An den Rand eines geteilten Fotos
„Sie wollten nicht wirklich über die Gräueltaten sprechen, um keinen Hass gegen das serbische Volk zu schüren. In dem kleinen Dorf Deutsch-Zerne/Srpska Crnja begingen an einem einzigen Tag über 30 Menschen Selbstmord, nachdem sie von den Gräueltaten erfahren hatten – sie ließen auch die Roma auf sie hetzen. Unter den Nachbarländern wurde die schwäbische Zivilbevölkerung in Jugoslawien am grausamsten behandelt. Meine Mutter und meine Großmutter waren bis 1948 in verschiedenen Lagern inhaftiert und mussten auf Bauernhöfen arbeiten (Kühe melken usw.). Meine Urgroßmutter, ihre Tochter und zwei Enkelkinder wurden in das Lager Gakowo an der ungarisch-serbischen Grenze deportiert. Von dort flohen sie nach Ungarn, wo sie nicht mehr so schlecht behandelt wurden“, erinnert sich Emmerich Gulyás an den Völkermord an den Donauschwaben, der sich vor kurzem zum 80. Mal jährte.
Es war wieder mal ein Bild, das meine Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Batschkaer und Banater Schwaben lenkte: Die Aufnahme zeigt eine Klasse (die Grundschuljahrgänge 1 und 2), die Überschrift dazu lautet in Mundart verfasst: „Die letschte teitsche Schule in Molitorf (Banat/Serbien), 1943/44“. Das Bild wurde auf der Facebook-Seite „Sváb kultúra és történetek“ (über diese Seite haben wir bereits berichtet: Über Kultur und Geschichten, SB, 3/2024) von einem Banater mit deutschen und madjarischen Wurzeln veröffentlicht. Es zeigt die Mutter von Emmerich Gulyás, Emilia Harjo mit ihren damaligen Schulkameraden in der deutschen Schule von Molidorf/Molin – Molidorf existiert heute nicht mehr.
Das Dorf diente nach dem Krieg als Lager für die deutsche Bevölkerung der umliegenden Dörfer: „Ich muss betonen, dass die männliche Bevölkerung schon damals nicht sehr groß war; die meisten Männer starben im Krieg. Die Gefangenen, wie mein Großvater, wurden sogar gefoltert. Nur Frauen, Kinder und Alte blieben zurück, viele von ihnen verhungerten. Alle Schwaben der Gegend wurden hierher deportiert (aus den Gemeinden Soltur (Seultour), Charleville und St. Hubert, heute vereinigt als Gemeinde Banatsko Veliko Selo, sowie Mastort/Novi Kozarci und Zerne). Nach dem Krieg wurden bosnische Kolonisten dort angesiedelt, doch nach der Flut stürzten die Häuser ein, und auch sie zogen weg. Heute erstreckt sich an ihrer Stelle ein großer Pappelwald, und anstelle der Häuser erhebt sich ein Hügel. Das nächste Dorf ist Toba“, erzählt der 65-Jährige.
Sie haben es richtig gesehen: Manche Gemeinden im Banat tragen/trugen französische Namen – dies ist auf die Kolonisationsgeschichte nach den Türkenkriegen zurückzuführen, als aus Lothringen französische Siedler in die Gegend kamen. Besiedelt wurden die Dörfer der Gegend von Maria Theresia: Neben Franzosen kamen vornehmlich deutsche Siedler – an den französischen Ursprung erinnerten die Nachfahren nach einer gewissen Zeit nur noch die französischen Nachnamen wie bei Mutter Emilia (Jg. 1935), die, wie viele Bewohner des Banats, mehrsprachig war und gut Schwäbisch, Serbisch und Ungarisch gesprochen habe. Emmerich selbst, geboren 1960 in einer Mischehe, wuchs in einem madjarischen Dorf namens Neu-Itebe/Novi Itebej/Magyarittabé auf und besuchte die ungarische Schule.
Kennen gelernt haben sich Emmerichs Eltern auf einem Bauernhof nahe Neu-Itebe: Also hat Mutter Emilia in eine madjarische Familie eingeheiratet, Familiensprache sei Ungarisch gewesen. Nebenan habe ihr Cousin gewohnt, mit dem sie Mundart gesprochen habe. Genauso mit der Oma von Emmerich Gulyás, die einen Serben geheiratet hat: Dies führte zu einer interessanten Konstellation: Die Oma habe zwar das Ungarische verstanden, habe es aber nicht sprechen können – wenn Emmerich der Oma etwas auf Ungarisch erzählt habe, habe sie auf Serbisch geantwortet. Man habe nie ein Gefühl von Hass verspürt, es sei stets ein gutes Miteinander zwischen Deutschen, Madjaren und Serben gewesen.
Deutsch lernte Gulyás in der Schule, aber es sei nie zur zweiten Muttersprache geworden – dennoch betrachtet er das Schwäbische als eine „besondere Sprache“. Der Mutter sei diese Sprache nicht nur von Haus aus identitätsstiftend: Sie schrieb die Texte stets nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung, der Unterrichtssprache in ihrer Grundschule damals.
Sohn Emmerich Gulyás durchlief hingegen eine madjarische und serbische Sozialisation und erlernte den Beruf des Kochs – er arbeitete von 1983 an 17 Jahre lang in Neusatz, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Vojvodina – am Ende verdiente er 150 Euro (damals 45.000 Forint) im Monat. Die wenige Arbeit und die geringen Löhne trieben ihn wie viele andere Landsleute in den Westen: Gulyás ist seit 2012 im Besitz der ungarischen Staatsangehörigkeit und somit Nutznießer der Freizügigkeit in der EU. Er arbeitet seit einigen Jahren in der Urheimat der Ahnen: in einer Kantine in Niedersachsen. Und da macht er so seine Erfahrungen: Die Deutschen hätten keine Ahnung von den Banater Schwaben, die Kroaten, bei denen er auch schon gearbeitet hat, wiederum von der Existenz der Madjaren in der Vojvodina.