Rezension Georg Ritter: Végszó I-II. (2025/2026)
Mit der Verfassung dieses in den folgenden Zeilen vorgestellten Werkes mit dem Titel „Végszó“, dt. Schlusswort, nahm der aus Schaumar stammende ungarndeutsche Historiker Dr. Georg Ritter eine herausfordernde Aufgabe auf sich. In zwei Bänden, auf nahezu 1000 Seiten werden mit Anspruch auf Vollständigkeit individuelle Erfahrungen und Schicksalsschläge wie die Zwangsaussiedlung oder die Enteignungswellen wach, die die ungarndeutsche Gemeinschaft bis heute prägen. Der Doppelband ist nicht unmittelbar der Politik- oder Sozialgeschichte zuzuordnen, sondern konzentriert sich vor allem darauf, wie die beteiligte Gemeinschaft sich aus ihrer eigenen Perspektive an die Geschichte erinnert.
Die Bände Végszó Teil 1 und Teil 2 sind direkt beim Verlag Gondolat Kiadó erhältlich. Sprache: Ungarisch.
Bd. 1 Végszó. Magyarországi németek elbeszélései az alávetettségükről, 1940–1970. A második világháború (2025), 480 Seiten, Hardcover. 5850 HUF
Bd. 2 Végszó. Magyarországi németek elbeszélései az alávetettségükről, 1940–1970. Elűzetés és paraszttalanítás (2026), 506 Seiten, Hardcover. 5850 HUF
Zu bestellen unter: https://gondolatkiado.hu/webshop/tortenelem-es-politologia/vegszo-magyarorszagi-nemetek-elbeszelesei-alavetettsegukrol-1940-1970-i-kotet-a-masodik-vilaghaboru/
Der erste Band behandelt den Zweiten Weltkrieg und schildert die Erinnerungen der unmittelbaren Kriegszeit, der Geschehnisse und deren Auswirkungen auf die Mikroebene der ungarndeutschen Gemeinschaft: die sich aus der Retrospektive heraus als fatal erweisenden Volkszählung 1941, die Tätigkeit des Volksbundes, die Zwangsrekrutierungen, das Schicksal der Soldaten bis hin zu Flucht und Vertreibung, Zwangsaussiedlung und Zwangsarbeit in der Sowjetunion. Die Kriegszeit und unmittelbare Nachkriegszeit waren von Chaos und Ungewissheit geprägt, die Interviews zeugen von grundlegenden existenziellen Fragen wie Loyalität und Zugehörigkeit, die zum Schlüssel des Überlebens für die Deutschen in Ungarn wurden. Der ungarische Titel Végszó, zu dt. Schlusswort, weist nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, auf das Ende des Ungarndeutschtums hin, sondern markiert vielmehr das Ende einer Ära: „Der Titel bedarf einer kurzen Erklärung. Warum „Schlusswort“? Oder besser gesagt, wessen Schlusswort? Es ist nicht das letzte Wort der deutschen Nationalität, nicht das der Sprache, nicht das der Kultur, sondern der Generation, die diese schwierigen Jahrzehnte durchlebt hat, und von der nun, am 80. Jahrestag der Vertreibung der Deutschen, nur noch wenige unter uns weilen.“ – steht im Vorwort des Autors im Band I.
