Die Zerstörung der Dorfgemeinschaften begann bereits im Frühjahr 1944

Die Zerstörung der Dorfgemeinschaften begann bereits im Frühjahr 1944

Schicksalsschläge wie Holocaust, Verschleppung und Vertreibung mahnen zum gemeinsamen Gedenken

Am 19. Januar begangen wir den Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Deutschen. Eine Woche später, am 27. Januar, begeht man jedes Jahr einen anderen Gedenktag, der uns an die Gräuel des Holocausts erinnert. Ein Tag, an dem man der Mitbürger jüdischen Glaubens oder Herkunft auch in den schwäbischen Dörfern gedenkt. So tat es dieses Jahr auch die Ortshistorikerin Maria Thun-Szorg aus dem Branauer Boschok/Palotabozsok. Sie gewährte dem Sonntagsblatt einen Einblick in die jüdische Geschichte Boschoks und das Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung im 20. Jahrhunderts:

In unserem Dorf, auf der Hauptstraße, gesäumt von öffentlichen Gebäuden, befanden sich die Geschäfte jüdischer Familien. Sie alle waren Kaufleute und angesehene Bürger unseres Dorfes. Der erste Gemischtwarenladen gehörte Jenő Brucker und seiner Frau Regina Spitzer. Sie führten ihn ab den 1930er Jahren erfolgreich und wurden zu wohlhabenden Bürgern unserer Gemeinde. Jenő engagierte sich im öffentlichen Leben und spendete viel für unser Dorf. Ihr Sohn Karcsi wurde 1941 geboren. Alle drei wurden nach Dachau deportiert, nur das Familienoberhaupt kehrte zurück. Aus seiner zweiten Ehe stammte Miki, geboren 1949. Um 1960 zogen sie nach Fünfkirchen, und Mutter und Sohn arbeiteten beide als Verkäufer im Kaufhaus.

In der Familie Kohn betrieb der Vater, József, eine Metzgerei. Sein Sohn, Onkel Kálmán (Kálmán bácsi), kaufte das Dorfgasthaus und führte es zusammen mit seiner Mutter. Neben dem Ausschank wurden auch die Pferde der Gäste versorgt. Onkel Kálmán landete schließlich mit seiner Mutter in Mauthausen; sie kehrte nie zurück. Später arbeitete er im Büro der LPG. Er konnte Hitlers Reden auswendig aufsagen, was ihm einmal beinahe zum Verhängnis wurde. Onkel Kálmán verbrachte seine letzten Jahre mit einer schwäbischen Witwe, die heute auf dem katholischen Friedhof begraben liegt. Wir fanden ein Stück des Grabsteins seines Großvaters auf dem jüdischen Friedhof.

Aladár Dick war Pferdehändler. Er lebte mit seiner Frau Rózi zusammen; sie hatten keine Kinder. Er kaufte auf den Jahrmärkten Pferde, genauer gesagt Zugpferde, hielt sie gut und behandelte sie, wenn nötig. Seine Angestellten kümmerten sich um die Pferde, und wenn jemand ein Pferd brauchte, gab er ihm eines oder lieh ihm Geld, um sich eines zu kaufen. Er war immer hilfsbereit! Er war aus Schomberg/Somberek in unser Dorf gezogen und hatte seine Liebe zu Pferden von seinem Vater geerbt. Unser Dorf war ein wohlhabendes Dorf mit guten Ackerböden, und die Viehzucht machte es reich. Jeden Monat gab es auf dem Dreifaltigkeitsplatz einen Pferdemarkt mit Auktion. Manchmal wurden Aladár Dick 30 Pferde abgekauft. Die Händler kamen sogar noch in den 1960er Jahren aus Italien. Der bekannteste italienische Käufer hieß Pipo. Auch sie wurden deportiert, seine Frau kehrte nie zurück. Aladár zog später nach Fünfkirchen, wir trafen ihn oft auf dem Jahrmarkt. Sein Büro befand sich im Stadtzentrum.

Auch Béla Spitzer wohnte mit seiner Familie in der Hauptstraße. Béla war ein jüdischer Bauer, er betrieb Viehzucht und Landwirtschaft. Er besaß auch Pferde in seinen großen Ställen und handelte mit Pferden. Seine Frau Regina eröffnete ein Bekleidungs- und Kurzwarengeschäft. Sie brachte uns ihre Waren aus Budapest mit: wunderschöne Stoffe für Röcke und Schals, feine Garne, weiße und schwarze Spitze. Ihr verdanken wir die Schönheit unserer Tracht. Alle sechs mit ihren beiden Kindern und ihren Eltern verloren ihr Leben in Mauthausen.

16 Juden wurden aus unserem Dorf Boschok verschleppt, nur drei von ihnen kehrten zurück. Ihr Andenken wird ewig währen!

Die Zerstörung der Dorfgemeinschaften begann bereits im Frühjahr 1944

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