Über die Produktion „deutscher Frauen“ durch Erlebnisgemeinschaften 1934–1936
(Fotoaufnahme: Erster Jugendtag des Volksbundes der Deutschen in Ungarn in Magotsch/Mágocs 1941)
In diesem Beitrag wird es um eine reichsdeutsche Funktionär-Akademikerin gehen, die Mitte der 1930er Jahre junge ungarländische deutsche Frauen zur nationalsozialistischen Gemeinschaftsbildung an- bzw. verleitete, um die sogenannte völkische Erweckung im Dienste ihrer Karriere voranzutreiben. Um die Thematik – den ideologieverhafteten Missbrauch deutscher weiblicher Jugendlicher auch plastisch darzustellen – wählte ich eine Illustration als Symbolbild. Im Vordergrund der Fotoaufnahme sehen wir eingeschüchtert und beängstigt schauende Mädel in prächtiger festlicher Volkstracht. Sie befinden sich in einer ihnen völlig fremd scheinenden, von militanten und Volksbund-Anzeichen dominierten Umgebung. Die zwei Jugendlichen werden hier dazu gezwungen, sich als faszinierend-exklusive Teile einer uniformierten Gemeinschaft verewigen zu lassen. Im Hintergrund bildet die selbstbewusst in die Kamera lächelnde erwachsene Frau in städtischem Kleid einen schreienden Kontrast zu den ratlos, traurig und verloren wirkenden Mädeln aus ländlichem Milieu.
Anfang Januar 1937 nahm sich der Obergespan des Komitats Branau, István Horvát, in einem vertraulichen, alarmierenden Bericht vor, die Aufmerksamkeit des Innenministers Miklós Kozma direkt „auf eine deutsche Staatsbürgerin namens Irma Steinst [Sic! Steinsch] zu lenken, die sich oft in unserem Land aufhält, die es pflegt, in Budapest im Deutschen Heim zu wohnen und die von da aus ihre Bekannten auf dem flachen Lande besucht. Sie führt eine sehr rege Korrespondenz mit diesen, sie unterhält eine Verbindung zu der Ehefrau des […] Arztes von Magotsch, Dr. Sebastian Lackner, und spielt […] womöglich in der geistigen Zusammenführung der Mädel der deutschsprachigen Gegenden eine Rolle.“[1]
Es stellt sich die Frage, was für frauenpolitische Wertvorstellungen und Zielsetzungen diese deutsche Staatsbürgerin zur Anleitung der „geistigen Zusammenführung der Mädel der deutschsprachigen Gegenden“ Ungarns motivierten. In der vorliegenden berufsbiographischen Abhandlung werden daher Konstruktionserfolge der gemeinten Person Irma Steinsch in der „auslandsdeutschen Frauenarbeit“ 1934–1936 skizziert.
Es wäre eine grobe Unterschätzung, sich die gebürtige Schlesierin als eine unscheinbare Hallesche Lehramtsstudentin für Englisch, Französisch und Geschichte vorzustellen. Irma Steinsch (1906–1996) war nämlich bereits seit dem Sommersemester 1933 ein überaus engagiertes Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) – genauer der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) – sowie der Deutschen Studentenschaft (DSt) der Universität Halle/Saale. Ihre nationalsozialistische Indoktrinierung wurde insbesondere durch die persönliche Erfahrung der sogenannten „Erlebnisgemeinschaft deutscher Frauen“ geprägt. Ihrer eigenen Aussage nach überzeugte sie, wie jene Gemeinschaft in der praktischen Arbeit im Wintersemester 1933/34 sowie den beiden Studentinnen-Schulungslagern in Schierke (heute Ortsteil der Stadt Wernigerode) in den Sommerferien 1934 „erwuchs“.
Im ersten entscheidenden Karriere-Schritt wurde sie im Sommersemester 1934 zur Leitung des Halleschen Hauptamtes VI („Studentinnen“) der DSt ernannt. Ab dem Wintersemester 1934/35 leitete sie sogar das gerade eben errichtete NSDStB-Studentinnen-Wohnheim am Frankeplatz 1. Es konzentrierten sich damals 45% der sogenannten vorläufigen weiblichen Mitglieder des Halleschen NSDStB – das heißt 33% dessen weiblicher Gesamtmitgliedschaft – in diesem Wohnheim. Gleichzeitig wurde Steinsch selbstredend auch die Referentin des Arbeitsgebiets „Studenten-Wohnheime“ im Hauptamt VI der DSt. Ihre Aufgabe als Wohnheimleiterin fasste sie als die Anleitung der Schaffung einer nationalsozialistischen Erlebnisgemeinschaft auf. Sie erhoffte sich persönlich, auf das große Ganze Einfluss nehmen zu können, indem sie ihre Mitbewohnerinnen für den Einsatz im Dienste raumbezogener Sozialfragen in Ungarn, Jugoslawien und Deutsch-Südwestafrika befähigte und mobilisierte.
