LdU-Projekt stellt Brauchtum „rund um das Jahr, rund um das Land“ vor und bringt Gemeinschaften aus unterschiedlichen Landesteilen zusammen
Was hat das Schweineschlachten mit dem Hutzelsonntag und dem Hanse-und-Gretel-Spiel gemeinsam? Darauf bietet ein Projekt der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) eine Antwort: Beim „Rund um das Jahr, rund um das Land“ stellt man insgesamt 12 Elemente des kulturellen Erbes und Brauchtums der deutschen Gemeinschaft vor. Dass es dabei neben der Vorstellung der Bräuche im Online-Raum und darüber hinaus auch um die Begegnung von jeweils zwei Gruppen aus unterschiedlichen Teilen des Landes geht, das bestätigt im Sonntagsblatt-Gespräch der Hauptorganisator der Aktion LdU-Jugendreferent Károly Radóczy. Das Projekt sei auf ein Jahr angelegt und soll auch dem schulischen Volkskundeunterricht zugutekommen.
Im April stand der Hutzelsonntag im Mittelpunkt des Interesses: Gastgeber der Begegnung war Altglashütte/Óbánya in der Branau, das Mitte Februar Gäste aus der Region Nord – aus Tscholnok – empfangen durfte. Die Tradition des Hutzelfeuers haben die deutschen Siedler aus ihrer alten Heimat mitgebracht (weit verbreitet ist das Fest am ersten Sonntag nach Aschermittwoch in den Herkunftsgebieten der Stifolder in der osthessischen Region Rhön – es soll das Ende des Winters und den Anbruch des Frühlings markieren, wobei auch der Bezug zur beginnenden Fastenzeit offensichtlich ist). Dr. Alexander Hardicsay, Vertreter des Vereins Altglashüttener Deutscher Lesekreis, erinnert sich gerne an das Treffen zurück. In dessen Rahmen wurden das Heimatmuseum mit der Töpfer- und Glaskunstausstellung sowie die Gedenktafeln zur Malenkij Robot, zu den Gefallenen und Toten der Weltkriege an der Wand der katholischen Kirche besichtigt. Hier zeigten sich nach Worten von Hardicsay neben Verbindendem auch deutliche Unterschiede zwischen den beiden Ortschaften: Während von den 400 Bewohnern der Branauer Gemeinde 20 in die Sowjetunion verschleppt wurden, sei die Bergbaugemeinde Tscholnok verschont geblieben. Auch Eva Priegl von der Tscholnoker Gästegruppe blickt positiv auf die Begegnung zurück: Sie lobt die gute Organisation, das Bestreben der LdU, Gemeinden zusammenzubringen und den freundlichen Empfang in der Gemeinde. Das einmütige Herunterrollen des Hutzelrades (in der örtlichen Mundart: Hutzlrod) sei dabei ergänzt worden durch gute Gespräche und ein Rahmenprogramm wie den Besuch im Museum oder eine Feuershow. Die Vorsitzende des Deutschen Kulturvereins Tscholnok gibt auch gleich eine Anregung mit auf den Weg: „Was ich an dem ganzen Projekt vermisse, ist, dass es nicht zu einem Gegenbesuch kommen wird. Es wäre m. E. sinnvoll, wenn wir im nächsten Jahr eine Delegation aus Altglashütte zu einem unserer Feste einladen könnten/müssten. So wäre das Projekt rund. Wir haben dennoch die Mitglieder der deutschen Selbstverwaltung zu unseren Dorftagen im Juli eingeladen, damit der Kontakt weiter gepflegt bleibt.“
Die einzelnen Folgen des Projekts „Rund um das Jahr, rund um das Land“ sind auf Youtube abrufbar:
https://www.youtube.com/watch?v=ElMESw46qWE&t=88s
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Im Gespräch mit Károly Radóczy, dem Jugendreferenten der LdU, über das Projekt „Rund um das Jahr, rund um das Land“
SB: Das Projekt entstand auf einer Jugendkonferenz im Jahr 2024 – welche konkreten Ziele rund um den Erfahrungsaustausch habt ihr im Vorfeld formuliert?
KR: Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, in Kleingruppen solche neuen Projektideen zu sammeln, die mithilfe der ungarndeutschen Kultur die Menschen ansprechen können. Unsere Volksgruppe ist sehr vielfältig und verfügt über zahlreiche Bräuche rund um das Jahr. Viele davon sind im Land weit verbreitet und daher können sie miteinander verglichen werden. Aber es gibt auch ganz einzigartige Bräuche, die man eben deswegen kennen lernen sollte. Die Grundidee war also, dass man anhand typischer Bräuche ein Bild über die Ungarndeutschen in verschiedenen Regionen Ungarns bekommt. Durch das Erfahren dieser Vielfalt kann vielleicht auch eine Motivation bei den Zuschauern entstehen, dass auch sie selbst mitmachen oder einige Bräuche sogar nachforschen und lokal wieder mit Leben füllen.
