Die Diasporagemeinde Napkor entdeckt allmählich seine deutschen Wurzeln
„Die 1770 gegründete deutsche Schule, die auch viele reformiert-calvinistische Madjaren besuchten, war um 1895 noch zweisprachig. In der Kirche hat man auf Deutsch gepredigt und man sang aus dem sathmarschwäbischen Gesang- und Gebetbuch „Himmelschlüssel”. Danach ging es recht schnell: Die letzte Frau deutscher Muttersprache starb nach Aufzeichnungen des Pfarrers im Nachbarort Pócspetri 1924. So ungefähr dürfte die deutsche Mundart auch bei uns in Napkor verschwunden sein”, erzählt Nikolaus Kéringer, Ortshistoriker und Vorsitzender der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung.
Napkor – eine Gemeinde im Nyírség, 11 Kilometer vom Komitatssitz Nyíregyháza entfernt. Es möge sich derjenige melden, der gewusst hat, dass Napkor und der nach dem Prozess von 1948 bekannte Nachbarort Pócspetri deutsche Wurzeln haben. Ich wusste es jedenfalls nicht – umso größer war die Überraschung, als ich unsere Leserlisten vor vier Jahren durchging und ein nettes Gespräch mit Nikolaus Kéringer führte. Ein Besuch in Napkor stand daher schon lange auf meiner Löffellliste, im April war es soweit.
Napkor gehört wie Deutschendorf (ein Ortsteil von Balmazújváros), das ich auch besucht habe (Deutschsein in der Dispora, SB 02/2025), zum Kreis der Gemeinden der Sekundärkolonisation. Trotzdem kamen einige Ahnen der heutigen Napkorer auch direkt aus den deutschsprachigen Ländern: „Unsere Vorfahren stammen aus dem Sathmar, unter anderem aus Fienen/Foieni, aber auch aus Rakamaz im Tokajer Weinbaugebiet kamen Kolonisten. Sie erhielten das Recht der freien Richterwahl und gründeten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre eigene Schule – gewissermaßen als Zeichen für ihre dauerhafte Präsenz. Wir waren hier im Nyírség Diaspora, so dass Sprache und Identität bei den meisten schnell verloren gingen. So wussten die Großeltern nicht mehr viel über das Schwabentum”, so der 58-jährige gelernte Maschinenschlosser, der sich dank eingehender Forschungsarbeit in Archiven wie kein Zweiter in der Siedlungsgeschichte der Sathmarer und der Napkorer auskennt.
Dabei sei Napkor nie ethnisch homogen gewesen: „Rusinen und Rumänen wohnten in dem einen Teil der Gemeinde, im so genannten „Oroszvég” (Russen- bzw. Rusinenend, Red.), die Schwaben im anderen Teil. Insgesamt gab es wenige Calvinisten, dafür dominierte der Katholizismus westlicher und östlicher Prägung”, berichtet Agnes Vislóczki, Mitglied der Nationalitätenselbstverwaltung. Einst habe es große Gegensätze gegeben: „Noch in den 1950er Jahren lief man Gefahr im „Oroszvég” als Schwabe verprügelt zu werden”, so die pensionierte Grundschullehrerin. Dennoch habe das Diasporadasein bedeutet: Wenn ein Schwabenbursche das Dorf verließ, sei er mit einer madjarischen Frau heimgekehrt. Gerade nach 1945 habe sich die ethnisch-religiöse Trennung gelockert und es sei zunehmend zu Mischehen in Napkor gekommen. Napkor musste die Deportation erleben, aber seine Bevölkerung sei trotz Zusammenschreibung nicht vertrieben worden. Heute bestehe die Bevölkerung zu einem Drittel aus Zugezogenen. Besonders schmerze die pensionierte Lehrerin, dass die Hochschulabsolventen nicht zurückkehrten und die Zahl der Grundschulkinder in der deutschen Nationalitätenschule (5+1-Modell) in den letzten 35-40 Jahren von 450 auf 200 gesunken sei.
Apropos 2009: Die Wiederentdeckung der deutschen Wurzeln sei in diese Zeit gefallen – das sagt die dritte Gesprächspartnerin während meines Besuchs, Maria Gutyán. Sie ist wie Agnes Vislóczki eine Verwandte von Nikolaus Kéringer. „2010 kam es dann zur Gründung der deutschen Selbstverwaltung. Unser Ziel ist die Bewahrung der Werte und die Wiederbelebung der Traditionen”, so die pensionierte Kindergärtnerin.
Dazu gehört die Fuß-Wallfahrt nach Máriapócs mit seiner berühmten griechisch-katholischen Gnadenkirche. „Aber auch der Tanz „napkori mártogatós” oder die Veranstaltungsreihe „Napkori esték” mit berühmten Referenten gehörten dazu”, ergänzt Nikolaus Kéringer. „Wir arbeiten dabei für die ganze Dorfgemeinde.” Einen besonderen Stellenwert genieße für ihn der Kontakt zu den sathmarschwäbischen Dörfern dies- und jenseits der Grenze. Man feiere dabei gemeinsam Kirbai (Kirchweih/Kirmes) und gedenke der Verschleppung in die Sowjetunion, die die Bewohner dieses Landstrichs, den die Rote Armee zuerst erreichte, ungemein getroffen habe.