Vor 80 Jahren, im Jahr 1946, mussten 521 Personen, darunter 86 Familien ihr Heimatdorf Plankenhausen/Győrsövényház verlassen. Sie kamen in Viehwaggons zu 30 Personen und mehr am 5. Juni 1946 in Weilburg am Bahnhof an. 60 Personen aus dem Nachbarort Leyden/Lébény kamen in zwei zusätzlichen Waggons mit. Das Gepäck war auf ca. 30 Kilogramm begrenzt und wurde als Sitzplatz genutzt. Ein Metalleimer pro Waggon diente als Toilette für alle. Dieser wurde überwiegend für das „große Geschäft” benutzt sowie für Frauen und Kinder. Männer haben möglichst während der Fahrt durch die teilgeöffnete Waggontür ihr „kleines Geschäft” erledigt. Um sich weit genug hinauslehnen zu können wurden sie an der Kleidung des Oberkörpers festgehalten. Der Zug hielt nur an wenigen Bahnhöfen um Verpflegung aufzunehmen und auch Toiletten zu benutzen. Der Zug verließ den Bahnhof Leyden am 28. Mai 1946 in Richtung Deutschland.
Kurz vor der ungarischen Grenze wurden weitere Waggons mit Heimatvertriebenen angehängt. Deren späterer Verbleib ist derzeit nicht bekannt. Das Schienennetz war teilweise noch stark beschädigt. Dadurch konnte die Route nicht eingehalten werden und der Zug musste Teilstrecken zurückfahren. Das erklärt auch teils die lange Reisedauer. Keiner der Heimatvertriebenen wusste, wohin die Reise geht, nur Deutschland war als Reiseziel bekannt. Wilde Spekulationen kursierten von Arbeitslagern bis Gaskammern.
In Weilburg angekommen wurde der Zug geteilt und die Heimatvertriebenen auf die Flüchtlingslager in Weilmünster und Villmar im heutigen Kreis Limburg-Weilburg aufgeteilt. Bei dem mehrtägigen Aufenthalt in den Flüchtlingslagern wurden die Heimatvertriebenen ärztlich untersucht und mit den Ungeziefer-Vernichtungsmittel DDT desinfiziert. Dieses Pulver wurde mit einem Art Staubsaugerin alle Kleidungsöffnungen geblasen. Offensichtlich hatten die damaligen Verwaltungen Angst die Heimatvertriebenen könnten Seuchen und Krankheiten einschleppen. Hessen, damals amerikanische Zone, hatte bereits Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und anderen Ostblockstaaten aufgenommen. Somit waren viele Gemeinden nicht über die Zuteilung von den Heimatvertriebenen aus Plankenhausen und Leyden erfreut. Die Heimatvertriebenen, welche nach Allendorf (damals Oberlahnkreis) kamen, saßen eine Nacht im Saal der damaligen Gaststätte Sattler, weil der Bürgermeister die Aufnahme verweigerte. Erst am nächsten Tag, als der Flüchtlingskommissar mit Polizei kam, war eine Zwangseinquartierung möglich. Der Bürgermeister suchte in Begleitung der Polizei und dem Flüchtlingskomissar die „Quartiere” aus. Bei der ersten Zuweisung des Wohnraums verweigerte trotzdem die Frau des Hauseigentümers mit den Worten, sie könne keine Familie mit einem Kleinkind gebrauchen, sondern nur arbeitsfähige Personen, uns aufzunehmen.