Im Oktober 1934 nahm Steinsch als Hauptamtsleitung VI der DSt Halle/Saale am Kreislager in Roßleben/Unstrut (Thüringen) teil. Sie berichtete dort den Hauptamtsleiterinnen VI der Hochschulen Dresden, Leipzig, Halle und Jena sowie deren Vertreterinnen und Sachreferentinnen und den Fachschulschafts-Leiterinnen Leipzig, Dresden, Halle, Jena, Erfurt, Weimar, Eisenach, Magdeburg und Reifenstein mit großem Erfolg über das Thema „Wohnheime. Die Gemeinschaftserziehung der Frau“. Als Resultat konnte sie im November 1934 den Kreis IV (Mitteldeutschland) im Hauptamt VI der DSt Berlin als Leitung übernehmen. Unter Berufung auf diese Erfolgsserie als akademische NS-Jungfunktionärin reklamierte sie für sich umgehend ein Arbeitsfeld, das die ideologische Ausrichtung aller NS-frauenbündnischen Organisationen in Mitteldeutschland beeinflussen sollte. Sie spezialisierte sich ab 1934/35 mit nachhaltigem Erfolg auf praktisch-politische Schulungsmaßnahmen zum Zwecke der Auslands- und Grenzlandarbeit. Es ging für sie konkret um die Führerinnen-Auslese unter den Universitäts- und Hochschulhörerinnen. Dazu hegte die Hallesche DSt den ehrgeizigen Plan, für die Universität den formalen Status einer „Südostuniversität“ zu erwerben. Dazu nahm Steinsch Kontakt mit Deutschen in und aus Ungarn und Jugoslawien auf. Zudem existierte im Hauptamt II (Außenamt) der DSt der Universität Halle/Saale eine „Außenstelle Ungarn“ oder ein „Referat für Ungarn“. In diesem Rahmen konnte sich Irma Steinsch als Leitung ein eigenes politisch-akademisches Betätigungsfeld erschließen. Hier eignete sie sich die – im politischen und karrieretechnischen Sinne kreativ-schöpferischen – Ideen eines Studenten namens Kurt Marschelke zum raumbezogenen NS-Ethno-Management im Südosten an.
Vermeintlich im Frühjahr 1935 gelang es Marschelke, verschiedene studentische Südosteuropa-Arbeitsgruppen der Auslandsämter der Universitäten und Hochschulen unter der Außenstelle Südslawien im Hauptamt II (Außenamt) der Halleschen DSt zusammenzufassen. Der studentische Einsatz wurde laut Marschelke von einer jeden Arbeitsgruppe als Beitrag zur nationalsozialistischen „Gesamterneuerung des deutschen Volkes in der ganzen Welt durch das Deutsche Reich“ konzipiert und als „übervölkische Fühlungnahme der jungen Generation für die deutsche Kulturpolitik“ getarnt.[2] Die 1935 in Jugoslawien eingesetzten reichsdeutschen Studenten waren zuvor in den Osterferien-Lagern zu Trägern dieser nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung geformt worden. Sie wurden auf die Arbeit im volksdeutschen Milieu vorbereitet und abschließend herausselektiert. Das unmittelbare Ziel war, die „fähigen“ volksdeutschen Jungbauern, Junghandwerker und Studenten herauszusuchen. Diese sollten dann im Deutschen Reich zu den Führern der zu produzierenden deutschen Volksgruppe in Südslawien ausgebildet werden. Kurt Marschelke ging in seiner überschwänglichen Prognose davon aus, dass „es in 1-2 Jahren möglich sein wird, diesen grosszügigen Einsatz reichsdeutscher Kräfte zur Weckung des Selbsthilfegedankens in der deutschen Volksgruppe in Südslawien abzustoppen; denn die Volksgruppe wird dann selbst soweit sein, diesen Kampf aus eigenen Kräften zu führen.“[3]
Steinsch wandte sich zeitgleich dem Studium der ungarischen Sprache sowie der Geschichte und Volkskunde der Deutschen in Ungarn zu und reiste als „Hallesche Studentin“ oder „Austauschstudentin“ mehrmals nach Ungarn. In Budapest wohnte sie im „Deutschen Heim für Lehrerinnen und Erzieherinnen“. In kurzer Zeit bis zum Winter 1934/35 verdiente sie sich das Vertrauen von Franz Anton Basch (1901–1946) und Richard Huß/Huss (1885–1941). Auch deren enge Mitarbeiter vertrauten ihr – die „Volksdeutschen Kameraden“, die Oppositionellen innerhalb des von Gustav Gratz (1875–1946) geführten Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins. Sie wurde von diesem völkischen Kreis ungarndeutscher (Jung)Akademiker scheinbar nahtlos und ohne Vorbehalte als gleichberechtigte „Kameradin“ anerkannt.
