Faszination Fundamente, Fluss und Fotografie. Interview mit Kolos Kirchner

Wildberg/Raitzemarkt, im März 2026

Seit dem 19. März ist Kolos Kirchners Fotoausstellung „Mobilia [Dinge, die sich bewegen]“ in Gran/Esztergom eröffnet. Anlässlich der Vernissage im Géza-Féja-Gemeindehaus befragte ich den 46-jährigen Liebhaber der deutschen Sprache, Vermessungsingenieur, Schlagzeuger und Fotokünstler darüber, was ihn persönlich bewegt.

Kolos, was wären deine persönlichen Angaben in einem Steckbrief?

Ich komme aus Raitzenmarkt/Ráckeve. Mit meiner Frau Bea haben wir zwei wundervolle Kinder: Ádám besucht die Großfürst-Árpád-Schule, Adél ist bereits Schülerin am Endre-Ady-Gymnasium zu Raitzenmarkt. Meine Frau arbeitet an der oben genannten Grundschule, wo die Traditionen der deutschen Nationalität gepflegt werden und auch die Sprache gelernt wird.

Auch ich habe meine Schulausbildung an der örtlichen Grundschule begonnen. Von dort führte mich meine Liebe zur deutschen Sprache nach Harast/Dunaharaszti an das Ervin-Baktay-Gymnasium und Fachschule für Wasserwirtschaft. So wurde ich nach dem Abitur Umwelt- und Wasserwirtschaftstechniker. Hier kam ich zuerst mit der Geodäsie in Berührung. Es ging dann weiter nach Stuhlweißenburg an die Fachhochschule für Vermessungswesen und Geländeplanung. Nach meinem Studienabschluss begann ich als Vermessungsingenieur zu arbeiten. Zunächst war ich bei der Strabag Brückenbau AG. Parallel dazu erwarb ich mein Diplom als Fachingenieur für Bauvermessung. In den folgenden Jahren war ich bei der Bilfinger-Berger AG und bei den Ungarischen Staatseisenbahnen (MÁV) tätig, wo ich eine weitere Ausbildung absolvierte, die mir ein Diplom im Bereich Gleisbau und Gleisunterhalt einbrachte. Danach arbeitete ich bei der Nationalen Infrastrukturentwicklungsgesellschaft, wo ich für die Überwachung staatlicher Bauvorhaben zuständig war. Jetzt bin ich wieder bei der Strabag AG beschäftigt; hier war ich zunächst mit dem Bau von Sportanlagen und BIM (Building Information Modelling)-Aufgaben betraut und arbeite derzeit am Autobahnbau.

Wie hast du das Schlagzeugspielen für dich entdeckt?

Das Schlagzeugspielen hat mich schon mit 13 Jahren gepackt. Warum gerade das Schlagzeug? Weil ich zu Hause schon alles mit Holzlöffeln und Bleistiften zerschlagen habe, was Töne von sich gab. Und ich hatte Glück, es wurde in der Musikschule Schlagzeugunterricht angeboten. Meines Wissens gab es hier seitdem keinen Schlagzeuglehrer mehr. Der Unterricht meines Lehrers Tamás Berdisz war Entspannung und kein Drill. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen meiner Arbeit und meinem Hobby. Während die Geodäsie das Fundament der Bauindustrie ist, baut die Musik auf dem Schlagzeug auf. Beides ist so, dass es im Hintergrund bleibt, vielleicht nehmen es viele gar nicht wahr, aber ohne es bricht das Ganze zusammen.

Mich haben schon immer die härteren Musikrichtungen angezogen. Mein Musikstil ist Metal, und zwar die komplexeren Varianten davon. Schon mit 13 hatte ich eine Band („Nightmare”). Richtig ernsthaft ging es während der Oberschule los, als regelmäßige Proben und Auftritte hinzukamen („Primal Rage”). Während meiner Studienzeit habe ich das Ganze pausiert, weil ich neben dem Studium keine Zeit dafür hatte. Doch gleich nach meinem Schulabschluss kam die Band „Playback”, mit der wir bereits eigene Songs schrieben und auch im Studio aufnahmen. Danach folgte die Graner „Angelus”, mit denen wir sogar ein komplettes Album produzierten. Das Besondere daran war, dass außer mir nur Mädchen in der Band waren. Danach kam „Horda”, die ziemlich komplexe Musik spielte. Und hier kam wieder eine Wende, als Adél geboren wurde und die Familie in den Mittelpunkt rückte. Seitdem spiele ich nur noch in Hobbybands. Als Aushilfe begleite ich an der Musikschule in Raitzenmarkt die Kinder bei Auftritten und die Lehrerband. Das ist in beiden Fällen eine erhebende und ehrenvolle Aufgabe. Als Ergebnis davon wurde ich im vergangenen Jahr mit dem Ránky-Preis ausgezeichnet, worauf ich besonders stolz bin.