Es entstand eine Diskussion mit dem Flüchtlingskommissar. Sie endete damit, dass meine Mutter ablehnte als nichtwillkommene Familie einzuziehen. Meine Mutter sagte dann noch: „Wir ziehen hier nicht ein, eher ziehen wir in den”Straßengraben”. Daraufhin wurde uns bei einer angenehmeren Familie ein Wohnraum zugewiesen. In der Anfangszeit wurden die Heimatvertriebenen im örtlichen Sprachgebrauch als „ungarische Zigeuner” oder auch als „Kartoffelkäfer” bezeichnet. Im behördlichen Sprachgebrauch wurden wir als Flüchtlinge bezeichnet. Die Bezeichnung Heimatvertriebene war verboten. Später erhielten wir auch einen Flüchtlingsausweis. Dieser Ausweis erlaubte den Heimatvertriebenen gegen Zahlung einer kleinen Gebühr gebrauchte Kleidung und mehr in einem Lagerraum des Deutschen Roten Kreuz in Weilburg zu kaufen. Die Anzahl der Kleidungsstücke und Schuhe pro Person war stark limitiert.
Bereits nach kurzer Zeit stellte die einheimische Bevölkerung fest, dass die Heimatvertriebenen aus Plankenhausen als fleißige, zuverlässige Mitarbeiter in der regionalen Arbeitswelt beim Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands kräftig mithalfen.
Doch warum und wie verlief die Ausweisung der Heimatvertriebenen aus Plankenhausen und Leyden?
Seit mehr als 10 Jahren beschäftige ich mich mit dieser Frage und knüpfte einen engen Kontakt zu Gabriel (Gábor) Hancz im ehemaligen Heimatdorf Plankenhausen. Hancz ist Vorsitzender des Vereins Győrsövényház/Plankenhausen, stellvertretender Bürgermeister sowie Heimat- und Geschichtsforscher. Bereits nach kurzer Zeit hatte sich eine enge Freundschaft entwickelt. Sehr schnell gründete ich die Interessengemeinschaft der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus Plankenhaus und Freunde.
Hier sind nun die Ergebnisse der Recherchen. Teile davon sind auch im 3. Band der Bücher von Gabriel Hancz über die Geschichte des Heimatdorfes Plankenhausen nachzulesen. Viele Informationen von mir stammen von Berichten meines Vaters sowie eigene Befragungen vieler Zeitzeugen oder deren Nachkommen.
Hier die Informationen zum damals landesweit gültigen Ablauf der Ausweisung: Bereits im Frühjahr 1945 hatten die ungarischen politischen Parteien den Plan zur Vertreibung der Deutschen aus Ungarn. Am 14. Mai 1945 erfolgte eine parteiübergreifende Sitzung unter dem Vorsitz von Innenminister Ferenc Erdei, die den Vorschlag billigte. Die Aktion sollte verdeckt und so organisiert werden, dass Ungarn einen Großteil der Deutschen loswerde. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges sollten um Mithilfe gebeten werden. Als Grund für die Vertreibung der Deutschen wurde die Kollektivschuld am Zweiten Weltkrieg genannt. Alle Deutschen galten als schuldig, unabhängig von ihren Taten im Weltkrieg. Dieses Prinzip wurde auch bereits 1945 schon angewendet für den Personenkreis, die als Führer, Mitglieder oder Unterstützer des Volksbundes eingestuft wurden. Dieser Personenkreis wurde sanktioniert. Die Sanktionen reichten von der Enteignung von Besitztum über Internierung und Zwangsarbeit sowie Vertreibung.
Der Volksbund der Deutschen in Ungarn (VDU) war von 1938 bis 1945 die nationalsozialistisch ausgerichtete Interessenvertretung der deutschen Minderheit in Ungarn. Leiter war Franz Bach. Er spielte eine zentrale Rolle bei SS-Rekrutierungen. die Organisation wurde 1945 aufgelöst.
Die lokalen Verwaltungen der von Deutschen bewohnten Gemeinden wurden ebenfalls aufgelöst. Im Dezember 1945 erließ die ungarische Regierung ein Dekret zur Vertreibung der Deutschen. Sie wollte alle, die ihre Identität bei der Volkszählung von 1941 als deutsche Staatsangehörige und Deutschsprachige angegeben hatten, zur Umsiedlung nach Deutschland zwingen. Diese Entscheidung betraf fast 500.000 Menschen in Ungarn.
