Daniela Sibla lebt seit Sommer 2022 in Südungarn, in der überwiegend von Angehörigen der deutschen Minderheit in Ungarn bewohnten Gemeinde Nadasch/Mecseknádasd. Sie führt mit ihrem Ehemann seit zwei Jahren ein gemeinsames Schuhproduktionsunternehmen in der nahegelegenen Kleinstadt Bonnhard. Ihre Kinder besuchen die örtliche Deutsche Nationalitätengrundschule Franz Liszt. Die Familie kommt aus Baden-Württemberg und hat bereits schon vor ihrem Umzug in Deutschland angefangen Ungarisch zu lernen.
SB: Was hat Sie dazu bewogen, Deutschland zu verlassen?
DS: Also wir sind schon seit einigen Jahren immer wieder in Ungarn, weil mein Mann Schumacher ist und die Schuhproduktion schon seit vielen Jahren, als er noch angestellt war, hier in Ungarn war und so hat er letztendlich Bekanntschaften geschlossen und irgendwann sind wir auch zum Urlaub hierher gekommen, weil es einfach schön ist. Und so hat sich das dann entwickelt. Es kam noch hinzu, dass die Entwicklung in Deutschland jetzt nicht unbedingt so war, dass ich das nochmal 40 Jahre brauche. Man muss dazusagen, ich bin Polizistin in Deutschland gewesen und der Job hat sich rapide verändert. Wir haben dann nach Alternativen gesucht und so kamen wir nach Ungarn.
SB: Was war Ihr erster Eindruck von Ungarn? Wieso fiel Ihre Entscheidung gerade auf Ungarn? Sie hätten vielleicht auch ein anderes deutschsprachiges Land wählen können.
DS: Ich sag‘ immer, in Ungarn laufen die Uhren ein bisschen anders. Es ist alles ein bisschen ruhiger, normaler. Ich finde es hier wunderschön, ich bin jemand, der viel in der Natur unterwegs ist und es freut mich, dass es hier kilometerlang unberührte Natur gibt. Entscheidend waren die Faktoren, dass diese Arbeitskomponente schon hier war, weil ja die Schuhproduktion in Bonnhard ist, 10 km von unserem Wohnort entfernt und dass die Lebensunterhaltungskosten hier deutlich niedriger sind als in Österreich oder der Schweiz.
SB: Welche sprachlichen Hürden gibt es oder gab es für Sie? Die Landessprache ist ja Ungarisch. Wie kommen Sie mit den Ämtern und der Verwaltung klar?
DS: „Tanulok beszélni magyarul, de nem jól beszélek” [Ich lerne Ungarisch, spreche es aber nicht gut] (Lacht). Ich habe über Skype Sprachunterricht, zweimal die Woche. Es ist schwierig jetzt hier im Dorf ungarisch zu sprechen, ich schätze so 60-70% der Bewohner sind mehr oder weniger Deutsche, was es für mich sehr einfach macht, hier zu leben, aber eben sehr schwierig hier Ungarisch zu lernen. Aber ich möchte das. Ich war in Deutschland 27 Jahre lang Polizistin und mich hat es immer geärgert, wenn ich zu einer Familie gekommen bin, die seit 10-15 Jahren in Deutschland wohnt und nicht Deutsch spricht. Und das kommt oft vor… Meistens sind es die Mütter, die daheim sind, weil die Kinder lernen das in der Schule, die Väter meistens beruflich auch ein bisschen, aber zehn Jahre da leben und nicht ein Wort in der Landessprache sprechen, das finde ich traurig. Ich sage ja immer, ich bin hier nicht im Urlaub, ich möchte hier leben und da gehört auch die Sprache dazu. Und mich ärgert es auch, dass ich momentan immer noch Hilfe brauche, wenn ich mich ummelden will oder etwas beantragen will, weil das halt bei weitem meine Sprachkenntnisse im Moment übersteigt, aber ich denke, bis in ein paar Jahren kriege ich das schon alleine hin. Ungarisch ist eine sehr schwierige Sprache für uns Deutsche, weil es eben sehr wenig mit der deutschen Sprache zu tun hat. Die ganze Struktur ist ja anders, die Satzstellung, die Betonung und sie sprechen schnell. Ach, und die Vokalharmonie nicht zu vergessen. Aber es war uns klar, dass es mit einer gewissen Maß an Anstrengung verbunden sein wird.
SB: Haben Sie vor Ihrer Anreise schon gewusst, dass es in Ungarn eine historisch gewachsene deutsche Minderheit gibt?
