Deutscheste Dörfer: Sagetal

„Deutscheste“ Ortschaften Ungarns: (1.2) Sagetal

In der letzten Ausgabe durfte der Leser und die Leserin die kurze Zusammenfassung der Ansiedlung von Sagetal/Szakadát schon ein bisschen kennen lernen. In diesem Beitrag möchte ich die ersten Jahre von der Ansiedlung bis zur staatlichen Regulation der bäuerlichen Verpflichtungen (1767) ein bisschen näher vorstellen, da die Ansiedlung der Ortschaft und die darauffolgenden Jahre sehr gut erforscht sind. Eine Monografie ist auch entstanden. Weiterhin gibt es ein Buch von Adam Schultz, dem letzten Direktor der Grundschule von Sagetal. Er hat die Geschichte des Dorfes verarbeitet.

Im ersten Beitrag habe ich schon erwähnt, dass die Tolnauer Ortschaft Sagetal im Jahre 1723-1724 von Graf Mercy besiedelt wurde. Aber ich möchte seine Ansiedlungstätigkeit auch kurz erläutern, da er ein angesehener General der Habsburgerarmee war.

Wer war Claudius Florimund Graf Mercy d’Argenteau?

Claudius Florimund Graf Mercy d’Argenteau (1666–1734) entstammte einer alten lothringischen Adelsfamilie französischer Herkunft, deren Stammsitz in der Gegend von Lüttich  (Liège, Belgien) lag. Bereits im Dreißigjährigen Krieg kämpfte die Familie auf der Seite der Katholiken. Claudius Florimund selbst trat in den Dienst der Habsburger Monarchie und machte dort eine außergewöhnliche Karriere. Als kaiserlich-königlicher General und Gouverneur des Banats erlangte er großen Einfluss und wurde von Kaiser Karl VI. zum Präsidenten der kaiserlichen Ansiedlungskommission („Telepítési Bizottság“) für das Banat ernannt. Zwischen 1717 und 1719 nahm Mercy an den habsburgischen Feldzügen in Italien und Sizilien teil und wurde 1719 in den Grafenstand erhoben.

Im Jahr 1722 erwarb Mercy umfangreiche Besitzungen in der Tolnaer Gespanschaft – unter anderem Hedjess/Hőgyész, Pálfa, Abtsdorf/Bátaapáti, Kleinmanok/Kismányok, Waschad/Varsád, Kölesd und Mutsching/Mucsi – und begann dort mit einer planmäßigen Kolonisierung. Sein Ziel war es, die durch Kriege und Seuchen entvölkerten Gebiete neu zu beleben. Am 29. April 1734 fiel er in der Schlacht bei Crocetta nahe Parma im Krieg gegen Frankreich. Da Mercy unverheiratet blieb, gingen seine Besitzungen an seinen adoptierten Neffen Anton Ignaz Karl August Graf Mercy-d’Argenteau (1691–1767) über. Dieser amtierte später als Gouverneur von Kroatien und Slawonien und starb 1767 in Esseg/Osijek.

Zwischen 1721 und 1773 entfalteten die Grafen Mercy eine umfassende Ansiedlungspolitik. Auf ihren Gütern ließen sich vor allem deutsche Kolonisten aus Hessen, daneben aber auch Slowaken und Madjaren nieder. Besonders stark war die Zuwanderung in den Jahren 1721–1724. Viele dieser deutschen Siedler waren ursprünglich für das Banat bestimmt, ließen sich jedoch nach der Werbung durch Mercys Agenten in Tolnau nieder. Diese warben mit dem Hinweis auf das gesündere Klima und die dort garantierte Religionsfreiheit. Im Jahr 1722 erwarb Mercy große Besitzungen von Graf Zinzendorf, Baron Schilson und von der reformierten Familie Székely. Das Zentrum des weitläufigen Herrschaftsgebiets bildete Hedjess/Hőgyész.

