Die „Schwabenbäuerinnen“ Ungarns Mitte der 1930er Jahre – Irma Steinschs Bild von den ungarndeutschen Frauen und Mädchen

Irma Steinsch war eine von der Reichsjugendleitung über die Volksdeutsche Mittelstelle der SS nach Ungarn beorderte Mitarbeiterin der Volksdeutschen Kameradschaft. 1937 veröffentlichte Irma Steinsch (1906–1996) in der N.S. Frauen-Warte – der damals „einzigen parteiamtlichen Frauenzeitschrift“ im Deutschen Reich – ein „Porträt“ der ungarndeutschen Frauen, der „Schwabenbäuerinnen“.[1] Da dieser Neologismus meines Erachtens ihre eigene Wortschöpfung war und sich als Bezeichnung (Gott sei Dank) nicht bewährte, habe ich aus Neugierde die künstliche Intelligenz gefragt, was sie sich unter „Schwabenbäuerinnen“ vorstellen kann.

Interessanterweise rüstete die Künstliche Intelligenz diese Frauenfiguren von sich aus  jeweils mit einer Mistgabel aus – ohne meine Einflussnahme. Dieses landwirtschaftliche Werkzeug kann genauso auf Arbeitsamkeit wie auf Kampfbereitschaft hinweisen.  Somit traf die Künstliche Intelligenz voll ins Schwarze, wie nachfolgend aufgrund der wesentlichen NS-ideologischen Merkmale des Schwabenbäuerin-Porträts von Irma Steinsch zu sehen ist.

Mit der kontinuierlichen Aktualisierung eines den reichsdeutschen NS-volkstumspolitischen Direktiven entsprechenden Frauenbildes beschäftigte sich Jungfunktionärin Irma Steinsch seit 1934. Sie betätigte sich als Bindeglied zwischen den Partei-, Regierungs- und Forschungsstellen des Deutschen Reichs und der Volksdeutschen Bewegung (bzw. Kameradschaft) Ungarns. So handelte es sich beim Frauenbild selbstredend immer um Steinschs Konstrukt zum Zwecke der Agitation und der Propaganda. Der Stand dieses konstruierten NS-Frauenbildes im Jahre 1937 kann vom oben genannten Artikel wie folgt abgeleitet werden:

In einem diachronen Überblick nimmt Irma Steinsch auf zwei mythische kriegerische Auseinandersetzungen Bezug: Erstens habe es einen offensiven Krieg gegeben. Der deutsche Bauer habe nämlich vor über 200 Jahren die von den Türken verwüsteten Landstriche Ungarns durch Ansiedlung zum neuen Leben erweckt. Somit hätten sich die arbeitsamen, zähen Menschen, die auch aktuell in Ungarn schaffen würden, „diesen Boden mit ihrem Blut und Schweiß erworben“. Zweitens würden sie seitdem ununterbrochen einen defensiven Krieg ausfechten, um „ihr deutsches Volkstum“ zu halten. Infolgedessen erscheinen die Ungarndeutschen in Steinschs Artikel zunächst absurderweise als ein Kollektiv von Titanen einer mythischen Landnahme – dominiert von Blutopfer und Schöpfungskraft. Sie postuliert zudem das Volk-Sein dieser mythischen Ansiedler als gegeben und stellt sie als eine immerwährend autochthone Sozialgruppe dar. Drittens geht sie vom Axiom aus, dass dieses Volk seit seiner Ansiedlung kontinuierlich vom (anonymen) Feind umschlossen sei, der die Existenz dieses Volkes unablässig bedroht. In einer synchronen Darstellung folgt anschließend die Idealisierung eines auf den eigenen Hof und Haushalt reduzierten und ausschließlich der Entfaltung des Deutschseins dienenden Matriarchats.

