„Ich bleibe dem Ungarndeutschtum erhalten“
Dr. Kathi Gajdos-Frank verabschiedet sich nach 15 Jahren aus dem Jakob- Bleyer-Heimatmuseum
Mitte April erreichte uns die Nachricht, dass sich Dr. Kathi Gajdos-Frank einvernehmlich vom Jakob-Bleyer-Heimatmuseum in Wudersch getrennt hatte. Die ehemalige Direktorin veröffentlichte dazu am 10. April einen Post auf ihrer privaten Facebook-Seite. Sie bekundete dort, dass Spannungen zwischen ihr und ihrem Arbeitgeber – der Deutschen Selbstverwaltung Wudersch (DSW) – zu dieser Trennung führten. Dazu und wie es jetzt für sie weitergeht, äußert sich Frau Dr. Gajdos-Frank im nachstehenden Interview.
SB: Wie lange haben Sie am Wuderscher Heimatmuseum gearbeitet? Wie lange waren Sie Direktorin?
KGF: Ich war seit 2011 am Heimatmuseum als Direktorin. Davor hatte ich als Wuderscherin und als Forscherin aber auch schon Kontakte dorthin gehabt. Davor hatte ich schon an einigen Projekten mitgewirkt. Damals gab es auch noch eine kleine Zeitung, da habe ich mehrmals kurze Artikel geschrieben. Dieses Jahr ist es aber schon 15 Jahre her, dass ich angefangen habe, dieses Institut zu leiten.
SB: Was verbinden Sie mit dem Jakob-Bleyer-Heimatmuseum? Welche Projekte waren Ihre Herzensangelegenheiten?
KGF: Für mich war es immer schon ein Ziel, von Anfang an ein lebendiges Museum zu machen – also nicht nur so, dass man einmal guckt und dann sagt: Habe ich schon gesehen, dahin komme ich nicht wieder zurück. Sondern es sollte wirklich ein Museum sein, das sowohl ständige als auch Sonderausstellungen anbieten kann und dann auch sehr viele Programme, die auch die jüngeren Generationen anlocken können. In diesem Sinne habe ich Glück, da ich meine drei Kinder zu Hause fragen kann, was sie interessiert. Das Wichtigste ist, glaube ich, dass man nicht nur über die Vergangenheit spricht, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunft – und das zeigte sich auch an den Projekten, die meine Lieblingsprojekte waren. Wir hatten jahrelang das Projekt „Sprache des Herzens“. Da stand die deutsche Sprache im Mittelpunkt – die Sprache unserer Urgroßeltern und Großeltern. Das war sehr erfolgreich, da erhielten wir Unterstützung vom Verein Deutsche Sprache und da war auch eine Kooperation mit der LdU. Ein anderes Projekt – mit religiösem Schwerpunkt – war „Glaube stiftet Gemeinschaft“, zumal ich auch im St. Gerhards-Werk Stuttgart Vorstandsmitglied bin. Ich habe viele Brücken gebaut und konnte viele Projekte verwirklichen, bei denen ich Unterstützung vom Staatssekretariat für Nationale Minderheiten bekam – zum Beispiel beim Projekt, das die Klassenfahrt ungarndeutscher Schulklassen gefördert hat. Das war sehr gut, weil ich gemerkt habe, dass sich Schulen vom Lande eine Klassenfahrt sonst nicht hätten leisten können. Es war eine Art Hilfe. Einander kennen zu lernen und Unterstützung zu geben, waren mir wichtig und dieses Projekt gehörte auch zu meinen Lieblingsprojekten.
SB: Das Museum ist in ungarndeutschen Kreisen bekannt. Wie viele Deutsche gibt es noch in Wudersch, die Sie als Museum noch vor Ort ansprechen können?
KGF: Wudersch ist eine Stadt mit 30.000 Einwohnern. Davon sind ungefähr an die 600 Personen, die sich noch zum Ungarndeutschtum bekennen. Die, die wirklich noch aktiv sind, das sind so 200-300. Das messe ich jetzt daran, wie viele noch den Schwabenball besucht haben. Da waren so um die 250 Personen, in dem Sinne sind es nicht so viele. Gerade deshalb war es wichtig für mich, nicht nur für Wudersch da zu sein, sondern als Museum wirklich landesweit und natürlich grenzübergreifend tätig zu sein. Die Beziehung zu den Vertriebenen und zur Partnerstadt Bretzfeld wurde durch meine Arbeit auch lebendiger. Mit den ungarndeutschen Schulen, in Wudersch und auf dem Lande, konnten wir viele erfolgreiche Projekte und Programme verwirklichen. Da ich sehr viele Brücken gebaut habe, erhielten wir auch sehr viel Unterstützung – auch finanzielle, aber auch Hilfe in anderer Form. Denn wenn wir diese Kontakte haben, kommen auch Forscher, Professoren und Institute zu uns und das fand ich wichtig. Das war dann ein bisschen auch immer das Problem mit der Deutschen Selbstverwaltung Wudersch. Sie interessierte sich eher für die örtlichen Traditionen, was ich eigentlich verstehe. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Wie sieht man, wenn vor Ort wirklich nicht mehr so viele Leute angesprochen werden können? Wenn wir nicht immer nur über die Vergangenheit sprechen möchten, dann müssen wir auch eine Zukunft bauen und dafür braucht man eben diese Brücken. Ich war dafür und fand das supergut, aber die Träger empfanden das weniger so.
