zu Hause, sondern versammelten sich – sofern es ihre Zeit erlaubte – morgens vor dem sogenannten Prescherhaus, das damals die Post beherbergte. Dieses Haus existiert nicht mehr, und auch die Familie, die in den 1930er Jahren von Großsäckel/Nagyszékely nach Kötsching gezogen war, ist nicht mehr unter uns. Bei der Öffnung am Morgen verteilte der Postmeister die Briefe, und innerhalb einer Minute hallten panische Schreie und verzweifelte Rufe durch die Straße vor dem Postamt. Für die betroffenen Familien hatte etwas Neues begonnen. Die Menschen spürten die Kälte und den Schrecken des Todes, und der Ausdruck „Fürs Vaterland gestorben“ erschien ihnen fern und abstrakt. Die Braut blieb ohne Bräutigam zurück, die betagte Mutter verlor denjenigen, auf den sie sich im Alter hätte verlassen können, und die Kinder fragten lange Zeit: Wann kommt Vater zurück?
In den 1910er Jahren war Kötsching noch zweisprachig. Diejenigen, die an der Front gefallen waren, lernten weiterhin Deutsch in der Schule, und es war noch nicht lange her, dass in der lutherischen Kirche der Gottesdienst abwechselnd auf Deutsch und Ungarisch abgehalten wurde. Das Heldendenkmal vor dem ehemaligen Gemeindehaus trägt überwiegend deutsche Namen. Diejenigen, die sich mit zwanzig Jahren zur Armee meldeten – die meisten von ihnen Soldaten des 44. Kaiserlich-Königlichen Infanterieregiments von Erzherzog Albrecht zu Kaposvár –, hatten durch ihre Eltern und Großeltern einen Teil des Kötschinger Dialekts mündlich erlernt. Dank ihrer Schulbildung konnte die Generation der Vierzigjährigen noch Bibel und Gesangbuch in Bruchschrift lesen. Die „Rosseb Bakák“, wie sie aufgrund ihres besonderen Sprachgebrauchs genannt wurden, wurden zwar in einem ungarisch geprägten Umfeld und unter ungarischen Kommandeuren, aber unter deutscher Führung ausgebildet. Der Sprachgebrauch selbst in der Kaserne von Kaposvár war daher uneinheitlich. „Herr Major, Freiter István Papszt meldige gehorsam, kérek tíz nap szabadságot“ – so lautete ihre Bitte während des Verhörs, wenn sie in ihr Dorf zurückkehren wollten. Die Befehle, wie etwa links sum, rechts um, Hut ab, wurden in allen gemeinsamen Regimentern im Ungarischen Königreiche selbstverständlich auf Deutsch erteilt.
Das Heldendenkmal von Kötsching trägt 48 Namen. Für ein Dorf mit 900 Einwohnern ist das eine beachtliche Zahl. Darunter befinden sich einzelne Familienmitglieder und Verwandte, meist in ihren Zwanzigern. Schmidt, Rall, Trimmel, Póczik, Gutman, Buchenauer und viele weitere deutsche Namen. Auch ungarische Namen sind vertreten: Tóka, Szabó, Igali, Kocka, Dömös, Molnár. Barabás und György sind ebenfalls deutsche Namen: Barabas, Georg. Sie wurden einfach ins Ungarische übersetzt, da es früher keine Regelungen zur Personenstandsregistrierung gab. Die Familiennamen Fehér (Weisz) und Rozs (Roos) kommen in Kötsching vor. Dreimal findet sich der Name Máj auf der Marmortafel des Heldendenkmals vor. Dieser Name ist nicht als Körperteil zu verstehen, sondern soll an Mayfeld in Berlin angelehnt sein. Das Wort mey bedeutet im Althochdeutschen so viel wie „kraft“. Dreimal ist der Name Tefner auf dem Denkmal verzeichnet, und insgesamt acht (!) Reicherts, darunter drei mit dem Namen Johann. Warum es so viele sind, bleibt unklar. Nur zwei Siedler namens Reichert kamen um 1730 in das Dorf, und diese stammten ausnahmsweise nicht aus Osthessen, wie die Mehrheit der deutschen Kolonisten, sondern – der mündlichen Überlieferung zufolge – aus dem Elsass-Lothringen: Adam und Hermann. Elsass-Lothringen? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie sich absolut sicher sind – das kollektive Familiengedächtnis ist oft verlässlicher als jedes Dokument. Der Verfasser dieser Zeilen besuchte während eines offiziellen Besuchs in Straßburg die Friedhöfe und studierte die Namen auf den Briefkästen der Häuser. Der Name Reichert tauchte immer wieder auf. Doch die französischen Einheimischen, die ich befragte, sprachen ihn französisch aus: réschèr.
