Die Bewohner eines Bergarbeiterdorfes waren sehr arm, fristeten ihr Leben und halfen einander, so gut sie konnten. Eines Tages ereignete sich ein großes Unglück. Das Bergwerk stürzte ein. Vergeblich erwarteten an diesem Tage die Frauen ihre Männer, die Kinder ihre Väter zu Hause. Die verwitweten Frauen spannen jeden Abend nach des Tages Arbeit, um ihren Kindern das tägliche Brot zu sichern. Unter ihnen war eine Bergmannsfrau, die sieben unmündige Kinder zu versorgen hatte.
Eines Nachts nach der Arbeit konnte sie wieder nicht einschlafen. Sie hatte so große Sorgen und dachte nach, wie sie ihre Armut lindern könnte. Wie sie so grübelte, hörte sie, dass jemand an ihrem Spinnrad spann. Weil das Surren nicht aufhörte, wollte sie in der Küche nachsehen, wer es sein könnte, aber sie fand dort niemanden. Ihr Spinnrad stand so in der Ecke, wie sie es verlassen hatte.
Am anderen Tag erging es ihr ebenso. Auch in der dritten Nacht hörte sie wieder den eigenartigen Lärm. Sie ging wiederum hinaus, obwohl sie vor Furcht zitterte. Sie entschloss sich, ganz gleich, was auch geschehe, der Sache nachzugehen. Im ersten Augenblick war niemand zu sehen. Dann fiel ihr Blick auf eine Schachtel in der Mitte der Küche. Sie hob sie auf, und – du lieber Himmel – eine zerlumpte, langnasige alte Hexe fuhr heraus. Die arme Witwe erschrak, die alte Hexe aber noch mehr, und sie begann, um ihr Leben zu flehen. In ihrer Angst ließ die arme Frau die Hexe frei, im nächsten Augenblick war sie schon verschwunden. Die Frau erzählte am nächsten Tag ihrer Mutter, was sie erlebt hatte.
“Und du hast sie nicht erschlagen?” – fragte ihre Mutter. “Du hättest Sie erschlagen sollen! Weißt du, wer sie ist? Sie ist niemand anders als die Tochter des Teufels. Der Teufel vernichtet unten im Bergwerk unsere Männer und Kinder, jetzt schickt er seine Tochter hierher, um uns zu schrecken. Fürchte dich nicht, sie hat nur Macht über uns, wenn die Uhr Mitternacht schlägt.”
Jetzt wusste die Witwe, woran sie sich halten konnte. Der Besuch blieb auch in der folgenden Nacht nicht aus. Die Witwe legte sich um elf Uhr nieder. Kaum hatte sie ein wenig geruht, hörte sie das Spinnrad. Sie ging hinaus und sah dieselbe Schachtel am Boden liegen. Als die Frau zugreifen wollte, sprang die Hexe aus der Schachtel und begann zu schreien:
“Warte, jetzt mache ich Schluss mit dir! Ich rotte dich und alle deine Kinder aus!”
Die arme Witwe wurde vor Wut puterrot. Sie ergriff den Schürhaken, fuhr auf die Hexe los und schlug zu, wie sie nur konnte. Auf einmal öffnete sich das Fenster, und die Hexe flog jammernd und kreischend in die mondhelle Nacht. Als hässlicher, krächzender Rabe flog sie immer weiter und höher. Der Förster war eben auf einer Wildschweinjagd im Walde. Im hellen Mondlicht fiel ihm der zerzauste Rabe auf, und er schoss ihn ab. Die Hexe purzelte in den Teich, seitdem stinkt sein Wasser. Am anderen Morgen schwamm die Kappe der Hexe auf den Wellen. Auch heute noch heißt er Kappenteich.