Reisenotizen (20) Ketsching(e)-Tuwoke

(Januar 2026) Die Erzählungen sind deckungsgleich: Eine Branauer Kindergärtnerin erzählte mir vor einigen Jahren von ihren Erlebnissen mit Schulkindern aus der Gemeinde Ketsching(e)-Tuwoke/Görcsönydoboka im Komitat Branau. Während man in den 1980ern gemeinsam auf den Bus wartete, hörte sie dabei zu, wie sich die Schulkinder in der örtlichen Mundart unterhielten. Die Schwester einer Lehrerin berichtete mir unlängst von ähnlichen Erfahrungen: Schulkinder aus Ketschinge-Tuwoke, die die Kreisgrundschule ansteuerten und sich dabei noch in den 90er Jahren der Sprache der Ahnen bedienten.

Beide Quellen sprachen von einem etwas abgelegenen Dorf mit einer damals noch starken und verschlossenen Dorfgemeinschaft unweit von Schomberg/Somberek am historisch berühmten Tschele-Bach. Der Ort entstand 1944 aus dem Zusammenschluss von Ketsching(e)/Cselegörcsöny und Tuwoke/Cseledoboka. Dass es sich früher um zwei eigenständige Gemeinden handelte, ist auch heute noch erkennbar. Dabei ist Ketsching(e) deutlich größer als Tuwoke, auch alle öffentlichen Gebäude befinden sich in diesem Ortsteil. Das Ortsbild ist wie in anderen umliegenden Gemeinden nicht mehr einheitlich: Vorkriegsgebäude wechseln sich mit Kádár-Würfeln und Nachwendebauten, verlassene und verfallene Höfe mit gepflegten ab. Zwischen den beiden Ortsteilen befindet sich am Waldesrand der Gemeindefriedhof, der erstaunlich viele Gräber mit deutschsprachigen Inschriften aus der Gegenwart bzw. der jüngeren Vergangenheit beherbergt – in dieser Form wohl eine Rarität. Ähnliche Beobachtungen habe ich bislang lediglich in Bawaz/Babarc machen können, aber mit deutlich weniger deutschen Inschriften. Und noch etwas: Die Grabmäler sind fast ausschließlich mit deutschen Familiennamen bestückt.

Wie schwäbisch ist der Ort noch? Das will ich gerne in Erfahrungen bringen und mache mich an diesem Januarwerktag auf die Suche nach Gesprächspartnern. Das Dorf mit seinen über 300 Einwohnern wirkt wie leergefegt. Aber dann werde ich doch fündig: Ein Großvater mit einer etwas ungeduldigen Enkelin läuft die Straße runter. Der junge Großvater gehört wohl der Generation an, die meine beiden Quellen gemeint haben können: Tatsächlich bestätigt er, dass seine Generation 50+ noch über aktive Mundartkenntnisse verfüge, aber im Vergleich zu damals der Sprachgebrauch einen deutlichen Rückgang erfahren habe. Wovon leben die Menschen? So löchere ich ihn mit weiteren Fragen. Arbeit finde man auch vor Ort, wenngleich viele nach Sexard, Mohatsch, Badesek/Bátaszék oder Fünfkirchen pendelten. Zudem sei es in der Zeit zu Wanderungsbewegungen gekommen: Viele junge Leute hätten den Ort in Richtung deutschsprachiges Ausland verlassen. Dafür seien – wenn auch nicht viele – dazugekommen, darunter an die 10 Familien aus Westeuropa. Die deutschen, niederländischen und belgischen Kennzeichen sind im Umland tatsächlich allgegenwärtig.

„Sie haben ja die leergewordenen Häuser, wo die Alten gestorben sind, aufgekauft”, das erzählen mir bereits zwei Männer in ihren Siebzigern, die ich im Friedhof treffe. Beide haben nach eigenem Bekunden ihren Heimatort seit längerem verlassen und beklagen sich über die vermeintliche Verrohung der Sitten: „Früher hat man die Hand gegeben und so war das Gesetz. Aber heute!”, so einer der Männer. Die beiden erzählen noch von früheren Zeiten („meine Oma sprach kein Ungarisch”) und streifen die Zeit der Vertreibung und die Ankunft der Sekler und „Tschechen” – also Madjaren aus dem ehemaligen Oberungarn. Wir verabschieden uns, die Gräber der Verwandtschaft warten.  

Dass Zuwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg ein stetiger Prozess war, bestätigt mir eine Dame in ihren Siebzigern, die ich am Wegesrand treffe: Sie stamme aus einem anderen Landesteil und habe in eine deutsche Familie eingeheiratet. Nach ihrem Eindruck sei die Dorfgemeinschaft immer noch sehr zusammenhaltend, die Bevölkerung bestehe dabei zu 80-90 % aus Donauschwaben. Man feiere in Ketsching(e) regelmäßig deutsche Messen, wohingegen in Tuwoke nur einmal im Jahr Heilige Messe gefeiert würde. Das mit der deutschen Messe relativiert wenig später eine etwa gleichaltrige Frau und spricht von ungarischer Liturgie und deutschen Kirchenliedern. Sie selbst stamme aus einem Nachbarort. Das Gespräch lenke ich ganz schnell auf die beiden obigen Erzählungen und lande einen Volltreffer: Ihre Tochter, Jahrgang 1972, habe bis zum Schuleintritt nur Mundart gesprochen. Leider sei die Jugend weggezogen, seufzt sie und zeigt auf einen verlassenen Hof auf der anderen Straßenseite.

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