Um sich in der auslandsdeutschen Praxis zu bewähren, organisierte Steinsch zunächst ein Schulungslager für ungarndeutsche Mädel in Budapest. Vom 8. bis 15. Dezember 1935 führte sie es höchstwahrscheinlich im „Deutschen Heim“ durch, das ideologisch kurz zuvor ideologisch gleichgeschaltet worden war. Als Leiterin der Halleschen Außenstelle Ungarn für das Außenamt Berlin der DSt hatte sie den Abschlussbericht verfasst. Er liegt undatiert vor. Es wurden fünfzehn – Steinsch angeblich bereits bekannte – junge Frauen aus verschiedenen deutschen Gemeinden ins Budapester Lager „einberufen“. Durch die Indoktrinierung dieser jungen Frauen sollte der völkischen (das heißt hier ethnisch-geopolitischen) „Erweckungsarbeit“ eine gemeinsame, einheitliche ideologisch-politische Ausrichtung gegeben werden. Vor Ort, in der Gemeinde, im kleinen Kreise der Nachbarschaft und der Großfamilie sollte diese „Erweckungsarbeit“ dann fortgesetzt werden. Der Bericht legt es nahe, dass zwischen Steinsch und den nach Budapest eingeladenen Bauernmädeln bereits zu der Zeit ein stabiles Vertrauensverhältnis bestanden habe. Meiner Meinung nach ist aber vielmehr davon auszugehen, dass einflussreiche Gemeinde-Honoratioren als Verbindungsleute diese Bauernmädel Steinsch nach Budapest vermittelten. Die Fabrikation „deutscher Frauen“ im Sinne der Führerauslese fand aus taktischen Gründen in der Hauptstadt Ungarns statt und wurde „praktisch-politische Schulung zum Volkstumskampf“ genannt. Laut Steinsch war sie sich sicher, dass die ungarischen Verwaltungsstellen, Lokal- und Regionalbehörden die Veranstaltung auf dem flachen Lande jederzeit verhindert hätten. Ihre Einschätzung halte ich für zutreffend.
Die folgenden Erkenntnisse gab Steinsch in ihrem Abschlussbericht als Resultat ihrer persönlichen NS-Indoktrinierungsleistung an, um deren guten Erfolg der DSt Berlin zu verdeutlichen: „Wir wissen, dass wir für das Deutschtum unter der Jugend mit allen Kräften zu arbeiten haben; die Streitigkeiten und Kämpfe im UDV [Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein] usw. bedrängen uns nicht. Wir haben daran zu arbeiten, eine deutschbewusste Jugend zu haben. Jedes Mädel ging hinaus mit der erlebten Verpflichtung zur Arbeit und dem Bewusstsein, dass gerade wir Mädel unauffällige und doch so sichere Arbeit im kleinen Kreise zu leisten haben.“[4]
Mit Entschlossenheit eignete sich Steinsch eine alleinige Leitungskompetenz an: Von Halle aus war die zukünftige praktisch-politische Mädel-Schulungsarbeit in Ungarn in nationalsozialistischen Erlebnisgemeinschaften organisatorisch, personell und inhaltlich zu bestimmen. Steinsch beteuerte, dass die von ihr geformten sehr jungen deutschen Frauen das NS-Geschlechterpolaritätsprinzip bereitwillig akzeptiert und als verpflichtend verinnerlicht hätten. Dies stand im krassen Gegensatz zu ihrem eigenen exzessiven Drang nach einer landesweiten Führungsposition in der „auslandsdeutschen Frauenarbeit“.
