Mit Heimatpflege in die Stratosphäre

Mit Heimatpflege in die Stratosphäre

Erlebnisse eines ungarndeutschen Volksmusikanten in Bayern

Von Franzl Mohl

„Hops hodarei duljo, Grüß Gott beinand!” – erklang der Begrüßungs-Jodler aus mehr als 100 Kehlen. Was für ein Start-Klang! Schon in den ersten 10 Minuten bekam ich Gänsehaut, Wahnsinn!

Sonntagnachmittag, Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee: Mehr als 100 Teilnehmer und Referenten aus ganz Bayern und zwei Kuckuckseier – der eine kommt aus Norddeutschland von der Küste, der andere bin ich aus Ungarn. Alle Teilnehmer brennen für das Eine: Volksmusik. Und jetzt werden sie eine Woche gemeinsam verbringen.

Im Jahre 2022 nahm unsere Kapelle Klani Hupf beim Drumherum-Festival in Regen teil. Ich bin mit dem Ziel nach Deutschland gefahren, meine ungarndeutsche Musikkultur nach Deutschland zu bringen und etwas aus Deutschland mit nach Hause zu nehmen. An dem einen Nachmittag nahmen wir an einer Singstunde teil und haben einige Volkslieder von bayerischen Fachleuten kennen gelernt. Und genau hier habe ich ein Volkslied in meinen musikalischen Rucksack eingepackt. Das Lied hat uns Dagmar Held (Referentin, Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben) beigebracht. Ich habe den Kontakt mit ihr sofort aufgenommen. Auf dem Festival haben wir noch sehr schöne Momente mit Dagmar gehabt, seitdem pflegen wir fleißig Kontakt.

Nach knapp zwei Jahren, 2024, war Dagmar als Gast bei uns in Ungarn und hat sehr viele Eindrücke aus unserer Kultur bekommen. Sie hat an einem Tanzabend von Klani Hupf teilgenommen und hat mehrere Ortschaften besucht, um Lieder aufzuzeichnen. Ein Volkslied aus unserem Repertoire war der Zündpunkt für eine Einladung, nämlich: „Das wäre was für Herrsching!” Die offizielle Einladung mit einem Wunsch ist dann Anfang 2025 in meiner Inbox (E-Mail-Postfach, Red.) gelandet.

Aber was bedeutet eigentlich Herrsching? In dieser Perspektive bedeutet es nicht die Stadt. Es ist schwer zu erklären, aber ich versuche es: Das ist eine Volksmusikwoche, bei der die Teilnehmer Volkslieder, Tänze und Musik von den besten Volksmusik-Fachleuten Bayerns erlernen können – eine Gemeinschaft, wo man sich wirklich zu Hause fühlt, wo jeder füreinander einsteht. Eine Referentin hat mal gesagt: Die Leute kämen nicht zu der Volksmusikwoche des bayerischen Dreiklanges. Sie kämen nach Herrsching. Das habe ich auch sofort gespürt: „Herrsching“ ist ein Begriff, eine Kommune, eine Erlebnisbombe, eine (Auf-)Ladestation.

Die ganze Woche war von Anfang an ordentlich durchgeplant und terminiert. Im Wochenplan gab es Angebote für Gruppenarbeiten, Erholung und gemeinsame Angelegenheiten. Was mir aufgefallen ist: Es gab keinen Zeitdruck und Stress, keinen Zwang, an den verschiedenen Programmen teilzunehmen, aber wenn ich an diesen Programmen – wie z.B. Grundtanzkurs, geistliches Singen in der Kirche, Workshops, Serenade, Tanzen im Plenum, Scharade, Nachtgesänge usw. – nicht teilgenommen hätte, wäre ich viel ärmer geblieben. Genau so sollten die anderen auch gedacht haben, da der Teilnehmeranteil bei diesen Angeboten zwischen 95 und 100 Prozent lag.

