Interview mit Vertretern der neu gegründeten Stiftung Deutsches Institut
Entstehungsgeschichte, Herausforderungen und Zukunftspläne – Gespräch mit Gründer Andreas Kolbert und Kuratoriumsvorsitzender Dr. Gabriella Sós von der Stiftung Deutsches Institut – Ziel der im Februar 2025 eingetragenen Stiftung mit aktuellem Arbeitsstandort in Nadasch/Mecseknádasd ist es, das deutsche Kulturerbe in Südungarn zu bewahren, zu erforschen und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Vorbereitungen reichen jedoch schon einige Jahre zurück…
SB: Welche langfristigen Ziele verfolgt die Stiftung?
Andreas Kolbert (AK): Vorrangig die Erschaffung eines neuen kulturellen Standortes für das Deutschtum in Südungarn! Archiv, Museum und wissenschaftliche Nachwuchsförderung sind der Kern für Tätigkeiten, die wir später erweitern können.
Gabriella Sós (GS): Ich muss auch betonen, dass die Stiftung selbst eine zivile Initiative junger, engagierter ungarndeutscher Forscher und Wissenschaftler ist. Das Ziel ist, die mehr als 300-jährige Geschichte, Baukunst, Ethnographie und Sprache der deutschen Nationalität in der Region Südungarn zu erforschen und darzustellen. Langfristig möchten wir uns aber auch in anderen Bereichen der Kultur betätigen – wie Medien und Talentmanagement. Wir möchten nicht nur die Wissenschaftlichkeit, sondern auch die breite Öffentlichkeit mit professionellen Inhalten erreichen. Am allerwichtigsten ist hierbei die Sicherung des wissenschaftlichen und anderweitigen Nachwuchses auf Dauer. Ich denke, dass wir – also die ungarndeutsche Gemeinschaft – unheimlich viel Potenzial dadurch verlieren, dass wir jungen Menschen im kulturellen Bereich keine Perspektiven bieten können.
AK: Genauso sehe ich es auch. In den deutschsprachigen Schulen bildet man jährlich viele Jugendliche aus – aber was wird aus ihnen? Wo sind unsere Historiker, Museologen, Ethnographen oder sonstige Wissenschaftler und Fachleute aus anderen Bereichen? Natürlich haben wir deutschstämmige Fachleute in der Kultur, aber sie arbeiten meist bei staatlichen oder kommunalen Organisationen, wo sie die Interessen der Volksgruppe nie richtig vertreten können. Falls sie das überhaupt interessiert, denn nicht alle haben eine deutsche Identität. Das zeigt ebenfalls, dass man sich mit dieser Frage beschäftigen muss…
GS: …zumal die aktuelle Struktur wirklich meist nur Pädagogen eine Perspektive bietet. Ihre Arbeit ist immens wichtig für unsere Kultur, aber andere Bereiche sind unterbesetzt. Dadurch verlieren wir unseren Nachwuchs in außeruniversitären Bereichen und auf Dauer wird das nicht mehr aufzuhalten sein. Mitarbeiter mit guten Deutschkenntnissen zu finden ist ja jetzt schon überall eine riesige Herausforderung: Ich sehe gerade um mich herum, dass auch viele aus meiner Altersgruppe (zwischen 30 und 40 Jahren) jetzt ins deutschsprachige Ausland auswandern. Unter ihnen sind auch Ungarndeutsche mit sehr guten deutschen Sprachkenntnissen und es ist fraglich, ob sie jemals nach Ungarn zurückkommen werden. Das möchten wir mit unserem Institut etwas hemmen, denn mit gezielten Förderungen können hier wirklich Arbeitsplätze für diejenigen geschaffen werden, die in unserer Region für die deutsche Minderheit professionell und hauptberuflich arbeiten möchten.
AK: Apropos: Neulich gab es einen Beitrag mit László Kreisz in „Unser Bildschirm“, wo Herr Kreisz sich so äußerte, dass die LdU für die Politik zuständig sei und der Landesrat für die Kultur. Und genau hier sehen wir das Problem: Für den einen bedeutet Kultur die unteren Stufen des Bildungssystems, für den anderen Tanz und Musik. In einem so stark gespaltenen Raum beginnen wir unsere Arbeit natürlich mit der Abdeckung der fehlenden Bereiche der Kultur. Da ich als Grafiker von außerhalb der Wissenschaft komme und auch kein Mitglied in kulturellen Vereinen bin, beschäftige ich mich mit der Frage der Sichtbarkeit. Wir müssen ein Institut schaffen, das den deutschen Raum ansprechen kann, was uns auch im Ausland professionell und niveauvoll darstellt. So ist neben einer Online-Präsenz auch ein angemessener Standort wichtig, wo wir Deutsche über die Vergangenheit unserer Region auf Deutsch erzählen können. Denn die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass man diese Arbeit von den staatlichen Institutionen alleine nicht erwarten kann. Ein Beispiel: In Südwestungarn haben wir weit über 200 Siedlungen mit deutscher Geschichte. Falls jemand einen Ahnen aus dem 18. Jahrhundert sucht, möchte ich ihn informieren über das Hab und Gut dieser Person und den Platz, den sie in der damaligen Gesellschaft einnahm. Ich möchte jedem Besucher zeigen können, wie ein bestimmter Ort seinen deutschen Charakter erlangte – mittels Infografiken und anderen visuellen Möglichkeiten. Dafür brauchen wir eine Datenbank der Siedlerzeit, an der wir seit fast zwei Jahren arbeiten.
