Geschichte in Stein meißeln

Künstlerporträt über Johann Ruppert

Am Stadtrand von Seksard – umgeben von Weinhängen, die an die Hügel seiner Heimat Nadasch/Mecseknádasd – erinnern, lebt der Bildhauer, Maler, Grafiker Johann (János) Ruppert, Jahrgang 1959. Doch er ist nicht nur hier, um die schöne Aussicht zu genießen. Denn von Lebensabend ist bei ihm wenig zu spüren: Er arbeitet von morgens bis abends mit Säge, Meißel und Hammer an seinen Skulpturen aus Stein, Granit und Metall. Wenn es doch mal ruhig wird, ist er wahrscheinlich nicht im Wohnzimmer, sondern im Hinterraum seines Ateliers anzutreffen, in dem er malt und zeichnet. Denn Ruppert ist einer der produktivsten ungarndeutschen Künstler der Gegenwart. Davon zeugen dutzende Ausstellungen, wie etwa im Lenau Haus in Fünfkirchen, im Jakob-Bleyer-Heimatmuseum in Wudersch oder im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen. Aber auch seine zahlreichen Skulpturen in Deutschland, Ungarn und anderen Ländern beweisen Rupperts Produktivität.

Gerade arbeitet er an mehreren kleinen Plastiken: Meist sind es abstrakte Köpfe, sitzende Figuren, weibliche Torsi und Vogelformen. Rupperts Stil ist zwar sehr eigen, doch erinnern seine an die zeitlosen Arbeiten des rumänisch-französischen Bildhauers Constantin Brâncuși oder die Werke Henry Moores. Auch die Expressionisten wie jene von der Dresdner Gruppe „Die Brücke“ haben Ruppert stark inspiriert, was man vor allem bei seinen Graphiken sofort erkennt.

Ein zentrales Motiv seiner Kunst ist dabei die Vertreibung der Ungarndeutschen: Schon bevor man sein Atelier betritt, trifft man im Garten auf die Skulptur „Verschleppung“, die sich eingliedert in die lange Reihe seiner Werke, die von der Vertreibung handeln. Dazu gehören einige seiner bekanntesten Skulpturen, wie etwa „Mutterschmerz“ in Nadasch oder das Vertreibungsdenkmal in Jerking/Györköny.

Ruppert selbst verbrachte seine Jugend in Nadasch, wo er im sowieso schon sehr musikalischen Dorf überdies in einer donauschwäbischen Musikerfamilie aufgewachsen ist. Bis zum Kindergartenalter sprach er gar kein Ungarisch – so wie seine Großeltern, von denen er die Mundart lernte. Mit der Zeit wurde das Ungarische im Familienalltag zwar wichtiger, aber das Deutsche „war immer da“, so Ruppert. „Mein Vater sagt bis heute manchmal etwas auf Deutsch und fragt dann: ‚Wie heißt das auf Ungarisch?‘“, schmunzelt er.

Von seinem Vater geerbt hat er wahrscheinlich auch sein künstlerisches Geschick. Schon in der Grundschule fing er begeistert mit dem Zeichnen an. In der siebten Klasse war ihm schon klar, dass er Künstler werden will. Er war so gut darin, dass er auch für die anderen oft die Zeichenhausaufgaben erledigte. Der Zeichenlehrer habe ihn sogar von den Hausaufgaben ausgenommen: „Du musst diese Aufgaben gar nicht mehr machen, du kannst zeichnen, was du willst“, erinnert sich Ruppert an die Worte des Lehrers.

Daher war es nur folgerichtig, dass er auf das Kunstgymnasium nach Fünfkirchen wollte. Doch er verpasste die Aufnahmefrist und musste stattdessen in die „508er“ Berufsschule, wo er zum Schlosser ausgebildet wurde. „Das hat mein Leben damals stark geprägt. Aber meine Träume habe ich nicht aufgegeben“, sagt Ruppert, der nämlich parallel zur Schlosserlehre anfing, Zeichenkurse zu besuchen. Einer der dortigen Lehrer, József Pandur, erkannte sein Talent und gab ihm die Möglichkeit, ins Künstlerlager von Tokaj zu fahren. Das war Ende der 70er Jahre, als sich dort Künstler tummelten, die später zu internationalem Ruhm gelangten, wie Imre Bak oder Pál Pátzay. „Das war eine sehr gute Zeit. Dort bin ich eigentlich in das hineingekommen, was ich immer wollte“, erinnert sich Ruppert. Daraufhin entschied er sich, sein Abitur in einer Abendschule nachzuholen, um sich danach für ein Studium auf der Hochschule für angewandte Kunst zu bewerben. Doch er scheitert an der Aufnahmeprüfung. Allerdings lernt er kurz darauf die Bildhauer Gyula Bocz und Sándor Kígyós kennen, zeigt ihnen seine Grafiken und Modelle, bewirbt sich mit einem Empfehlungsschreiben beim Zeichentrickfilmstudio in Fünfkirchen – und wird genommen.

Die Animation ist seitdem eine seiner großen Leidenschaften. Dort begann er auch, an einem eigenen Film zu arbeiten, den er beim internationalen Festival für bildende Kunst und Animationsfilm in Sollnock/Szolnok und ein Jahr später bei einem Festival in Litauen zeigte. Nach jenen drei Jahren im Studio folgten Aufenthalte in Willand/Villány, wo er Assistent des berühmten Bildhauers Ádám Farkas war, in Fünfkirchen, wo er beim Nationaltheater als Bühnenbildner arbeitete, und in seiner Heimat Nadasch. Später verschlug es ihn für mehrere Jahre als Steinmetz nach Deutschland und Österreich. Drei Jahre davon verbrachte er in München. Dort war er quasi Stammgast in der Neuen Pinakothek, was ihm ein tieferes Verständnis der modernen Kunst ermöglichte – insbesondere des deutschen Expressionismus. In jener Zeit wurde er auch Mitglied in die Esslinger Künstlergilde, später auch im Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUDAK).

