Lehrer, Bildungspolitiker und Schulgründer László A. Szabó über Herausforderungen und Chancen im slowakeimadjarischen Schulwesen
SB: Herr Szabó, das slowakeimadjarische Portal parameter.sk hat Anfang September 2024 über zwei Neuerungen am Privatgymnasium mit ungarischer Unterrichtssprache Niedermarkt/Dunajská Streda/Dunaszerdahely berichtet: über die 72-Minuten-Unterrichtsstunden (neben 13-Minuten-Pausen) und die Schuleröffnungsfeier, die als Sommerabschluss gefeiert wurde – fangen wir vielleicht mit den 72-minütigen Unterrichtsstunden an: warum gerade 72 Minuten?
LASZ: Wenn man so in medias res beginnt, dann lautet meine kurze Antwort, dass wir die Veränderungen im Interesse der Schüler eingeführt haben, damit sie sich jeden Tag nur auf vier Unterrichtsstunden vorbereiten müssen und da das Landeskerncurriculum für die vier Gymnasialjahre für alle Fächer die Pflichtstundenzahl festlegt, mussten wir lediglich hin- und herrechnen und so die früheren 45 Minuteneinheiten in 72-minütige umrechnen. Das Ganze hat natürlich auch andere Gründe, denn so endet in jedem Jahrgang der Unterricht zur gleichen Zeit, so dass es leichter ist gemeinsame Programme anzubieten, aber nicht zuletzt bereiten wir unsere Schüler auch auf das Unistudium vor, wo sie längere Vorlesungen und Veranstaltungen erwarten. Die Rückmeldungen zeigen, dass die überwältigende Mehrheit die neue Zeiteinteilung akzeptiert und liebgewonnen hat.
SB: Die Sommerschluss-Schuljahreseröffnungsfeier könnte als PR-Gag (Aktion) aufgefasst werden – ich vermute dennoch, dass auch eine gewisse Philosophie dahinter steckt, oder irre ich mich?
LASZ: Da wir davon ausgehen, dass jede Tradition einst eine Innovation war, versuchten wir in den anderthalb Jahrzehnten Bestehen unseres Gymnasiums stets neue Dinge einzuführen um so Traditionen zu schaffen. Dazu gehörte auch die Einführung des Seminarsystems: Die Schüler haken die Pflichtfächer in den ersten zwei Schuljahren ab und ab dem dritten Schuljahr haben sie nur die Fächer, die wichtig für das Abitur und das Studium sein könnten.
Die Veränderungen beim Charakter der Schuljahreseröffnung haben andere Wurzeln. Das war meine Idee und ich ging davon aus, dass die Schuljahreseröffnung mit zahlreichen seelischen Herausforderungen und Belastungen einhergeht – allen voran wegen dem Wechsel aus der Grundschule in eine weiterführende Schule: Man kommt in eine neue Gemeinschaft. Weder die Integration noch die Rückkehr sind einfach. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, dass die ersten Tage in der Schule etwas lockerer, besinnlicher und inniger sein sollen. Wir sollten nicht maßregelnd beginnen, uns nicht sofort auf das Lernen stürzen, sondern den Sommer verabschieden, einander begrüßen, indem wir uns auf den Boden setzen, picknicken, uns unterhalten und die Neulinge kennen lernen. Das Ganze hat so gut funktioniert, dass wir den Schuljahresanfang auch in diesem Jahr 2025 genauso begangen haben.
2024 haben wir zusammen mit der Schülervertretung (SV) bereits zum zweiten Mal das Schuljahr eröffnet und zahlreiche Schüler haben sich bereit erklärt, den kulturellen Teil mit Gedichten, Gesang oder Tanz zu bereichern. Aus den Mitgliedern des letzten Abiturjahrganges samt Klassenlehrer ist eine Band entstanden, sie kehrten mit Freude in ihre alte Wirkungsstätte zurück. Und nebenbei bemerkt haben über 70 Schüler Kuchen und Gebäck mitgebracht, was wir gemeinsam verzehrten. Danach begaben wir uns mit den Erstklässlern in ein Lager, wo sie zwecks Herausbildung einer Gruppenidentität Unterhaltungsaufgaben und Stehgreifvorträge erwarteten. Wir halten es für wichtig, dass der Zusammenhalt innerhalb der Klassen stark ist und die Schüler eine positive, starke Bindung zu ihrer Schule entwickeln.
SB: Was unterscheidet noch das 2007 gegründete Privatgymnasium von staatlichen Einrichtungen? Nehmen Sie Schulgeld? Wer besucht die Schule? Was hat Sie damals bewogen, dieses Gymnasium zu gründen?
