Interview mit der Hauptorganisatorin Eva Burda, Koordinatorin für Auslandsbeziehungen der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung Kaltenstein/Levél
SB: Frau Burda, wie kam es zu der Idee, eine solche Gesprächrunde durchzuführen?
EB: In den letzten 15 Jahren habe ich mit zahlreichen Vertriebenen und ihren Angehörigen Kontakt aufgenommen und ihre Geschichten erfahren. Ihre Schicksale ähneln sich zwar weitgehend, doch jede Geschichte ist einzigartig. Da sich in diesem Jahr 2025 der 80. Jahrestag der Vertreibung dieser Menschen jährt, dachte ich, es wäre gut, ihr Trauma in einem Gespräch zu teilen.
SB: 80 Jahre? Fuhr der erste Zug nicht erst im Jahr 1946 Richtung Deutschland los?
EB: In den ungarischen Geschichtsbüchern steht zwar: „Der erste Zug voller Deportierter fuhr im Frühjahr 1946 nach Deutschland ab…“ (19. Januar 1946 aus Wudersch, heute Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen, Red.). Die Menschen in Kaltenstein mussten jedoch am 28. August 1945 ihre Häuser verlassen und wurden in die Schulhalle oder Scheunen zusammengetrieben. Von dort wurden sie am 7. September ins hermetisch abgeriegelte Zanegg/Mosonszolnok getrieben. Deshalb reden wir in Kaltenstein vom Tag der Deportation von 1945 und gedenken jedes Jahr am letzten Samstag im August der Vertriebenen.
SB: Waren auch ausländische Gäste bei dem Gespräch dabei?
EB: Ja, waren! Der älteste Teilnehmer der Veranstaltung war der aus Deutschland angereiste 95-jährige Hans Zapfl, der im Dorf von allen János oder Hansi bácsi genannt wird.
Unter den Gästen waren noch viele in Kaltenstein gebliebene und aus dem Ausland angereiste Familienmitglieder: Bachmann Gerhard, Bürgermeister von Deutsch-Jahrndorf (A), Fischer Paul (er feiert heuer seinen 92. Geburtstag, A), Graf Helmuth W., der heute 84 Jahre alt ist (A), Graßl Silvia geborene Geistlinger und ihr Mann Rainer aus Deutschland, Hänsler Thomas aus Österreich, Hack Ute und Jürgen (Jürgens Mutter hieß Maria Nitschinger) und ihr Sohn Johannes mit seiner Freundin Ann-Kathrin (D), Hildebrandt Gerhard und Margit (geborene Varga) aus Deutschland, heuer feierte sie ihren 80. Geburtstag, Jäger Leonhard mit Gattin (D), beide feierten heuer ihren 90. Geburtstag, Klumpp Thomas und Gudrun (ihre Mutter hieß Theresia Lober, geb. Schmickl), Macher Rainer aus dem Nachbarland, Nitschinger Matthias (heuer wurde er 92 Jahre alt) und seine Söhne Johannes und Josef und die Enkeltöchter Meike und Merle (D), Nölscher Kurt und Margret geborene Nitsch aus Deutschland, Rittsteuer Paul aus Österreich, Matthias Weisz ebenfalls aus Österreich, Zapfl Gerhard, Bürgermeister von Nickelsdorf, Zapfl Hans (zum Glück in sehr gutem Gesundheitszustand mit 95 Jahren) mit Tochter Gerlinde und Enkelkind Henriette (D). Der prominenteste Gast des Gesprächs war Herr Emmerich Ritter, der seit 2018 der erste deutsche Abgeordnete im Parlament ist.
SB: Erzählen Sie mir bitte von dem Gespräch.
EB: Ich habe das Gespräch in vier Themenbereiche unterteilt. Zuerst wollte ich erfahren, wie sie in Kaltenstein gelebt haben, wie ihr Alltag war. Dann erzählten sie mir von der „Befreiung“ der Russen, was, wie wir wissen, kein freundliches Treffen war. Danach sprachen wir über die Umsiedlung, da diese Familien nach Zanegg gebracht wurden. Sie verbrachten dort 6 – 7 Monate, bevor der erste Zug abfuhr. Am Ende des Gesprächs ging es um ihre Reise nach Deutschland und um ihre Integration.
Ich wusste, dass diese Gäste alle um oder über 90 Jahre alt sind, und ich versuchte mich darauf vorzubereiten, dass dieses Gespräch sehr anstrengend und psychisch ermüdend sein würde.
Ich erhielt Geschichten von Familienmitgliedern per E-Mail, die ihnen ihre Eltern und Großeltern erzählt hatten. Wenn ein Erzähler müde wurde oder seine Stimme brach, las ich aus den Geschichten vor, die ich per E-Mail erhalten hatte.
SB: Was erzählten die Anwesenden?
EB: Es gab Familien, die die Vertreibung nicht abwarteten, sondern versuchten, das Dorf früher zu verlassen.
