Im Gespräch mit Eva Priegl, Deutsch-, Drama- und Volkstanzlehrerin am Friedrich-Schiller-Gymnasium Werischwar
SB: Eva, deine Kollegin Eva Miereisz hat letztes Jahr als fünfte Lehrerin des Friedrich-Schiller-Gymnasiums den Katharina-Kreisz-Preis erhalten – wie erklärst du diesen Erfolg?
EP: Auch im Schiller-Gymnasium – genau wie in anderen Schulen mit Nationalitätenunterricht – ist die Schulleitung bestrebt, Kolleginnen und Kollegen mit ungarndeutschen Wurzeln anzustellen. Der Katharina-Kreisz-Preis wird jedes Jahr ausgeschrieben, die Schulen haben die Möglichkeit, ihre Lehrer zu nominieren. Anscheinend hat das Komitee fünfmal unsere Lehrkräfte für würdig gehalten.
SB: Du gehörst auch zu diesem Kreis der Ausgezeichneten – wie blickst du auf diesen Preis?
EP: Es war natürlich eine große Überraschung, aber auch eine Ehre, als ich 2020 die Auszeichnung bekam, besonders weil ich kein gebürtiger Werischwarer bin bzw. nicht im Komitat Pest lebe. Es ist eindeutig eine Anerkennung meiner Arbeit im Gymnasium seitens der Schulleitung, aber ich fühle mich seither noch mehr verpflichtet, die Arbeit im Nationalitätenschulwesen mit genauso viel Engagement fortzusetzen.
SB: Das Schiller-Gymnasium gehört neben dem Valeria-Koch-Schulzentrum Fünfkirchen und dem Deutschen Nationalitätengymnasium Budapest zu den weiterführenden Schulen, die in der Trägerschaft der LdU stehen: Kannst du bitte für die Leser, die das Gymnasium nicht (so gut) kennen, kurz über das Deutsch- und Nationalitätenprofil der Schule erzählen?
EP: Unsere Ziele sind einerseits, die deutschen Sprachkenntnisse unserer Schüler zu fördern, andererseits ihr Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Nationalität zu stärken. Um das erste Ziel zu erreichen, werden neben dem Fach Deutsche Sprache und Literatur bestimmte Fächer (Geografie, Geschichte, Mathematik usw.) in deutscher Sprache unterrichtet. Außerdem haben unsere Schüler die Möglichkeit das Deutsche Sprachdiplom (DSD) Stufe I und II bei uns abzulegen bzw. an verschiedenen Schüleraustauschprogrammen teilzunehmen. Um das Pädagogische Programm unserer Schule zu zitieren:„Der wichtigste Faktor bei der Stärkung des Identitätsbewusstseins ist, dass die Schule ständig Vorbilder für das Erleben des Nationalitätendaseins vor die Schüler stellt, seien es die Lehrkörperschaft, die Veranstaltungen, die Unterrichtsinhalte oder die Rolle der ehemaligen Schüler im Nationalitätenleben.”
SB: Du stammst aus einem ungarndeutschen Dorf namens Tscholnok, wo noch in den 1970er und 80er Jahren die Mundart vielfach an die jüngeren Generationen weitergegeben wurde – wie hast du diese kleine deutsche Welt als Kind und Jugendliche erlebt?
EP: Es war damals natürlich und selbstverständlich, dass die Menschen auf der Straße deutsch (bzw. Mundart) sprachen und die älteren Frauen noch die Tracht trugen. In meiner Familie war die Mundart auch Verkehrssprache, jedoch haben meine Schwester und ich unseren Eltern und Großeltern immer ungarisch geantwortet. Die deutsche Sprache war aber Teil unseres Lebens, so war es kein Wunder, dass wir in der Schule keine Probleme damit hatten. Es fiel mir sehr leicht, Deutsch in der Schule zu lernen, ich hatte sogar Spaß daran und die deutsche Sprache und meine ungarndeutsche Abstammung begleiteten und bestimmten dann meine ganze schulische und später berufliche Laufbahn.
SB: Wie ist es heute um den Sprachgebrauch bei euch in Tscholnok, aber auch in Werischwar bestellt?
EP: Natürlich sieht die Situation heute viel-viel trauriger aus, aber in Tscholnok ist die Zahl der Mundartsprecher immer noch höher als in anderen ungarndeutschen Ortschaften. Sie (die Mundart) wird aber leider nicht mehr weitervererbt, nur einige Kinder lernen für den Rezitationswettbewerb kleine Geschichten in der Mundart. In der Schule nimmt das Englische überhand.
SB: Du hast das bereits erwähnte Deutsche Nationalitätengymnasium im 20. Stadtbezirk von Budapest besucht – inwiefern haben diese vier Jahre deine (ungarn)deutsche Identität, deinen Blick auf die Welt beeinflusst?
EP: In großem Maße. Wir – Schüler mit ungarndeutscher Abstammung – wurden von unseren – ebenfalls deutschstämmigen – Lehrern mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt, ich meine hier z. B verschiedene Stipendien- oder Reisemöglichkeiten. In meiner Klasse hat die Mehrheit der Schüler ihre ungarndeutsche Identität gar nicht mehr wahrgenommen. Ein Drittel der Klasse hatte sogar gar keine, mit den wenigen meiner Mitschüler aber, die deutsche Wurzeln hatten, konnten wir unser Zugehörigkeitsgefühl ineinander stärken: Wir haben einander z. B. „schwäbische” Volkslieder und Tanzschritte beigebracht.