DS: Mein Mann ist gebürtig aus Rumänien, er ist ein Banater Schwabe und von dem her sind wir mit dem Thema, also nicht speziell mit Ungarn, aber insgesamt mit dieser Auswanderungsbewegung vor vielen Jahrhunderten durchaus vertraut. Die Geschichte Ungarns lerne ich durch das Lernen mit meinem Sohn, er ist jetzt in der 6. Klasse hier und sie lernen viel über die Geschichte des Landes, über die türkische Belagerung und Reisebewegungen und auch wie das Ganze zustande gekommen ist. Ich finde es wahnsinnig interessant, weil tatsächlich in Deutschland, im deutschen Schulunterricht die Geschichte von Ungarn keine Rolle spielt, also etwa Österreich-Ungarn und fertig. Aus Schulzeiten wäre es mir aber nicht bekannt gewesen, dass es hier Deutsche gibt. Weil wir aber jetzt seit den vergangenen etwa fünf Jahren hier regelmäßig unterwegs sind und einen guten Bekanntenkreis haben, jetzt schon, aber wie gesagt nur aus persönlicher Erfahrung, nicht durch die Schulbildung ist mir das bekannt.
SB: Wie klingt für Sie die Sprache, die Mundart, hier im Ort?
DS: Für mich sehr vertraut, weil meine Schwiegereltern genauso sprechen. Also mit Nuancen an Unterschieden, aber dieses „schwowisch rede“ ist mir durchaus geläufig durch die Familie meines Mannes.
SB: Ihre Kinder sind hier im Ort eingeschult. Wie kommen die Kinder mit der Situation klar?
DS: Meine Tochter ist 7, sie war jetzt noch ein Jahr zusätzlich im Kindergarten, damit sie sich ein bisschen eingewöhnen kann und vielleicht die ersten Brocken der Sprache schon kann. Der Große, der wäre jetzt schon in der 7. Klasse in Deutschland, aber macht auch nochmal die 6. Klasse hier, damit er ein bisschen Luft hat. Also für die zwei ist es sicherlich schwieriger als für mich, weil die ja in der Schule müssen. Wir bekommen sehr viel Unterstützung, die Schule stellt jetzt eine Stunde Ungarisch jeden Tag zur Verfügung. Die letzte Unterrichtsstunde ist Ungarisch für die Klassen 1-8 und mein Sohn nimmt außerdem noch Ungarischunterricht bei meinem Skype-Lehrer, weil ich das Gefühl habe, er müsste mehr reden. Ich merke, es tut sich was, daheim versuchen wir Ungarisch einfließen zu lassen, so einzelne Wörter oder wenn wir essen gehen, bestellen die Kinder schon auf Ungarisch. Wenn wir längere Autofahrten machen, fragen sich die Kinder schon gegenseitig ungarische Vokabeln ab. Mein Sohn sagt immer, „Mama, die lachen mich aus, ich kann‘s ja noch nicht“ und dann sag ich immer, „die lachen dich doch nicht aus, die freuen sich, wenn du die Sprache versuchst zu sprechen“ und ja, mein Gott, wir werden nie so Ungarisch sprechen, wie jemand, der hier geboren ist, aber ich möchte, dass wir so Ungarisch sprechen, dass wir uns hier verständigen können und sie in der Schule den Unterricht mitkriegen. Ich persönlich hoffe, dass sie auch hier in Ungarn ihr Abitur machen und die Berufsausbildung. Was ich merke, die Kinder sind selbstständiger geworden. Es gibt hier eine tolle Gemeinschaft in der Schule.
SB: War die Schule auf sie vorbereitet?
DS: Wir haben Glück mit den Lehrern, ich kriege dann die Themen auf Deutsch, wir lernen auf Deutsch und er darf die Klassenarbeit auf Deutsch schreiben, aber das ist halt keine Dauerlösung, ich gehe davon aus, dass wir im nächsten Jahr dann irgendwann mal fließend sprechen kann. Für den Moment funktioniert es recht gut. Es ist aber auch schwierig. Wir haben uns von Deutschland aus damals vor dem Umzug erkundigt, es hieß, in Fünfkirchen gibt es eine deutsche Schule. Dann haben wir gedacht, ja wunderbar, dann gehen die Kinder halt in die deutsche Schule, da ist es dann nicht ganz so schwierig und dann sagte die Direktorin: „Nee, nee, wir sind in Teilen deutsch, wir haben deutschsprachige Fächer, aber die Prüfungen und einzelne Fächer sind in Ungarisch und sie haben da die Erfahrungen gemacht, die Kinder, die da zur Schule gehen, konzentrieren sich auf deutschsprachige Fächer und dann gar kein Ungarisch, weil es nicht notwendig ist, weil ja jeder in der Schule super Deutsch spricht und hat uns geraten, hier lokal zur Schule zu gehen und unsere Kinder ungarisch lernen zu lassen.“ Das ist für mich eine schlüssige Argumentation, war mir so auch nicht bekannt, weil tatsächlich war mein Eindruck von dem, was ich gelesen habe und was ich erzählt bekommen habe, anders. Mein Mann ist ja in Rumänien auf eine deutsche Schule gegangen, die tatsächlich komplett deutsch war. Für die Kinder ist es jetzt halt ein bisschen schwieriger, dafür lernen sie aber schneller Ungarisch. Wir haben Zeit, wollen hier bleiben. Wir haben auch Kontakte nach Deutschland und fahren auch regelmäßig nach Deutschland, aber der Lebensmittelpunkt ist hier.
SB: Haben Sie sich schon eingelebt im Ort?