SB: Wer traf die Themenwahl? Welchen Einfluss hatten die 24 Gruppen auf die Themenwahl rund um das Brauchtum?
KR: Wir haben zusammen mit dem Jugendausschuss und dem Kulturausschuss der LdU die Bräuche und dazu die möglichen Teilnehmer zusammengetragen. Dabei haben wir darauf geachtet, dass diese möglichst in Land und Kalenderjahr zerstreut sind. Jede Region soll entweder als Gastgeber oder Gast vertreten sein. Dann haben wir Kontakt mit den Gruppen aufgenommen und ihnen die Pläne vorgestellt. Wenn es ihnen passte, dann haben sie zugesagt, wenn doch nicht, dann haben wir andere Teilnehmer gesucht.
SB: In der Beschreibung heißt es, dass dieses Projekt anstelle des Überregionalen Erfahrungsaustausches stattfinden soll, gewissermaßen als Ausnahme gedacht – wie waren die Erfahrungen bezüglich des ursprünglichen Projekts? Hat 2026 eine besondere Bedeutung, weil ja das neue Projekt dieses Jahr stattfindet?
KR: Wenn es eine neue Idee gibt, dann denke ich immer nach, wie man sie konkret umsetzen könnte. Hier geht es nicht nur um eine einfache Videodokumentation, sondern auch um die Kontaktaufnahme und den Erfahrungsaustausch zwischen jeweils zwei Gruppen. Die Gastgebergruppen hatten vor, unabhängig von diesem Projekt, den Brauch zu beleben wie in den vorigen Jahren. Also dieser Teil war schon sozusagen gegeben. Was neu hinzukam, war eine Gastgruppe, die hinreisen, verpflegt werden und manchmal auch übernachten musste. Dazu braucht man aber im Falle von 12 Erfahrungsaustauschmaßnahmen mit ca. 210 reisenden Personen viel Geld.
Meine Idee war damals, dass wir dafür am einfachsten eine Unterstützung vom BMI (Bundesinnenministerium, Red.) bekommen können, wenn wir ein Projekt unter den regelmäßig unterstützten Projekten durch das neue Projekt ersetzen. Die zwei Projekte sind ja in vielerlei Hinsicht ähnlich, aber jetzt kamen solche gemeinnützigen Teile dazu, durch die sich nicht nur die teilnehmenden Gruppen bereichern können, sondern auch diejenigen, die die Videos und die Dokumentationen online verfolgen. So konnte die Frage der Finanzierung am einfachsten gelöst werden. Das Jahr spielte keine Bedeutung: Ende 2024 entstand die Idee und sie wurde dann gleich ab April 2025 in die Planungen des Jahres 2026 aufgenommen.
Die Projektleitung musste aber – aus organisatorischen Gründen und da es ein Pilotprojekt ist – in einer Hand bleiben. Damit es wirklich gelingt, wurde den Eigeninitiativen diesmal kein Raum gegeben. Wir haben es deswegen so kommuniziert, dass das diesjährige Projekt eine Ausnahme darstellt, weil wir in den kommenden Jahren das ursprüngliche Projekt „Überregionaler Erfahrungsaustausch“ gerne weiterführen möchten. Es ist ja auch sehr wichtig, dass sich die Gruppen frei bewerben und dabei die Partner und die zu erreichenden Ziele selbst bestimmen können.
Diese früheren Austauschfahrten hatten bisher immer eine erfrischende und motivierende Wirkung auf die Projektteilnehmer. Viele zählen auf diese Möglichkeit und sind deswegen viel offener gegenüber anderen ungarndeutschen Ortschaften. Mir persönlich war es immer ein großes Ziel, dass nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern auch andere Beispiele kennen lernt und mit anderen zusammenarbeitet. Gemeinsam kommen wir viel besser voran.
SB: Welche Erfahrungen habt ihr mit „Rund um das Land, rund um das Jahr“ bislang gesammelt?
