Mein deutsches Erbe

Vor kurzem ist ein Beitrag im Sonntagsblatt mit dem Titel „Das deutsche Erbe“ erschienen, und das hat mich dazu bewegt, mir Gedanken über mein deutsches Erbe zu machen.

Selbst wuchs ich in einem ungarischen Dorf auf, und meine Abstammung war mir als Kind wenig bewusst, bis mir meine Mutter eines Tages erzählte, dass wir „Schwaben“ sind. Mit dem Begriff „Schwaben“ konnte ich damals wenig anfangen, da ich mich wenig zugehörig fühlte. Allerdings verbrachte ich meine Sommerferien bei meinen Großeltern in Pari/Pári, im Komitat Tolnau, wo ich immer wieder unsere Verwandten traf, deren Sprache ich kaum verstehen konnte. Hinzu kommt noch, dass meine Uroma mit der Nachbarin und den gleichaltrigen Frauen eine für mich unverständliche Sprache sprach. Mir wurde erzählt, dass die Verwandten aus Deutschland kamen, um uns zu besuchen. Ich als Kind war wenig glücklich darüber, da ich ihre Sprache nicht verstand; außerdem fühlte ich mich ausgeschlossen und gleichzeitig wütend, da ich nichts verstand.

Die Jahre vergingen, und ich begann, Deutsch zu lernen. Beim Deutschlernen verspürte ich eine innere Aufregung, als ob sich eine geheime Welt eröffnet hätte.

Ich habe mir immer Mühe gegeben, die Sprache meiner Ahnen zu erlernen, aber es ging nicht so steil bergauf, wie ich es mir vorgestellt hatte. Darüber hinaus war ich sehr entsetzt, als ich einmal meiner Uroma über mein Feriencamp in Deutschland erzählen wollte und sie mich aufforderte, meinen deutschen Bericht nicht weiterzulesen, da sie nichts verstand. Mehr habe ich auch nicht gebraucht: Vor Wut und Enttäuschung fasste ich einen Entschluss und beschloss, diese Sprache auf muttersprachlichem Niveau zu erlernen, um meiner Uroma eines Tages zeigen zu können, dass ich ihre Muttersprache doch erlernt habe und sie nicht mehr eine Geheimsprache mit den Nachbarinnen sprechen muss.

Es war Sommer, und ich war 15 Jahre alt und voller Träume. Meine Sehnsucht, andere Sprachen zu erlernen, wurde Tag für Tag größer, und ich träumte davon, Deutsch nicht nur sprechen zu können, sondern es auch zu unterrichten. Irgendwie schien mir dieser Weg eine spannende Reise in eine andere Kultur zu sein. Durch den Spracherwerb könnte ich vielleicht die Unterschiede zwischen den „Schwaben“ (Ungarndeutschen) und den Ungarn (Madjaren) verstehen, dachte ich mir, oder einfach verstehen, warum meine Mama immer sagt, dass etwas typisch „schwäbisch“ ist.

Meine Uroma starb leider, als ich 18 war, und ich war erschüttert, dass ich meinen Traum nicht verwirklichen konnte, bevor sie ging. Danach lebte nur noch meine Oma, die ihre ungarndeutsche Abstammung weniger wichtig fand als meine Uroma, ihre Mutter.

Zu der Zeit, als meine Oma geboren wurde, war es keine Tugend, „Schwäbin“ zu sein. Gerade fand die Vertreibung der Ungarndeutschen statt, und die Familie war voller Traumata. Zwar wurde Deutsch zu Hause als Muttersprache gesprochen, aber man versuchte zu beweisen, dass man ein echter Ungar ist, und die ungarndeutsche Abstammung irgendwie zu verleugnen. Dieser Spott hat das Identitätsbewusstsein meiner weiteren Familienmitglieder enorm beeinflusst. Weder meine Oma noch ihre Kinder wuchsen mit einem starken ungarndeutschen Identitätsbewusstsein auf. Sie sprachen die Sprache noch einigermaßen, aber nicht mehr als Muttersprache.

Nach der Wende änderte sich allmählich die Einstellung zur Zugehörigkeit zur ungarndeutschen Minderheit. Man durfte wieder „Schwabe“ sein und brauchte seine Identität nicht mehr zu verdecken. Diese positive Veränderung trug auch stark zur Entwicklung meines Identitätsbewusstseins bei.

Ich hatte die Absicht**,** Deutsch und Geschichte zu studieren, um die Sprache meiner Vorfahren unterrichten zu können. Jedoch entschied ich mich für eine andere Sprache, aber Deutsch ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Diese Sprache hat sich immer wie meine eigene angefühlt. Irgendwie war ihr Klang immer meiner. Meine jungen Jahre waren von Deutsch geprägt. Ich habe alles dafür getan, um diese Sprache auf muttersprachlichem Niveau zu verinnerlichen.

Meine Abstammung und unsere deutschen Verwandten haben mir das auch ermöglicht. Einige Jahre verbrachte ich in Berlin, dann zog ich nach Ungarn zurück, aber Deutsch gehörte weiterhin zu meinem Alltag. Die Jahre in Berlin waren meine erste Begegnung mit dem Deutschunterricht; damals fing ich an, Privatunterricht zu geben, und ich verspürte wieder diese innere Aufregung, die ich schon als Kind hatte: „Ja, das ist es – das wollte ich immer“, war mein Gedanke. Mein Traum schien in Erfüllung zu gehen.

Die Jahre vergingen, ich absolvierte die nötige Ausbildung zur Deutschtrainerin und träumte insgeheim immer davon, eines Tages wieder in einem deutschsprachigen Land leben zu dürfen – das zu verwirklichen, was mir aufgrund der Verleugnung meiner Identität lange verwehrt geblieben war.

Und heute lebe ich in Österreich, bringe Interessenten die Amtssprache des Landes bei. Mir begegnet die Sprache jeden Tag, und ich erlebe die Tradition hautnah: Auf örtlichen Festen, wenn die Blaskapelle erklingt, laufen mir Tränen über die Wangen, da ich fest an meine Geliebte in Pari denke, und ich fühle mein Leben als erfüllt, da ich vom Schicksal das bekommen habe, was mir und meinen Vorfahren aufgrund der turbulenten Jahre vor der Wende genommen wurde. Meine Kinder wachsen in einer zweisprachigen Umgebung auf, wie ich es mir immer gewünscht habe und wie es auch meiner Uroma und meiner Oma gegeben wurde. Mein Erbe ist es, die Vorliebe zur Sprache, die immer meine Gefühle geprägt hat, und meine Arbeit bedeutet mir einfach eine Berufung, um mein deutsches Erbe weiter zu vererben.

 

 

Folgen Sie uns in den sozialen Medien!

Spende

Um unsere Qualitätsarbeit ohne finanzielle Schwierigkeiten weitermachen zu können bitten wir um Ihre Hilfe!
Schon mit einer kleinen Spende können Sie uns viel helfen.

Beitrag teilen:​
Geben Sie ein Suchbegriff ein, um Ergebnisse zu finden.

Newsletter

Möchten Sie keine unserer neuen Artikel verpassen?
Abonnieren Sie jetzt!