Die Volkszählung von 1941 brachte die nachfolgenden Zahlen für den Heimatort Plankenhausen. Gesamteinwohnerzahl wurde mit 1312 ermittelt, davon gaben 909 Deutsch als Muttersprache an. Gabriel hat noch nachfolgende Zahlen recherchiert. Davon waren ca. 50 Mitglieder des Volksbund Ungarn, sie flohen mit Familien aus dem Dorf. Insgesamt wurden 15 Personen als Führer des Volksbundes oder SS-Soldaten eingestuft. Ca. 70 Personen wurden als Unterstützer des Volksbundes klassifiziert. Im August 1945 wurden ca. 20 Personen interniert. Im Oktober 1945 wurden Verfahren gegen die Deutschen aus Plankenhaus durchgeführt. Gegen die Entscheidungen gab es keinerlei rechtsstaatliche Widerspruchsmöglichkeit. Es wurden auch Personen in die Waffen-SS gezwungen. Es waren auch keinerlei Zeugen oder Rechtsbeistände zur Verteidigung zugelassen. Meine Eltern berichteten, dass sie zur Verkündung der Ausweisung auf das Rathaus kommen mussten. Dort erfolgte eine Befragung zur Zugehörigkeit zum Volksbund als Mitglied oder Unterstützer. In einer Ecke des Raumes saß eine Frau aus dem Dorf, die mit dem Übergangssystem kooperierte. Durch unauffällige Handzeichen wie Kratzen hinter dem rechten Ohr und andere Zeichen signalisierte sie den Verhörführern, ob der Verhörte Parteimitglied war oder auch andere negative Merkmale hatten, also war sie eine Spionin. Das ganze Prozedere glich einer „Proforma”-Angelegenheit. Keiner der Betroffenen wusste, dass ihr Schicksal längst beschlossen war.
Auf meiner letzten Reise, Ende September 2025, entdeckte ich im Bahnhof von St. Johann/Jánossomorja einen Museumsraum. Dort ist die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn anschaulich dokumentiert. Darunter entdeckte ich ein Plakat mit der Überschrift „Kundmachung” in Deutsch und das Gleiche in Ungarisch. Darauf liest man die Gründe und Modalitäten zur Rückführung der Deutschen in ihr Mutterland. Gleichzeitig war eine Freizeile zum Eintragen der Verladestation darauf zu sehen. Diese wurde dann individuell von den Gemeinden mit deutschen Mitbürgern ausgefüllt. Darauf steht, dass die Ausreise mit Hilfe der amerikanischen Militärverwaltung in Deutschland durchgeführt werde. In dem Punkteplan ist unter anderem aufgeführt: „Die Rücksiedelnden werden in heizbaren, mit Liegestätten versehenen Waggons befördert, für ihre sanitäre Versorgung werden entsprechende Maßnahmen getroffen”, Ende des Zitats. Ein weiteres Zitat, gleich an erster Stelle oben lautet: „Diese Verfügung ist keine Strafmaßnahme den deutschen Einwohnern gegenüber, sie kehren ja in ihr eigentliches Heimatland, zu ihren Rassenbrüder, in einen Verwandtenkreis zurück, wo für ihren Lebensunterhalt bereits am weitgehendsten gesorgt wurde”, Zitat Ende. Auch ist darin zu lesen, dass die Übersiedlung in die amerikanische Zone erfolgt. Das klingt alles wie „Hohn” im Vergleich zur erlebten Wirklichkeit. Die Einhaltung des Plans laut Kundmachung wurde anscheinend nicht überprüft und konnte sicherlich in diesen „Nachkriegswirren” so kaum umgesetzt werden. Was keiner der Heimatvertriebenen aus Plankenhausen wusste, ist die Planung der Transporte durch die amerikanische Militärverwaltung in Hessen. Diese gab, nach meinen Recherchen, den Zeitpunkt und den Zielort sowie Anzahl der Heimatvertriebenen an die ungarische Verwaltung durch. Daraufhin erfolgte die geplante Ausreise.