Steinsch berichtet, der Schwerpunkt ihrer Schulung auf der theoretischen Ebene sei die Immunisierung der zu NS-Agentinnen und -Agitatorinnen auserkorenen deutschen Bauernmädel. Immun sollten sie sein gegenüber den aktuellen Diskursen der minderheitenpolitischen Bewegungen der Deutschen Ungarns. Eine aktive Beteiligung an den Auseinandersetzungen der beiden Positionen innerhalb des von Gustav Gratz geführten Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins sei von ihr tabuisiert worden (es versteht sich von selbst, um eine etwaige politische Qualifizierung dieser Jugendlichen zu verhindern). Steinsch betonte, sie habe die unmittelbare Totalerfassung der Mädel durch die reichsdeutschen nationalsozialistischen Leitlinien, erzielt. Es handelte sich dabei um eine ganzheitliche ideologische Fremdbestimmung im Sinne der „Emanzipierung von der bürgerlichen Emanzipierung“. In Anbetracht der realen Verhältnisse und der Situation der deutschen Bauerntöchter im damaligen Ungarn halte ich Steinschs Behauptungen für nebulös ideologieverhaftet und lebensfremd. Sie schrieb darin praktisch wortwörtlich und exakt nieder, was die DSt Berlin lesen wollte.
Im Anschluss nahm sie dann die Organisation eines „Landdienstes“ Hallescher Studentinnen in deutschen Dörfern Ungarns in Angriff. Zweck war die „Führerauslese“ Entsprechend einem diesbezüglichen Übereinkommen vom Januar 1936 beabsichtigte sie, mit dem jungen, ambitionierten Germanisten Fritz Valjavec (1909–1960) zusammenzuarbeiten. Dies war ein enger „Kamerad“ von Marschelke,. Wie die Studien von Loránt Tilkovszky, Norbert Spannenberger und László Orosz belegen, beherrschte Valjavec – der damalige Leiter der Arbeitsgemeinschaft für Geopolitik an der Universität München und Geschäftsführer des dortigen Südost-Instituts – die ungarische Sprache gut. Er war damals noch jugoslawischer Staatsbürger und seit 1933 NSDAP-Mitglied. Er verfügte über das für die Landdienstorganisation unabdingbare Insiderwissen in Bezug auf die spezielle, obrigkeitsstaatliche politische Struktur und Kultur des Horthy-Regimes. Er nahm sich persönlich vor, die Reichsjugendführung Berlin über seine einzigartigen Qualitäten als Südost-Experte zu überzeugen. Dabei sollte ihm der Landdienst Münchner Studentinnen in Ungarn helfen. Steinsch ging aufgrund ihrer führenden Position im Referat für Ungarn der halleschen DSt davon aus, dass Valjavec ihren unbedingten und allumfassenden Leitungsanspruch in der weiblichen Volkstumsarbeit in Ungarn für unanfechtbar hielt und vorbehaltlos akzeptierte. Zudem war sie arrogant genug, von Valjavec umfangreiche Hilfestellungen zu erwarten – ohne Valjavec eine Gegenleistung zumindest in Aussicht gestellt zu haben.
Sowohl Steinsch als auch Valjavec entdeckten 1934/35 (beide dazu nicht zuletzt von Marschelke ermutigt) die völkisch-nationalsozialistische Erweckungsarbeit im Kreise der Ungarndeutschen für ihre persönliche volkstumspolitische Karriere. Ab Ende 1935 ging es karrieretechnisch beiden um die Einrichtung und Etablierung intakter „volksdeutscher Gebiete“. Die Grundlage dafür sollte NS-Volksgruppen-Management in Ungarn/im Südosten sein – zur Konstruktion eines dazugehörenden „Volksdeutschtums“. Infolgedessen wurde zwischen den beiden ab Januar 1936 ein beruflich-existenzieller Konkurrenzkampf um die führende Position als volkstumspolitischer Experte für Ungarn in der DSt bzw. bei der Reichsjugendführung Berlin ausgetragen.