Die ungarndeutsche Frau nennt Steinsch die „Schwabenbäuerin“. Sie zeichnet sich für Steinsch durch Arbeitsamkeit, harte und schwere körperliche Arbeit aus, die sie früh alt werden ließ. In ihren Augen leuchte aber bzw. zum Trotz der Stolz über das bisher Geschaffene. Im Hause führe sie als Mutter oder Schwiegermutter das Regiment. Dem Text kann nicht entnommen werden, ob und inwiefern Steinsch unter „häuslichem Regiment“ zum Beispiel Handlungs-, Verfügungs-, Mobilisierungs- und/oder Entscheidungsmacht etc. versteht. Klar fasst sie allerdings die Mutter oder die Schwiegermutter des Hauses als dessen fehl-, furcht- und tadellose deutsche Herrin auf. Auf der Folie der NS-Prinzipien der „Geschlechterpolarität“ und der „Emanzipierung von der bürgerlichen Emanzipierung“ idealisiert Steinsch zwei weitere Faktoren ebenfalls: Die „Schwabenbäuerin“ stünde ebenbürtig neben ihrem deutschen Mann, bei gleichzeitigem absolutem Verzicht auf jegliche aktive Teilnahme oder reale Teilhabe am öffentlich-politischen Leben. Dem Leser wird suggeriert, in Ungarn würden weder weltliche Honoratioren (wie Arzt, Schultheiß oder Notar) noch Kirchengemeinde, Dorfpfarrer oder Glauben oder gar politische Öffentlichkeit im Leben der deutschen Bäuerin eine Rolle spielen. Steinsch behauptet nämlich, dass deren einziger nennenswerter Umgang die dörfliche „Weiberkameradschaft“ sei. Außerhalb ihres Hauses und Hofes würde sie ja kaum in Erscheinung treten. Die „Schwabenbäuerin“ würde sich dem „Dischkorsch“, dem Politisieren, der Männer vorbildlich enthalten – fährt Steinsch fort. Zwar würde sie ihren Mann dazu bringen, in den Deutschen Verein zu gehen, sie würde allerdings nur verständnisvoll zuhören, wenn die Männer über die Geschehnisse der Welt sprächen. Es muss an dieser Stelle bemerkt werden: Der dörfliche mit dem Monopol des Politisierens versehene „Deutsche Männerverein“ war genauso eine skurrile Erfindung von Irma Steinsch wie die „Kameradschaft Deutscher Weiber“. Sie bediente sich hier einer Umdeutung der in den meisten deutschen Gemeinden Ungarns damals aktuellen, oft heftigen politischen Auseinandersetzungen unter anderen zwischen den deutsch- und den ungarischbewussten Bewohnern. Die überaus reale Spaltung der politisch engagierten Deutschen Ungarns in Bezug auf das tradierte jedoch mittlerweile umstrittene innenpolitische Prinzip „der einen, einzigen, unteilbaren politischen Nation“ war ja mit dem logischen Aufbau von Steinschs NS-Propagandaartikels nicht vereinbar. Dem hätte nur eine einhellige, entschlossene und aktive Ablehnungshaltung seitens des Gesamt-Ungarndeutschtums entsprochen und diese organisierte Ganzheitlichkeit war grundsätzlich nicht gegeben.

Der NS-Doktrin nach verdient die Leistung einer Frau nur dann Anerkennung, wenn diese mit einem außerordentlichen Kampfdienst verbunden ist. Dementsprechend, betont Steinsch, dass die „Schwabenbäuerin“ eine ganz besondere Aufgabe habe und sie mit viel Arbeit auch erfülle, nämlich ihre Kinder deutsch zu erziehen. Steinsch versteht im Artikel unter „deutscher Erziehung“ zwei verschiedene Komponenten: Erstens werde das, was an deutschem Volksgut vorhanden sei, von der „Schwabenbäuerin“ bewahrt und den Enkelkindern auf ihrer schwäbischen Mundart weitergegeben. Zweitens – so schreibt Steinsch – sei sich die „Schwabenbäuerin“ bewusst, dass es an ihr liege, ob die Kinder einst zu deutschbewussten Burschen und Mädels heranwachsen und erzogen werden. Das zweite Element ist daher die Indoktrinierung, sprich die Bewusstseinserziehung der Kinder.