SB: Wie hat sich das Verhältnis des Museums mit der Trägerin – der Wuderscher Deutschen Selbstverwaltung – entwickelt? Das Museum war ja ehemals eine ortshistorische Sammlung, die von der DNSVW übernommen wurde. Jetzt ist es so, dass Sie – wenn ich das richtig verstanden habe – einen anderen Weg einschlagen wollten als der Träger. Was halten Sie von dieser Konstruktion, dass ein Gremium – das nicht vom Fach ist – Ihnen als Fachleute einen Weg vorschreibt, der Ihnen nicht entspricht?
KGF: Trägerin war schon immer die DNSVW, also seitdem ich Direktorin war. Ich möchte auch keine Konflikte, sondern bin dafür, gemeinsam Lösungen zu finden. Anfangs ging es ja immer nur um Wuderscher Geschichten. Mit der Zeit entwickelten sich aber eben die genannten Kontakte und das fand ich auch gut: Wir sind wirklich beliebt geworden, haben viele Auszeichnungen bekommen und deshalb sind so viele von außerhalb gekommen und freuten sich mit dabei zu sein. Von da an kamen schon die Fragen von der Trägerin, warum ich mich nicht um Wudersch kümmere. Natürlich tat ich das, aber daneben gab es auch andere ungarndeutsche Themen, die wichtig waren. Ich habe dann immer wieder die Fragen gestellt bekommen, warum ich denn schon wieder in Wien bin oder in Gerlingen. Ich versuchte das ständig zu erklären. Es gibt ja Dokumentationen, die diese Aufenthalte beweisen, nicht dass sie davon nicht gewusst hätten. Aber die Ziele und unsere Einstellungen waren ganz verschieden. Ich versuchte auf jeden Fall Kompromisse zu finden, aber das wurde immer schwieriger mit der Zeit. Ich würde auch sagen, wenn die Trägerin keine Fachleute hat, dann sollten doch in den Trägerschaften solche Leute als Mitwirkende oder Beisitzer dabei sein, die vom Fach sind.
SB: Es wurde auch ein Grundstück erworben, wo das Museum noch ausgeweitet werden sollte. Wie steht es darum?
KGF: Die Trägerin hat das Museum gekauft und ich war damals schon mit dabei – auch bei der Renovierung. Diese drei Jahre waren sehr intensiv, das wissen alle Beteiligten. Nach den Renovierungsarbeiten hat die Deutsche Selbstverwaltung das Grundstück gekauft. Danach sagte ich, dass sich die Deutsche Selbstverwaltung von da an um alles kümmern muss: Da ist ein altes Gebäude, Renovierungsarbeiten fallen an, Versicherung – all das ist mit Kosten verbunden. Ob das so in Ordnung ist, wollte ich wissen. Es ist ja bekannt, dass die Selbstverwaltungen nur um die drei Millionen Forint (8800 Euro) haben, die sie von Staat erhalten. Die Deutsche Selbstverwaltung bekommt etwas mehr von der Stadt Wudersch. Da aber geht es um Projekte, nicht um das Gebäude. Da muss man sich doch – wie das auch zu Hause im eigenen Haushalt so ist – Richtung Zukunft Gedanken machen. Da erhielten wir die Antwort von der Deutschen Selbstverwaltung, dass das doch nicht unser Problem sei. Es gehe ja schließlich um das Gebäude und somit um das Museum. Da gab es auch in unseren Bürogebäuden Probleme – wir hatten sehr viel Arbeit mit Ausschreibungen und Bewerbungen. Ich bedanke mich hier bei meinen Kollegen dafür, denn wir konnten sehr viel erreichen: Isolierung, neue Fenster, Dach, Sanitäranlagen – das ging dann Jahre lang so, immer Schritt für Schritt. Dafür bekamen wir aber nie ein Lob, sondern immer nur Kritik von der Trägerin – zum Beispiel, warum wir diese oder jene Farbe ausgewählt hätten und so etwas. Da zeigte sich auch, dass die Trägerin eigentlich nicht sah, was für eine riesige Arbeit dahinter steckt – das war dann halt immer gut für das Museum, aber eben ein Problem mit der Trägerin.
SB: Was hat zu Ihrer einvernehmlichen Kündigung geführt?