LASZ: Aus den vorherigen Antworten geht teilweise hervor, dass wir bei der Gründung an eine Einrichtung neuen Typs mit einer familiären, partnerschaftlichen Atmosphäre gedacht haben. Ich selbst habe früher im Hochschulwesen gearbeitet, danach habe ich sechs Jahre lang die Hauptabteilung für Nationalitäten des Schulministeriums geleitet. Gerade bei Dienstreisen im Ausland habe ich viele wertvolle Erfahrungen dahingehend gesammelt, dass Schule auch anders funktionieren kann wie in unseren Gefilden. Das hat mich geleitet, als wir uns an die Arbeit gemacht haben. Heute haben wir pro Jahrgangsstufe zwei Klassen, jedes Jahr machen 55-60 Schüler Abitur bei uns bzw. so viele fangen bei uns in der ersten Klasse an.
Die zentralen Kerncurricula und Regeln gelten natürlich auch für uns. Wir können uns von den Schulen in der Trägerschaft der Kreise darin unterscheiden, wie wir zu den Schülern und Eltern stehen. Unser Hauptziel ist es, dass wir bei jedem Schüler den Aufgabenbereich finden, der ihm am nächsten steht und für ihn in der Zukunft dominant werden kann. Wir tun alles dafür, dass sich die Fähigkeiten und Kompetenzen jeden Schülers bestmöglich entfalten. Ich pflege zu sagen, dass wenn man schon zur Schule geht, dann sollte man das mit Spaß und zufrieden tun.
Wir sind zwar eine Privatschule, nehmen aber kein Schulgeld. Wir finanzieren uns durch normative staatliche Förderung – wie jede Einrichtung eigentlich. Die Mehrheit unserer Schüler kommt aus den Grundschulen des Kreises Niedermarkt, aber wir haben jedes Jahr auch aus einem größeren Einzugsgebiet talentierte Schüler, die sich bei uns anmelden. Wir haben immer mehr Bewerber als freie Plätze, so dass wir auswählen können.
SB: Als Ungarndeutscher bin ich immer vorsichtig, wenn ich von „mit Unterrichtssprache XY” lese – wie „ungarischsprachig” ist Ihr Privatgymnasium? Ich denke hier an den Anteil der Fächer auf Ungarisch beziehungsweise an die Rolle der ungarischen Sprache in der zwischenmenschlichen Kommunikation?
LASZ: Aufgrund der zahlenmäßigen Größe unterscheidet sich die Lage der Slowakeimadjaren und die der Ungarndeutschen oder besser der Karpatendeutschen maßgeblich.
Im slowakischen Schulsystem gibt es zwei Arten bei den Nationalitäten. Die eine ist die sprachunterrichtende Form, wo eventuell auch ein paar Fächer in der Sprache der betroffenen Gemeinschaft unterrichtet werden. Alle anderen Fächer werden auf Slowakisch unterrichtet. Die andere Art ist diejenige, bei der alle Fächer in der Sprache der Nationalität unterrichtet werden. Das bedeutet, dass der Unterricht des Faches Slowakische Sprache und Literatur für alle verpflichtend ist, aber alle anderen Fächer auf Ungarisch unterrichtet werden. Diese Einrichtungen besuchen fast ausnahmslos Kinder ungarischer Muttersprache, deswegen ist die Sprache der Kommunikation natürlich Ungarisch. Wer sich für sein Kind für die ungarische Schule – mit höheren Stundenzahlen – entscheidet, tut dies deshalb, weil er die Kenntnis sowohl der Kultur als auch der Geschichte für wichtig hält und auch seine Identität dies diktiert.
SB: Die Volkszählungsergebnisse der vergangenen Jahre zeugen von einem steten Terrainverlust der Madjaren – auch die Zahl der madjarischen Kinder an ungarischen Schulen sinkt bzw. die Zahl solcher Kinder an slowakischen Schulen steigt – was spüren Sie davon im madjarisch geprägten Niedermarkt? Wie stehen die Slowaken in Niedermarkt zur Unterrichtssprache Ungarisch? Kommt es bei Schülern zum Schulwechsel zwischen slowakischen und ungarischen Schulen?
LASZ: Bereits vor der Wende 1989 waren viele der Meinung, dass ihr Kind besser fährt, wenn es eine slowakische Schule besucht. Obwohl von den Zahlen und den Fakten nicht unterstützt – sogar widerlegt – teilen auch heute noch viele diesen Irrglauben oder entscheiden sich wegen ihres Umfelds oder aufgrund von Anpassungszwang für die slowakische Schule.
Dass die Assimilation zunimmt und der Anteil der Madjaren landesweit sinkt, zeigt sich verstärkt in den Schulstatistiken. Trotz der ungünstigen Tendenzen und der Assimilation hat sich die Zahl der madjarischen Schulanfänger stabilisiert. In Niedermarkt ist dieses Phänomen weniger stark ausgeprägt, aber es gibt bereits Anzeichen dafür. Hier ändert aufgrund der Nähe zur Hauptstadt der Zuzug von Slowaken die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Nationalität.
