Offiziell gilt Ungarn als Vorzeigebeispiel für Minderheitenschutz. Dreizehn historische Nationalitäten, darunter Ungarndeutsche, Slowaken, Roma, Rumänen und Serben, genießen verfassungsrechtlichen Schutz (Gesetz 179 von 2011 über die Rechte der Nationalitäten), unterhalten eigene Selbstverwaltungen, betreiben Schulen und entsenden Vertreter oder Sprecher ins Parlament. Doch hinter den gepflegten Denkmälern, Trachtenfesten und Förderbescheiden verbirgt sich eine dramatische sprachsoziologische Realität, nämlich dass die traditionellen Minderheitensprachen des Landes im Alltag leise aussterben.
Statistische Identität und reale Sprachkompetenz entfremden sich unaufhaltsam voneinander. Ein Blick auf die amtlichen Daten der Volkszählung 2022 scheint diese Vielfalt zunächst eindrucksvoll zu untermauern. Hunderttausende Bürger bekennen sich nach wie vor selbstbewusst zu ihren Wurzeln. Die größte Gruppe bilden dabei die Roma mit rund 210.000 Menschen, gefolgt von den Ungarndeutschen, die auf etwa 140.000 Personen kommen. Auch die slowakische Gemeinschaft zählt noch rund 30.000 und die rumänische Minderheit etwas mehr als 20.000 Angehörige. Gemeinsam mit kleineren Gruppen wie Serben, Kroaten oder Polen zeugen diese Zahlen scheinbar von einem lebendigen Mosaik der Kulturen.
Herkunft bedeutet heute ja nicht mehr die (Mutter-)Sprache. Zu Hause sprechen die meisten Familien nur noch Ungarisch, auch bedingt durch die zunehmende Zahl an Mischehen. Großeltern und Eltern geben Deutsch, Slowakisch oder Rumänisch kaum noch an ihre Kinder weiter. Besonders zeigt sich das bei Minderheitssprachen, sie gelten als veraltet und werden fast nur noch als „Geheimsprache“ genutzt, wenn die Enkelkinder etwas nicht verstehen sollten, oder wenn geflucht wird. Ungarisch ist überall die erste Sprache geworden. Auch bei den Roma verdrängt das Ungarische die alten Sprachen wie Beasch oder Lowari immer schneller. Wenn heute eine zweite Sprache gewählt wird, greifen Eltern und Schüler fast immer zuerst zu Englisch, weil es als global unverzichtbar gelte. Die traditionellen Minderheitensprachen verlieren dadurch noch weiter an Boden. Zwar gibt es zweisprachige Schulen und Kindergärten, doch sie können den Sprachverlust nicht ganz stoppen. Deutsch oder Slowakisch wird dort oft so unterrichtet wie eine ganz normale Standard-Fremdsprache, ähnlich wie Englisch. Die alten, lokalen Mundarten, wie das traditionelle Schwäbisch in den Dörfern, lernt dort sowieso niemand mehr, zwar gibt es noch vereinzelt Lehrkräfte mit Nationalitätenabstammung, die ihren eigenen Dialekt mitbringen. Dieser wird im Unterricht dann aber meist nur noch als kleine sprachliche Kuriosität oder interessante Besonderheit vorgestellt.
Wie es um die Sprache der assimilierten deutschen Minderheit wirklich steht, spiegelt sich nicht zuletzt im Parlament wider. Manchmal hört man im ungarischen Parlament den Nationalitätensprecher auf Deutsch sagen: „Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete“. Doch selbst so ein einfacher Satz kommt nicht frei über die Lippen, sondern wird einfach nur vom Zettel abgelesen. Das Ganze wirkt wie ein Pflichtprogramm vor laufender Kamera. Nach außen hin fordert Ungarns Regierung sehr lautstark Rechte und eigene Schulen für die ungarischen Minderheiten im Ausland, zum Beispiel in Rumänien oder der Slowakei. Zu Hause im eigenen Land zahlt der Staat zwar Geld für die Selbstverwaltungen, Volkstänze, Chöre und Museen, doch eine echte Förderung der lebendigen Alltagssprache bleibt dabei weitgehend auf der Strecke. Gefördert wird hauptsächlich das Andenken an die Vergangenheit, nicht aber das Überleben in der Gegenwart.
Zwar spricht auch heute kaum noch jemand zu Hause am Küchentisch Schwäbisch oder eine andere Minderheitensprache in Ungarn und das Rad der Sprachassimilation lässt sich kaum komplett zurückdrehen, und die Minderheitensprachen werden die Dominanz des Ungarischen nicht mehr brechen. Doch das spürbare Interesse der heutigen Jugend an ihrer Herkunft zeigt, dass es zumindest der Wille besteht, das Erbe nicht sang- und klanglos aufzugeben. Für ein Überleben jenseits von Museen und Festakten ist genau diese Neugier ein entscheidender Ansatzpunkt.