Der zweite Band ist der Zeit der Vertreibung und der Kollektivierung gewidmet, wobei die, aus der Perspektive der Ungarndeutschen schweren 1950er Jahre besonders viel Aufmerksamkeit bekommen. Geschildert werden die Internierungen und die Vertreibung, aber auch die Zwangskollektivierung und Bodenverteilung. Auch die Deportation auf die Ungarische Tiefebene (Hortobágy) und die Erinnerungen an den Volksaufstand von 1956 werden erläutert und zeigen eine breite Palette des kollektiven Gedächtnisses auf. Dieser Teil reflektiert zudem auch darauf, dass diese Vorgänge nicht als einzelne, private Erlebnisse, sondern als kollektive Schicksalsschläge die ganze Gemeinschaft in irgendeiner Weise betrafen und im sozioökonomischen Raum, bei der Identität und in der Integration auch langwierig wirken. Eine Kuriosität bildet im Band 2 das verwendete zeitgenössische Fotomaterial aus dem Bestand der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Im zweiten Band findet sich eine Auswahl an seltenen Fotografien von László Gyarmati (des Bruders von Fanni Gyarmati, der Witwe des bekannten ungarischen Autoren Miklós Radnóti) der die Vertreibung der Deutschen an den Bahnhöfen als Fotograf begleitete.
Ritter liefert der Nachwelt mit seinem Doppelband insgesamt 162, nicht mehr reproduzierbare und deshalb unwiederbringlich wertvolle Interviews mit heute bereits nicht mehr lebenden ungarndeutschen Zeitzeugen aus 63 Gemeinden der Region Nordungarn. Befragt wurden sie zu dem wohl dunkelsten Kapitel der Geschichte des Ungarndeutschtums, der Zeit zwischen 1940 und 1970. Begonnen hat der Autor mit der Datenerhebung noch in den 2010er Jahren. Seine Interviewpartner waren schwerpunktmäßig Jahrgang 1928 und entstammen einer Generation, die als Jugendliche oder junge Erwachsene in die Ungarische Armee oder in die Wehrmacht bzw. SS einrücken mussten, die aufgrund ihrer deutschen Herkunft und Muttersprache zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. Sie waren es, die Flucht und Vertreibung hautnah erlebten und als sie all dies hinter sich hatten, folgten weitere Repressalien, wie die Kollektivierung und Enteignung ihres Eigentums und die jahrzehntelange Verspottung von der Mehrheitsgesellschaft. Diese Generation war außerdem tragischerweise auch teilweise gezwungen, ihre Herkunft zu leugnen und gab teilweise auch ihre Muttersprache auf.
Zwar haben wissenschaftliche Arbeiten in der Regel an sich, etwas trocken zu sein, diese Arbeit wirkt aber durch den lockeren Schreibstil des Autors dieser Erwartung entgegen. Durch ausgewählte, individuelle Mikrogeschichten wird die Erinnerungskultur der Ungarndeutschen beschrieben und in die historische Zeit des damaligen Ungarns logisch eingebettet. Den Kern der Arbeit bilden dabei authentische Zitate von Informanten, die mitten in den Geschehnissen jener Zeit lebten und diese auch überlebten. Das Wissen dieser Zeitzeugen, die sie in Form von Interviews an Ritter weitergaben, bereichert uns ungarndeutsche Nachkommen in der Gegenwart. Nicht zuletzt ist diese Arbeit auch deshalb für die ungarndeutsche Gemeinschaft von großer Bedeutung, weil es vor allem in der jüngeren Generation immer mehr Menschen geben wird, die Antworten suchen werden, aber in ihren eigenen Familien diese nicht unbedingt finden können, weil einfach niemand mehr da sein wird, der über diese Zeit berichten kann.
Die Arbeit wurde in ungarischer Sprache verfasst, in Zukunft wäre aber auch eine deutsche Übersetzung angebracht, da das behandelte Thema, die historische Zeit und die Geschehnisse mit Bezug zum Ungarndeutschtum auch dem internationalen Publikum − insbesondere im deutschen Sprachraum − von Interesse sein könnten. Zusammengefasst finden wir ein recht üppiges Werk vor, das Fachleuten aber auch anderweitigen Interessenten eine umfangreiche, sehr detaillierte, logisch aufgebaute Lektüre bietet. Sie ist jedem zu empfehlen, der sich für die Nachkriegszeit aus der Perspektive von authentischen ungarndeutschen Zeitzeugen aus der Region Nordungarn interessiert.