Vor 55 Jahren verstarb der bedeutende ungarndeutsche Journalist Dr. Anton Szentfülöpi-König
Mitte des Jahres erreichte uns eine bemerkenswerte E-Mail. Ein Wissenschaftler aus dem Südosten des Landes lenkte unsere Aufmerksamkeit auf einen Mann, der als Quasi-Hauptschriftleiter des Bleyer’schen Sonntagsblattes dessen Gesicht und Geschichte maßgeblich beeinflusste: Dr. Anton Szentfülöpi-König. Anlass war die Forschungstätigkeit des Wissenschaftlers, in deren Rahmen ihm auffiel, dass die Grabpracht für den verstorbenen ungarndeutschen Journalisten im Friedhof auf der Wolfswiese/Farkasrét (12. Stadtbezirk von Budapest) 2024 abgelaufen sei. Wie es sich herausgestellt hat, wurde die Pacht von den Nachkommen doch um weitere Jahre verlängert. Der besagte Wissenschaftler hat in seiner Mail noch eine interessante Anregung gemacht: Man solle prüfen, die Grabstätte in eine von nationaler Bedeutung umzuwidmen. Aber wer ist der Mann, der so Nachhaltiges geleistet haben soll?
Wie man in einer wissenschaftlichen Mitteilung von György Sági (erschienen in: FONS XXVIII (2021), S. 277-307) erfährt, entstammt Anton Szentfülöpi-König (in manchen Quellen „Kőnig“) (1890-1971) einer batschkaschwäbischen Familie aus Filipowa, ung. Szentfülöp (daher der madjarisierte Name Szentfülöpi) als Sohn des Landwirts Josef König sen. und Anna Pertsy. Einige seiner Geschwister haben eine ähnlich bemerkenswerte Karriere hinterlegt wie Anton selbst: Unter ihnen fanden sich Lehrer, Schriftsteller, Nonnen und Priester. Sági bezieht sich in seiner Mitteilung auf die Aufzeichnung der Tochter von Szentfülöpi-König, Agnes König-Hidy, aus dem Jahre 1984.
Nach Volks- und Bürgerschule besuchte Szentfülöpi-König das Jesuitengymnasium des Erzbistums Kollotschau/Kalocsa. Hier traf er den bekannten, nach Angaben unseres verstorbenen Landsmanns Franz Wesner madjarisch-nationalistisch gesinnten Jesuitenpater Béla Bangha, der selber journalisitisch tätig war und die ungarische katholische Presse maßgeblich beeinflusst hat. Nach dem Abitur wurde Szentfülöpi-König Novize bei den Jesuiten. Sein Hochschulstudium absolvierte er von 1913 bis 1916 an der Jesuitenuniversität von Innsbruck. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete auch für ihn eine Zäsur: Er meldete sich freiwillig zum Militärdienst und arbeitete im feldmedizinischen Bereich. In dieser Zeit reifte sein Entschluss, den kirchlichen Dienst zu verlassen.
Sein Glück suchte er ab 1919 in Budapest: Er war Mieter einer Wohnung auf der Üllőer Straße, wo er sich in die Tochter der Vermieterin – Jolanda Schneider – verliebte. Die Hochzeit ließ nicht lange auf sich warten: Kurz nach dem Sturz der Räterepublik wurden sie am 31. August 1919 Mann und Frau. Der junge Mann fing bei der katholischen Zeitung „Új Nemzedék” von Béla Bangha an, wechselte aber einige Jahre später zur renommierten Zeitung des liberalen Bürgertums „Pester Llloyd”. Von hier ging er zum von Jakob Bleyer 1921 gegründeten Sonntagsblatt – nicht zuletzt dank dessen christlich-nationaler und patriotischer Grundrichtung. Auch beim Sonntagsblatt stellte sich die Frage, welche Kräfte (der Gratz’sche UDV oder die Basch’sche VK) sich durchsetzen würden.nKönig tendierte eine Zeit lang zu einer Zusammenarbeit mit den radikaleren Kräften rund um Franz Basch, legte sich – so Sági – nach Unterredungen mit UDV-Mann Gustav Gratz, auf die UDV-Linie fest. Diese soll er auch im 1935 gegründeten „Neues Sonntagsblatt” verfolgt haben. Er engagierte sich auch im UDV und hielt in der Batschka zusammen mit Wilhelm Bäumel proungarische Reden. Er wandte sich auch gegen die SS-Rekrutierungen, woraufhin die Schutzstaffel ihn vorläufig festnahm. Auch seine Korrespondentenposten bei deutschen und österreichischen Medien verlor er peu á peu. Es soll ihm nahegelegt worden sein, auch auf die Zusammenarbeit mit der Schweizer „Neue Zürcher Zeitung” zu verzichten.
1945 ließ er seinen Namen in Szentfülöpi ändern. Zu den Beweggründen erfahren wir in der Mitteilung nichts. Seine deutsche Herkunft und früheren Verbindungen zum deutschsprachigen Ausland holten ihn 1953 ein: Er wurde bei der Verteilung von Mehl auf der Straße von Zivilpolizisten kontrolliert und verhaftet – mit dem Vorwurf von Warenunterschlagung. Er wurde zu fünf Jahren verurteilt. Über einen einflussreichen Mitarbeiter der Tageszeitung „Magyar Nemzet” wurde er nach Aufenthalt im berüchtigten Segediner Gefängnis „Csillag” noch im Jahr 1953 begnadigt. Dennoch wurde er mit Vermögenskonfiszierung belegt. In der Zwischenzeit wurde die Familie der Hauptstadt verwiesen und wie viele andere Familien der vermeintlichen Horthy-Elite nach Gyöngyös zwangsumgesiedelt. Die Familie mietete bis 1960 in Erlau eine Zwei-Zimmer-Wohnung. König musste lange um die Wiederaufnahme der Zahlung seiner Rente kämpfen.
1960 wurden seine Bemühungen von Erfolg gekrönt und die Familie konnte wieder nach Budapest zurückkehren. Szentfülöpi-König wandte sich erneut an die Behörden und bat um die Rücknahme seines ursprünglichen Familiennamen: Fortan hieß er Anton Szentfülöpi-König. In dem letzten Jahrzehnt seines Lebens war er mehrfach im deutschsprachigen Ausland und konnte Freunde wie den ehemaligen SB-Mitredakteur Ludwig Leber (Unsere Post) sowie Familienangehörige besuchen. Artikel von ihm wurden in der Vertriebenenpresse veröffentlicht. Durch die Honorare konnte er seine Rente aufbessern. Er starb 1971 im Alter von 82 Jahren infolge einer Krebserkrankung.