Eine herausragende Bedeutung erlangte Mercy durch seine religiöse Toleranz in einer Zeit, in der in Ungarn die Gegenreformation noch stark wirkte. Er machte keinen Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Untertanen und gewährte insbesondere den lutherischen und reformierten Siedlern Schutz vor Übergriffen seitens der kirchlichen und weltlichen Behörden. Um religiöse Spannungen zu vermeiden, achtete er darauf, dass die Dörfer konfessionell homogen blieben – katholische Kolonisten wurden in katholischen, lutherischen und evangelischen Ortschaften angesiedelt. In seinen Ansiedlungsverträgen sicherte er ausdrücklich Religions- und Gewissensfreiheit zu, was für die damalige Zeit außergewöhnlich war. Auf den Mercy’schen Besitzungen entstanden zahlreiche evangelische Gemeinden, darunter Kleinmanok/Kismányok, Ismi/Izmény, Mutsching/Mucsi, Waschad/Varsád, Falschnone/Felsőnána, Gallaß/Kalaznó, Kleindarmisch/Kistormás, Kölesd, Sárszentlőrinc, Abtsdorf/Bátaapáti und Hirekut/Keszőhidegkút. Von diesen Siedlungen aus zogen später Kolonisten weiter in die Schomodei und in die Branau, wodurch sich die deutschen (donauschwäbischen) Gemeinden im südlichen Transdanubien herausbildeten.                                                                                                                                                                                            

Die demografische, religiöse und wirtschaftliche Struktur der Tolnauer Region wurde somit nachhaltig von der Mercy’sche Ansiedlungspolitik geprägt. Dadurch entstand eines der bedeutendsten lutherischen Zentren Ungarns im 18. Jahrhundert. Die Namen Mercy und Tolnau blieben dauerhaft mit der Geschichte der südungarischen Deutschen verbunden.

Die Ansiedlung von Sagetal und seine Bevölkerung

Wie oben erwähnt, erwarb Graf Mercy das Hedjesser Herrschaftsgut im Jahr 1722, zu dem auch Sagetal gehört. Er besiedelte die Gemeinde im Jahre 1723-1724 mit Deutschen. Die genaue Herkunft der Sagetaler ist umstritten. Es steht aber fest, dass sie aus der Gegend von Limburg stammen. Mercy schloss mit den Neubauern Contracte. Der Sagetaler Vertrag blieb nicht erhalten. Da die Bedingungen der Ansiedlungen in den verschiedenen Dörfern einander ähnlich waren, führen wir den im Jahre 1722 geschlossenen Contract mit Kleinmanok an:

“Das Dorf verfügte über den ganzen Hotter, einschließlich der Schenkkonzession, die Herrschaft behielt sich nur das Jagd- und Fischereirecht vor. Sie (die Untertanen, Red.) wurden vom Frohndienst und vom Zehent befreit. Sie bekamen unentgeltlich Bau – und Brennholz, durften mit Eicheln mästen. Dafür musste ein Bauer mit einer ganzen Session 15 Ft, einen Kübel Weizen, einen Kübel Hafer und drei Fuhren Heu zahlen. Die Neubauern waren 3 Jahre lang und ihre Weingärten 6 Jahre lang steuerfrei.”

Die Zahl der Bevölkerung wuchs schnell: 1725 waren es 39 Familien. Auf die Neubauern warteten aber große Schwierigkeiten. Die Leute waren arm, hatten keine Zugtiere und die Felder waren seit Jahrzehnten nicht bestellt. Die Leute arbeiteten als Tagelöhner in Hedjess und sogar in Szigetvár. Sechs Jahre später – 1731 lebten nur noch 13 Familien im Dorf. Die Flucht der Bevölkerung hängt auch damit zusammen, dass nach sechs steuerfreien Jahren die Steuerpflicht eingeführt wurde. Die Menschen kehrten nicht nach Deutschland zurück, sondern zogen in andere Dörfer um, wohin die Herrschaften sie mit weiteren Begünstigungen lockten.

Die anfänglichen Schwierigkeiten wurden um die Mitte des Jahrhunderts überwunden. Die Bevölkerungszahl erhöhte sich auf 61 Familien. Der Viehbestand verzehnfachte sich. 1756 gab es 86 Pferde, 107 Ochsen, 111 Kühe, 187 Schweine, 305 Ziegen und Schafe in der Gemeinde. Das bestellte Feld war sechsmal so groß wie im Jahre 1731. Die Bauern trieben Dreifelderwirtschaft.