KR: Die Hälfte der Reisen wurde schon gemacht. Davon erschienen auch schon die ersten fünf Videos. Ich denke, wegen des Vorrangs von Themen rund um die Parlamentswahlen bekam das Projekt noch nicht die Aufmerksamkeit, die es verdienen würde. Zum Glück sind aber die Bräuche und damit auch die Videos im Jahr verteilt, so haben wir noch mindestens siebenmal die Möglichkeiten, das Projekt den Menschen näher zu bringen. Diejenigen, die die Videos bereits angeschaut haben, haben im Online-Raum positive Reaktionen gezeigt. Ich bin aber auch sehr gespannt, ob diese Videos mal wirklich die Bildungseinrichtungen erreichen und sie auch Feedbacks von der Nützlichkeit im Unterricht geben. Im schulischen Rahmen ist es nie einfach, Volkskunde zu unterrichten. Man kann in einem Klassenraum nicht dasselbe erleben, was man dann erlebt, wenn man aktiv daran teilnimmt. Ich denke, dass die Videos vielleicht diese Bräuche, die Gemeinschaften und die damit verbundene Stimmung näherbringen können, auch wenn man sie in einem Klassenraum anschaut. Wenn das wirklich passiert, dann können wir tatsächlich behaupten, dass das Projekt diesen gewünschten Mehrwert erzielen konnte.
SB: Die Beiträge sind zweisprachig: Das gesprochene Wort ist ungarisch, die Untertitelung deutsch? Gab es die Überlegung, dass man das umgekehrt macht (gesprochenes Wort auf Deutsch mit ungarischen Untertiteln)? Wenn ja, warum wurde es verworfen?
KR: Bei jedem neuen Projekt, das von der Jugend initiiert und an die Jugend gerichtet ist, stehen wir vor dem Dilemma, welche Sprache wir vorrangig nutzen. Wir, die diese Projekte ausdenken, sprechen ja fast alle gut und gern Deutsch. Aber wir können nicht davon ausgehen, dass alle Jugendlichen, die mindestens ein wenig Interesse für das Ungarndeutschtum haben, genauso über solide Deutschkenntnisse verfügen.
Ich bin persönlich sehr dagegen, wenn wir bestimmte Menschen anhand bestimmter Kriterien ausschließen. Wir Ungarndeutschen sind zahlenmäßig nicht so stark, dass wir es uns leisten könnten, nicht alle anzusprechen. Es ist in der heutigen Welt entscheidend, ob wir die Jugendlichen wirklich ansprechen können. Ich denke, wir müssen jede Chance nutzen, einen möglichst breiten Kreis ungarndeutscher Jugendlicher einzubeziehen – das heißt auch diejenigen, die nicht so gut oder gar nicht Deutsch sprechen.
Die Jugendlichen, mit denen wir in unseren Projekten zusammenarbeiten, sind gar nicht der Durchschnitt. Es ist sehr motivierend zu wissen, dass es sie gibt und dass sie in so vielen Sachen mitmachen, so dass sie daneben kaum Privatleben haben. Aber der Großteil der Jugendlichen ist nicht in diesem Maße engagiert. Wir haben uns im Allgemeinen bisher vielleicht eher auf diese sehr engagierten Jugendlichen fokussiert, aber ich denke, wir müssen ein größeres Gewicht auch auf die Jugendlichen legen, die keinen typischen Werdegang (Nationalitätenunterricht, Aktivitäten in Vereinen und deutschen Selbstverwaltungen) haben, sondern anders ihre Identität erleben.
Hauptsächlich deswegen trifft man meistens die Entscheidung, dass wir vorrangig die ungarische Sprache und zweitrangig die deutsche Sprache in diesen Online-Materialien verwenden.
SB: Gehören nur Jugendliche zur Zielgruppe?
KR: Zur Zielgruppe gehören hier eigentlich alle, die Interesse am Ungarndeutschtum haben – alle Generationen, unabhängig von ihrer Herkunft.
Als Format haben wir diesmal nicht die 1–2-minütigen Kurzvideos gewählt, sondern eher ca. 10-minütige Reportagen, wo auch ein Interview geführt werden kann. Diese Form ist vielleicht nicht am besten geeignet, Jugendliche durch Social Media zu erreichen (obwohl wir als Appetitmacher auch kurze Ausschnitte auf Instagram veröffentlichen). Das Format eignet sich aber sehr gut, wenn man wirklich eine Ahnung haben möchte, wie diese Bräuche heute gelebt werden. Ich denke, dass der Blickwinkel einer anderen Gruppe mehr Aussagekraft hat oder verständlicher ist, als wenn die Gastgebergruppen die Reportagen selbst gemacht hätten. Ich hoffe, so entsteht auch eine Perspektive, die dann auch im Unterricht eingesetzt wird, da das Thema allein den Interviewern teilweise neu ist.
SB: Soll es im kommenden Jahr eine Neuauflage des Projekts geben oder kehrt ihr tatsächlich – wie geplant – zum ursprünglichen Erfahrungsaustausch zurück?
KR: Nächstes Jahr kehren wir bestimmt zum ursprünglichen Erfahrungsaustausch zurück, wenn das BMI das weiterhin unterstützt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahren irgendwann eine Fortsetzung kommt.
SB: Karesz, vielen Dank für das Gespräch!