SB: Du hast dich trotz aller Widrigkeiten – und nach einem Abstecher zum Tscholnoker Kulturhaus – für den Lehrerberuf entschieden – warum?
EP: Meine Entscheidung hatte einen ganz alltäglichen Grund: Ich hatte damals drei kleine Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter und die Arbeitsteilung und der Lebensrhythmus eines Lehrers sind eher „kleinkinderkompatibel” als der eines Kulturhausdirektors.
SB: Welche besonderen Herausforderungen im deutschen Nationalitäten-unterricht/im Fach Deutsche Nationalitätensprache und -literatur bzw. bei der Vermittlung der deutschen Identität siehst du in der Praxis?
EP: Das größte Problem ist, dass die Schüler, die unsere Schule wählen, mit ganz unterschiedlichen Sprachniveaus zu uns kommen. Eine Fünf in Deutsch (die beste Note in Ungarn, Red.) bedeutet in der einen Grundschule etwas anderes als in einer anderen. Im Gegensatz zu den anderen Gymnasien mit zweisprachigem Nationalitätenunterricht haben wir am Schiller-Gymnasium eine sehr heterogene Schülerschaft, was die kognitiven Fähigkeiten, den Fleiß und das Engagement betrifft. Das bedeutet, wir können keine große Auswahl treffen, obwohl wir die Schüler auch bei der Aufnahmeprüfung messen. Die deutsche Sprache verliert leider immer mehr an Beliebtheit. Nicht einmal im Kreise der ungarndeutschen Bevölkerung der Gegend wird es für wichtig gehalten, sie auf hohem Niveau zu erlernen.
Bei der Frage der Vermittlung der Identität sehe ich die Situation nicht so düster. Dank der benachbarten Grundschule am Marktplatz und den ungarndeutschen Vereinen und Tanzgruppen der Stadt bzw. der Gegend haben wir immer wieder begeisterte, Nationalitätenangelegenheiten gegenüber offene Jugendliche. Es ist zwar nur ein kleiner Teil unserer Schüler, jedoch können wir mit ihnen und durch sie auch andere Lernende ins Nationalitätenleben der Schule miteinbeziehen. Die Zugehörigkeit zum Ungarndeutschtum wird auch durch verschiedene staatliche und deutsche Stipendienmöglichkeiten „belohnt”, die auch unsere Bestrebungen unterstützen.
SB: Welchen Einfluss hat auf all das die Beliebtheit des Englischen?
EP: In der Vorherrschaft des Englischen sehe ich den einen Grund für das mangelnde Interesse an unserer Schule.
SB: Wenn du Schule von heute mit der deiner Schulzeit vergleichst – was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
EP: Die pädagogischen Methoden haben sich – zum Glück – verändert. Man könnte die heutige Jugend mit den alten Methoden gar nicht mehr ansprechen. Als Lehrer ist man gezwungen die Stunden vielfältig, abwechslungsreich zu gestalten, sonst verlieren die Kinder die Motivation. Man muss mit der Entwicklung der Informationstechnik Schritt halten. In jeder Klasse sitzen mehrere Schüler mit irgendwelchen Verhaltens- oder Lernschwierigkeiten und ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Sie zu unterrichten ist eine große Herausforderung.
Was aber mir persönlich gefällt, ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Man kann sagen, dass die Lehrer heute die Schüler als Partner ansehen und sie so behandeln. Die Beziehung zwischen uns und unseren Schülern ist lockerer, vertraulicher. Der Lehrer ist nicht mehr eine überlegene, allwissende Person, deren Aufgabe es ist, den Schülern alles Wissen zu vermitteln, sondern ein weiser Ratgeber, der die Kinder auf ihren Wegen mit Rat und Tat begleitet, ihnen bei Problemen zur Verfügung steht und hilft das nötige Wissen zu erwerben.
SB: Du unterrichtest auch deutschen Volkstanz – wie stehen die Jugendlichen heute zu diesem Teil des ungarndeutschen Erbes?
EP: In jedem Jahrgang haben die Klassen eine Tanzstunde pro Woche. Es ist eine sehr schwere Aufgabe. Die Fragen „Was nützt mir das?” oder „Wozu werde ich das nutzen können?” bekomme ich fast jeden Tag. Es gibt Klassen, die ich besser begeistern kann, andere wehren sich dagegen stärker oder sind ganz uninteressiert. Da ich aber sehr gerne tanze, lasse ich mich von den „Gegnern” nicht entmutigen. Und weil ich begeistert und unentwegt meine Stunden halte, geben sie mit der Zeit nach. In jeder Klasse gibt es auch Schüler, die in einer ungarndeutschen Tanzgruppe aktiv mitmachen, sie sind dann meine Partner bei der Überzeugung der anderen. Mit manchen Klassen lässt es sich aber zum Glück ganz gut arbeiten.
SB: Wo siehst du das ungarndeutsche Schulwesen in 20 Jahren?
EP: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich kann nur hoffen, dass es weiterleben wird. Das hängt aber in großem Maße von der aktuellen politischen Situation ab.
SB: Eva, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Richard Guth.