Und schließlich noch Adam Reichert, der zufällig der Urgroßvater des Verfassers dieser Zeilen war. Er leistete drei Jahre Wehrdienst im 17. Honvéd-Infanterieregiment in Stuhlweißenburg. Sein Porträt in Uniform hängt noch heute in einem der Zimmer des sogenannten „Miklós-Kurie“, (Kurie – adeliges Wohnhaus) das dem Autor dieses Textes gehört. Darauf prangt sein Schützentroddel (ung. lövészbojt), der ihn als exzellenten Schützen auswies. Im Jahr 1915 fiel er. Obwohl er bereits über 35 Jahre alt war, wurde er – vermutlich aufgrund seines Schützentroddels – eingezogen. Er galt als hervorragender Schütze und angesehenes Mitglied der Kader. Er ertrank während des Serbenfeldzugs in der Drina, sein Tod hatte also wenig mit seiner Treffsicherheit zu tun. Das Kommando der serbischen Armee hatte die Drina blockiert und einen gigantischen Damm errichtet, um die wiederholten Flussüberquerungen der k. u. k.-Armee zu verhindern. Das Wasser wurde entlang der Küste in das weite Tal auf die Stoppelfelder geleitet. Dann – als die vorrückenden österreichisch-ungarischen Truppen gerade die Drina überquerten – durchbrachen die Serben den Damm und tausende der k. u. k.-Soldaten sind ertrunken. Laut den überlebenden Soldaten aus Kötsching trieben die vielen Soldatenmützen wie Gänseblümchen auf dem Wasser. Obwohl Kötsching offiziell ein Dorf am Plattensee ist – das Ufer liegt neun Kilometer entfernt bei Szárszó –, konnten die damaligen Bauern aus Kötsching nicht schwimmen. Ein Zeitvertreiben für das adelige Volk, eine Schalkheit für Gentlemen. Und dann war da noch der 25 Kilogramm schwere Rucksack, die „Waden“, die plötzlich nicht mehr jeder ablegen konnte.
Meine Urgroßmutter, Elisabeth Lux, erhielt ebenfalls die knappe Nachricht, dass mein Großvater verschwunden war. Er wartete sein ganzes Leben darauf und heiratete nie. Wie so oft in turbulenten Kriegszeiten kursierten Legenden. Ausgebrannte ehemalige Frontsoldaten zogen in Scharen durch die Dörfer des Landes, fragten nach den Familien der Verschwundenen, besuchten ihre Verwandten und erzählten allerlei Geschichten über die Vermissten – natürlich in der Hoffnung auf eine Suppe und ein Glas Wein. So erging es auch im Falle von Adam Reichert. Einer der Boten, der vor Jahren als Kriegsgefangener in Georgien landete, behauptete, meinen Urgroßvater dort sterben gesehen zu haben. Mein Urgroßvater war vom Schicksal mit einem eigensinnigen Charakter gesegnet. Er trank vergiftetes Trinkwasser, obwohl man es ihm verboten hatte, aber er hörte nicht auf die Anweisungen. Meine Urgroßmutter – sie mag den ungebetenen Boten zwar empfangen haben – hielt aber ihr Leben lang die „A-Variante“ für authentisch. Dass er „in der Drina ertrunken“ sei. Das sei die bessere Lösung, dachte sie – spes ultima morior, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Im Frühherbst 1914 trafen die knappen Meldungen Schlag auf Schlag ein: Wer, wann, wo? Das Wiener Kriegsarchiv bewahrt diese Namen – wenn auch nicht mit höchster Zuverlässigkeit. Adam Felde (welcher der beiden?) verschwand an der Ostfront. Heinrich Máj, damals 29 Jahre alt, fiel am 23. Juli 1915, mit Sicherheit an der Ostfront, möglicherweise aber auch in Serbien. (Máj: nicht als Körperteil, sondern als „Mey“, was im Althochdeutschen „Kraft“ bedeutet.) Sergeant Wilhelm Teffner, Soldat des 17. Honvéd-Infanterieregiments, fiel oder gilt als vermisst am 26. März 1915. Er wurde 33 Jahre alt. Henrik Reichert, geboren 1884 – ebenfalls Angehöriger des 17. Honvéd – verschwand am 10. Oktober 1915. Johann Kovács, ebenfalls in Kötcse geboren, verschwand am 15. Februar 1916 aus dem 44. Kaposvár-Regiment. (Sein Name fehlt auf dem Denkmal in Kötcse.) Adam Kruts (nicht Gyula, wie auf dem Denkmal angegeben, oder falsch im Kriegsarchiv verzeichnet) verschwand höchstwahrscheinlich 1916 an der Doberdo-Front. Heinrich Buchenauer vom 44. Regiment verschwand am 11. April 1916. Der 20-jährige Julius Kovács vom 86. Infanterieregiment wurde als vermisst gemeldet. Er verschwand am 16. Dezember 1916. Sein Name fehlt auf dem Denkmal in Kötsching. Der „andere“ Henrik Reichert starb am 23. April 1917. Er war Soldat des 8. Honvéd-Husarenregiments. Der andere Gefallene vom 23. April 1917 war János Gutman vom 17. Regiment. Er war mit 42 Jahren zu alt. Der ebenfalls zu alte, 44-jährige Adam Felde geriet in Gefangenschaft und überlebte den Großen Brand. Er kehrte im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Kötsching zurück. (Ich kannte ihn persönlich gut.)
