Imre Kovács, der „Deutschenfresser”

Bemerkenswerter Vorstoß zurAberkennung einer Posthum-Ehrenbürgerschaft

Für einen Moment dachte ich, dass ich mich auf einer Zeitreise befinde. Es ist gut 25 Jahre her, als ich mich im Sonntagsblatt dem Politiker Endre Bajcsy-Zsilinszky widmete. Bis heute „schmückt” sein Name zahlreiche Straßen in Ungarn, unter anderem in der ungarischen Hauptstadt, aber auch in der schwäbischen Gemeinde Schaumar/Solymár. Mithilfe von Zitaten aus seinen Werken und Verlautbarungen habe ich damals aufzeigen wollen, warum es angebracht wäre, nach ihm benannte Straßen umzubenennen: Bajcsy war nicht nur ein lupenreiner Antisemit, sondern auch ein genauso emsiger Deutschenhasser. Ich weiß bis heute nicht, ob ich auch einen Anteil daran hatte, jedenfalls wurde der Platz vor dem Rathaus in Werischwar/Pilisvörösvár, jahrzehntelang Bajcsy-Zsilinszky Endre tér, wenig später in Hauptplatz umbenannt. Immerhin ein kleiner Erfolg.

Mit einem ähnlichen Fall beschäftigt sich die vorige Ausgabe der linksliberalen Wochenzeitung „Magyar Narancs” (A németfaló, Magyar Narnacs, 21. 10. 2026). Der Journalist Tamás Bod gilt als Minderheitenexperte, deckte er die Umstände der gescheiterten Übernahme der Grassalkovich-Grundschule in Schorokschar durch die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen auf. Schauplatz der aktuellen Story ist Gyomaendrőd auf der Großen Ungarischen Tiefebene im Komitat Bekesch. Die Stadtverordnetenversammlung verlieh vor über zehn Jahren (2013) anlässlich des 100. Geburtstages des völkischen und antikommunistischen Schriftstellers, Politikers und Journalisten Imre Kovács, posthum die Ehrenbürgerwürde der Kleinstadt – auch eine Straße ist nach dem Sohn eines gebürtigen Gyomaendrőders benannt (Kovács wuchs in Alcsút auf, Vater Imre senior diente auf dem erzherzöglichen Gut). In der Laudatio gedachte man der entschlossenen Ablehnung der Pfeilkreuzlerherrschaft, seiner Widerstandstätigkeit und mehrfacher Verhaftungen auch in der Horthy-Ära der 1930er Jahre und seiner Bemühungen in der ungarischen Emigration nach 1947.

Tamás Bod bemängelt, dass aus der Laudatio von 2013 ein wichtiges Momentum gefehlt habe: Der Artikel Kovács’ im Parteiblatt der Nationalen Bauernpartei „Szabad Szó” vom 22. April 1945. Der berühmte Bündel-Artikel (Egy batyuval) forderte unverhohlen die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn im Sinne der Kollektivschuld. Darin sprach er sich ferner für eine radikale Lösung „ohne Erbarmen, ohne Gnade” aus, zumal die Schwaben die Schicksalsgemeinschaft mit Hitler gewählt hätten. Wahrheitshalber muss hinzugefügt werden, dass Kovács in den Jahren der Emigration seine Position überdacht habe und die Deutschen fortan differenzierter gesehen habe.  

Das nahm sich die Privatperson Ladislaus (László) Roósz zum Anlass, die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft und die Umbenennung der Imre-Kovács-Straße zu fordern. Die Stadtverordnetenversammlung hat sich daraufhin an die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA), die Kommission Nationales Gedenken (NEB), die LdU und die örtliche Deutsche Selbstverwaltung gewandt und um Stellungnahmen gebeten, so Bod. Beide Letztere stünden hinter dem Vorstoß von Roósz, die LdU habe gar Historiker um Stellungnahmen gebeten. Nach Auskunft des Hauptamtsleiters in Gyomaendrőd, Ádám Csordás, wolle man eine faktenbasierte und keine politische Entscheidung treffen. Die Stadtverordnetenversammlung soll über die Eingabe mit einfacher Mehrheit entscheiden, der Zeitpunkt der Entscheidung steht aber noch nicht fest (Stand: 21.10.2026).

Journalist Tamás Bod stellt sich in seinem Bericht auch die Frage, warum dieser Vorstoß jetzt unternommen worden ist, 13 Jahre nach der Verleihung der Ehrenbürgerschaft – er führt dies auf die politische Entwicklung der letzten Monate zurück: Die DNSVW von Gyomaendrőd habe sich nicht mit dem Fidesz-Bürgermeister András Várfi (gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender der Imre-Kovács-Gemeinschaft) überwerfen wollen. Eine Anfrage von „Magyar Narancs” habe Várfi nicht beantwortet.

Wir werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen.

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