Der damals zwölfjährige Paul Fischer erzählte: „…der Bauer, bei dem wir in Zanegg wohnten, brachte Mist mit einem Pferdewagen auf die Felder. Eines Abends vergrub er unseren Koffer unter dem Mist. Er brachte die Koffer zur Grenze und gab sie seinem Freund aus Halbturn (Gemeinde in Österreich, Red.) mit der Nachricht, dass wir bald nachkommen würden. Am nächsten Abend zog mir meine Mutter zwei Hosen und zwei Mänteln an. Mein Bruder und ich machten uns auf den Weg zur grünen Grenze. Wir rannten in Zanegg von Baum zu Baum und versuchten immer, im Schatten zu bleiben. Als wir endlich das Kornfeld sahen, rannten wir, so schnell wir konnten. Wir versuchten, die ganze Zeit im Kornfeld zu bleiben, denn es war ziemlich hoch. Wir gingen gebückt im Kornfeld, bis wir endlich das Ende erreichten. Die Straße wurde von Soldaten bewacht. Mein Bruder sagte: „Schau, da ist ein Graben auf der anderen Straßenseite. Wenn wir durch den Graben kommen, sind wir in Österreich. Was sollen wir tun? Kehren wir um, oder versuchen wir es doch.“ Als die Soldaten etwas weiter weg waren, sprangen wir aus dem Kornfeld und rannten los. Natürlich war das Laufen in zwei Hosen und zwei Jacken nicht leicht. Mein Bruder schleifte mich über den Graben. Inzwischen waren auch die Soldaten da, aber sie wagten es nicht, auf österreichisches Gebiet zu schießen.“
Therese, Schwester des heute 92-jährigen Matthias Nitschinger, erinnert sich so: „Meine Eltern warteten die Vertreibung nicht ab. Eines Nachts fuhren wir mit der Pferdekutsche nach Pallesdorf/Bezenye zur Donau. Unser Hund Bubi lief uns bis zur Donau hinterher, ich sehe es noch heute vor mir. Aber wir durften keine Tiere mitnehmen. Wir stiegen auf einen Kohlenschlepper. Es waren hunderte Menschen, viele Familien und Kinder auf dem Schiff. Beim Steuermann gab es einen Kohleofen, da konnte jede Familie einmal am Tag mit Donauwasser Tee kochen, das war schlimm. Der Max hatte immer Hunger, dann hat die Mutter ihm einen Löffel Zucker gegeben. Er hat auf dem Schifferklavier „Fliege mit mir in die Heimat“ gespielt.”
Die damals zehnjährige Maria Nitschinger erinnerte sich so an die Ereignisse: „Am 13. April 1946 fuhr der vierte Zug nach Deutschland ab. 30–40 Menschen wurden in einen Viehwaggon gepfercht. Die Zwischenstationen waren Wien, Passau und Ulm. An jeder Haltestelle wurden wir entlaust. Wir Kinder haben geweint, wenn wir gesehen haben, was jetzt schon wieder auf uns zukam. DDT-Pulver wurde uns oben in die Kleidung geblasen, bis es unten wieder herauskam. Ich kann den Gestank noch heute riechen.”
Der heute 90-jähriger Leonhard Jäger erzählte Folgendes: „Als meine Eltern erfuhren, dass alle deutschsprachigen Dorfbewohner ausgesiedelt werden, haben sie versucht, unseren Namen zu ändern. Ohne Erfolg! Aber wir hatten trotzdem Glück, wir durften im Dorf in unserem Bauernhaus in der Langegasse (heute Petőfi Sándor utca) bleiben mit unseren Kühen, Kälbern, Pferden und Schweinen. Wir waren nicht auf der Liste. Meine Eltern mussten sich doch entscheiden, ob wir bleiben oder gehen. Nun glaube ich im Nachhinein, ihre Entscheidung haben sie getroffen, als die „Neubürger” – die „telepesek” – in die leeren Häuser der Geflohenen und Vertriebenen eingezogen sind. Unsere neuen Nachbarn haben uns nicht verstanden, sie sprachen alle nur ungarisch. Wir waren „Fremde” in unserem eigenen Dorf. Mein Vater schaute meine Mutter an und sagte: „Wo alle hin müssen, da gehen wir auch hin.” Sie packten unsere Sachen zusammen und flüchteten über die grüne Grenze nach Österreich und später nach Deutschland.
Der älteste Teilnehmer der Veranstaltung, der 95-jährige Hans Zapfl, erzählte: „Ich war 15 Jahre alt, als meine Eltern, Geschwister und ich im Frühjahr 1946 von Zanegg nach Deutschland vertrieben wurden. Die ¸Siedler’, die aus dem Hochland (ehemaliges Oberungarn, Red.) kamen, zogen auch in unser Haus in Kaltenstein ein. Es war sehr schwierig, sich in Deutschland zu integrieren, da die Menschen uns dort „ungarische Zigeuner“ nannten. Es kostete uns viel Kraft, nicht zusammenzubrechen und mit harter Arbeit mit dem Bau unserer eigenen Häuser zu beginnen. Ich glaube, das war der Durchbruch. Nachdem die Deutschen gesehen hatten, dass wir niemanden belästigen und fleißig arbeiten, haben sie uns aufgenommen.“
Die Familie konnte ihre Kaltensteiner-Wurzeln – ihr geliebtes Haus – nie ganz loslassen. Nach dem Regimewechsel kauften sie es zurück. So kann János bácsi mit seiner Tochter jedes Jahr (heuer auch mit Enkelkind) mehrere Wochen in Kaltenstein verbringen.
SB: Wie würden Sie die Diskussion am Runden Tisch zusammenfassen?
EB: Wir reisten ein wenig in die Vergangenheit zurück und erhielten Einblicke in die Schrecken der Deportation. Geplant hätte ich die Dauer der Diskussion zwei bis zweieinhalb Stunden, doch die Überlebenden waren unermüdlich. Nach drei Stunden und 40 Minuten schloss ich die Diskussion mit den Gedanken von Maria Nitschinger, obwohl ich den Gästen anmerkte, dass sie noch weiter ihre Geschichten erzählen wollten und noch nicht aufhören wollten: „Wir sind hier daheim, aber die richtige Heimat ist dort, wo man geboren ist. Alles kann man ersetzen, nur die Heimat nicht. Überall gibt es gute Menschen, doch Freunde, wie in Ungarn, findet man nicht. Heimweh hat ein jeder mal, geht´s ihm auch noch so gut. Ich bleib´ Dir treu, mein Leben lang, geliebte Heimat mein.”
SB: Frau Burda, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Richard Guth.