Die katholische Kirche und die Tätigkeit von Pfarrer Michael Winkler

Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Katholische Gemeinde schon im Jahre 1727 einen eigenen Pfarrer hatte. Die Schule wurde 1731 gegründet. Der bedeutendste Pfarrer der frühen Zeit (1759-69) war Michael Winkler. Er ließ die Kirche neu errichten und besorgte eine Orgel. Er schrieb eine Pfarrchronik, in der er über die Herkunft, Sitten und Gewohnheiten der Sagetaler berichtet. Laut Winkler waren die Leute trinksüchtig und wild: Es kam oft zu Raufereien. Winkler bezichtigte sie auch der Sittenlosigkeit. Die Jungen und Mädchen hüteten in der Nacht gemeinsam das Vieh auf der Weide. Andere Mädchen schliefen im Sommer in der Scheune, im Stall oder auf dem Flur, wo sie ihren Geliebten empfingen. Entrüstet schreibt Winkler über ihre Gleichgültigkeit in religiösen Fragen. Sie hoben nicht einmal ihren Hut vor dem Allerheiligsten. In der Fastenzeit aßen sie Fleisch, während den Begräbnissen machten sie Spaß. Bei der Opferung stießen sie mit Weingläsern an und als der Pfarrer den Messwein trank, leerten sie auch ihre Gläser.

Zudem waren sie auch abergläubisch: Zur Trauung ritten die Frauen zum Beispiel auf Besenstielen. Sie sollen auch verschiedene Schwangerschaftsverhütungsmethoden gekannt haben. Kranke Menschen und Tiere beteten sie gesund. Weiterhin schrieb Winkler die Sagetaler Familien zusammen und zeichnete selbst Familienstammbäume, die heute als wertvolle Quellen zur Familienforschung dienen.

Unruhe im Komitat Tolnau und das Urbarium

Im Jahre 1765 gab es Unruhen im Komitat, so auch in Sagetal. Die Bauern verweigerten den Frondienst und die Zahlung verschiedener Abgaben und Steuern.

Im Jahr 1765 kam es in mehreren Komitaten (Bezirken) Transdanubiens zur Unzufriedenheit unter den Bauern. Die Unruhe breitete sich von Eisenburg und Sala auch auf die Schomodei, die Branau und die Tolnau aus. Die Erhebungen betrafen vor allem große Herrenerbgüter (Allodien). Hier wurden die Bauern besonders stark zur Frondienstleistung heranzogen. Es erhoben sich die Untertanen der Grafen Styrum-Lymburg, Festetics und des Fürsten Esterházy. Auch das Herrschaftsgut Hedjess blieb von der Bewegung nicht verschont; dort zeigte sich der Widerstand vor allem in der Verweigerung der Fronarbeit.

In den Ansiedlungsverträgen hatte Graf Mercy den Siedlern im Allgemeinen Befreiung von dem Frondienst gewährt. Dass sich die Bauern dennoch gegen übermäßige Frondienste auflehnten, deutet darauf hin, dass die Herrschaft diesen Vertragspunkt längst übergangen hatte und es ihr gelungen war, den Frondienst auch den deutschen Dorfbewohnern aufzuzwingen.

Am 11. Mai 1766 griffen die Bewohner von Berin/Diósberény ihre Ortsvorsteher an und verweigerten von diesem Tag an jegliche Fronarbeit. Der Bewegung schlossen sich auch die umliegenden Dörfer Sarasch/Szárazd, Udvari, Jink/Gyönk und Sakal/Szakály an. Die Einwohner von Sagetal gingen am 26. Mai zwar noch zur Fronarbeit aufs Feld im Gebiet von Hedjess, doch auf die Drohungen der Sakaler hin nutzten sie die Gelegenheit und stellten ihre Arbeit ebenfalls ein. Am Abend versammelten sie sich und erklärten, dass sie keinen weiteren Dienst leisten würden, bis der Herrscher ihre Angelegenheit geregelt habe.

Die Wiener Regierung reagierte zwiespältig: Einerseits ließ sie die bäuerliche Bewegung mit militärischer Gewalt niederschlagen: Nach Sakal, das als Zentrum des Aufstands galt, wurden 80 Kürassiere entsandt. Schon ihre bloße Anwesenheit genügte, um die Ordnung wiederherzustellen; die Dörfer, darunter auch Sagetal, nahmen ihre Arbeit wieder auf. Für den Aufstand erhielten 32 Bewohner von Berin und 4 von Sagetal je 50 Stockschläge zur Strafe.