Der Prozentsatz im Bierstüberl war schon niedriger, so sollte man ihn mit höherem Alkoholgrad kompensieren. Ein guter ungarischer Schnaps konnte natürlich auch nicht fehlen. Das offizielle Tagesprogramm endete jeden Tag um 22 Uhr mit einem Gute-Nacht-Lied. Nach dem gemeinsamen Singen sind einige schlafen gegangen, für die anderen begann die Nachtschicht im Bierstüberl. „Bis in da Frua” gab’s Musik, Gesang und Tanz. Jeder durfte mitspielen, mitsingen und tanzen. Viele haben die Instrumente gewechselt: Geige, Basstrompete, Harfe, Steirische, Kontrabass – völlig egal, welche man nimmt, diese Musiker sind echt talentiert. Die Tänzer sind barfuß oder in Socken auf’m Tanzboden geschwungen. Pure Lebensfreude herrschte überall. Was mir besonders gut gefallen hat: Es gab keinen Bedarf an modernen Stücken oder am Schlager und es erklangen auch keine. Auch die Jugendlichen wollten nur Traditionelles hören.

Ich könnte sehr viel über die Professionalität dieser Woche erzählen, was die Organisation, Terminierung und Thematik betrifft. Die Volksmusikwoche existiert seit mehr als 50 Jahren, so haben die Organisatoren echt viel Praxiserfahrung. 10 „Motoren” dienten als Antrieb dieser Woche, die 10 Referenten vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V.. Sie sind nicht nur hervorragende Fachleute, Musiker, Sänger und Tänzer, sondern auch Top-Pädagogen mit Geduld, Verständnis, Lernbereitschaft, Liebe und Menschlichkeit. In der einen Minute waren die Referenten Tänzer, in der darauf folgenden Minute Musiker, dann Sänger. Tanz, Musik und Gesang behandeln sie als Einheit, sie sind für sie unzertrennbar. Wenn ich diese Analogie benutzen darf: Tanz, Musik und Gesang bilden eine künstlerische Dreifaltigkeit.

Jeden Tag haben wir neue Volkslieder von den Referenten gelernt. Im großen Saal erklangen sowohl lustige als auch herzzerreißende Melodien, jedes Lied in Dialekt. Manchmal waren sie kaum zu verstehen, sogar mussten einige ins Hochdeutsch übersetzt werden. Es war schön, diese Vielfalt von Dialekten zu hören und das nicht nur beim Singen, sondern auch bei den Gesprächen. Unsere Referentin für Gruppenarbeit hat z. B. gar nicht verstanden, was der kleine 8-jährige Schlagzeuger Ludwig mit „Eiern” sagen wollte… Aber es ging nicht um „Eier”, sondern er sagte das Wort „heuer”, aber in seinem Dialekt. War doch lustig!

Man bat mich als Musiker, ein paar ungarndeutsche Volkslieder den Teilnehmern und Referenten beizubringen. Ein Lied war der Wunsch von Dagmar: „Wenn i’ aus der Heimat geh’”. Das alte Volkslied hat bei vielen die Augen genässt. Jeden Tag habe ich Rückmeldungen bekommen, dass das Lied sooo herzerweichend sei – vor allem von denjenigen, deren Vorfahren z. B. aus dem Banat oder dem Sudetenland stammen. Das andere Lied war der Walzer „Rund ist die Kugel” – ein schwungvoller Walzer, der wirklich gut zu Herrsching passte, wo alles rund und g’sund war.

Der Workshop „Spielen wie die Klani Hupf” war auch eine tolle Angelegenheit, um meine ungarndeutsche Musikkultur zu repräsentieren. Ich habe einige Musikstücke aus unserem Klani Hupf-Repertoire mitgebracht. Mit Zither, Steirische, Flöte, Bariton, Klarinette, Hackbrett usw. ergab sich eine tolle Klangfarbe. So erklangen noch nie der Schorokscharer Ländler und die Wirt-Polka. Auch ein paar Tonaufnahmen habe ich für die Interessenten abgespielt, um die Vielfältigkeit der ungarndeutschen Musik zu zeigen.

Durch meine persönlichen Eindruck-Bonbons während der Volksmusikwoche möchte ich den Einblick für den werten Lesers vertiefen:

Was ist denn hier los? Eine Vollgas-Fanfare vom Flur weckt mich am ersten Morgen um 7:25 in meinem Zimmer. Ach, ja… meine Musikkollegen, die früher auch in Herrsching waren, haben schon von dem Weckruf erzählt. Mir war sofort klar, dass in den kommenden sechs Tagen die Zeit richtig ausgenutzt wird – jeden Tag und jede Nacht mit Musik, Gesang und Tanz.

