Der Windkönig

Der Windkönig

Zwei verwaiste Bergmannskinder, ein Junge und ein Mädchen leben allein. Ihre Eltern waren schon früh verstorben. Die Verwandten und die Nachbarn zogen sie auf. In Mangel und Armut verbrachten sie ihre Kindheit. Als der Junge herangewachsen war und in das Bergwerk arbeiten ging, kochte und wusch das Mädchen für ihren Bruder. Pilze und Beeren suchten sie im Walde.

Als sie einmal in Walde waren, erhob sich vor dem Eingang einer verlassenen Grube ein furchtbarer Wind. Dieser schreckliche Wind war niemand anders als der Windkönig selbst. Der Junge konnte sich gerade noch rechtzeitig an einem Ast festhalten. Seine Schwester aber wurde vom Windkönig mitgerissen. Er trug sie geradewegs in die Grube. Traurig ging der Junge nach Hause, aber bald entschloss er sich, seine Schwester zu suchen, ganz gleich, was kommen werde. Er bereitete sich also auf den Weg vor, steckte Brot und Käse für mehrere Tage in den Beutel, hing die Flinte über die Schulter und ging fort.

Er ging in den Wald zu der Höhle, wo seine Schwester verschwunden war. Er betrat die Höhle, kam aber in dem dunklen, holprigen Gang nur schwer vorwärts. Nur seine Grubenlampe leuchtete ihm. Einmal schien es so, als ob die Höhle ein Ende habe, doch als er mit seiner Lampe die Felsen beleuchtete, nahm er einen Spalt in der Wand wahr. Dieser war so klein, dass sich ein Mensch gerade noch hindurchzwängen konnte. So kam er weiter in den Berg hinein. Er kroch und kroch, konnte aber an kein Ende gelangen. Er spürte nur, wie seine Kleider zerrissen und er sich die Haut abschürfte. Er war fast am Ende seiner Kräfte, als er ein Licht sah. Es fiel durch einen Erdspalt. Er kroch hindurch und befand sich in einem riesigen Walde. Dieser war genauso wie in seiner Gegend; nirgends aber eine Spur von Menschen. Er hatte kaum einige Schritte getan, als ihm einfiel, dass er schon lange keinen Bissen gegessen hatte.

Er setzte sich unter einen Baum, nahm den Beutel hervor und ließ sich sein Brot schmecken. Auf dem Wipfel des Baumes erblickte er eine schöne weiße Taube.

Schnell nahm der junge Bergmann die Flinte, um die Taube herunterzuschießen, aber sie schüttelte sich und sprach:
„Lass mir mein Leben, lieber Wanderer! Wenn du mich am Leben lässt, werde ich dir helfen!” Er hatte Mitleid mit ihr. “Ich tue dir nichts, mein Täubchen! Sage mir nur, wie du mir helfen könntest!”
Kaum hatte er das gesagt, war die Taube nirgends mehr zu sehen. Der Bergarbeiter erhob sich und ging weiter. Als er eine Zeitlang gewandert war, wurde er wieder müde und hungrig. Wieder setzte er sich unter einen Baum. Wie er so saß, kam ein Schwarm Waldbienen geflogen, ein Bienchen stach ihn in die Nase. Der Junge wurde zornig, ergriff seinen Wanderstab und wollte das Bienennest zerstören. Die Bienen erschraken. Die Königin sprach: “Zerstöre nicht unser Nest, lieber Wanderer! Wenn du uns schonst, werden wir dir große Hilfe leisten!”
Er tat auch den Bienen nichts. Er sagte nur: “Wie könnt ihr mir denn helfen?” Als er sich aber umschaute, sah er keine einzige Biene mehr. Und so machte er sich wiederum auf den Weg.

Dann ruhte er sich zum dritten Male aus. Als er sich gesetzt hatte, krochen Ameisen auf sein Bein. Eine zwickte ihn. In seinem Zorn wollte er den Ameisenhaufen zertreten, aber auch der Ameisenkönig begann zu sprechen:
“Tue uns nichts, lieber Wanderer! Wenn du uns schonst, können wir dir noch von Nutzen sein!”
“Nun gut.” – sagte er. “,Ich tue euch nichts! Aber wie könnt ihr mir helfen?”
Die Ameisen verschwanden aber ebenso wie die Taube und die Bienen.

Da erhob er sich und ging weiter. Wie er so ging und ging, brach die Nacht herein. Auf einmal erblickte er ein Licht. Er ging darauf zu. Bald gelangte er an ein kleines Häuschen. Darin wohnte ein Mütterchen. “Wie kommst du hierher, mein Sohn, wo nicht einmal ein Vogel fliegt?” – fragte sie ihn. “Ich suche den Windkönig, – antwortete der Junge- weil er meine Schwester geraubt hat.”