Wie es in der Liste ersichtlich ist, ist die des Kriegsarchivs unvollständig. Manche Personen sind auf dem Denkmal verzeichnet, andere nicht, obwohl sie in der Liste stehen. Die Familien bewahren die Erinnerung an alle Gefallenen. Für eine gewisse Zeit. Manche werden bis heute in Erinnerung behalten. Einer von ihnen war der verstorbene lutherische Kantor und Lehrer Imre Feijér. Seine Daten sind auf einer Gedenktafel an der Wand der ehemaligen lutherischen Schule vermerkt. Doch was ist mit denen, die keine Familie hatten? Zum Beispiel Lajos Weser, also Dr. Lajos Weser, ein Arzt aus „Köttse“ (damalige Schriftsform), heute würden wir sagen: „Hausarzt“. Ich weiß mit Sicherheit, dass er 1918 an der italienischen Front am Piave gefallen ist. Die Liste enthält die Namen zweier jüdischer Bürger von Köttse: Adolf Rauch und Lajos Weser. Über Adolf Rauch ist nichts bekannt. Weser hingegen diente am Oberkommando der Piavefront. Die Umstände seines Todes sind mir nicht bekannt. Valdobbiadene. Ein malerisches Städtchen, umgeben von Bergen, mit einem Palast, das – soweit ich mich erinnere – das Oberkommando der Front beherbergte. Etwa vierzig Kilometer vom Fluss entfernt. Wie kann man an einem so idyllischen Ort sterben? Die Frage ist rein platonisch, denn es sind vierzig Kilometer von Valdobbiadene und noch viel weiter vom Fluss entfernt. Dort mussten die Soldaten, darunter die zahlreiche Kötcse-Abteilung, mitunter stundenlange Höllenqualen durchstehen. Getragen die Farben des Kaiserlich-Königlichen Infanterieregiments Erzherzog Albrecht von Kaposvár auf ihren Uniformen. Kragen und Revers waren kaiserlich gelb, die Knöpfe gelb. Und die Fahne weiß mit gelben Bändern. Ádám (Adam) Garas, Johann Reichert Hilt, István (Stefan) Tóth, Johann Stark und viele andere. Sie kehrten glücklich nach Hause zurück, ich kannte viele von ihnen. Aber auch der Arzt war dort im Kugelhagel. Wenn nötig, verbindet er Wunden mitten im Kampfgetümmel, und die Flugbahnen der Kugeln sind unvorhersehbar.
Die Daten im Wiener Kriegsarchiv sind also auch nicht eindeutig, und die heutigen Urenkel wissen nichts mehr über ihre heldenhaften Vorfahren, oder sie erzählen dem Fragesteller nur ein, zwei vage Geschichten. Alles muss sorgfältig aufbewahrt werden – das ist die Aufgabe des Historikers. Und der Schutz der Unversehrtheit materieller Reliquien. Ganz gleich, welcher Art sie sind. Lajos Weser wohnte zufällig in dem Herrenhaus, in dem ich heute lebe. Das Miklós-Herrenhaus in Kötsching, um das sich Legenden ranken. Mein Urgroßvater, der längst verstorbene Henrik Ubrik – siebzehn Jahre lang Richter in Kötsching –, vermietete die gesamte südliche Hälfte des Herrenhauses an Weser unter, und die südlichen Räume wurden durch die Vermietung in eine Arztpraxis umgewandelt. Von hier aus ging Weser wahrscheinlich an die Front. Er ließ die kleinen und großen Dinge zurück, die er zum Heilen brauchte: Flaschen, Fläschchen, weiße Porzellangefäße. Ich habe diese Flaschen vor über dreißig Jahren gewaschen, in einen Karton gepackt und auf den Dachboden gestellt. Einige wenige habe ich aber dort gelassen, wo sie waren: im Keller des Hauses, wo die Flaschen gelagert wurden. In Kötcse nennt man sie „Blinds“ d. h. „vaklik“. Heute sind diese Flaschen von Spinnweben bedeckt und staubig, doch sie symbolisieren noch immer die Unvergänglichkeit der Zeit. Porzellan und Glas sind nicht von Fäulnisbakterien befallen, sie erzeugen in uns das Bild von etwas, das ewig existiert. Eine humorvolle Geste, die Wesers heldenhaften Einsatz im Namen der Nachwelt würdigen soll. Und den der anderen gefallenen Krieger ebenso. Ad perpetuam rei memoriam. In ewiger Erinnerung an die Dinge.