SB: Die Stiftung Deutsches Institut ist erst seit Kurzem offiziell eingetragen. Wann und wie entstand die Idee, welche Meilensteine gab es auf dem Weg bis zur Gründung?
AK: Da alles mit der Digitalisierung von Dokumenten deutscher Familien anfing, kaufte ich 2017 die dafür geeignete Hardware und die ersten Stücke der Sammlung des Instituts. 2020 kontaktierte ich die Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung Bonnhard Ilona Köhler-Koch und erkundigte mich, ob sie Familien kennt, die ihre Dokumente gerne zur Verfügung stellen würden. Beim Treffen stellte sich heraus, dass der Bedarf für ein regionales deutsches Institut nicht nur bei mir besteht. Frau Köhler konnte erstmals 2021 eine Stelle als Minijob (zu Mindestlohnkonditionen) für mich schaffen und nach den Parlamentswahlen im April 2022 präsentierten wir das Projekt dem ungarndeutschen Parlamentsabgeordneten Emmerich Ritter. Im Herbst 2022 luden wir Frau Hock-Englender aus der LdU nach Bonnhard ein und im Sommer 2023 präsentierten wir Herrn Potápi – dem damaligen und bereits verstorbenen Staatssekretär für Nationalitätenpolitik – unsere Pläne. Bei der Sammeltätigkeit und dem Aufbau der Organisation gab es mehr Erfolge. Historiker Dr. Zsolt Vitári von der Universität Fünfkirchen wurde gleich nach dem ersten Briefwechsel im Dezember 2022 Mitglied und der Frühlingswind von 2024 brachte Beate Márkus und Gabriella Sós an Bord. So entstand unser Kuratorium, das Dezember 2024 den gerichtlichen Antrag für die Stiftung stellte, damit wir endlich eine eigenständige juristische Person für das Unternehmen haben. 2025 markiert auch den Punkt, wo unsere Sammlung 30.000 Artikel überschreitet.
GS: Sehr positiv stimmt uns außerdem, dass wir eine Reihe an renommierten Wissenschaftlern mit ungarndeutschen Forschungsbereichen unterschiedlicher Disziplinen für uns als Berater gewinnen konnten. Diese sind national und auch international tätig, somit freut uns diese Unterstützung natürlich sehr. Außerdem ernten wir auch reichlich Anerkennung von Privatpersonen, die uns ihre Familienfotos anvertrauen oder spontan alte Haushaltsgegenstände vorbeibringen – die sonst vielleicht im schlimmsten Fall irgendwann einmal auf dem Sperrmüll landen würden. Es finden uns außerdem auch Menschen aus Deutschland, überwiegend online, die auf der Suche nach ihren ungarndeutschen Wurzeln in unserer Region sind. Aber auch Nachkommen von Heimatvertriebenen teilen ihre Familiengeschichten mit uns. Solche Momente bestärken uns – glaube ich – am meisten darin, dass sich diese Arbeit lohnt und wie wichtig die eine oder andere Information für jemanden sein kann, die wir unserer Datenbank entnehmen können. Es ist auch für uns eine große Freude, wenn wir helfen können.
SB: Warum wurde Nadasch als Standort gewählt?
AK: Für eine geographisch so stark geteilte Nationalität wie das Deutschtum in Ungarn sind zentrale Kulturstandorte keine Lösung. Man muss mindestens auf regionaler Ebene oder an manchen Stellen auf Bezirksebene tätig sein. Zum Beispiel war das Zentrum in Budapest eine sehr tolle Initiative mit viel Potenzial. Der Tätigkeitsbereich wurde aber leider nicht erweitert und die Gründung regionaler Standorte wurde auch nicht verfolgt. Die Idee war also, dass wir eine kulturelle Organisation erschaffen, die für Interessenten aus der Schomodei, Branau und Tolnau in erreichbarer Nähe ist und die sich mit dieser Region beschäftigt. Da dies alles in Bonnhard entstand, war es natürlich, dass wir in Sachen Immobilie zuerst da nachfragten. Obwohl es die zweitgrößte deutsche Siedlung in Südungarn ist, kam zu unserer Gründungszeit kein Angebot. Mit Hilfe der örtlichen und deutschen Selbstverwaltung im benachbarten Nadasch bot sich aber die Gelegenheit, unser erstes Büro zu eröffnen. Die Gemeinde liegt inmitten des einstigen deutschen Siedlungsgebiets – halbwegs zwischen Seksard und Fünfkirchen – und ist genauso wie Bonnhard über die Bundesstraße 6 leicht erreichbar. Die Frage des langfristigen Standortes hängt natürlich von einer geeigneten Immobilie ab, die Stiftung sollte aber weiterhin auf dem Grenzgebiet der Komitate Branau und Tolnau bleiben.