“Dann bist du an der richtigen Stelle; denn der Windkönig ist mein Sohn. Setze dich hin, und wenn er kommt, dann sprich mit ihm!” So geschah es auch. Nicht lange musste er warten, da kam der Windkönig auf einmal mit großem Rauschen an. Als er eintrat, redete ihn seine
Mutter an:“Mein Sohn, dieser junge Mann sucht seine Schwester.”

“Gut! – sagte der Windkönig zu dem Bergknappen, -du erhältst sie zurück, aber nur, wenn du es verdienst.” Dann nahm er ihn mit in die Kammer. Dort füllte er einen Sack mit Mohn, den sie in den Wald hinein. Er schüttete das Ganze ins Gras. “Wenn du den Mohn bis zum Morgen ausgelesen hast, gebe ich dir deine Schwester wieder” – sprach er und verschwand. Der Bursche war sehr traurig. Was sollte er in solch schrecklicher Finsternis tun? Wie sollte er den vielen Mohn auflesen? Er war traurig und betrübt, bis der Schlaf übermannte.
Als es zu tagen begann, erwachte er, weil ihn eine Ameise ins Gesicht zwickte. Da fiel ihm ein, was der Windkönig von ihm verlangte. Mit Schrecken dachte er daran, was nun geschehen werde. Als er sich aber umschaute, sah er, daß der Mohn, während er geschlafen hatte, von den Ameisen bis aufs letzte Korn eingesammelt worden war. Er dankte den Ameisen. Dann ergriff er den Sack und trug ihn zum Windkönig.

Dieser machte große Augen, weil der junge Bergmann die Bedingung erfüllt hatte, gab jedoch nicht gleich nach. „Ich verlange noch eine Probe von dir.” -sagte er – wenn du auch diese bestehst, gebe ich dir deine Schwester zurück. Jetzt aber komm mit mir hinaus zur Meeresküste!” Als sie dort hinkamen, zog der Windkönig seinen goldenen Ring vom Finger und warf ihn ins Meer. Dann wandte er sich an ihn: “Wenn du diesen Ring vom Meeresgrund heraufholst, erfülle ich dir deinen Wunsch.” Darauf wurde der Bursche wieder sehr traurig und dachte: Den Mohn haben die Ameisen aufgelesen, wer aber wird mir den Ring vom Meeresgrund heraufholen? Wenn er es selber versuchte, würde er entweder ertrinken oder den Ring auch in tausend Jahren nicht finden. Er grübelte so lange, bis er wieder einschlief. Am nächsten Morgen erwachte er, weil jemand sein Gesicht streichelte. Als er seine Augen aufschlug, sah er, dass die weißen Taube um ihn herumflog und in ihrem Schnabel den goldenen Ring des Windkönigs hielt. Sie kam herab und ließ den Ring Vor ihn auf die Erde fallen. Da er sich sehr freute. Er dankte der Taube für ihre Hilfe. Dann eilte er mit dem goldenen Ring zum Windkönig. Dieser staunte noch mehr als davor. Da er nichts tun konnte, sagte er zu ihm:

“Meine beiden Wünsche hast du erfüllt, deshalb bekommst du deine Schwester zurück. Du musst sie aber aus zwölf Mädchen auswählen: denn ich habe wirklich schon vergessen, welche davon deine Schwester ist.” Darauf führte er den Jungen in einen Saal, in dem zwölf Mädchen saßen. Sie waren aber einander so ähnlich wie zwölf Eier. Der Bursche hätte bis zum jüngsten Tag vergeblich wählen können. Aber da kam ein Bienchen an sein Ohr geflogen und summte ihm zu: “Das Mädchen, dem ich auf den Kopf fliege, das ist deine Schwester!” Und so geschah es. Das Bienchen flog auf den Kopf eines Mädchens, der Bursche sprang hin und umarmte sie. “Das ist meine Schwester, Windkönig!”
Jetzt war der Windkönig mit den Proben zufrieden und hatte keine weiteren Einwände mehr:
“Gut, mein Sohn! Du hast nun meine drei Wünsche erfüllt, deshalb gehört deine Schwester dir! Ich helfe euch auch noch nach Hause.” Darauf trat er zu ihnen und blies sie an. Die Geschwister flogen davon und fanden sich im Nu vor dem Ausgang der Grube wieder. Dann gingen sie nach Hause. Ihren Kindern und Kindeskindern erzählten sie später, was sie alles im Reich des Windkönigs erlebt hatten.

 

 

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