Erbe verpflichtet

Die ungarndeutschen Familienforscher haben unlängst Geburtstag gefeiert. Aber auch woanders erlebt die Suche nach den eigenen Wurzeln eine Renaissance. Facebook-Gruppen bieten hierzu auch wertvolle Plattformen, um sich über einschlägige Erfahrungen auszutauschen. Die schöne neue digitale Welt hat der Forschungsarbeit von Laien ohnehin Flügel verliehen. Man kommt an Leute heran, denen man aus unterschiedlichen Gründen sonst wohl nie begegnen würde.

Von dieser globalen Tendenz sind auch die Deutschen/Deutschstämmigen in Ungarn betroffen. Dabei macht man oft die Erfahrungen, dass sich hinter dem madjarischsten Familiennamen eine deutsche Mutter, Opa oder Urgroßmutter versteckt. Der Forscherdrang kennt dabei keine Altersgrenzen, auch wenn die mittleren Generationen ohne Zweifel überrepräsentiert sind. Manche gehen so weit, dass sie dann ihre alten deutschen Nachnamen wieder annehmen – ein lobenswerter Schritt.

Es stellt sich dabei die Frage, wie die deutsche Gemeinschaft zu diesen Menschen stehen soll, die sich auf die Suche nach ihren deutschen Vorfahren und dem Erbe begeben haben. In der Regel sind sie im madjarischen Umfeld aufgewachsen und sprachlich im noch stärkeren Maße von Assimilation betroffen als „echte“ Ungarndeutsche. Sie verfügen in der Regel über keine spezifische ungarndeutsche Identität – ein Zustand, der aber sehr volatil ist. Identität und Bekenntnis zu einer bestimmten Herkunftsgemeinschaft sind aber ein höchstpersönlicher Akt. Auch deshalb sind diese deutschstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich willkommen. Zumal sie einen anderen Blick auf Deutschsein in der Gegenwart mitbringen. Ihre Motivation, zu den Wurzeln zu gelangen, dürfte dabei eine starke Stütze bei der eigenen Identitätsfindung sein.

Viele meinen, man soll sich auf eine Identität festlegen: Demnach sei man entweder (Ungarn-) Deutscher oder eben Madjare. Doppelte Identität sei falsch und führe zum endgültigen Untergang der deutschen Volksgruppe. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Angehörigen der deutschen Gemeinschaft in Mischehen aufwächst (und sprachlich ungarisch sozialisiert wird), wird man wohl nicht darum herumkommen, doppelte oder gar mehrfache Identitäten endlich als Normalität zu akzeptieren. Daher sind unsere Ungarndeutschen eigentlich nicht viel anders als die eingangs vorgestellten Deutschstämmigen, die fernab deutscher (Rest-) Traditionen aufgewachsen sind.

Worauf kommt es dann an? Wohl auf die Gesinnung und die Bereitschaft, sich für die Belange der Gemeinschaft einzusetzen! Dies kann unterschiedliche Formen annehmen: ehrenamtliche Mitarbeit in Kulturgruppen, Selbstverwaltungen oder Vereinen, regelmäßiger Besuch und Mitgestaltung deutschsprachiger Gottesdienste, Aktivitäten im schulischen und wissenschaftlichen Bereich oder der Auftritt als selbstbewusster Multiplikator in der Öffentlichkeit, um nur einige zu nennen.

Dreh- und Angelpunkt bleibt dabei die Frage der Sprache. Sie ist und bleibt das Merkmal, das uns von der Umgebung unterscheidet und die wichtigste Stütze unserer deutschen Identität bilden sollte. Sollte, denn die triste Realität zeigt ein anderes Bild: Nur ein verschwindend kleiner Teil der ungarndeutschen Kinder wächst heute zweisprachig auf, von einsprachiger Sozialisation ganz zu schweigen. Gleichzeitig verabschiedet sich gerade die letzte Generation der Muttersprachler. Der Gemeinschaft (und Akteuren) ist es bis heute nicht gelungen, ein flächendeckendes Netz an zwei- und einsprachigen Einrichtungen aufzubauen – nun 35 Jahre nach der Wende und 30 Jahre nach der Schaffung des Selbstverwaltungssystems. Dennoch wäre es ungerecht, das vielfache Scheitern beim Erlernen der deutschen (Ur-)(Groß-)Muttersprache (allein) den Einrichtungen und den dort tätigen Lehrkräften in die Schuhe zu schieben.

Denn Deutsch wird oft auf seinen Nutzwert reduziert, ohne seine höhere Bedeutung für den Fortbestand der Gemeinschaft zu erkennen. Da müssen eben Angehörige der deutschen Gemeinschaft sich an der eigenen Nase fassen und sagen: Wir müssen raus aus unserer Komfortzone, die Türen stehen offen. Eine Erkenntnis, die beispielsweise für einen Siebenbürger welcher Nationalität auch schon immer eine Evidenz war!

Denn Erbe schafft lediglich die Basis, um unser Deutschsein zu leben und diese Identität an die Nachkommenschaft weiterzugeben. Erbe verpflichtet gleichzeitig und setzt voraus, sich aktiv für seine Bewahrung einzusetzen. Daher ist es keine Schande, die verlorene (Ur-)(Groß-)Muttersprache im Erwachsenenalter zu erlernen und sich die Mühe zweisprachiger Kommunikation in der On- und Offline-Öffentlichkeit zu machen. Um einen großen Ungarndeutschen der Gegenwart zu zitieren: „Wenn die Sprache wegfällt, dann ist alles Tanzen und Singen umsonst”.

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