KGF: Das ging jetzt schon seit Jahren so. Vor Covid war es noch nicht so schlimm, aber seitdem verschlechterte sich das. Die Renovierungsarbeiten wurden vor der Pandemie gemacht, jeder freute sich darüber. Wir waren Heimatmuseum des Jahres und Museum des Jahres sogar – da kam auch wieder Leben in die Bude. Es kamen sehr viele Besucher. Natürlich war es auch so, dass ich da sieben Tage die Woche eingebunden war – im Sommer auch während meiner Urlaube und unterwegs zur Arbeit. Es ist schwierig, wenn man von überall nur positive Rückmeldungen bekommt, und dann gerade von der Trägerin nicht, sondern nur Kritik. Das wurde irgendwann auch gesundheitlich für mich ein Problem. Es fehlte an Wertschätzung. Wir haben von Kindergartenkindern bis zu Doktoranden jeden eingeladen. Wir wurden auch wirklich oft aufgesucht: von Schulen, Gymnasien bis hin zu den Unis. Die Zahlen sprechen für sich, aber das sahen die älteren Herrschaften in der DNSVW eher weniger als Erfolg an. Außerdem war mir die deutsche Sprache besonders wichtig und wie ich sehe, ist das im Falle der Trägerin nicht so – obwohl mein ganzes Netzwerk, das ich aufgebaut hatte, aus deutschsprachigen Kontakten besteht. Bei der Sprache sehe ich keinen Kompromiss: Wenn die deutsche Sprache in der Ausschreibung des Postens des Direktors des Heimatmuseums nicht mehr drin steht, dann gebe ich meinen Namen nicht dazu. Ich habe schließlich im gegenseitigen Einvernehmen gekündigt.
SB: Sie sind Vollversammlungsmitglied in der LdU. Hat die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen Ihnen ihre Hilfe angeboten oder eine Stellungnahme dazu gemacht?
KGF: Ich informierte die LdU-Vorsitzende Ibolya Hock-Englender und Bürgermeister Thomas Wittinghoff darüber, dass ich gekündigt hatte. Da die Stadt Wudersch und die LdU Unterstützer des Museums sind, musste ich das auch von Amts wegen machen. Beide haben das sehr traurig aufgenommen und es war für mich wirklich eine sehr positive Überraschung, dass in der nächsten Sitzung der Deutschen Selbstverwaltung beide persönlich erschienen sind. Sie haben dem Vorsitzenden der DNSVW auch erklärt, dass sie ein ungarndeutsches Institut nicht richtig unterstützen können, wenn dort die deutsche Sprache nicht mehr verlangt wird. In der Ausschreibung ist das jetzt wieder drin.
SB: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
KGF: Ich habe sehr viele positive Nachrichten seitdem bekommen, das war schon eine große Freude. Da ich so viele Brücken gebaut habe und ich auch schon früher Kontakte zum Deutsch-Ungarischen Jugendwerk hatte, werde ich jetzt dort als Projektmanagerin arbeiten. Ich bleibe dem Ungarndeutschtum auf jeden Fall erhalten. Es ist ja so, im Herzen bleibt man immer eine Ungarndeutsche.
Das Interview führte Gabriella Sós.
„Wir hatten zwar Diskussionen, aber uns gut verstanden“
DNSVW-Chef Georg Boros zur Vertragsaufhebung von Kathi Gajdos-Frank
(Richard Guth) Er sei überrascht gewesen, als er erfuhr, dass sich Kathi Gajdos-Frank nicht erneut um den Posten der Direktorin des Heimatmuseums bewerben möchte, sagte Georg Boros, Vorsitzender der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung Wudersch und Trägerin des Heimatmuseums, auf Anfrage des Sonntagsblattes. Aus seiner Sicht sei es ein ganz normaler Vorgang gewesen, dass man nach fünf Jahren den Posten neu ausschreibt – darauf hätte sie sich erneut bewerben können. Es sei vor allem so plötzlich gekommen, dass auch die Auszahlung der Gehälter der Mitarbeiter habe nicht garantiert werden können.
Eine lange Zusammenarbeit verbinde Boros mit der ehemaligen Museumsdirektorin: „Vor 15 Jahren habe ich sie ins Museum geholt – trotz der Bedenken von anderen. Kathi ist die Tochter meines guten Freundes Johann Frank, daher die Bekanntschaft. Sie hat sich viel vorgenommen, aber auch vieles davon nicht umgesetzt“, erinnert sich der Vorsitzende. Dabei habe sie sich verstärkt um Kontakte nach außen bemüht, bei denen Boros den Eindruck gewonnen habe, dass es sich dabei um Gajdos-Franks Image gegangen sei. Es habe zwar Diskussionen zwischen Kathi Gajdos-Frank und ihm gegeben, aber es sei ein gutes Miteinander gewesen. Dies zeige sich darin, dass Gajdos-Frank weiterhin Mitglied im Deutschen Gemeinderat bleibe. Nach Boros‘ Eindruck sei die Auflösung des Vertrages vorbereitet gewesen, da Gajdos-Frank kurze Zeit später bereits bei einem anderen Arbeitgeber angefangen habe.