Einmal in der Nacht wollte ich schon schlafen geh’n. Als ich auf dem Flur war, hörte ich Musik aus dem Kellergeschoss. Ich bin die Treppe runtergegangen und eine Tür ging sofort auf.

– Möchst mitspieln?

– Jo, freili’, lautete meine Antwort

Zwei Musiker haben für den kommenden Weckruf geübt, da jeden Morgen eine andere Besetzung für den Weckdienst sorgte. Eine Bratsche und eine Basstrompete. Komische Paarung, aber in Herrsching geht alles! Einen Csárdás aus Tschechien haben wir gefunden mit einem langsamen und schnellen Teil. 10 Minuten nach unserer Begegnung war das Stück zum Einsatz bereit.

Nach kurzer Schlafzeit – um 7:15 wartete ich auf meine neuesten Musikkollegen. Ein anderer Musiker mit der Steirischen war schon auf den Beinen und spielte in einem Raum auf. Meine Musikkollegen waren noch nicht angekommen. Die Steirische hat das Lied beendet und der Musiker ist zu mir rausgekommen.

– Morgn!

– Gutn Morgn! Konntest du nicht schlafen?

– Ich mache heute den Weckruf mit der Steirischen und habe mein Stück geübt…

– Du? Nein… wir machen heute den Weckruf.

– Nein, bestimmt nicht….

Inzwischen sind meine Musikkollegen angekommen und wir haben die Situation in Sekunden geklärt und haben die Steirische sofort integriert. Die Weckruf-Band war von zwei auf vier Musiker gewachsen. Was für eine Flexibilität und Gemischtheit!

Die Tempi von den Musikstücken waren zum größten Teil bequem und ruhig – ich würde lieber nicht den Begriff langsam benutzen, weil die Tänze in Bayern und Ungarn trotz gemeinsamer Wurzeln oft anders sind – und werden viel strenger an die verschiedenen Tanzarten angepasst. Die Auswahl an Tanzarten war reich: Rheinländer, Schottisch, Zwiefach, Boarisch, Dreher, Walzer, Galopp. Der Nachschlag (musikalische Begleitung) spielt eine deutlich markante Rolle. Bei geringer Musikerzahl ist er viel wichtiger als z.B. die zweite Stimme. Der Nachschlag ist immer wichtig, gut hör- und spürbar.

Ich hatte das Gefühl, Volksmusik in Bayern sollte nach Regeln und Formeln unterrichtet werden. Das Prinzip ermöglicht den leichten Wechsel zwischen den Instrumenten. Auch die Liebe zur Musik war immer spürbar. Was ich damit meine? Unsere Referentin hat bei der musikalischen Gruppenarbeit mehrere Beispiele für uns gezeigt, wie Musik geformt werden soll. Für sie waren die technischen Fähigkeiten des einzelnen Musikers nicht das Wichtigste, sondern sie hat uns die Fröhlichkeit, den Sonnenschein, das Fliegen und die Freude am Zusammenspiel beigebracht. Viele Tonaufnahmen hat sie uns abgespielt, wo die Wirtshausmusikanten einfache Landsleute waren, keine Profis. Aber sie haben so fetzig, so geschmackvoll aufgespielt, dass man sofort Lust zum Tanzen und Singen bekam. Und wir sind wieder bei der Dreifaltigkeit.

Die Organisation war sehr aufwendig. Es wurde darauf geachtet, dass der ganze Programmablauf reibungslos abgewickelt werden kann. Wichtige und nützliche Kleinigkeiten waren überall zu finden wie z. B. Programmheft der Woche in Hosentaschengröße, kleine Holzscheiben-Namensschilder, Wand für gelernte Lieder, allgemeine Informationen und Rückmeldungen bezüglich der Volksmusikwoche. Wein und Bier waren einfach aus der Küche zu nehmen, in der Tabelle zu dem entsprechenden Namen einzutragen und erst am letzten Tag sollte man alles bezahlen.

