Krise, Krieg und gesellschaftlicher Wandel in Sagatel (Sagetal) (1930–1952)
Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Probleme
Im Jahr 1930 zählte Sagatel/Szakadát 1129 Einwohner. Die begrenzte Dorfflur konnte jedoch einem großen Teil der Bevölkerung keinen ausreichenden Lebensunterhalt sichern. 1935 besaßen von insgesamt 235 Landwirten bereits 63 weniger als ein Joch Land. Gleichzeitig nahm die durchschnittliche Größe der Bauernwirtschaften stetig ab.
Während des Ersten Weltkriegs setzte sich das Prinzip der gleichen Erbteilung durch. Obwohl die Zahl der Kinder in den Familien zurückging, führte dies zu einer zunehmenden Zersplitterung der landwirtschaftlichen Flächen. Eine Bauernwirtschaft von zehn bis fünfzehn Joch bestand oftmals aus 60 bis 80 einzelnen Parzellen, was eine sinnvolle Bewirtschaftung erheblich erschwerte.
Auswanderung und Arbeitsmigration
Der Erste Weltkrieg brachte die Auswanderung nach Amerika nahezu zum Stillstand. Nach Kriegsende führten wirtschaftliche Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben einer umfassenden Bodenreform erneut zu einer Auswanderungswelle. In den Jahren 1922–1923 wanderten mehrere Familien aus Sagatel aus, sieben Familien ließen sich dauerhaft in Kanada nieder.
Die Rückkehrer investierten ihr Erspartes nicht nur in den Kauf von Feldern, sondern auch in den Bau moderner Ziegelhäuser anstelle der traditionellen Lehmhäuser. Viele Maurer aus Sagatel arbeiteten in den 1920er Jahren gemeinsam mit Handwerkern aus Badesek/Bátaszék, Tolnau und Berin/Diósberény, viele sogar in der Türkei.
Während der Weltwirtschaftskrise verloren zahlreiche Männer ihre Arbeit. Viele kehrten ins Dorf zurück und verdingten sich als Tagelöhner. In den Jahren 1939–1940 fanden zahlreiche Einwohner erneut Arbeit in Deutschland.
Verschlechterung der Gemeindefinanzen
Die wirtschaftliche Lage der Gemeinde verschlechterte sich in den 1920er und 1930er Jahren zunehmend. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit konnten viele Einwohner ihre Steuern nicht mehr zahlen. Die Gemeinde war deshalb häufig auf staatliche Unterstützung angewiesen.
1940 wurden die Gemeinden Sagatel und Berin zu einem gemeinsamen Kreisnotariat zusammengeschlossen, wobei Sagatel Verwaltungssitz blieb. Zu diesem Anlass entstand ein neues Gemeindehaus.
Vereinsleben und kulturelle Entwicklung
Der bereits zuvor gegründete landwirtschaftliche Verein erlebte in den 1920er Jahren einen deutlichen Aufschwung. 1926 erhielt der Verein ein eigenes Gebäude. Dort organisierte man Chöre, Theateraufführungen, Tanzveranstaltungen und Vorträge. Der jeweilige Pfarrer stand dem Verein vor, während Kassenwart, Bibliothekar und Vorstandsmitglieder gewählt wurden.
Auch das Bildungswesen entwickelte sich weiter. Die bestehende Schule mit zwei Klassenzimmern wurde aufgrund des Bevölkerungswachstums zu klein. Deshalb verpflichtete man die Gemeinde 1938 zur Einrichtung eines dritten Klassenzimmers sowie einer zusätzlichen Lehrerstelle.
Bereits 1926 entstand außerdem eine Ortsgruppe des Ungarländisch-Deutschen Volksbildungsvereins (UDV).
Volksbundbewegung und nationale Spannungen
In den 1930er Jahren breitete sich die Volksbundbewegung im gesamten Transdanubien aus. Sie unterstützte die politischen Ziele des Deutschen Reiches und betrieb intensive Agitation unter der deutschsprachigen Bevölkerung. Besonders ärmere Bevölkerungsschichten fühlten sich von den sozialen Versprechungen angesprochen.
Im Juni 1940 gründete sich auch in Sagatel eine Ortsgruppe des Volksbundes, der sich viele Einwohner anschlossen. Zusätzliche Bedeutung gewann die Bewegung dadurch, dass der bekannte Sprachwissenschaftler Professor Adam Schlitt aus dem Dorf stammte.
Die Volkszählung von 1941 zeigt die besondere ethnische Situation des Dorfes: Von 1159 Einwohnern hatten 1122 Deutsch als Muttersprache, 717 von ihnen sprachen zusätzlich Ungarisch. Gleichzeitig bekannten sich 62 Prozent der Bevölkerung zur ungarischen (madjarischen) Nationalität. Viele Einwohner schlossen sich daher auch der Bewegung „Treue zum Vaterland“ an.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen
1942 trafen die ersten Todesnachrichten von der Ostfront ein. Nach der deutschen Besetzung Ungarns begann die Einziehung in die deutsche Armee. Viele Bewohner von Sagatel meldeten sich jedoch lieber zur ungarischen Armee.
Ende 1944 zogen zunehmend flüchtende Truppen durch das Dorf. Am 2. Dezember 1944 erreichte eine sowjetische Patrouille Sagatel. Der Gemeindevorstand ließ daraufhin die weiße Fahne hissen. Pfarrer Joseph Eberhard und Notar Béla Szivér empfingen die sowjetischen Soldaten an der Statue des heiligen Florian.
