Die Facebook-Seite „Sváb kultúra és történetek” (Schwäbische Kultur und Geschichten), die wir bereits vorgestellt haben (Über Kultur und Geschichten, SB 03-2024), entwickelt sich langsam, aber sicher zu einer Plattform, die Teile unserer deutschen Herkunftsgemeinschaft zusammenschweißt. Oft posten auch Nachfahren von Heimatvertriebenen – unter ihnen auch welche, deren Familienangehörige 1947/48 in die Sowjetisch Besetzte Zone (spätere DDR) gelangten.
Zu ihnen gehört die in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) aufgewachsene Christine Thieme. Die Mutter der 67-Jährigen Elisabeth geborene Brecht stammt aus Warschad/Varsád, ihr Geburtshaus ist heute Heimatmuseum. Christine Thieme hat im September ein Bild der Urgroßeltern Heinrich Scherer (1890-1969) und Elisabeth Frank (1892-1981) gepostet. Auf dem Bild trägt die Uroma Tracht. Grund genug für das Sonntagsblatt, die Geschichte hinter dem Bild zu erforschen.
„Beide Urgroßmütter haben in der DDR bis zu ihrem Tod nie die Tracht abgelegt, ihre Schwester, die in der BRD lebte, auch nicht. Erst die Frauen wie meine Tanten – welche nach 1900 geboren wurden – trugen in Deutschland keine Tracht mehr”, erinnert sich die Wahlberlinerin, die in der DDR aufgewachsen ist. „Es war für uns normal, dass die Großmutter Tracht trug. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals etwas Negatives dazu erwähnt wurde. Einmal als Kind hieß es von einem anderen Kind: „Deine Großmutter ist eine Hexe.“ Aber sonst haben wir erklärt, dass die Großmutter aus Ungarn kommt und dort die Tracht getragen wird”, ergänzt sie.
Das Thema „Vertreibung” selbst spielte nach ihren Angaben keine Rolle, man habe wenig darüber gesprochen. Manchmal habe es geheißen: „Die Russen haben uns rausgeschmissen.” Der Neustart in Deutschland war nach Thiemes Angaben „etwas schwierig”: „Angefangen, dass sie bei Fremden einquartiert wurden, bis zur deutschen Sprache in der Schule – denn sie – die Deutschen aus Ungarn, Red. – sprachen und verstanden nur ihr Warschader Deutsch.“ Die erste Zeit haben sie viel sozialen Kontakt nur mit der Familie und Freunden aus der alten Heimat gehabt. Dank der guten Kochkünste der Großmutter wurde es dann bei der „Gastfamilie“ besser. „Meine Mutter lernte Freundinnen in der Schule kennen und viele Kontakte entstanden über die evangelische Kirche”, gewährt sie einen Einblick in das Schicksal der Familie in der neuen Heimat.
Die Urgroßmutter Elisabeth Scherer, geb. Frank habe in der DDR nicht gearbeitet. Sie sei für die Familie da gewesen und habe gekocht. Sie hat nach Thiemes Angaben für Bauern aus der Umgebung Schafwolle gesponnen. Später erwarb die Familie einen Garten, „dort wurde wie in Ungarn Gemüse angebaut, Hasen gab es auch“, so die Urenkelin. Der Urgroßvater Heinrich Scherer habe in Warschad eine Schmiede gehabt. Er habe dann in einer Fabrik gearbeitet, trotz des hohen Alters. Die Familie habe in den ersten Jahren zusammen gewohnt. Nahe Verwandte habe es in der Umgebung gegeben, was regelmäßige große Familienfeiern ermöglicht habe.
Die Verbindung zur alten Heimat sei nie abgerissen: Die Urgroßeltern und die Mutter hätten stets Mundart gesprochen und über das Leben im Dorf erzählt. Aber wo waren die Großeltern, die Eltern von Mutter Elisabeth? Der Vater starb 1943 in Lemberg, die Mutter 1945 in Warschad. Knapp zwanzig Jahre später sei sie zum ersten Mal in Warschad gewesen und seitdem besuche sie Ungarn jedes Jahr: „Das erste Mal war ich 1964 mit sechs Jahren in Warschad. Wir wurden herzlich empfangen, obwohl keine direkten Familienmitglieder mehr dort lebten. Es waren wunderbare Zeiten dort. Wir konnten uns frei im Dorf bewegen, spielten mit Kindern, die auch deutsch sprachen und lernten erste ungarische Wörter. Wir gehörten im Urlaub immer dazu. Der Urgroßvater war leider nur noch einmal in seiner Heimat, er wollte es nicht mehr sehen.”