Eine Frage des Bekenntnisses

Das SB sprach mit Ungarndeutschen/Deutschstämmigen, die ihre alten deutschen Familiennamen wieder angenommen haben

„Ich bin 1977 geboren und weiß seit meiner Kindheit, dass wir eigentlich Jäger heißen. In der Familie hat es keinen so wirklich interessiert, um entsprechende Schritte in Richtung der Rücknahme des alten Familiennamens zu unternehmen. Mein Großvater litt viel aufgrund seines schwäbischen Namens, auch deswegen – meine ich – hat er sich mit der Sache nicht beschäftigt. Später habe ich angefangen, in Wetschesch zu arbeiten, wo ich viele Schwaben kennen gelernt habe. Dort erfuhr ich davon, dass Familien die vormaligen Namen wieder angenommen haben. Meine Verlobte meinte, dass sie lieber Jäger als Vámos (der madjarisierte Familienname der Jägers, Red.) heißen würde – das war der letzte „Anstoß”. Ich habe meine Wetschescher Bekannten angerufen und um Rat gebeten,  wie ich das Ganze angehen soll. Das ganze Prozedere hat drei Monate gedauert. Das war im Jahr 2014. Drei Jahre später ist meine Tochter Maria (Mária) geboren, die erste geborene Jäger seit 80 Jahren”, erinnert sich Thomas (Tamás) Jäger an den großen Schritt vor über zehn Jahren.

Namensmadjarisierungen begleiten uns seit gut 150 Jahren, es gibt eine Reihe von Gründen, warum man seinen deutschen Familiennamen abgelegt hat/ablegt: Während früher gesellschaftlicher Druck und politische Erwartungen den Ausschlag gaben, ist es heute ein höchstpersönlicher Akt.

Andererseits gibt es Menschen, die den umgekehrten Weg gehen und ihre alten deutschen Namen wieder annehmen: Sei es als Teil eines Doppelnamen oder die Annahme des ursprünglichen Familiennamens. In dem folgenden Beitrag erzählen zwei Männer über ihren Entschluss und die Hintergründe zu ihrem doch nicht alltäglichen Schritt.

Gabriel (Gábor) Karl heißt der andere Gesprächspartner, der diesen Schritt gewagt hat: „Ich weiß leider nichts darüber, warum mein Urgroßvater den Namen madjarisieren ließ. Genauso wenig weiß ich, warum die Wahl gerade auf „Koltai“ fiel, denn nichts verbindet uns mit Kolta (eine Gemeinde im slowakischen Kreis Neuhäusel/Nové Zámky, Red.). Es war mit eine Motivation, dass ich „Koltai/y“ nicht als passend empfunden habe. Natürlich ist auch der Umstand entscheidend, dass ich stolz auf meine „schwäbischen” Vorfahren bin. Dank Familienforschung konnten wir zehn Generationen zurückverfolgen. Alle hießen Karl, deswegen empfinde ich es als richtig, diesen Namen weiterzuführen.”   

Über die Umstände der Namensmadjarisierung weiß Thomas Jäger mehr. Der Jäger-Zweig der Familie stammt nach Angaben des 48-Jährigen aus dem südostungarischen Elek, wo sich gegen 1710/20 Thomas‘ Vorfahren aus dem bayerischen Gerolzhofen niederließen. Der Urgroßvater von Thomas, Anton Jäger, ging als junger Mann nach Magyarbánhegyes und heiratete ein madjarisches Mädchen – Großvater Anton (junior) ist 1927 bereits dort geboren. 1944 wurden diejenigen mit deutschen Namen verschleppt, Großvater Anton verbrachte mit der Schwester zweieinhalb Jahre im Bergwerk in Krywyj Rih (Oblast Dnipropetrowsk, Ukraine, Red.). Die Namensmadjarisierung fiel nach seinen Angaben in diese Zeit: 1946 ließ der Urgroßvater von Thomas den Namen in „Vámos“ ändern. Über einen Umweg durch Deutschland kamen Opa und Schwester nach Ungarn zurück und mussten feststellen, dass sowohl der alte Familienname als auch der Grundbesitz weg waren. Opa Anton arbeitete im sowjetischen Bergwerk als Fahrer, erhielt somit einen Beruf – er ging vom legendären Transportunternehmen Hungarocamion in die Rente.