Dort sammelten sich auch ungarische Soldaten, die entwaffnet und nach Hidjess (Hedjess)/Hőgyész gebracht wurden. Die sowjetischen Truppen forderten die Einwohner auf, ihre alltägliche Arbeit fortzusetzen.
Deportationen und Bodenreform
Am 1. Januar 1945 wurden 92 Männer und Frauen aus Sagatel zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Erst 1949 kehrten 70 von ihnen zurück.
Im Frühjahr 1945 führte die ungarische Regierung eine Bodenreform durch. Der Besitz von Großgrundbesitzern, Kriegsverbrechern und Mitgliedern des Volksbundes wurde enteignet. Eine Kommission aus ortsansässigen Deutschen beschlagnahmte insgesamt 82 Häuser und 293 Joch Land.
Die Neuverteilung des Besitzes löste große Spannungen aus. Die ärmeren Einwohner konnten die ihnen zugewiesenen Güter jedoch nur kurze Zeit behalten, da bald madjarische Ansiedler eintrafen. Die ersten 28 Familien kamen aus Buják, weitere Siedler überwiegend aus dem ehemaligen Oberungarn.
Umsiedlungen und gesellschaftlicher Umbruch
Insgesamt wurden 109 Familien mit etwa 600 Personen aus dem Dorf ausgesiedelt/vertrieben. An ihre Stelle kamen 154 Familien aus fast zwanzig verschiedenen Ortschaften. Dadurch veränderte sich die Zusammensetzung der Bevölkerung grundlegend.
Viele der Neubauern blieben jedoch nicht dauerhaft in Sagatel. Bereits 1949 hatte das Dorf nur noch 976 Einwohner. Von ihnen betrieben 144 eine Bauernwirtschaft mit einer durchschnittlichen Größe von fünf bis fünfzehn Joch.
Die Umsiedlungen endeten in den Jahren 1948–1949. 1950 erhielten die in Ungarn verbliebenen Deutschen ihre Staatsbürgerschaft zurück.
Nachkriegszeit und Versöhnung
1948 wurde die Grundschule verstaatlicht. Ein Jahr später erhielt das Dorf elektrisches Licht. Gleichzeitig verließen immer mehr Menschen das ethnisch gemischte Dorf, um in den Städten Arbeit in der Industrie zu finden.
1952 lebten noch 877 Einwohner in der Gemeinde, darunter lediglich 436 ursprüngliche Dorfbewohner. Die Aus- und Umsiedlungen bzw. die Vertreibung hatten die gesellschaftliche Struktur des Dorfes grundlegend verändert. Erst in den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich langsam eine Versöhnung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Die wichtigste Veränderung in den sozialistischen Jahren war, dass das alte bäuerliche Dorfleben langsam zerfiel. Nach den Vertreibungen und Umsiedlungen lebten in Sagatel Menschen aus sehr unterschiedlichen Regionen zusammen. Die frühere, fast vollständig deutschsprachige Dorfgemeinschaft existierte nicht mehr. Stattdessen entstand ein ethnisch und sozial gemischtes Dorf. Viele traditionelle Familienstrukturen gingen verloren.
Gleichzeitig begann in den 1950er und 1960er Jahren die sozialistische Umgestaltung des Dorflebens. Die Landwirtschaft wurde zunehmend kollektiviert. Viele Bauern mussten ihre selbstständige Bewirtschaftung aufgeben und in landwirtschaftlichen Genossenschaften arbeiten. Dadurch verloren zahlreiche Familien ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. In ganz Ungarn führte die Kollektivierung dazu, dass viele Menschen die Dörfer verließen und Arbeit in Städten oder Industriebetrieben suchten. Auch in Sagatel setzte eine starke Abwanderung ein. Immer mehr Einwohner gingen in die Städte, weil die Landwirtschaft kaum noch ausreichenden Lebensunterhalt bot. Die jüngere Generation orientierte sich zunehmend an Industriearbeit, moderner Bildung und städtischem Leben. Das spiegelte sich in dem Rückgang der Zahl der Dorfbewohner in den 1970er Jahren wider. Laut der Volkszählung lebten 1960 786 Menschen im Dorf, deren Anzahl bis zum Jahr 1970 auf 585 schrumpfte. Die Grundschule wurde aus diesem Grund geschlossen.
Ein weiterer großer Wandel betraf die Sprache und Kultur. Vor dem Krieg war Deutsch Alltagssprache im Dorf. Nach 1945 wurde die deutsche Identität jedoch vielfach verdrängt oder aus Angst verschwiegen. Viele Familien sprachen mit ihren Kindern bewusst ungarisch, damit diese keine Nachteile hatten. Dadurch ging der Gebrauch des deutschen Dialekts über die Jahrzehnte stark zurück.
Ab den 1960er und 1970er Jahren kam es langsam zu einer gewissen Stabilisierung im Dorfleben, aber die Abwanderung und die Alterung der Bevölkerung setzte sich fort. 1990 lebten noch 393 Sagateler in der Gemeinde, deren Anzahl heutzutage auf unter 200 sank. Aber immerhin wird das Dorfleben von seiner ungarndeutschen Identität geprägt, was an der hohen Prozentzahl seiner bekennenden ungarndeutschen Einwohner zu erkennen ist.
Damit endet meine Beitragsreihe von Sagatel. Wer aber mehr über das Dorf wissen möchte, kann die Seite szakadat.fw.hu aufsuchen. Dort gibt es eine Sammlung von verschiedenen Videos, Beitragen und Bildern über das Dorf sowie über dessen ehemalige Einwohner. Dank der Sammelarbeit und der Dokumentation von Peter Kremer kann man vieles über Sagatel erfahren.