Daraufhin regelte die damalige Königin Maria Theresia in einem Erlass – im sogenannten Urbarium – die Rechte und Pflichten der Bauern. Eine Hufe (Session) bestand in Sagetal aus 22 Joch Acker, acht Joch Wiese und einem Joch Hofland. Die Hutweide gebrauchten sie gemeinsam.

Dafür mussten sie 1/9 der Fechsung den Grundherren abgeben, 104 Tage lang Handdienst oder 52 Tage Zugfrohne leisten, einen Forint Zins zahlen und Geschenke geben.

Die Sagetaler Bauern besaßen im Allgemeinen keine ganze, sondern nur eine halbe oder eine viertel Session, d.h. nur 8-15 Joch Feld. Insgesamt hatten 47 Bauern 22 Sessionen zu eigen. Außerdem lebten 23 sogenannte Kleinhäusler in der Gemeinde, die überhaupt keinen Acker, nur etwas Weingarten besaßen.

Der Hotter wurde für so viele Leute zu eng. Die Ursache war die hohe Zuwachsrate der Bevölkerungszahl. Es wurden im Durchschnitt jährlich 30-50 Kinder geboren und es starben nur 20-30 Personen. Die meisten Verstorbenen waren Kinder, mehr als die Hälfte waren unter dem sechsten Lebensjahr. Da aber die Familien viele Rinder hatten – durchschnittlich zehn – nahm die Bevölkerung ständig zu.

Heiraten und die Erbschaft

Die Leute heirateten ziemlich früh, die Männer mit 20, die Frauen mit 18 Jahren. Die meisten Hochzeiten fanden in der Faschingszeit statt. Im Jahre 1786 wurden sämtliche Ehen zwischen dem 10. Januar und 14. Februar geschlossen. Der andere mögliche Termin war der Spätherbst, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten schon vorbei waren. Die Ehepartner schlossen einen Ehecontract (Ehevertrag), in dem die Mitgift der Braut angeführt wurde. Die junge Frau bekam von ihren Eltern außer der Kleidung ein Bett, Bettzeug und etwas Bargeld. Die Kosten der Hochzeit bestritten die Eltern.

Wilhelm Weller brachte zur Hochzeit seines Stiefsohnes drei Eimer (150 l) Wein, 25 Pfund Rind- und 25 Pfund Schweinefleisch auf. Das junge Ehepaar lebte meist bei den Eltern und arbeitete in der väterlichen Wirtschaft. In einer Bauernwirtschaft arbeiteten durchschnittlich drei erwachsene Männer – Vater, Söhne, Schwiegersöhne. Im Familienhaus blieb von den verheirateten Kindern meistens nur eins, welches zum Erben der Wirtschaft ausersehen wurde. Ein Jahrzehnt arbeiteten sie als Knecht und Dienstmagd für ihren Lebensunterhalt. In der nächsten Periode erwirtschafteten Vater und Sohn/Schwiegersohn gemeinsam den Ertrag ihrer Arbeit und teilten sie auf. Wenn der Vater schon alt wurde, überließ er die ganze Wirtschaft seinen Erben, für sich behielt er nur ein paar Stück Rindvieh.

Die anderen Söhne und Töchter wurden vom Erben ausgeschlossen. Als Gutmachung bekamen sie ein Stück Weingarten und etwas Bargeld. Sie bildeten den Nachschub der armen, mittellosen Kleinhäuslerschicht in der Gemeinde. Das Verfahren der Eltern scheint unbarmherzig zu sein, drückte aber eine wirtschaftliche Notwendigkeit aus: Hätte man die halbe oder 1/4 Session in 2-5 Stücke geteilt, wären 2-5 lebensunfähige Wirtschaften zu Stande gekommen. Die Geschwister hätten nicht nur das Erbe, sondern auch die Not untereinander teilen müssen. Die vom Erben ausgeschlossenen Geschwister konnten sich die Tatsache meistens nicht gefallen lassen. Es kam oft zu erbitterten Prozessen zwischen den Familienmitgliedern.

Somit endet mein Beitrag über Sagetal. In dem nächsten Beitrag erhalten der Leser und die Leserin die Geschichte des Dorfes in den Folgejahrzehnten.

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