Was auch keiner der Vertriebenen wusste, war, dass die ungarische Verwaltung bereits Wochen zuvor die freiwerdenden Häuser, 50 an der Zahl fast das halbe Dorf, für die Neuansiedlung freigab. Man konnte sich darauf bewerben. Die neuen Eigentümer erhielten die Häuser kostenlos vom Staat. Die 50 freigewordenen Häuser wurden dadurch fast nahtlos durch Familien aus der Umgebung, der Kleinen Schüttinsel (ung. Szigetköz), bezogen. Die Kleine Schüttinsel liegt nordöstlich in den Niederungen seitlich der Donau an der slowakischen Grenze. Auch mehrere Einwohner unseres Heimatdorfs kamen durch diese Maßnahme zu einem Haus. Dadurch kamen auch 540 Neubürger nach Plankenhausen. Die heutige Einwohnerzahl wurde mir mit 820 abgegeben. Durch die teils „nahtlose” Übernahme durch die neuen „Eigentümer” kam es teils zu heftigen Kontroversen. So berichtete unsere Heimatvertriebene Isabella Schröder geborene Frühwirth in einem Bericht, dass die neuen Eigentümer bereits vor der Haustür standen und sie fast herauswarfen, weil sie noch nicht fertig war, ihr Bündel zur Ausweisung zu packen. Sie berichtet über weitere dramatische Erlebnisse. Alfons Adrian war zu diesem Zeitpunkt Schüler am Gymnasium von Wieselburg-Ungarisch-Altenburg. Er wohnte dort im Internat. Eine Abordnung holte ihn aus der Klasse heraus und er wurde, gegen den Widerstand des Schulleiters, direkt zum Zug zur Ausreise am Bahnhof in Leyden gebracht. Es wurde auch berichtet, dass kurz vor dem Abreisetermin die neue „Eigentümerfamilie” kam und forderte forsch dieses besichtigen zu wollen.
Die „Stammbevölkerung” hatte sich bis Mitte 1946 mehr als halbiert. Die Ursachen waren die Ausweisung der Heimatvertriebenen nach Weilburg, die Flüchtlinge nach Passau sowie die Flüchtlinge nach Pettenbach in Österreich, nicht zu vergessen die Kriegsopfer (Soldaten) und Holocaust-Opfer. Hier sind die Zahlen. Die Zahl unserer Heimatvertriebenen wurde 1950 vom ungarischen Innenministerium mit 530 Personen angegeben. Die selbst ermittelte Zahl ist 521, jedoch erst vor gut 10 Jahren durch Befragungen. So sind auch einzelne Personen direkt, mit Hilfe des Roten Kreuzes, zu Verwandten in den Raum Mosbach weitergereist. Diese waren unter den Flüchtlingen, die fast zeitgleich von Pettenbach (Österreich) über das Flüchtlingslager Neckarzimmern in Deutschland ankam. Sie wurden von Österreich ausgewiesen. Der ursprüngliche Plan der deutschen Wehrmacht war diese Flüchtlinge vor der herannahenden Roten Armee zu schützen.
Sie sollten nach dem deutschen „Endsieg” in ihr Heimatdorf zurückkehren. Der katholische Pfarrer Michael Wolf in Plankenhausen meldete 1948 seinem Bischof in Raab die Zahl der Vertriebenen mit 702 Personen. Sicherlich hat er darin auch die Flüchtlinge die 1945 nach Pettenbach kamen und die Flüchtlinge per Schiff von Dunaremete nach Passau eingerechnet. Historiker sind sich heute einig, dass Ungarn die Vertreibung der Deutschen nicht unter dem Druck der Großmächte durchführte. Die Entscheidung der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 schuf zwar die Möglichkeit dazu, verpflichtete aber Ungarn nicht dazu. Es bleibt uns nur zu hoffen daß sich derartige Tragödien nicht wiederholen.