Die „Schwabenbäuerin“ sei durch zwei Außenfaktoren zur Bewusstseinserziehung genötigt – das heißt hier auf einen Kampfdienst zum Erhalt des sogenannten deutschen Volkstums: Zum einen verlange der Dorflehrer, dass die Schulkinder miteinander auf Ungarisch reden; er selbst sei der deutschen Sprache kaum mächtig. Zum anderen würden weder der Lehrer noch die ungarische Schulverordnung anstreben, dass die Kinder die deutsche Schriftsprache erlernen. Und noch mehr: In der Schule solle sich all das nicht entfalten, was die Kinder von Haus aus an deutschem Volkstumsgut mitbrächten.

Irma Steinsch berichtete also in der N.S. Frauen-Warte von einem scheinbar abgeschlossenen Willensbildungsprozess bei den ungarndeutschen Frauen: Die Bäuerinnen, die auf dem sogenannten deutschen Volks- und Kulturboden Ungarns leben, seien wahre NS-Vorbilder. Sie befänden sich en bloc im Kampfdienst. Sie seien von feindlichen (sprich ungarischen) Außenfaktoren dazu genötigt worden, sich zum Erhalt des ureigenen deutschen Volkstums ihrer Kinder zu mobilisieren und einzusetzen. Somit kreierte Irma Steinsch aus Dorfschullehrern und einer mythisch bösen Schulverordnung etwas, wogegen die deutschen Frauen als Mütter und Großmütter einen Kampf zu führen hätten. Die obigen frauenverachtenden, rassistisch-nationalsozialistischen Ausführungen mögen zwar heute wegen ihrer Heroisierungen und Dämonisierungen nebulös klingen, ihre zeitgenössische Wirksamkeit als Agitations- und Propagandamaterial im Deutschen Reich darf allerdings keineswegs unterschätzt werden.

Zum realen Kontext muss hier angemerkt werden: Die tatsächliche nationalitäten- und bildungspolitische Realität in Ungarn war um 1937 verhängnisvoll und von traditionellen, schweren Repressalien geprägt: Die ungarischen Regierungen der Zwischenkriegszeit betrachteten die Wiedergewinnung der durch den Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete und Bevölkerungsteile als ihr primäres, absolut übergeordnetes Ziel („Revisionsgedanke“). Sie waren grundsätzlich und ausschließlich an der vollständigen Assimilierung der nationalen Minderheiten Ungarns interessiert. Dies hielten sie für eine unabdingbare Grundvoraussetzung der Revision des Trianoner Friedensvertrages. Beispielweise wurde 1935 in der von Steinsch genannten Schulverordnung der Gyula-Gömbös-Regierung die gemischtsprachige Nationalitätenschule („Typ B“) zwar formell einheitlich vorgeschrieben, es war allerdings überhaupt keine aufrichtige Regierungsabsicht vorhanden, sie auch durchzusetzen. Die Volksdeutsche Kameradschaft, damals angeführt von Franz Basch und Richard Huss, lehnte diesen Schultypus ihrerseits sowieso ab. Sie verlangte Schulen für die deutsche Minderheit, in denen die Unterrichtssprache ausschließlich deutsch sein sollte („Typ A“). Gustav Gratz und seine Mitarbeiter strebten damals hingegen danach, dass die Verordnung endlich durchgeführt und in den Volksschulen (sechs- plus zweijährigen Elementarschulen) flächendeckend ein zumindest gemischtsprachiger Schulunterricht für die Deutschen realisiert werde – allerdings (wie bereits erwähnt) grundsätzlich erfolglos.

[1] Steinsch, Irma: Von den Frauen und Mädchen in den deutschen Siedlungen Ungarns. In: NSDAP-Reichsleitung, Hauptamt NS-Frauenschaft (Hg.): Schwarz-Semmelroth, Ellen (Schriftleitung): N.S. Frauen-Warte. Die einzige parteiamtliche Frauenzeitschrift. 6. Jahrgang. Heft 14. Verlag N.S. Frauen-Warte. München 1937. S. 430–432.

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