Instagram-Seite widmet sich ungarndeutschem Erbe in der Gegenwart / Im Gespräch mit Judit Soltész-Hódosi
SB: Berlinerkendő – sváb hagyományok a mindennapokban (Berlinertuch – schwäbische Traditionen im Alltag) nennt sich Ihre Instagram-Seite – woher kam die Namenswahl?
JSH: Nach der Geburt meines kleinen Sohnes vor zweieinhalb Jahren träumte ich immer mehr vom Haus meiner Urgroßmutter in Altglashütte/Óbánya. Ich spürte, dass unsere Kinder nichts davon erfahren würden, wenn meine Generation nicht dringend damit beginnt, schwäbische Bräuche und die Mentalität in ihr Leben zu integrieren. Ich begann wie viele andere: Ich buk ein paar traditionelle Kuchen, besuchte schwäbische Feste und sah, dass es tatsächlich Gemeinden gibt, die ihre Traditionen noch pflegen. Doch dann stellte ich fest, dass in unserem unmittelbaren Familienkreis kein Kleidungsstück mehr erhalten blieb, nicht einmal ein Schal. Ich begann in einer Facebook-Gruppe zu fragen, wer noch schwäbische Tücher nähen oder wo ich so etwas kaufen könnte, damit ich wenigstens ein Berliner Tuch habe, damit ich im Herbst im Garten keinen Poncho über die Schultern werfe, sondern etwas, das meine Identität widerspiegelt. Gleichzeitig kam mir die Idee, eine Instagram-Seite zu starten, auf der ich meine Gehversuche auf dem Weg zurück zum Schwabentum festhalten könnte. So wurde das Berliner Tuch für mich zum Symbol für den Wunsch, etwas von meinem Ungarndeutschsein für die Zukunft zu bewahren.
SB: Die Themenwahl ist vielseitig – Traditionen, Buchempfehlung, Theater – was ist das Ziel der Seite, wen wollen Sie erreichen?
JSH: Mein Hauptziel ist es, mich selbst zu motivieren, denn ich halte es heute für extrem schwierig, unsere Wurzeln zu bewahren und weiterzuführen. Viele von uns leben fernab der Familie, in einem Umfeld mit Familienverhältnissen, wo es kaum möglich ist, einem Nationalitätenverein oder einem schwäbischen Verein für Traditionspflege beizutreten. Nehmen wir mein Beispiel: Mein Mann und ich haben in Budapest eine Familie gegründet, wir arbeiten beide und ziehen ein kleines Kind groß. Manchmal besuchen wir schwäbische Veranstaltungen in den nahegelegenen Siedlungen des Pilisch-Gebirges, aber für mehr haben wir im Moment keine Zeit.
Oder ein anderes Beispiel: Wie in vielen Familien gibt es auch bei uns ein Mitglied mit Glutenunverträglichkeit. Obwohl ich eine Zeit lang versucht habe, traditionelle schwäbische Kuchen glutenfrei zu backen, hat es meistens nicht so geklappt, wie ich es mir gewünscht hätte. Anders ausgedrückt: In unserem Fall funktionieren die beiden einfachsten Verbindungspunkte – Veranstaltungen und Gastronomie – nicht. Die Wiederaufnahme der Verbindung ist heutzutage kein einfacher Prozess. Wir sollten die Möglichkeiten der sozialen Medien viel stärker nutzen, da sie keine Distanz kennen und jeder die Werte zeigen kann, die ihm wichtig sind. Deshalb habe ich angefangen, Buchempfehlungen und YouTube-Videos zu diesem Thema für meine Instagram-Highlights zu speichern. Ich hoffe, dass ich denen, die als Erwachsene wie ich ihrer ungarndeutschen Identität wieder näher kommen möchten – egal wo sie leben – helfen und ihnen vielleicht einen Ausgangspunkt bieten kann.
SB: Sie wohnen in Budapest, sprachen aber vorhin von Vorfahren, die in Altglashütte lebten – inwiefern sind Sie mit dem Ungarndeutschtum verbunden?
JSH: Ich lebe in Budapest, bin aber in der Branau aufgewachsen. Ich habe sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits schwäbische Vorfahren aus der Branau und der Tolnau. Von meinen Großeltern habe ich viele Geschichten über ihre Kindheit, ihre Bräuche, Bälle, das Zusammenleben mit der Natur und natürlich über die harte Arbeit, die Malenkij Robot und die vertriebenen Verwandten gehört.
SB: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem IG-Konto gemacht, welche Rückmeldungen haben Sie bislang erhalten?
JSH: Ich habe noch nicht viele Follower. Ich bin mal mehr, mal weniger aktiv, je nachdem, wie viel Energie und Zeit mir neben meiner Familie noch bleiben. Diese Seite ist ein Hobby, das sich hoffentlich langsam ausweitet.
Ich spreche auch gerne im Alltag über das Ungarndeutschtum. In meiner Altersgruppe, also der Altersgruppe der Instagram-Nutzer, sehe ich, dass diese Identität langsam aus dem Leben verschwindet, wenn jemand zwar seine Herkunft kennt, aber nicht an einem Ort mit einer aktiven schwäbischen Community (Gemeinschaft, Red.) lebt. Nicht viele Menschen wissen wirklich, warum es wichtig ist, dieses Stück Vergangenheit zu bewahren. Ich denke, deshalb wäre es besonders wichtig, die charakteristischen Stärken der Schwaben hervorzuheben.
Ich glaube, das Wesen der Deutschen in Ungarn besteht nicht nur aus Polka oder aus Facebook-Diskussionen darüber, welches Fleisch zum Originalrezept für Stifolder passt und welches nicht. Schließlich verändert sich die Welt, und wir alle verändern uns in ihr. Unsere Vorfahren lebten 1850 und 1950 anders. Was ich vor allem bewahren möchte, sind die Ausdauer und der Fleiß sowie die Anpassungsfähigkeit, die uns so lange geprägt haben. Besonders wichtig sind auch: dass wir aus dem Nichts wachsen konnten, die Fähigkeit zu organisieren, das Streben nach Ordnung und Schönheit sowie das Verständnis dafür, was es bedeutet, genug zu sein.
Wie gut wäre es, uns bewusst zu machen, dass die Kraft und der Glaube unserer Vorfahren in uns weiterleben. Damit konnten sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben ins völlig Unbekannte aufbrechen und buchstäblich alles aus dem Nichts aufbauen – oft mehrmals. Was für eine Munition das in der heutigen Welt liefern könnte!
SB: Welche Ziele haben Sie mit der Seite für die Zukunft?
JSH: Diese Stärke möchte ich auch auf meinem persönlichen Weg, über den ich geschrieben habe, beibehalten.
Mit der Zeit möchte ich die hervorgehobenen Themen um weitere schwäbische Unternehmungen ergänzen, ganz nach dem Motto: „Wähle das Schwäbische!“. Lasst uns ihre Botschaft verbreiten und wenn wir die Wahl haben, lasst uns zuerst ihnen Vertrauen schenken.
Vor allem aber möchte ich, dass jemand meine Seite findet. Dort kann er Informationen darüber erhalten, wo er etwas über die Traditionen seiner Vorfahren erfährt und mit schwäbischen Produzenten und Handwerkern in Kontakt treten kann. Damit jeder, der möchte, einen Schwabenschal tragen kann!
Das Gespräch führte Richard Guth.