Noch davor – während seiner Zeit in Nadasch – schuf er die Skulptur „Mutterschmerz“. Anderthalb Jahre arbeitete er daran. Es ist sein erstes wichtiges Werk, das sich mit der Vertreibung auseinandersetzt. „Das lag mir sehr am Herzen. Ich hatte diesen großen Stein bekommen und überlegte: Was mache ich daraus? Und ich dachte, diesen Menschen müsste man ein Denkmal setzen. Denn Skulpturen können mehr ausdrücken als bloße Marmortafeln mit Namen“, meint Ruppert, „sie transportieren Emotionen und man kann sich mit ihnen identifizieren“. Das Ergebnis, eine Mutter, die zum Himmel schreit, ist seiner Ansicht nach „eines der expressivsten Werke in Ungarn zu diesem Thema“. Dabei hat er bewusst auf Folklore verzichtet: „Ich wollte Universelles wie Gebet, mütterlichen Schmerz und Zwang darstellen. Die Mutter ist in Alltagskleidung, nicht in feierlicher Tracht – wie auf manch anderen Denkmälern über die Vertreibung. Denn die Vertreibung war kein feierlicher Anlass – sie war Zwang, Schrecken, Chaos.“

Auch seine eigene Familiengeschichte zeugt davon. „Meine Großmutter wurde mit zwei Kindern – meinem Vater und seinem Bruder – auf die letzten Deportationszüge gesetzt, die von hier abfuhren.“ Die Züge fuhren bis nach Haag bei Amstetten, bevor sie von den Alliierten gestoppt und zurückgeschickt wurden, weil diese inzwischen erkannt hätten, dass die Vertreibung eine „Schande für Europa“ sei. Wieder in Ungarn angekommen mussten sie jedoch von vorne angefangen, da in ihr Haus bereits Flüchtlinge aus dem ehemaligen Oberungarn eingezogen waren. „Meine Familie konnte nichts dagegen tun, sie wurden einfach hinausgesetzt.“ Der eigene Großvater wiederum wurde für die SS zwangsrekrutiert und geriet infolge der Belagerung von Budapest in Gefangenschaft. „Das Ärgerliche war: Er hatte niemanden erschossen, trotzdem war er fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft. Länger als der Krieg selbst dauerte.“

Und weil man in der Familie Ruppert offen über diese Erfahrungen redete, prägten sich dem jungen Johann diese Traumata ein. Seine expressive Kunst hat ihm schließlich geholfen, diese Traumata zu verarbeiten. Neben mehreren Skulpturen gibt es dazu eine Serie aus etwa 30 Bildern, die er auf mehreren Wanderausstellungen vorstellte – unter anderem auch im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen. „Dort hörte ich erstmals von der Leiterin, dass Traumata generationenübergreifend weitergegeben würden. Man bemerkt das vielleicht nicht bewusst, aber unter der Oberfläche ist es da, besonders wenn solche Geschichten von Generation zu Generation erzählt werden.“ Allein schon angesichts der erinnerungspolitischen Bedeutung von Kunst ist es wiederum verwunderlich, wie wenig Malerei und Bildhauerei eine Rolle im gegenwärtigen ungarndeutschen Kulturleben einnehmen. „Wenn man die Zeitungen anschaut, sieht man kaum etwas über Kunst oder Literatur. Stattdessen Tanzgruppen, Weinfeste, Kulinarisches“, erklärt Ruppert. „Aber deutsche Identität ist mehr als das.“ Er wünscht sich, dass ungarndeutsche Künstler ihre Herkunft sichtbarer machen und kulturelle Präsenz zeigen.

Zugleich erscheint Ruppert nicht wie jemand, der nur auf die ganz große Bühne abzielt. „Die Werke, die mir am meisten am Herzen liegen, würde ich nicht verkaufen. Sie sind geboren aus meinen Erfahrungen, sie leben in mir. Kein Geld könnte das ausgleichen – sie sind wie meine Kinder“, sagt der Künstler. „Es ist ein bisschen so, als würde ein Dichter seine Verse nur für den eigenen Schreibtisch schreiben.“ Das liegt auch daran, dass Ruppert seine Skulpturen und Graphiken als Form des Selbstaufbaus sieht – bei sich und bei anderen. Als er sich mal hinreißen ließ, eine Skulptur zu veräußern, sagte der Interessent: „Ich kaufe diese Skulptur, weil sie mich aufbaut.“ Ruppert war nach eigenen Angaben von diesen Worten überrascht, weil sie auch von ihm selbst hätten stammen können. „Wenn ein Kunstwerk so wirkt, habe ich mein Ziel erreicht“, sagt er stolz. 

Dafür braucht es manchmal ordentliche Knochenarbeit. Wenn es also in den Hügeln um Seksard wieder einmal hämmert und dröhnt, dann arbeitet dort jemand, der Geschichte in Stein meißelt.

Seine Werke sind unter u.a. unter: http://sites.google.com/view/ruppertartde, Facebook: ruppertart, in der Zeitschrift „Képírás“ (Ausgabe vom 17. Mai 2022) und auf YouTube zu sehen.                  

http://sites.google.com/view/ruppertartde

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