SB: Was genau sammelt und dokumentiert das Institut?
AK: Vorrangig Fotos und Schriftgut! In den letzten Jahren fokussierten wir uns auf unser hauptsächliches Sammelgebiet Südwestungarn. Es kommt aber immer mehr Material von außerhalb – auch aus Deutschland und Österreich. Das erfreut mich persönlich sehr, denn wir möchten einen lebendigen Kontakt mit diesen Ländern pflegen. Neben den Spenden und dem Ankauf solcher Objekte digitalisieren wir weiterhin ausgeliehene Dokumente von deutschstämmigen Familien – zurzeit um die 9.000 Artikel oder 30% der Sammlung.
GS: Ich würde noch erwähnen, dass diese Dokumente ein breites Spektrum der Gesellschaft abdecken – von Bauern und Handwerkern bis zum Adel. Neben dem Archiv streben wir auch die Anlegung einer Bibliothek an. Neulich bekamen wir eine große Bücherspende von den Familien Dietrich und Netzasek aus Budapest – ein wundervolles Material. Ich persönlich bin übrigens verantwortlich für den Ausbau einer sakralen Sammlung, die auf meiner Privatsammlung von deutschsprachigen Gebetbüchern aus dem 19. Jh. aus der Branau basiert. Die Übernahme von Gebrauchsgegenständen ist leider wegen Platzmangel sehr eingeschränkt. Gegenwärtig nehmen wir aber noch alles auf, was in unsere Sammlung passt. Unser leitender Historiker Dr. Zsolt Vitári erkundigt sich zurzeit über die Beschaffungsmöglichkeiten von Diplomarbeiten mit ungarndeutschen Themen von der Universität Fünfkirchen. Das wird ebenfalls eine große Bereicherung für uns und alle Forscher und Interessenten sein.
SB: Wie finanziert sich die Stiftung?
AK: Trotz kontinuierlicher Nachfrage blieb unsere Sache in den letzten knapp vier Jahren ohne politische Vertretung. So wurde die Unternehmung zu 90% von uns selbst finanziert. Wir reden hier von über 10 Millionen Forint (26.000 Euro). In Anbetracht dessen, dass die Kuratoriumsvorsitzende und ich seit fast zwei Jahren kein festes Einkommen haben, muss das jetzt Beweis genug sein, dass wir es ernst meinen.
GS: Damit es die Leser verstehen: Für ein Institut unserer jetzigen Größenordnung werden jährlich um die 30-40 Millionen Forint (78.000-104.000 Euro) benötigt. So eine Summe kann von Privatpersonen nicht verlangt werden. Da unsere Arbeit jedoch gemeinnützig ist, sind wir auf die Hilfe unserer Gemeinschaft angewiesen. Spenden kann man jetzt schon auf unser Bankkonto. Wir werden natürlich potenzielle Partner im Ausland kontaktieren und möchten auch Förderer aus dem Kreis der Unternehmen ansprechen.
SB: Wo sehen Sie die Stiftung in fünf Jahren?
AK: Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren hauptsächlich weiterhin mit der Dokumentation vorangehen, da dieser Bereich den jetzigen Beteiligten entgegenkommt. Hoffentlich können wir unser Archiv verdoppeln und eine Webseite aufbauen, wo man zumindest in einem Register nachschauen kann, was alles bei uns zu finden ist. Das Wichtigste ist aber die Finanzierung und ich hoffe, dass wir in der nächsten Legislaturperiode mehr Unterstützung bekommen. In fünf Jahren sollten wir mindestens vier bezahlte Mitarbeiter haben und eine Immobilie, die unserem Wachstum standhalten kann – also in der Größenordnung von 100 m².
GS: Pläne sollten natürlich immer mit den gegebenen Möglichkeiten im Einklang stehen. Wir haben das meiste bisher aus eigener Tasche finanziert, deshalb hoffen wir auf viele gleichgesinnte Unterstützer – auch auf höheren Ebenen. Es wäre auch schön, Diskussionen über wirklich relevante Themen führen zu können – wie etwa über die Abwanderung des wissenschaftlichen Nachwuchses oder über Zukunftsperspektiven von jungen Ungarndeutschen hier in Ungarn. Es wäre meiner Meinung nach auch wünschenswert, dass es generell mehr deutsche Inhalte über uns Ungarndeutsche gibt, denn das Angebot aktuell deckt sich meiner Ansicht nach nicht zwingend mit der Nachfrage – und das möchten wir ändern.
SB: Vielen Dank für das Gespräch!
Mit den beiden Stiftungsvertretern sprach Ibolya Lengyel-Rauh.