Am letzten Tag war der Abschiedsabend mit vielen schönen Tänzen und Musik. Nach dem offiziellen Abendprogramm blieben wir auf dem Flur. Einige haben Tracht angezogen, einige saßen in lockerer Kleidung, eine stützte sich am runden Bartisch, einer saß auf dem Boden. Weingläser in den Händen – es wurde stundenlang gesungen. Was für ein Lebensgefühl! Ein Lied erklang nach dem anderen. Was für ein Zufall, glaubte ich bei der ersten Strophe eines Liedes. Wir singen in Ungarn auch ein Volkslied über einen Nussbaum mit der gleichen Frage im Text, aber die Melodie ist anders und die nachfolgenden Strophen sind völlig fremd für mich. Es soll ein anderes Lied sein, dachte ich. Dann kamen die 6. und 7. Strophe und mir ist es sofort klar geworden: Das ist das gleiche Lied mit der kompletten Geschichte – mit einer anderen Melodie. In Ungarn sind nur die letzten zwei Strophen geblieben, deren Text ich zwar immer verstanden habe, obwohl die Logik mir immer fehlte… Hier fand ich die Vorgeschichte dazu. So ist es mir bewusst geworden, worum es im Lied eigentlich geht.

Ein anderes Beispiel gab es auch. Zu Hause in Ungarn habe ich mehrmals einen ungarischen Text zu einem Walzer gehört: „Mit ér a rózsafa, ha rózsa nincs rajta? Mit ér a szerelem, ha szeretőm nincsen?” Und hier wurde gesungen: „Und was nützet mir die Rose, wenn die Blätter fallen ab? Und was nützet mir mein jungfrisch’s Leben, ja wenn ich keine Liebe hab?” Volkslieder sind ‘was Besonderes: Immer ein bisschen anders, etwas Ähnliches, manchmal mit der gleichen Melodie, manchmal mit einer völlig anderen Melodie, in jedem Dorf, jedem Land anders, aber trotzdem ist es das Gleiche! Das ist das Schöne. Ich glaube, dass die Wurzeln unserer ungarndeutschen Volkslieder zwar in Deutschland liegen, aber die Geschichte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Wurzeln zum größten Teil getötet.

Ich könnte noch stundenlang über meine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Worte, Tonaufnahmen, Bilder und Videos können die richtige Atmosphäre von Herrsching leider nicht wiedergeben. Eines ist doch auf jeden Fall in mir klar geworden: Für die Bewahrung unseres Erbes müssen wir in Ungarn unser Bestes geben. Jede einzelne Person soll ihre Arbeit tun, so kann sich eine starke Gemeinschaft weiterentwickeln. Ich persönlich habe eine Menge Motivation erhalten, um meine Forschungsarbeit von Volksliedern in der 25. Stunde fortzuführen und mein Projekt „Mus-I-Zua“ (Treffen der ungarndeutschen Musikanten) weiter zu organisieren und zu entwickeln.

Auch bei dieser Deutschlandreise setzte ich mir ein fachliches Ziel. In diesem Fall wollte ich nicht nur der Einladung folgen, nicht nur neues Wissen erwerben oder mich richtig wohlfühlen. Das war ohne Zweifel auch sehr wichtig, nützlich für mich und hat auch – Gott sei Dank – schön geklappt. Mein Hauptziel ist, talentierte ungarndeutsche Sänger, Musiker und Tänzer zu fördern, damit sie auch ihr fachliches Wissen und die kulturelle Sichtweise erweitern können. Aber in Herrsching war ich nicht die erste Schwalbe. Jahrzehntelang funktionierte eine Partnerschaft zwischen Herrsching und Ungarn. Im Rahmen dieser Partnerschaft durften jedes Jahr Teilnehmer aus Ungarn zur Volksmusikwoche fahren. Ich persönlich kenne viele Leute, die damals in Herrsching mit dabei waren. Die meisten sind bis zum heutigen Tag Flaggschiffe der ungarndeutschen Tanz-, Musik- und Gesangskultur.

Ja, in Herrsching haben wir nicht nur Theorie, sondern überwiegend alltägliches Wissen vermittelt bekommen, das unsere Kunst fördert. Wir wissen ganz genau, dass Praxis mehr als tausend Worte sagt. Ich bin auf jeden Fall glücklich, diese Wahnsinnswoche erlebt haben zu dürfen.

Am letzten Vormittag verabschiedeten sich alle Teilnehmer und Referenten: „Hops hodarei duljo, Pfiat Gott beinand!” – erklang der Abschieds-Jodler nicht nur aus 100 Kehlen, sondern auch aus 100 Herzen.

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