Welche persönliche Verbindung hast du zu Raitzenmarkt und Umgebung?

Meine Mutter ist eine waschechte Raitzenmarkterin, und zwar so sehr, dass sie hier im Haus meiner Großeltern geboren wurde. Auch ich bin hier aufgewachsen, habe hier den Kindergarten und die Schule besucht. Hier haben wir mit meiner Frau ein Haus gebaut. Raitzenmarkt ist mein Zuhause. Während meines Studiums und meiner Arbeit war ich schon an vielen Orten im Land, aber letztendlich bin ich immer wieder hier gelandet. Hier halten mich meine Familie, meine Freunde und der Fluss Donau. Oft mache ich nach der Arbeit einen kleinen Umweg nach Hause. Aber ich nehme lieber die Uferstraße, damit ich auf die Donau blicken kann. Wenn ich dann ankomme, beruhigt mich der Anblick des Wassers.

War die Tatsache, dass dein weiteres Umfeld aus multiethnischen Gemeinden besteht, jemals vom persönlichen Belang?

Hier in der Stadt und in den umliegenden Ortschaften war es für unsere Generation ganz selbstverständlich, dass jeder einen Nachnamen unterschiedlicher Herkunft hatte. Wir wurden bewusstseinsmäßig als Ungarn erzogen. Meine Großeltern waren auf beiden Seiten schwäbischer Herkunft, aber ich habe nur meine Großmütter untereinander die Mundart sprechen hören. Auch mein Vater sprach sehr gut Deutsch. Eine Besonderheit in Bezug auf meinen Namen ist, dass „Kolos“ zu meiner Kindheit so selten war, dass die Leute eher erstaunt waren, wenn ich mich vorstellte. Meinen Nachnamen muss ich hingegen bis heute bei Behördengängen buchstabieren.

Zur deutschen Sprache habe ich eine besondere Verbindung. Sie hat mich schon seit meiner Grundschulzeit interessiert. Ich habe sie wie ein Schwamm in mich aufgesogen, ich habe sogar Zusatzunterricht besucht, so sehr hat es mir Spaß gemacht. Zu Hause wurde uns das nicht eingetrichtert. Jetzt sehe ich an meinen Kindern, dass sie ein ausgezeichnetes Sprachgefühl haben. Ich glaube, das liegt uns sozusagen im Blut.

Die Grundschule hier in Raitzenmarkt engagiert sich für die deutsche Nationalität, daher werden hier auch die Traditionen gepflegt. Sie lernen Tänze und Lieder, feiern den Martinstag, bei dem das Programm sogar zweisprachig aufgeführt wird. Das gab es zu meiner Kindheit noch nicht.

Wie funktionstüchtig ist deiner Meinung nach das Netzwerk der auf der Tschepele-Insel lebenden Nationalitäten wie Serben und Deutschen (Schwaben)?

Meiner Meinung nach sticht Raitzenmarkt in dieser Hinsicht ein wenig aus den anderen Ortschaften auf der Tschepele-Insel heraus. Die umliegenden Gemeinden und Städte wie Lórév, Szigetbecse, Ujfluch/Szigetújfalu, Simmartin/Szigetszentmárton, Tschip/Szigetcsép, Tax/Taksony und Tekele/Tököl sind allesamt kleinere, geschlossene Nationalitäten-Gemeinschaften. Bei ihnen lässt sich leichter erkennen, dass es sich um schwäbische oder serbische Ortschaften handelt. Hier, in Raitzenmarkt, ist die Streuung größer, die Zusammensetzung gemischter, viele sind z. B. auch aus der Hauptstadt hierhergezogen. Hier sehe ich die Präsenz der Nationalitäten nicht so stark. Mit der Vorsitzenden der deutschen Nationalitäten-Selbstverwaltung, Karina Kapocsi, verbindet mich eine freundschaftliche Beziehung. Auch im Gespräch mit ihr sind wir zu derselben Feststellung gekommen. Allerdings hat sie sehr gute Beziehungen zu allen hier aufgeführten Nationalitäten-Selbstverwaltungen und deren Vertretern. Gemeinsam organisieren sie Veranstaltungen und tauschen Erfahrungen aus. Auf dieser Ebene ist die Verbundenheit stark und die Zusammenarbeit funktioniert.

Was begeistert und inspiriert dich am Fotografieren?