Die Kenntnisse von Gabriel Karl über die Familiengeschichte beruhen auf Nachforschungen – Karl war Scheidungskind, das Verhältnis zwischen den Familienmitgliedern sei schlecht gewesen. Er hat herausgefunden, dass alle Vorfahren des Urgroßvaters in Altofen (heute 3. Stadtbezirk von Budapest) beheimatet waren: unter ihnen die Familien Haassmann und Holtzspach, alt eingesessene Gewerbetreibende (Essigfabrik Karl, Ziegelei Holtzspach, Fa. Kajofi von Josef Karl und Söhnen, Stuhlweißenburg). Auch in der Familie von Thomas Jäger sei die Erinnerung an die Familiengeschichte lebendig, auch wenn man der nicht so eine große Bedeutung beimesse. Unabhängig davon seien die Verbindungen zu Deutschland und den deutschsprachigen Ländern stets eng gewesen: So arbeitete nach Jägers Erinnerungen Opa Vámos viel in deutschsprachigen Ländern, die Tante beging 1981 Republikflucht gen Österreich. Thomas und seine Schwester beherrschten die deutsche Sprache. Die Schwester des Großvaters war mit einem Madjaren verheiratet, habe aber sogar Mundart gesprochen. Entscheidend für Gabriel Karl seien die Begegnungen in Wetschesch und später in Edeck/Etyek gewesen: allen voran mit dem Wetschescher deutschen Chor und Michael Frühwirth.

Interessant waren die Reaktionen der Freunde, der Familie und des Bekanntenkreises: „In der Familie hat sich jeder gefreut, vor allem väterlicherseits. Ein betagter Verwandter hat mich gefragt, ob er ab jetzt auch so genannt wird?! Natürlich nicht. Den meisten musste man das kurz erklären. Ich denke, jeder hat es verarbeitet. Viele meiner alten Freunde verwenden immer noch meinen alten ungarischen Namen beziehungsweise Kosenamen. Diejenigen, die ich in letzter Zeit kennen gelernt habe, verstehen wiederum meinen alten Namen nicht. Meine jüngere Schwester interessiert sich nicht so sehr dafür. Darüber hinaus stellen Name und Vorname eine Alliteration dar, deswegen will sie den alten deutschen Namen nicht zurück haben. Aber meine Tochter ist wie gesagt eine geborene Jäger!” Für Gabriel und seine Frau stellte das Vorhaben ein Dilemma dar: Die Familie der Ehefrau habe sich völlig der Sache verschlossen und thematisierte sie erst gar nicht, während Gabriels Familie die Namensänderung komisch und überflüssig fand. Aber insgesamt habe es keine negativen Reaktionen gegeben, so der 33-Jährige.

Und wie lief das ab mit der Namensänderung? Jäger musste nach eigenen Angaben Dokumente zusammensuchen – auch kirchliche -, die die Verbindung zu den Vorfahren belegten. Daraufhin musste man ein Formblatt ausfüllen und die Entscheidung kurz begründen. Thomas Jäger berief sich nach eigenen Angaben auf die Liebe und Ehrerbietung dem Großvater gegenüber. Die Behörden hätten anfangs auf die Regeln der ungarischen Rechtschreibung bestanden, wo es kein „Ä“ gibt. So hätte er „Jager“ oder „Jáger“ werden sollen. Ein Bekannter habe ihn auf das Nationalitätengesetz hingewiesen, das im Falle von Nationalitätenangehörigen die jeweilige Rechtschreibregeln der Mutternation zulässt: Nach einer erneuten Eingabe wurde dem Antrag zugestimmt, so Jäger. Bei Gabriel Karl dauerte das Prozedere zwei Monate. Zuerst musste, so der Budapester, die Angelegenheit um die Schreibweise „Koltai/Koltay“ geklärt werden.

Nun im Besitz eines Stücks Familienerbe stellt sich die Frage, wie die beiden die Gegenwart und Zukunft der deutschen Gemeinschaft sehen. Gabriel Karl spricht in diesem Zusammenhang von einer „Renaissance”, da man sich frei und ohne Retorsionen zu seiner Herkunft bekennen könne. Eine Gefahr für die Herkunft und Abstammungsgeschichte stellten aber die Mischehen dar – hier sieht er schwarz, aber auch bezüglich der Weitergabe der Sprache an die nachfolgenden Generationen. Bei ihm hätten sich die deutschen Sprachkenntnisse abgebaut, obwohl er mehrfach in Deutschland arbeitete und eine Übersiedlung in die „alte Heimat” – wie er sagt – plante. Die Kinder sollen am neuen Wohnort Kimling/Kimle ab diesem Schuljahr eine deutsche Nationalitätenschule besuchen. Thomas Jäger, der die Sprache auch beherrscht, meint, dass die Sprache nicht das alleinige Erkennungsmerkmal und Garant für den Fortbestand der Familie sei: Genauso wichtig seien Glaube, Fleiß sowie „die ganz eigene Verarbeitung von Freude und Trauer. Dinge, die man uns nicht nehmen kann.”

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