DS: Dadurch, dass wir einige Bekannte haben, die jetzt schon seit einiger Zeit hier sind, auch deutsche aber auch ungarische Bekannte, kriegen wir verhältnismäßig viel mit und sind daher auch viel unterwegs. Für mich ist das sehr wichtig, ich möchte mich hier integrieren. Ich mache bei Dorffesten mit und wo ich kann, weil ich denke, immer kann ich ja nicht erwarten, dass die Leute Schlange stehen und mich kennen lernen wollen, drum schau ich, wo ich Leute treffen kann. Wir haben ja relativ viele Deutsche hier im Ort und natürlich, wenn wir zusammensitzen, reden wir Deutsch, aber es ist dann halt so ein richtiges Kauderwelsch, weil ja jeder anders spricht.
SB: Haben Sie sich davor auch schon gekannt? Kommen Sie aus derselben Gegend?
DS: Nee, kreuz und quer durch Deutschland, wirklich, von ganz im Norden bis ganz Süden, Bayern, Baden-Württemberg, die einen kommen, meine ich, aus der Kölner Gegend, also alles Mögliche. Wir haben auch untereinander teilweise Probleme mit dem Verständnis, weil, ich komme ja tief aus dem Süden, man hört‘s auch ein bisschen, und je schneller und je unüberlegter ich spreche, destso schneller komme ich auch in meinen Dialekt und dann tut sich dann der eine oder andere schon schwer, der einen nördlicheren Dialekt spricht, das noch zu verstehen. Aber es funktioniert gut. Wir sind in der Umgebung unterwegs, ich kenne jetzt aber nur die Umgebung, Nadasch, Altglashütte/Óbánya, Zicko und Bonnhard, wir sind aber auch viel in Fünfkirchen zum Shoppen.
SB: Wie kommen Sie in Fünfkirchen mit Deutsch klar?
DS: Relativ gut, Fünfkirchen finde ich relativ international. Deutsch funktioniert überwiegend und Englisch. Ich war jetzt gerade noch die Krankenkassen-Erweiterung für Ungarn machen und da hatte ich das Glück eine super deutschsprachige Dame zu erwischen, die mich da tiptop beraten hat, aber wenn ich sowas mache, dann bereite ich mich auch vor, ich suche dann ein paar Vokabeln raus, aber es kommt natürlich auch auf unser Gegenüber an. Ich habe überwiegend positive Erfahrungen gemacht, wir haben auch Übersetzungsprogramme auf dem Handy, super Sache, was auch mal hilfreich ist auf die Schnelle. Es gibt auch andere Erfahrungen und ich verstehe es, dass es ärgerlich ist, wenn ich dauernd mit Ausländern zu tun hat, ich war ja 27 Jahre als Polizistin auf der Straße, ich kenne das Problem und dass es manchmal schwierig ist, sich zu verständigen, aber man kann trotzdem höflich sein. Aber das war eigentlich auch die einzige Ausnahme. Ich hatte aber auch sehr positive Erfahrungen, wo ich etwas Offizielles erledigen wollte und da habe ich mich im Internet kundig gemacht und war prompt am falschen Haus. Und da hat der Herr am Empfang sehr schlecht Deutsch gesprochen und ich sehr schlecht Ungarisch und da kam tatsächlich ein Kunde, der hat das mitgekriegt und hat angeboten, mit mir 10 Minuten durch Fünfkirchen zu laufen und hat mich dort hingebracht, wo ich hin wollte und hat dann dem Mann am Schalter noch gesagt, was ich möchte und der war noch nicht mal von der Behörde, sondern nur ein Passant und sowas finde ich dann toll und schön und im Übrigen ist das sowas, was es in Deutschland so gut, wie nicht mehr gibt. Ich denke, man hilft sich hier mehr als in Deutschland. Man hilft sich hier gegenseitig und ich möchte, dass auch meine Kinder das so erleben, die Art und Wiese, wie man miteinander hier in Ungarn umgeht, ist einfach anders.
SB: Wie weit kommt man mit Deutsch in Ungarn generell?
DS: Hier im Ort komplett, aber Behördengänge sind, wie gesagt ein bisschen schwierig, also mit rein Deutsch jetzt nicht so gut. Integration heißt für mich aber, dass die die kommen sich anpassen an die Mehrheit und das was da ist und nicht andersrum. Ich komme hier nach Ungarn, weil mir die ungarische Lebensweise gefällt und nicht, weil ich hier deutsch leben will. Darum ist es mir auch wichtig Ungarisch zu können, ich möchte nicht immer auf das Deutsche zurückgreifen müssen. Es ist angenehm und schön mich hier deutsch zu unterhalten, aber ein Dauerzustand ist es nicht. Man muss unsere Erwartungen auch an die Tatsachen anpassen, ich gehe auch davon aus, dass wir es gut schaffen werden.
Das Gespräch wurde am 27. Mai 2023 in Nadasch/Mecseknádasd, Komitat Branau, Ungarn aufgezeichnet. Das Interview führte Gabriella Sós.