Der Wechsel von einer Schule zur anderen ist theoretisch möglich, aber nicht besonders häufig. Wir hatten schon mehrere Schüler (meist aus Mischehen), die aus slowakischen Gymnasien zu uns kamen. Sie mussten Ausgleichsprüfungen in den Fächern ablegen, die sie in ihren früheren Schulen nicht gelernt haben.
SB: Sie sind Absolvent der Constantin-Universität Neutra/Nitra und haben dort das Fach Slowakische Sprache und Literatur auf Lehramt studiert. Anschließend waren Sie sieben Jahre lang am Slowakisch-Lehrstuhl der Universität. Die slowakeimadjarischen Medien haben sich schon mehrfach mit den methodischen Herausforderungen des Unterrichts des Faches Slowakische Sprache und Literatur an ungarischen Grundschulen und weiterführenden Schulen (mit deren Konsequenzen für die Sprachkenntnisse der Absolventen) beschäftigt – wie sehen Sie diese Frage und wie begegnen Sie ihr an der Einrichtung in Niedermarkt?
LASZ: Das größte Problem ist, dass für einen Teil der Slowaken – inklusive der Politiker – inakzeptabel ist, dass man in der Slowakei von der Amtssprache als Fremdsprache redet. Obwohl gerade dies der Schlüssel eines effektiven Sprachunterricht wäre.
Wenn ein madjarisches Kind in einem slowakischen Umfeld aufwächst, hat es ein leichteres Spiel, aber wenn jemand als Teil des madjarischen Blocks an der Grenze zu Ungarn, kein slowakisches Fernsehen guckt, keine slowakischen Bücher und Zeitungen liest, keine slowakischen Freunde und Nachbarn hat, dann begegnet er viel seltener der gesprochenen, lebendigen Sprache. Das müsste man auf alle Fälle berücksichtigen und dementsprechend differenziert die Lehrplananforderungen formulieren.
Gerade das Beispiel der Fremdsprachen wie Englisch und andere Sprachen bestätigt, dass man die Wurzeln des Übels in der Methodik suchen soll.
Die Lehrer unserer Schule müssen zwar die Erwartungen und Bedürfnisse des Abiturs berücksichtigen, aber an dieser Stelle halten sie die Interessen der Schüler für wichtiger und legen deshalb im Unterricht den Schwerpunkt auf die mündliche Kommunikation. Das Erlernen einer Sprache kann ja letzten Endes nie das Ziel sein, da die Sprache ja „lediglich” ein Mittel der Kommunikation ist, was sich jeder auf einem Niveau aneignen soll, das erforderlich ist für den Alltag, die Arbeit und für das Vorankommen im Leben. Man kann die Gedichte romantischer Dichter in- und auswendig kennen, es nützt alles nichts, wenn man beim Arzt oder in den Amtsstuben nicht kommunizieren kann. Darauf sollte man den Schwerpunkt legen. Anstelle des Auswendiglernens von lexikalischem Wissen in der Literatur oder der Präferierung der Grammatik können wir selbst mit passiven Hörverstehensübungen bessere Ergebnisse erzielen.
SB: Ihr erklärtes Ziel ist, dass die Schüler die Fremdsprachen (Englisch, Deutsch und Slowakisch) auf hohem Niveau erlernen – wie sieht es hier aus? Welche Motivation bringen die Schüler mit?
LASZ: In unserer Sendungsbotschaft steht, dass wir in unserer Schule europäische Bürger mit madjarischer Identität erziehen wollen, die in der Lage sind, den Herausforderungen in der Welt gerecht zu werden. Ein wichtiger Bestandteil ist der Unterricht der Fremdsprachen. Dank dem Einsatz unserer kompetenten Lehrer werden wir auch den Ansprüchen gerecht, was die Ergebnisse unserer Schüler beim Abitur mit der Niveaustufe B2 zeigen. Aber auch in verschiedenen Wettbewerben finden sich regelmäßig Schüler unserer Schule unter den Siegern. Was aber wichtiger ist, ist die Tatsache, dass unsere Schüler auch im Alltag ihren Mann stehen und mutig kommunizieren. Um das zu erreichen, nehmen wir an Erasmus-plus-Projekten teil oder organisieren Auslandsfahrten. Neben dem Pflichtfach Englisch lernen unsere Schüler auch die Sprachen Deutsch und Französisch kennen, und vor einigen Jahren haben wir auch Spanisch als Wahlfach eingeführt. Zahlreiche Schüler können von sich behaupten, bereits vor dem Abitur eine erfolgreiche Sprachprüfung abgelegt zu haben, und das zeigt gut. dass wir bei der Verwirklichung ihrer Ziele behilflich sein konnten.
