Erbe sichtbar machen

Enkelin Stefanie dokumentiert den Alltag ihrer siebenbürgisch-sächsischen Großmutter Anna in Deutschland

SB: Liebe Stefanie, „Zeit mit Oma” (Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/@zeitmitoma) scheint ein voller Erfolg zu sein – worauf führst du diesen Zuspruch zurück?

SH: Ich denke, dass der Erfolg von „Zeit mit Oma“ vor allem an meiner Oma selbst und ihrer Persönlichkeit liegt. Sie hat eine sehr ruhige, bodenständige und natürliche Art und gleichzeitig große Freude daran, ihr Wissen weiterzugeben.

An den Rückmeldungen merke ich immer wieder, dass Oma bei vielen Menschen Erinnerungen weckt. Manche fühlen sich durch sie an ihre eigenen Großeltern, ihre Kindheit oder die alte Heimat erinnert. Auch Menschen, deren Großeltern schon verstorben sind, schreiben mir, dass ihnen vieles an Oma vertraut vorkommt und sie an gemeinsame Momente von früher denken lässt. Ich denke, dass dabei auch unsere Beziehung als Oma und Enkelin eine Rolle spielt und sich viele Menschen darin ein Stück weit wiederfinden.

Dazu kommen ihre Rezepte, der siebenbürgisch-sächsische Dialekt und viele kleine Dinge, bestimmte Gerichte, Handgriffe oder Traditionen, die man von früher kennt und die teilweise schon fast in Vergessenheit geraten sind.

Ich glaube, genau diese Mischung aus Omas Persönlichkeit, ihrem Wissen, den Erinnerungen, die sie bei vielen Menschen weckt, und unserer Beziehung macht „Zeit mit Oma“ für viele so besonders.

SB: Oma Anna hat 41 Jahre ihres Lebens in der alten Heimat verbracht. Würdest du bitte ein wenig über den familiären Hintergrund erzählen?!

SH: Meine Oma Anna ist in Tobsdorf/Dupuș in Siebenbürgen, Rumänien, geboren und aufgewachsen. Später zog sie zu meinem Opa in seinen Heimatort Waldhütten/Valchid, wo die beiden mit ihren drei gemeinsamen Kindern bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland im Jahr 1985 lebten.

Schon in jungen Jahren hat Oma ganz unterschiedliche Arbeiten ausgeübt und dabei viele Erfahrungen gesammelt. Das Kochen hat sie bereits als junges Mädchen von ihrer Mutter gelernt. Später hat sie unter anderem in einem Haushalt gedient, wo sie weitere Gerichte kennen lernen konnte. Außerdem hat sie in den Weinbergen und beim Hopfenanbau gearbeitet und war sieben Jahre lang in den Gewächshausanlagen von Elisabethstadt/Dumbrăveni, den sogenannten „Serele Dumbrăveni“, tätig. Oma sagt, dass sie sehr gerne in Siebenbürgen gelebt hat, auch wenn vieles nicht einfach war. Heute aber ihr Zuhause in Deutschland liebt.

In unserer Familie wird bis heute Siebenbürgisch-Sächsisch gesprochen. Meine Schwester und ich verstehen eigentlich alles, sprechen den Dialekt selbst aber alles andere als perfekt. Als Kinder wollten wir leider kein Siebenbürgisch-Sächsisch sprechen und haben immer auf Deutsch geantwortet. Das Interesse daran kam bei uns erst viel später. Deshalb sprechen meine Schwester und ich heute überwiegend deutsch, während in unserer Familie untereinander weiterhin siebenbürgisch-sächsisch gesprochen wird.

SB: Bei „Zeit mit Oma” dreht sich alles um den Alltag deiner 81-jährigen Großmutter – wie kam die Idee, diesen für die große Öffentlichkeit zu dokumentieren?

SH: Ursprünglich hatte mein Instagram-Kanal einen anderen Namen. Dort habe ich Rezepte geteilt, die ich selbst gerne zubereitet habe. Irgendwann kam meine Mama auf die Idee, dass ich doch einmal Oma dabei filmen könnte, wie sie ihren täglichen Kefir macht. Das habe ich dann auch gemacht und das Video kam gut an. Viele wollten danach mehr von Oma sehen.

Und so hat das Ganze seinen Lauf genommen. Ich habe angefangen, unsere gemeinsame Zeit in Küche und Garten festzuhalten, mal ein Kochvideo, mal ein Gartenvideo. Durch die vielen positiven Rückmeldungen wurde mir erst richtig bewusst, wie besonders viele der Dinge eigentlich sind, mit denen ich selbst ganz selbstverständlich aufgewachsen bin.

So hat sich mein ursprünglicher Instagram-Kanal nach und nach zu dem entwickelt, was „Zeit mit Oma“ heute ist. Mittlerweile bin ich mit „Zeit mit Oma“ nicht nur auf Instagram, sondern auch auf YouTube, Facebook und TikTok vertreten.