Irma Steinschs volkstumspolitische Ambitionen verletzten das Geschlechter-Polaritätsprinzip der Nationalsozialisten scharf. Valjavec erkannte, dass sich Steinsch mit dem für Frauen „wesensgemäßen“, engeren Tätigkeitsfeld des demütigen Führertums der Frauenbelange hätte zufriedengeben sollen – hier insbesondere mit der Herausformung der „deutschen Frau“ in den sogenannten volksdeutschen Gebieten Ungarns. Sie hätte den eigentlichen und übergeordneten geo- und volkstumspolitischen Leitungsauftrag vollständig Valjavec überlassen sollen. Der Leistungsauftrag bestand in der schnellen Produktion einer Volksgruppe durch reichsdeutsche NS-Indoktrinierung – parallel mit derjenigen eines ihr zugehörigen „Volksgruppenbodens“. Für Steinsch wäre lediglich eine geringe Zuarbeit geblieben.– wenn Valjavec seinen „Arier-Nachweis“ schon bekommen gehabt hätte … In dieser Pattsituation musste er mit der besserwisserisch auftretenden Halleschen NS-Jungfunktionärin zumindest vorerst und dem Anschein nach zusammenarbeiten. Der Löwenanteil seiner „Hilfestellung“ bestand allerdings in bevormundenden Empfehlungsschreiben. Unauffällig prüfte er zwischenzeitlich Irma Steinschs Führungskompetenzen – z. B. indem er ihr die kleine Frage stellte, ob ihrer Meinung nach bei einer kommenden Feldforschung in Ungarn das in einem deutschen Dorf gesammelte Liedgut auch in der Nachbargemeinde vorgeführt werden sollte. Daraufhin belehrte sie ihn energisch, dass die Aufgabe doch die Propagierung der NS-Direktiven zum Zwecke der volkstumspolitischen Erweckung der „ungarländischen Auslandsdeutschen“ sei und nicht die Verbreitung von Volksliedern oder die Förderung der Leselust in den Dörfern. Es sollte also ausschließlich eine NS-ideologisch aufgeladene Volkstumsarbeit betrieben werden – zur Schaffung von Erlebnisgemeinschaften im Dienste der Konstruktion einer autochthonen deutschen Volksgruppe in Ungarn. Steinsch berief sich auf die übergeordneten reichsdeutschen nationalsozialistischen Instrumentalisierungs-Absichten. So erkannte sie den Deutschen in Ungarn jegliches Recht auf Selbstbestimmung grundsätzlich ab. Vielmehr reduzierte sie diese Deutschen zu Objekten eines raumbezogenen sozialpolitischen Konstruktionsauftrags.
Zwischen dem 22. Juli und dem 3. August 1936 erlebte NS-Jungfunktionärin Steinsch in Ungarn ein karrieretechnisches Desaster: Die meisten ihrer Halleschen „Mädel“ wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den deutschen Gemeinden noch vor Ort, von der ungarischen Gendarmerie verhaftet. Im Arrest hat man die „Mädel“ (laut Friedrich Spiegel-Schmidt wahrscheinlich) zunächst schikaniert und abschließend aus Ungarn ausgewiesen. Sogar Steinsch wurde des Landes verwiesen. Die neu aufgestellte Reichsjugendführung Berlin beauftragte Anfang des Jahres 1937 den über Steinsch schadenfroh triumphierenden Valjavec mit der Leitung ihres Ungarnreferates. Da sie in die Universität Halle/Saale nicht zurückkehren konnte, wurde sie von der Liste der Halleschen Studierenden einfach gestrichen. Ihre Kameradin-Karriere in Ungarn wurde schlussendlich trotz des skandalträchtigen Scheiterns fortgesetzt, weil sich die Reichsregierung für sie unnachgiebig einsetzte und auch Franz Basch an der Zusammenarbeit mit ihr festhielt.
_________________________________
[1] Obergespan István Horvát (Komitat Baranya) an Innenminister Miklós Kozma, Pécs, 09.01.1937. BML. Bvm. Főisp. biz. 194/1937. In: Füzes, Miklós (szerk.): Nemzetiségi ügyek dokumentumai Baranyában 1923–1938. Pécs 2001. 208.
2 Marschelke, Kurt (Die Deutsche Studentenschaft. Leiter der Außenstelle Südslawien, Martin-Luther-Universität Halle): Bericht vom 25.06.1935 an das Außenamt der DSt Berlin. Halle/Saale, 26.06.1935. Bundesarchiv Berlin. Bestandssignatur NS 38, Archivnummer 2461.
3 Ebd..
4 Irma Steinschs Bericht über das Mädelschulungslager in Budapest 08.12.1935–15.12.1935. Undatiert. Bundesarchiv Berlin. NS 38/2591.