SB: Wenn Sie mir eine etwas provokante Frage erlauben – lohnt es sich, sein Kind auf eine ungarische Schule zu schicken?
LASZ: Wenn ich den Begriff „Sich Lohnen” nicht im wirtschaftlichen Sinne begreife, sondern darauf fokussiere, ob es sich lohnt, dass das madjarische Kind eine ungarische Schule besucht, dann lautet meine Antwort eindeutig „Ja”. Ich gehe sogar weiter: Wir können einem sechsjährigen Kind gerade dann am meisten schaden, wenn wir es zu einem Codewechsel zwingen. Denn wir wissen seit Comenius, dass das Kind die grundlegenden Elemente der Bildung in seiner Muttersprache erlernen soll, also in der Sprache, die es mit seiner Familie oder seinen Zeitgenossen benutzt und mit deren sprachlichen Mitteln es denkt und träumt. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass, bis sich das Kind die Unterrichtssprache aneignet, sich ein solcher Rückstand beim Lernstoff bildet, dass es nicht mehr imstande sein wird, diesen Rückstand gegenüber den Muttersprachlern aufzuholen. Gerade Comenius verwendet ein Gleichnis, wonach das Beibringen einer Fremdsprache vor dem Erlernen der Muttersprache so wäre wie Reiten vor dem Laufen. Deswegen sollte das slowakische Kind auf Slowakisch, das madjarische Kind auf Ungarisch und das deutsche Kind auf Deutsch die Grundlagen erlernen – ganz zu schweigen davon, dass es mit Kultur und Geschichte seiner Nation (bzw. seines Volkes, Red.) nur in einer Nationalitätenschule in Berührung kommt. Es ist allgemein bekannt: Wenn eine Volksgruppe die Pflege ihrer Muttersprache vernachlässigt, dann bleibt sie auch auf dem Gebiet der kulturellen Entwicklung zurück. Es ist sehr traurig, wenn jemand den Weg des Sprach- und Nationalitätenwechsels bestreitet und sich sogar mit den Großeltern nicht mehr in der Muttersprache unterhalten kann.
SB: Worin sehen Sie die größte Herausforderung auf dem Gebiet des ungarischsprachigen Unterrichts?
LASZ: Ich denke, die Herausforderungen sind die gleichen wie im Falle anderer Schulen. Unter anderem ist es wichtig, dass (auch) die ungarische Schule die Persönlichkeit der Mitglieder der zukünftigen Generation formt, genügend Wissen und Fertigkeiten vermittelt für den Alltag – und die passende Attitüde herausbildet, damit die jungen Leute die gesteckten Ziele erreichen. Dazu braucht man ausreichende Bedingungen. An den Schulen ungarischer Unterrichtssprache fehlt es oft an modernen Lernmitteln und vielerorts müsste man die Zahl der ausgebildeten Lehrkräfte steigern. Zuletzt will ich meine früheren Gedanken in Erinnerung rufen, wonach man die Effektivität des Unterrichts der slowakischen Sprache steigern sollte, um die Chancen der Absolventen ungarischer Schulen beim Studium und auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.
SB: In Niedermarkt beschäftigen Sie sich auf kommunaler Ebene schon lange mit Bildungsfragen: Wo werden die Einrichtungen mit ungarischer Unterrichtssprache in 20 Jahren stehen?
LASZ: Leider bin ich kein Hellseher, ich habe keine magische Kugel, deswegen fällt es mir schwer zu sagen, wie es in zwei Jahrzehnten aussehen wird. Wenn man auf Grundlage der Erfahrungen und Tendenzen eine Prognose wagt, dann muss ich sagen, dass die Zukunft der ungarischen Schulen der Stadt in erster Linie von der demografischen Entwicklung, dem politischen Kontext der nahen Zukunft, den bildungspolitischen Entscheidungen – aber allem voran von dem Zusammenhalt der madjarischen Gemeinschaft abhängt. Wenn der Rückgang der Bevölkerung weiter anhält, dann könnten die kleinen Schulen in den Dörfern in Gefahr geraten, aber da Niedermarkt ein regionales Zentrum ist, ist seine Position stärker, so dass seine Schulen erhalten bleiben. Es kommt darauf an, die Schulen stets zu modernisieren bzw. den Herausforderungen der Welt anzupassen und sicherzustellen, dass diese Schulen durch regionale und internationale Kontakte wettbewerbsfähig und attraktiv bleiben. Wenn es gelingt, dann sollten die Schulen der Stadt weiterhin stabile Kultur- und Bildungszentren der madjarischen Gemeinschaft bleiben.
SB: Herr Szabó, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Richard Guth.