Und solange Oma weiterhin Freude daran hat, ihr Wissen, ihre Rezepte und ihre Traditionen zu teilen, und wir Spaß daran haben, unsere gemeinsame Zeit in Küche und Garten festzuhalten, werde ich das auch gerne so weitermachen.

SB: Im Fokus steht die Kulinarik – inwiefern hat deine Oma die siebenbürgisch-sächsische Küche beibehalten und wenn ja, welche Einflüsse in der neuen Heimat lassen sich trotzdem erkennen?

SH: Oma hat viele Gerichte und Zubereitungsarten aus Siebenbürgen bis heute beibehalten. Vieles davon hat sie schon als junges Mädchen von ihrer Mutter gelernt, später kamen weitere Gerichte und Erfahrungen hinzu. Ein großer Teil ihrer Küche ist deshalb bis heute von der alten Heimat geprägt, von siebenbürgisch-sächsischen, aber auch rumänischen und ungarischen Gerichten.

Besonders geblieben ist auch die Art, Lebensmittel haltbar zu machen und möglichst viel selbst herzustellen. So legt sie zum Beispiel bis heute ganze Spitzkohlköpfe ein, heute in einem 120-Liter-Fass, früher wurde dafür noch ein Eichenfass verwendet. Auch anderes Eingemachtes und Eingelegtes gehört für sie dazu. Der Gedanke, möglichst viel aus dem eigenen Garten zu verwenden und selbst zu verarbeiten, ist bis heute geblieben.

Natürlich hat sich im Laufe der Jahre auch einiges verändert. In Deutschland hat Oma neue Gerichte kennen gelernt, und heute stehen ihr ganz andere Küchengeräte und Möglichkeiten zur Verfügung als früher in Siebenbürgen. Trotzdem ist ihre Art zu kochen bis heute stark von dem geprägt, was sie aus ihrer alten Heimat kennt.

SB: Du stehst mittlerweile für die dritte Generation und bist in der Bundesrepublik aufgewachsen – welche Bedeutung hat für dich das siebenbürgisch-sächsische Erbe?

SH: Ich bin in Deutschland aufgewachsen und vieles, was mit dem siebenbürgisch-sächsischen Erbe verbunden ist, war für mich lange ganz selbstverständlich. Der Dialekt in der Familie, bestimmte Gerichte, das Wissen, das in unserer Familie weitergegeben wurde, und auch die Art, viele Dinge zu machen, damit bin ich einfach aufgewachsen, ohne mir als Kind und Teenager Gedanken darüber zu machen.

Das bewusste Interesse daran kam bei mir tatsächlich erst viel später. Erst mit der Zeit ist mir klar geworden, wie besonders das eigentlich ist und wie viel Familiengeschichte darin steckt. Unsere Familie hatte schon immer einen sehr engen Zusammenhalt. Unsere Herkunft und die Geschichten dahinter nehme ich heute aber viel bewusster wahr. Ich beschäftige mich intensiver damit, möchte mehr darüber erfahren und die Hintergründe besser verstehen.

Für mich bedeutet das nicht, alles genauso weiterzuführen wie früher, sondern vielmehr, diese Dinge bewusst wertzuschätzen und nicht mehr als selbstverständlich anzusehen.

 SB: Habt ihr Kontakte zu landsmannschaftlichen Organisationen?

SH: Meine Familie hat bis heute Kontakt zur siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft hier in Deutschland. Sie nimmt regelmäßig an Heimatortstreffen und anderen Veranstaltungen teil, bei denen Menschen aus denselben Heimatorten und ihre Familien zusammenkommen. Ich selbst war dieses Jahr zum ersten Mal bei zwei solcher Treffen dabei.

SB: Inwiefern sind solche Videobeiträge geeignet, dieses Erbe und das sächsische Selbstbewusstsein aufrechtzuerhalten? 

SH: Dass durch unsere Videos heute auch etwas vom siebenbürgisch-sächsischen Dialekt, von den Rezepten, dem Gartenwissen und den Traditionen sichtbar bleibt, hat sich ganz natürlich mit der Zeit entwickelt und war nicht der ursprüngliche Ausgangspunkt meines  Instagram-Kanals.

Ich glaube aber schon, dass solche Videos dazu beitragen können, dieses Erbe lebendig und zugänglich zu halten. Gerade durch das Videoformat werden Sprache, Rezepte, Handgriffe oder Gartenwissen nicht nur beschrieben, sondern direkt gezeigt. So können sie auch Menschen erreichen, die sonst vielleicht wenig Berührung damit hätten, und bei jüngeren Generationen Interesse an der eigenen Herkunft und Familiengeschichte wecken.

Ob man dabei von einem „sächsischen Selbstbewusstsein“ sprechen möchte, würde ich persönlich gar nicht so stark in den Vordergrund stellen. Für mich geht es eher darum, diese Dinge sichtbar zu machen, wertzuschätzen und etwas davon weiterzugeben.

SB: Stefanie, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Stefanie Hartmann hat Richard Guth geführt.

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