Die Fotografie hat sich nach und nach in meinen Alltag eingeschlichen. Später hat ein Freund das so formuliert, und für mich wurde es zu einer akzeptablen Erklärung: Nachdem das Musizieren verstummt war, musste ich dieses kreative Verlangen in mir irgendwie stillen. Da man dank der Technik mittlerweile auch mit dem Handy hervorragende Fotos machen kann, ergab sich das ganz von selbst. Während ich durch die Gegend streife, das Land bereise, manchmal auch die Welt, fotografiere ich schnell, was mir gefällt, und gehe weiter. Ich beschäftige mich auch nicht besonders mit den Einstellungen. Ich habe viele Fotos, die ich während der Fahrt im Stau oder an einer Ampel geschossen habe. Eigentlich sind auch meine anderen Bilder solche, die in wenigen Sekunden entstehen. Ich gehe, sehe etwas, fotografiere es und gehe weiter. Und es entsteht immer nur ein einzelnes Foto; ich fotografiere dasselbe nicht oft, um dann das perfekte Bild herauszusuchen. Abends, wenn ich mich ein bisschen hinsetzen kann und auf mein Handy schaue, sehe ich oft erst dann, was ich überhaupt fotografiert habe und wie die Bilder geworden sind. Es sind alltägliche Dinge, die ich festhalte, nur vielleicht aus einem Blickwinkel, an dem wir normalerweise vorbeigehen. Vielleicht ist das der Grund, warum viele von dem Anblick meiner Fotos überrascht sind.

Ich habe einfach zu meinem eigenen Vergnügen damit angefangen und dann die interessanteren Bilder auf Facebook gepostet. Und wie sich herausstellte, sahen auch andere darin etwas Besonderes. Das Konzept bestand lediglich darin, dass ich selten etwas postete und immer nur ein Bild. Diesen gab ich Titel, mal lustige, mal zum Nachdenken anregende, und so ergab sich ein rundes Ganzes. Freundliche, sachkundige und glaubwürdige Bekannte ermutigten mich und versicherten mir, dass meine Sichtweise einzigartig sei. Ihnen ist es auch zu einem großen Teil zu verdanken, dass mit der Zeit immer mehr meiner Fotos auf meiner Seite erschienen, was im letzten Jahr in der Ausstellung in der László-Patay-Städtische Bildgalerie zu Raitzenmarkt gipfelte. Mit einer Rekordbesucherzahl habe ich einen sehr erfolgreichen Einstand hinter mir. Auf mein Debüt in Raitzenmarkt folgte in diesem Monat (März) die „Mobilia“-Ausstellung in Gran/Esztergom. Im Laufe des Sommers wird im André-Kertész-Gedenkmuseum in Szigetbecse eine neue Ausstellung von mir eröffnet, die auf einem völlig neuen Konzept und einer neuen Auswahl basiert. Das wird eine sehr ehrenvolle und wichtige Etappe sein, auf die ich mich ebenfalls sehr freue.

Ist die Donau ein Motiv, ein Medium oder gar deine Muse?

Wasser spielt in meinem Leben eine zentrale Rolle. Beim Betrachten meiner Fotos ist mir aufgefallen, dass in den allermeisten von ihnen Wasser auf die eine oder andere Weise präsent ist. Regen, Nebel, Dunst, Wolken, Wasserspiegel usw. Die Donau ist eine besondere Liebe, es ist kein Zufall, dass wir uns an ihrem Ufer niedergelassen haben. Ich habe das Glück, weniger als ein Hundert  Meter vom Ufer entfernt zu wohnen. Wenn ich also vom Wohnzimmer aus sehe, dass das Licht interessant ist, renne ich sofort hinunter, um ein Foto zu machen. Ráckeve bietet eines der schönsten Panoramen des Landes. Ich habe es schon auf unzählige Arten fotografiert, und man kann sich daran nie sattsehen – es hält immer wieder eine Überraschung bereit.

Abgesehen von der Aussicht bietet es auch herrliche Erholungsmöglichkeiten. Ein angenehmer Spaziergang am Ufer, im Sommer Baden und Wassersport, im Winter kann man mit etwas Glück sogar darauf Schlittschuh laufen.

Ich weiß nicht, wie gut die hiesigen Stadtbewohner die historische Bedeutung der Donau kennen, aber an dieser Stelle muss ich Réka Jáki erwähnen. Mit ihrer Hilfe gelang es mir, meine Bilder einem breiteren Publikum bekannt zu machen (Ráckevei Újság [Tagblatt von Raitzenmarkt], Stadtkalender, Tourismusbeilage der Zeitung Magyar Nemzet [Ungarische Nation] usw.), und auf ihre Einladung hin fand die bereits erwähnte Ausstellung in der László-Patay-Stadtgalerie statt; außerdem unterstützt sie weiterhin die Verbreitung meiner Bilder. Sie ist unter anderem auch Direktorin des Árpád-Museums in Raitzenmarkt; sie könnte sicherlich stundenlang über die historische Rolle der Donau erzählen.

Das Interview hat Krisztina Kaltenecker geführt.

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